Momentaufnahmen im Eigenbau: Wassertropfen fotografieren

von Stefan Möllenhoff am , 17:52 Uhr

Wassertropfen, die wie bizarr erstarrte Glassäulen aussehen, platzende Luftballons, die sich in einem Museum für abstrakte Kunst nicht zu verstecken bräuchten sowie von Kugeln zersiebte Coladosen, Eier und Farbdosen. Seit Jahren machen solche spektakulären Bilder in diversen Fotozeitschriften und im Internet die Runde. Für derartige Fotos ist keine tausende Euro teure Ausrüstung und kein Studium notwendig. Wir zeigen, wie solche Aufnahmen mit etwas Bastelei und einfachen Tools möglich sind.

Wir haben bereits Eiern, Glühbirnen, Luftballons und diversem Obst mit einem Luftgewehr den Garaus gemacht und dessen Ableben auf digitalen Film gebannt. Dabei setzten wir auf einen selbstgebastelten Kontaktsensor [1], der sich kostentechnisch im Centbereich bewegt. Dem stellen wir nun eine kommerzielle Lösung gegenüber, die sich nicht nur über Berührung, sondern auch akustisch oder per unterbrochener Lichtschranke auslösen lässt.

Der Trick hinter den Momentaufnahmen

Schon mal versucht, die Freundin beim Kopfsprung vom Fünf-Meter-Brett exakt beim Eintauchen zu fotografieren? Es ist reine Glückssache, den richtigen Zeitpunkt zu treffen. Dabei ist eine Person im Vergleich zu einem Wassertropfen geradezu riesig. Beim Timing hapert es an zwei Stellen: Mensch und Maschine.

Fällt ein Tropfen 30 Zentimeter nach unten, so braucht er für die Strecke etwa 250 Millisekunden. Dieser Wert bewegt sich in ähnlichen Dimensionen wie die menschliche Reaktionszeit. Aber auch die Kameras machen den Momentaufnahmen einen Strich durch die Rechnung: Die Auslöseverzögerung aktueller Amateur-DSLRs liegt bei etwa 200 bis 500 Millisekunden.


Für solche Aufnahmen sind Menschen und Kameras zu langsam. Derartige Bilder gelingen nur mit akustischem Sensor und Elektronenblitz.

Um die menschliche Schwäche in unserem Experiment auszumerzen, verlassen wir uns nicht auf unsere Reflexe, sondern auf einen Sensor. Dabei stehen uns wahlweise eine Lichtschranke oder ein Mikrofon zur Verfügung.

Um die Auslöseverzögerung zu umgehen, schrauben wir ganz einfach die Belichtungszeit massiv nach oben. Klingt unlogisch? Stimmt, aber wir fotografieren im Dunkeln. Damit landet auf dem Foto zunächst keinerlei Information, obwohl der Verschluss geöffnet ist. Um die Szenerie jetzt genau zum richtigen Zeitpunkt zu belichten, setzen wir einen externen Blitz ein. Dieser lässt sich elektronisch zünden und besitzt dadurch keine relevante Verzögerung.

Unsere Ausrüstung

Als Lichtquelle dient ein Canon Speedlite 550EX, für den wir in einem Second-Hand-Fotogeschäft gerade einmal 50 Euro gezahlt haben. Mit reduzierter Blitzleistung schafft er Belichtungszeiten, die sich im zweistelligen Mikrosekundenbereich bewegen. Damit friert er einen nur etwa 1/20.000 Sekunde dauernden Augenblick ein. Derart kurze Verschlusszeiten schafft keine Spiegelreflexkamera.

Die Sensoren haben wir bereits erwähnt: eine Lichtschranke und ein Mikrofon. Das Bindeglied zur Kamera stellt dabei der Universal Photo Timer [3] dar. Er kostet im Paket UPT_KIT1B mit Mikrofon umgerechnet 120 Euro. Außerdem bestellen wir einen optischen Sensor zum Aufbau einer Lichtschranke für zusätzliche 20 Euro.


Herunterfallende Wassertropfen sind für den akustischen Sensor zu leise. Man erwischt sie nur mit einer Lichtschranke.

Was brauchen wir noch zum Fotografieren? Ach ja, eine Kamera. Es eignet sich jeder Fotoapparat, der ein manuelles Einstellen von Belichtungszeit und Fokus erlaubt – also alle DSLRs und viele Bridgekameras. Wir setzen auf eine Canon EOS 500D [4].

Der Aufbau

Hier bricht bei der CNET-Redaktion der Spieltrieb durch: Wir werfen alles, was wir finden können, in Wasser, Kaffee und Milch. Unten steht ein Gefäß mit der Flüssigkeit, rechts und links davon stellen wir zwei Kisten auf. Auf die eine Seite kommt ein Laserpointer, gegenüber sitzt der lichtempfindliche Sensor. Fällt nun ein Gegenstand durch den Strahl, löst die Elektronik den Blitz aus.


Der Aufbau ist denkbar einfach: Links befindet sich der lichtempfindliche Sensor, rechts ein Laserpointer. Wo hier Blitz und Universal Photo Timer liegen, befindet sich normalerweise das Motiv – also zum Beispiel eine Schüssel mit Kaffee, in die wir Milch tropfen.

Mit dem Mikrofon als Auslöser ist der Aufbau einfacher. Bei der Platzierung ist im Gegensatz zur Lichtschranke keine Millimeterarbeit gefragt. Sowohl beim optischen als auch beim akustischen Sensor lässt sich eine Verzögerung zwischen 0 und 1000 Millisekunden einstellen. So belichtet der Blitz einen beliebigen „Einschlagszustand“.

Während das Mikrofon durch die „langsame“ Schallgeschwindigkeit ohnehin eine geringe Verzögerung mitbringt, reagiert die Lichtschranke praktisch sofort. Beim akustischen Sensor wählen wir darum am Universal Photo Timer eine Pause zwischen 0 und 20 Millisekunden, beim optischen Auslöser variieren wir zwischen 15 und 200 Millisekunden. Um zum gewünschten Ergebnis zu kommen, führt kein Weg an Herumprobieren vorbei.

Das „Display“ des Universal Photo Timers stellt lediglich vier Zeichen dar. Das macht die Navigation durch die Menüs und die Konfiguration des Geräts nicht gerade einfach. An die unbeschrifteten Tasten rechts neben der Anzeige muss man sich ebenfalls erst gewöhnen. Die folgende Bildergalerie verschafft eine Übersicht über die Menüstruktur des Highspeed-Tools und zeigt, mit welchen Einstellungen wir fotografieren. Noch mehr Details zu den einzelnen Funktionen gibt’s im Handbuch des Herstellers [5].

Die Kamera stellen wir auf den Bulb-Modus. So belichtet der Fotoapparat genau so lange, wie der Auslöser gedrückt ist. Bei der Canon EOS 500D wählen wir F10 als Blende, um eventuelle Ungenauigkeiten beim Einschlagsort mit etwas mehr Tiefenschärfe zu kompensieren. Eine Empfindlichkeit von ISO 200 reicht aus, um genügend Licht einzufangen. Beim Canon Speedlite 550EX reduzieren wir die Blitzleistung auf 1/128, den minimalen Wert. Dadurch verringert sich die Leuchtdauer deutlich, was in einer größtmöglichen Schärfe resultiert.

Der Ablauf

Jetzt geht’s los, und zwar am besten zu zweit: Eine Person kümmert sich um das Fallenlassen, die andere ums Fotografieren. Als erstes gilt es den Blitz startklar zu machen. Anschließend bringt man das Mikrofon in Position beziehungsweise aktiviert die Lichtschranke. Ein Druck auf Menü schaltet den Universal Photo Timer an. Ein doppeltes Betätigen der Select-Taste bringt uns zur Einstellung der Verzögerung. Ist diese festgelegt und mit Select bestätigt, so löst jedes weitere Geräusch respektive die nächste Unterbrechung der Lichtschranke den Blitz aus.

Die Kamera sollte bereits auf das Ziel scharfgestellt sein. Sobald der Fotograf im Bulb-Modus den Auslöser betätigt hat, sorgt die andere Person für das richtige Motiv. Sobald der Blitz ausgelöst wurde, lässt der Kameramann den Knopf los, und den Verschluss schnappt zu. Und schon ist das erste Bild im Kasten.

Fazit

Inklusive Versand kostet der Universal Photo Timer rund 150 Euro. Dafür gibt es ein sehr vielseitiges Gerät, das neben dem oben beschriebenen Versuchsaufbau noch viele weitere Möglichkeiten bietet. Es zwar teurer, aber dafür auch deutlich vielseitiger als unser simpler Alufolie-Sensor [1], den wir für unsere ballistischen Aufnahmen eingesetzt haben. Wer keine Angst vor Lötkolben hat, findet auf der Hiviz.com [7] Schaltpläne für einen Timer.

Die folgende Bildergalerie zeigt noch ein paar Ergebnisse unserer ballistischen Experimente mit dem selbstgebastelten Sensor [1]. Die Materialkosten belaufen sich dabei auf lediglich 15 Euro.

Artikel von CNET.de: http://www.cnet.de

URL zum Artikel: http://www.cnet.de/41500159/momentaufnahmen-im-eigenbau-wassertropfen-fotografieren/

URLs in this post:

[1] selbstgebastelten Kontaktsensor: http://www.cnet.de/praxis/wochenend/41000123/kurzzeitfotografie+im+eigenbau+unglaubliche+bilder+fuer+15+euro.htm

[2] Kurzzeitfotografie mit dem Universal Photo Timer: unsere Top10: http://www.cnet.de/41500178/kurzzeitfotografie-mit-dem-universal-photo-timer-unsere-top10/?pid=1#sid=41500159

[3] Universal Photo Timer: http://www.universaltimer.com/home.html

[4] Canon EOS 500D: http://www.cnet.de/tests/digicam/41003589/testbericht/dslr+fuer+full_hd_videos+canon+eos+500d+im+test.htm

[5] Handbuch des Herstellers: http://www.universaltimer.com/UPT_UserGuide_RevA2.pdf

[6] Universal Photo Timer: Mit dieser Konfiguration fotografieren wir: http://www.cnet.de/41500158/universal-photo-timer-mit-dieser-konfiguration-fotografieren-wir/?pid=1#sid=41500159

[7] Hiviz.com: http://www.hiviz.com/kits/kits.htm

[8] Kurzzeitfotografie: Kaffee, Milch, Luftballons und Lebensmittelfarbe: http://www.cnet.de/41500186/kurzzeitfotografie-kaffee-milch-luftballons-und-lebensmittelfarbe/?pid=1#sid=41500159

[9] Die Top 10 unserer Low-Budget-Momentaufnahmen: http://www.cnet.de/41000147/die-top-10-unserer-low-budget-momentaufnahmen/?pid=1#sid=41500159