EVIL-Kameras im Vergleich: kleine Digicams mit ganz großer Bildqualität

Wer zwischen 300 und 600 Euro für eine neue Kamera ausgeben möchte, steht vor der Frage: Spiegelreflex oder Kompaktkamera? DSLRs sind sperrig, bieten aber die beste Bildqualität. Mini-Digicams sind immer in der Hosentasche dabei, bedeuten jedoch Abstriche bei der Fotoqualität. Keine leichte Entscheidung. Seit rund zwei Jahren gibt es im genannten Preisbereich einen weiteren Kameratyp, die die Vorteile der beiden Klassen vereinen soll. Wir haben uns im Markt der EVIL-Kameras umgesehen.

EVIL? Das klingt ganz schön böse. Ist es möglicherweise auch, jedenfalls für die Konkurrenz in diesem Preisbereich. Die Abkürzung steht für Electronic Viewfinder, Interchangable Lens. Auf gut Deutsch: Die Kameras bieten Wechselobjektive wie ihre größeren DSLR-Verwandten, ersetzen den optischen aber durch einen elektronischen Sucher (Viewfinder). Bei Spiegelreflexkameras sorgt eine aufwändige Prismenkonstruktion dafür, dass das Licht in den optischen Sucher gelangt. Diese fällt bei EVIL-Kameras weg, was eine deutlich kompaktere Bauweise ermöglicht.

Nicht im EVIL-Namen enthalten, aber durchaus wichtig ist, dass hinter der austauschbaren Optik ein großer Bildsensor sitzt, wie er auch in Spiegelreflexkameras zum Einsatz kommt. Je mehr Fläche auf dem lichtempfindlichen Chip zur Verfügung steht, desto mehr Licht fängt er ein. Und je mehr Licht auf dem Sensor eintrifft, desto geringere Ausleseempfindlichkeiten sind erforderlich, um ein ordentlich belichtetes Foto zu erzielen. Eine geringe Empfindlichkeit wiederum bedeutet, dass weniger Störungen auftreten, die sich beispielsweise in Form von Bildrauschen äußern. Et voilà: Die Bildqualität ist bei großen Sensoren besser.

Ein weiterer Vorteil von großen Sensoren ist die selektive Tiefenschärfe. So ist es beispielsweise möglich, den Fokus der Kamera auf ein Gesicht zu lenken, während die Umwelt in sanfter Unschärfe verschwimmt. Strenggenommen hängt die Tiefenschärfe mit der Brennweiten des Objektivs zusammen. Doch je größer der Bildsensor, desto höher muss die Brennweite einer Optik sein, um den gleichen Bildwinkel aufs Foto zu bringen. Mehr Informationen zu diesem Thema bietet beispielsweise der Wikipedia-Artikel zum Formatfaktor.

Bildsensoren: Micro-Four-Thirds gegen APS-C

EVIL-Kameras gibt es derzeit von Panasonic, Olympus, Samsung und Sony. Und von Leica. Allerdings spielt der deutsche Edel-Hersteller preislich in einer Liga, die für den Durchschnittsverdiener unerreichbar ist. Wir widmen uns an dieser Stelle den Modellen zwischen 300 und 1000 Euro.

Samsung und Sony setzen in ihren EVIL-Kameras auf Bildsensoren im APS-C-Format. Die Lichtfänger messen etwa 23 mal 16 Millimeter und sind damit ebenso groß wie die Chips in Einsteiger-DSLRs von Canon, Nikon, Sony und Konsorten. Olympus und Panasonic setzen auf Micro-Four-Thirds-Sensoren mit Abmessungen von 17 mal 13 Millimetern – sie sind flächenmäßig etwa 40 Prozent kleiner als APS-C-Chips. Zum Vergleich: Die 1/2,3- beziehungsweise 1/1,7-Zoll-Sensoren in Kompaktkameras sind acht- beziehungsweise fünfmal kleiner.


Die Grafik zeigt die Sensorgrößen der verschiedenen Kameras im maßstabsgetreuen Vergleich.

In der Theorie schießen die Samsung- und Sony-Kameras bessere, rauschfreiere Fotos, in der Praxis können sich die Unterschiede bei der Sensorgröße aber durch die Qualität der nachgeschalteten Bildverarbeitungsalgorithmen wiederum teilweise relativieren.

Objektiv-Chaos: Panasonic und Olympus gegen den Rest der Welt

Panasonic und Olympus haben mit dem gemeinsam entwickelten Micro-Four-Thirds-Format (MFT) den ersten großen Schritt im EVIL-Neuland getan. Der Standard legt eine bestimmte Sensorgröße und ein dazu passendes Objektivbajonett fest, das beide Hersteller benutzen. Sprich: ein Panasonic-Objektiv passt auf eine MFT-Kamera von Olympus und andersherum. Der große Vorteil ist hier, dass die Auswahl an Optiken schneller größer wird, wenn gleich zwei Kameraschmieden fürs gleiche System entwickeln.

Als dritter Player kam Samsung mit seiner NX-Serie und einem komplett neuentwickelten Bajonett auf den Markt. Anfangs war die Auswahl an Objektiven entsprechend klein, inzwischen gibt es immerhin fünf Linsen, für 2011 sind fünf weitere angekündigt. Gegenüber den 15 Optiken, die bereits jetzt für das Micro-Four-Thirds-System erhältlich sind, ist das jedoch immer noch recht wenig.

Sonys EVIL-Kameras setzen gleich auf zwei unterschiedliche Bajonettverschlüsse: Der E-Mount findet bei den Kameras der NEX-Serie Verwendung, der A-Mount bei den größeren SLT-Kameras. Für den E-Mount sind derzeit lediglich drei Optiken verfügbar, für 2011 plant Sony derzeit vier und für 2012 drei weitere Linsen. Die SLT-Kameras sind mit ihrem A-Mount vollständig zu Sonys DSLR-Objektivpalette kompatibel – damit steht für diese beiden Modelle das derzeit größte Portfolio zur Verfügung.

Neben den herstellereignen Optiken lassen sich auch nahezu beliebige Objektive vor die Kameras schrauben. Novoflex beispielsweise stellt für alle vier EVIL-Bajonettsysteme Adapter her. So lassen sich etwa Linsen von Canon-DSLRs und mit altem M42-Gewinde an den Digicams verwenden. Der Autofokus funktioniert dann jedoch nicht.

Mit Adapter lassen sich auch Objektive alter Analog-Kameras an den aktuellen EVIL-Modellen verwenden.
Mit Adapter lassen sich auch Objektive alter Analog-Kameras an den aktuellen EVIL-Modellen verwenden.

Neueste Kommentare 

7 Kommentare zu EVIL-Kameras im Vergleich: kleine Digicams mit ganz großer Bildqualität

  • Am 10. November 2010 um 19:24 von N

    falsche fotos
    die nex-5 und nex-3 sind auf den bildern aber sehr groß 😉

    • Am 10. November 2010 um 19:58 von Stefan Möllenhoff

      AW: falsche fotos
      Hallo,

      Aua, das ist natürlich peinlich. Vielen Dank für den Hinweis, ich habe die Fotos korrigiert :-)

      Beste Grüße,
      Stefan Möllenhoff, CNET.de

      • Am 10. November 2010 um 20:17 von N

        AW: AW: falsche fotos
        die serienbildgeschwindigkeit der nex-kameras müssten doch auch anders sein, oder?

        • Am 11. November 2010 um 19:17 von Stefan Möllenhoff

          AW: AW: AW: falsche fotos
          Hallo,

          die Angabe bezieht sich auf die maximale Serienbildgeschwindigkeit, bei der der Autofokus noch nachregelt. Daher sind bei den NEX-Kameras nicht die Serienbildgeschwindigkeiten aufgeführt, die maximal mit ab dem ersten Bild fixen Aufnahmeeinstellungen möglich sind.

          Beste Grüße,
          Stefan Möllenhoff, CNET.de

  • Am 12. November 2010 um 19:06 von no name

    nex ohne blitz
    Ihr schreibt,das nur olympus e-p1,e-p2 und die samsung nx100 keinen blitz hätten.Jedoch bieten auch die nex modelle diesen nicht,esliegtlediglich ein externer Miniblitz bei.Dieser hat jedoch den Nachteil,das der nicht gleichzeitig mit dem optischen Aufstecksucher verwendet werden kann.

    • Am 12. November 2010 um 20:09 von N

      AW: nex ohne blitz
      ja stimmt, aber laut der tabelle gibt es auch gar keinen optionalen sucher für die nex-kameras 😉

  • Am 30. Dezember 2010 um 23:31 von C

    Vergleich Kompakt-, EVIL- und DSLR-Kameras
    Klar kann man sich für 300 bis 600 Euro sowohl bei den Kompakten als auch schon bei Spiegelreflexkameras bedienen. Unterschied: Bei den Kompakten gehe ich z.B. mit einem Zoom der Brennweiten von 28 bis über 600 (oder auch 800) mm aus dem Laden (jeweils kleinbild-äquivalent), bei den Spiegelreflexmodellen schleiche ich höchstens mit dem Kitabjektiv von 28 bis 80 mm von dannen! Warum erwähnt das keiner? Es ist schlichtweg falsch, daß sich der Kompakt- und Spiegelreflexmarkt in der selben Preisklasse abspielt. Größerer Sensor – größerer Body – größeres Objektiv! Das kostet halt. Ich würde es begrüßen, wenn man wirklich technisch zumindest teilweise vergleichbare Geräte einander gegenüberstellt und damit wirklich herausarbeitet, was die höhere Bildqualität eines APS-C-Sensors WIRKLICH kostet. Die in diesem Bericht und leider auch bei anderen Online-Magazinen geläufige Aussage "um 300 Euro kriegt man auch schon eine Spiegelreflex" führt letztlich nur zur Verwirrung von Lesern, die sich tatsächlich zwischen beiden (oder allen drei) Klassen noch unschlüssig sind.
    Bitte immer Äpfel mit Äpfel vergleichen und Birnen mit Birnen. Danke,
    C

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