Die gefährlichste(n) Straße(n) der Welt: im Norden von Bolivien

CNET.de in BolivienZurück vom Salzsee haben wir zweieinhalb Stunden Zeit, uns auszuruhen. Dann startet der Nachtbus nach La Paz, der bolivianischen Haupstadt. Die letzten fünf Stunden ungebefestigte Straßen sollen es sein, nur noch fünf Stunden Durchschütteln, und der Weg bis nach Caracas in Venezuela ist geteert. Das Ticket nach La Paz haben wir bereits vor der Abreise in die Wüste gebucht – bei der Agentur, die uns auch den Jeep samt Fahrer vermittelt hat.

Also schnell einen Happen essen, Knabbereien und Wasser für die Fahrt einkaufen, und auf geht’s zum Busbahnhof. Als wir im Bus stehen, gibt es eine unschöne Überraschung. Unsere Plätze sind bereits belegt. Bei der Kommunikation zwischen Agentur und Busunternehmen gab es wohl ein Missverständnis, und die Tickets gelten erst einen Tag später. Die beiden Optionen lauten: einen Tag warten oder im Gang sitzen. Wir steigen aus dem Bus aus, und prompt bietet uns eine alte Frau an, unser Ticket für morgen gegen eines für heute zu tauschen. Aufpreis? Insgesamt acht Euro, keine Frage. Wir hetzen zu dem Bus, der lediglich 15 Minuten später abfährt und bedanken uns hundertfach. Die letzten Worte der Dame bleiben mir im Gedächtnis hängen: „Tienen mucha suerte!“ – Ihr habt großes Glück!

Im neuen Bus traue ich meinen Augen kaum. Statt zerpflückter Sitzpolster, ranziger Vorhänge, milchiger Scheiben und fehlender Toilette herrschen hier fast europäische Verhältnisse. Es gibt kurz vor der Abfahrt sogar einen Demofilm, der über Notausgänge und Sicherheitsvorkehrungen informiert, sowie warmes Abendessen im Flugzeug-Stil und Bettzeug für die bequemen Sitze. Die acht Euro und der Stress haben sich gelohnt. Wir haben sogar dieselben Plätze in der ersten Reihe mit mehr Beinfreiheit bekommen, die wir im anderen Bus gehabt hätten. Pünktlich zum Sonnenuntergang und voller Vorfreude starten wir nach La Paz.

Nach etwa eineinhalb Stunden Fahrt bremst das Fahrzeug plötzlich abrupt, und wir bleiben stehen. Durch den Vorhang zur Fahrerkabine kann ich einen Bus – unseren eigentlichen Bus – sehen, der umgekippt und quer auf der Straße liegt. Wir sind die ersten, die an der Unfallstelle ankommen. Einen schier endlos dauernden Moment lang bin ich völlig perplex, habe keine Ahnung, was ich tun soll. Ich denke an meine Reiseapotheke mit den Verbänden, Schmerzmitteln und Desinfektionsspray, springe aus dem Bus und wühle mich im Laderaum zu meinem Gepäck. Durch meinen Kopf schießen die verschiedensten Sachen – Erinnerungsfetzen an den längst vergangenen Erste-Hilfe-Kurs, Angst davor, was ich in wenigen Sekunden sehen könnte. Überall um den Bus herum sitzen Menschen auf dem Boden, manche weinen, manche sind starr vor Schock. Zwei Ärzte, die zufällig vor Ort sind, versorgen die Verletzten. Hier werde ich mein Verbandszeug los und mache mich auf den Weg zurück zum Bus. Es ist bitterkalt, und die meisten sitzen in dünner Kleidung in der Wildnis – auf knapp 4000 Metern Höhe und inzwischen mitten in der Nacht.


Der umgekippte Bus blockiert die Straße komplett. Ein Trupp von Passagieren aus meinem Bus ist gerade damit fertig, eine Behelfspiste um das Fahrzeug herum zu schaufeln. Kurz bevor es weitergeht, schieße ich mit der Ricoh GXR samt A10-Aufnahmemodul noch ein Foto. Dank des großen APS-C-Sensors kommt trotz der Dunkelheit noch ein brauchbares Foto heraus (Aufnahmeparameter: Empfindlichkeit ISO 3200, Belichtungszeit 1/8 Sekunde, Blendenzahl F2,5).

Eine andere Passagierin kommt mir entgegen – der Fahrer unseres Busses will die Decken nicht hergeben. Nach etwas hin und her lässt er sich schließlich breitschlagen. Wir sammeln zu viert Wasser sowie Decken und verteilen sie. Ein anderer Teil meiner Mitreisenden baut währenddessen eine neue Straße um den umgestürzten Bus herum – mit Schaufeln, Händen, Füßen und allem, was gerade verfügbar ist. Handynetz, Notarzt und dergleichen gibt es hier übrigens nicht – nur die zufällig anwesenden Passagiere. Und die wissen sich zu helfen. Wir bringen ein paar Personen mit Verletzungen in unserem Bus unter. Ich erkenne das Mädchen wieder, das auf „meinem“ Platz saß – mit Prellungen und offensichtlich gebrochenem Arm. Der Weg ins nächste Krankenhaus dauert drei Stunden und führt über staubige Buckelpisten.

Nach einer unruhigen und schlaflosen Nacht genehmigen wir uns einen halben Tag Pause in La Paz und schlafen uns aus. Am späten Nachmittag entscheiden wir uns, früh am nächsten Morgen mit dem Mountainbike die angeblich gefährlichste Straße der Welt abzufahren. Der haarsträubende Titel ist nicht mehr ganz aktuell, denn inzwischen gibt es eine modernere Umgehung für die sogenannte Yungas Road, und der Verkehr hat sich auf der alten Strecke weitgehend beruhigt. Laut unserem Fahrradverleih fanden bis zur Eröffnung der Umfahrung im Jahr 2006 jährlich 150 Personen auf der Straße den Tod, andere Quellen nennen sogar 200 bis 300 Todesopfer. Grund dafür sind der rutschige Fahrbahnbelag, die Spurbreite von oftmals lediglich drei Metern, fehlende Leitplanken und ein bis zu 600 Meter tiefer Abgrund unmittelbar neben der Straße. Die ständige starke Steigung spielt ebenfalls eine Rolle – auf einer Strecke von nur 69 Kilometern stürzt sich die Yungas Road von einer Höhe von rund 4700 auf unter 1200 Meter in den tropischen Regenwald hinab.


Über 3500 Meter Downhill mit dem Mountainbike: Auf dem Weg nach unten führt die Yungas Road unter Wasserfällen sowie durch Flüsse hindurch und hat von karger Vegetation mit winterlichen Temperaturen bis zum moskitoschwangeren Dschungel alles zu bieten.

Von der ganztägigen Tortour mit dem Fahrrad bleiben gerade einmal zwölf Stunden in La Paz zum Erholen. Im Zentrum leben knapp 900.000 Einwohner, und es gibt subjektiv fünfmal so viele Stände auf den Straßen, die alles verkaufen – von Batterien und Keilriemen über Maisbrot und Papayas bis hin zu Götzenstatuen und getrockneten Lamaföten. Abgesehen vom Prado, der zigspurigen Hauptstraße, besteht die Stadt aus schier unendlich vielen Gassen, die sowohl den Charakter als auch die Erkundung von La Paz so atemberaubend machen.


„Strommast“ auf bolivianisch: Sämtliche Kabel hängen einfach an der Hauswand, und wer Strom braucht, sucht sich einfach eine freie Stelle in dem Knäuel – fotografiert mit der Olympus E-P1 mit der F2,8-Pancake-Festbrennweite.

Bei der Fahrt zum Titicacasee ist Südamerika gnädig und fordert lediglich drei Stunden Busfahrt. Zwar sind die Aussichten spektakulär, und das auf 3810 Metern Höhe gelegene Gewässer wirklich eindrucksvoll, doch kurz nach der Ankunft beginnt es, zu regnen. Eine Runde Stein-Schere-Papier entscheidet auf Weiterfahren, und wir hetzen zum nächsten Reisebüro – unser Besuch am höchstgelegenen schiffbaren See der Welt soll sich also auf ein Mittagessen mit lokaler Forelle beschränken. Der letzte Bus in Richtung Peru ist allerdings schon abgefahren, und so jagen wir mit einer verrückten Taxifahrerfamilie in Richtung Grenze, in der Hoffnung, noch einsteigen zu können.


Da geht es hin, das Gepäck. Auf dem Weg nach Copacabana am Titicacasee muss der Bus auf einem Floß über das Gewässer übersetzen.

Und tatsächlich, eine wilde Autofahrt, hitzige Diskussionen mit Grenzbeamten, etwas Bestechungsgeld und ein paar graue Haare später stehe ich am nächsten Morgen in Cusco und keine 24 Stunden später in Ollantaytambo, der letzten mit dem Auto erreichbaren Stadt vor Machu Picchu. Allerdings ist die Zugstrecke zu den Inka-Ruinen durch Erdrutsche blockiert, und es bleibt nur Abwarten und Tee trinken. Als sich die Lage am nächsten Morgen immer noch nicht gebessert hat, entscheiden wir uns wieder für die Weiterreise – Gott sei Dank.


„In China essen sie Hunde“, in Peru Meerschweinchen. Der Micro-Four-Thirds-Sensor der Olympus E-P1 liefert in Kombination mit der Festbrennweite auch im schummrig beleuchteten Restaurant ein ordentlich ausgeleuchtetes Bild.

Die Brücke, die den Ort mit der Außenwelt verbindet, ist keine drei Stunden nach unserer Flucht aus Ollantaytambo eingestürzt, und tausende Touristen sitzen in der Umgebung von Machu Picchu fest. Auch Cusco ist von Unwettern gebeutelt – als wir in die Stadt zurückkehren, ist die gesamte Wasserversorgung zusammengebrochen. Zahlreiche Straßen sind überschwemmt und viele Häuser unmittelbar neben der Straße davongespült.


Endlich wieder am Meer: Der Weg nach Lima führt über spektakuläre Küstenstraßen. Die Canon PowerShot G11 hält diesen Eindruck von der Fahrt fest.

Noch einmal knapp 30 Stunden Busfahrt später habe ich den Kontinent ein zweites Mal durchquert, dieses Mal auf dem Landweg und nicht per Flugzeug, und sitze endlich wieder am Pazifik – in der peruanischen Hauptstadt Lima. (Fotos: CBS Interactive)

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2 Kommentare zu Die gefährlichste(n) Straße(n) der Welt: im Norden von Bolivien

  • Am 2. Februar 2010 um 17:53 von Denis

    Bitte keine Deutungen!
    Wenn man etwas schreibt, dann sollte es auch Hand und Fuß haben und nicht auf Effekthascherei. Die Touristen saßen in Agua Calientes nicht fest, weil eine Brücke in Ollanta zusammenbricht, sondern weil ganz einfach ein Teilstück der Zugstrecke weggespült worden ist. Außerdem ist die Wasserversorgung in Cusco nicht wegen der Unwetter zusammengebrochen, vielmehr gibt es hier im Zentrum von Cusco fast jeden Tag für mehrere Stunden kein Wasser… egal was für Wetter ist. Wenn man schon durchs Land rast, dann sollte man nicht solche Erlebnisse deuten, damit es spannender klingt.

    • Am 4. Februar 2010 um 02:46 von Stefan Möllenhoff

      AW: Bitte keine Deutungen!
      Hallo Denis,

      vielen Dank für Ihr Feedback, das ich in diesem Falle allerdings nicht ganz nachvollziehen kann. Möglicherweise habe ich mich in dem Blogbeitrag etwas ungenau ausgedrückt. Genau an dem Tag, an dem wir in Ollantaytambo angekommen sind, wurde die Zugverbindung nach Machu Picchu weggespült. Wir haben uns entschlossen, eine Nacht zu bleiben und abzuwarten, ob sich etwas tut. Nachdem sich die Lage am nächsten Morgen weiter verschlechtert hatte, sind wir nach Cusco zurückgereist – über eine Brücke, die kurze Zeit nach unserer Überfahrt eingestürzt ist.

      Dass die Unwetter am Wasserausfall Schuld tragen, hat man uns in Cusco erzählt – im gleichen Atemzug hieß es, dass es nicht sicher ist, wann die Versorgung wieder funktioniert. Daraufhin haben wir uns endgültig entschlossen, in Richtung Titicacasee weiterzufahren. Ich hoffe, jetzt sind alle Unklarheiten beseitigt :-)

      Beste Grüße,
      Stefan Möllenhoff, CNET.de

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