Die große Pixel-Lüge: Wieso viele Full-HD-Camcorder eigentlich gar keine sind

Full-HD-Auflösung, das sind 1920 mal 1080 Pixel. Camcorder, die diese Auflösung stemmen, schreiben sich das in der Regel stolz auf die Brust. Und aufs Preisschild. Aber ist dort, wo Full-HD draufsteht, auch wirklich Full-HD drin? Leider nicht. Und davon sind nicht nur Billig-Videokameras von fernöstlichen Noname-Herstellern betroffen, sondern auch Markengeräte. Wir werfen einen Blick aufs Camcorder-Lineup 2011.

Wodurch zeichnet sich ein Full-HD-Camcorder aus? Na klar, er nimmt Videos in Full-HD auf. Also mit einer Auflösung von 1920 mal 1080 Pixeln. Genau so landet das Video dann auf den Speicherkarten und verspricht eine gigantische Detailvielfalt. Home-Videos in Blu-ray-Qualität also, und das zu vertretbaren Preisen. Und tatsächlich: Selbst bei 300 Euro teuren Camcordern landen Videos mit 1920 mal 1080 Bildpunkten auf der Speicherkarte. Ein Blick ins Datenblatt macht uns allerdings stutzig.

"Full HD 1920 x 1080: Ja" - das Datenblatt des Panasonic HS80 verspricht Videos mit über 2 Megapixeln. Aber wie funktioniert das mit einem 1,5-Megapixel-Sensor, der effektiv sogar nur 1,3 Megapixel bietet?
„Full HD 1920 x 1080: Ja“ – das Datenblatt des Panasonic HS80 verspricht Videos mit über 2 Megapixeln. Aber wie funktioniert das mit einem 1,5-Megapixel-Sensor, der effektiv sogar nur 1,3 Megapixel bietet?

In den Datenblättern vieler designierter Full-HD-Camcorder werden Bildsensoren aufgeführt, die rund 1,5 Megapixel auflösen. Aber Full-HD-Videos lösen doch 1920 mal 1080 Bildpunkte auf, also insgesamt 2.073.600 Pixel. Wie soll das gehen?

Interpolation

Das Stichwort lautet: Interpolation. Heißt auf gut Deutsch, dass der Bildprozessor die kleinen Videos künstlich aufbläst. Und dort, wo Details vom Sensor fehlen, versucht, möglichst sinnvoll zu flicken. Aber leider kann die Camcorder-Bordelektronik nicht hellsehen, und wo keine Bilddaten sind, da lassen sich auch keine herbeizaubern.

Die Auswirkungen lassen sich ganz einfach ausprobieren. Man nimmt einfach ein Foto mit 1920 mal 1080 Bildpunkten – also 2,07 Megapixeln – und verkleinert es in einem Bildbearbeitungsprogramm beispielsweise auf 1664 mal 936 Bildpunkte – also gut 1,5 Megapixel. Das entspricht etwa der Auflösung, die aktuelle „Full-HD-Camcorder“ physikalisch bieten. Anschließend nimmt man das soeben geschrumpfte Bild und zieht es wieder auf 1920 mal 1080 Pixel hoch. Vergleicht man das Foto nun mit dem Original, dann fällt auf, dass Details und Schärfe verlorengegangen sind – und zwar genau diese Details und diese Schärfe, die man eben beim verringern der Auflösung vernichtet hat.

Wer dieses Experiment mit Adobe Photoshop durchführt, wird wohl ein deutlich besseres Ergebnis erhalten als jemand, der auf ein einfaches Freeware-Tool wie Paint.NET setzt. Das liegt daran, dass die Skalierungsalgorithmen der Profi-Software besser sind. Und ebenso sieht’s wohl auch bei den Camcordern aus: Manch eine Interpolation wird sich recht gut schlagen, manch eine aber katastrophal. An der Tatsache, dass in dem vermeintlichen Full-HD-Camcorder kein Full-HD-Chip steckt, ändert das nichts.

Das linke Bild zeigt einen 100-Prozent-Ausschnitt von einem Camcorder der Canon-R-Serie von 2010 - bei maximaler Bitrate und Qualität, wohlgemerkt. Der Sensor schafft allerdings keine Full-HD-Auflösung, sondern nur 1664 mal 936 Pixel. Rechts sind drei verschiedene Qualitätsstufen von einem Modell der M-Serie zu sehen, das einen "echten" Full-HD-Bildsensor mitbringt (zum Vergrößern aufs Bild klicken).
Das linke Bild zeigt einen 100-Prozent-Ausschnitt von einem Camcorder der Canon-R-Serie von 2010 – bei maximaler Bitrate und Qualität, wohlgemerkt. Der Sensor schafft allerdings keine Full-HD-Auflösung, sondern nur 1664 mal 936 Pixel. Rechts sind drei verschiedene Qualitätsstufen von einem Modell der M-Serie zu sehen, das einen „echten“ Full-HD-Bildsensor mitbringt. Das Bild des R-Modells ist derart mit Artefakten übersät und unscharf, dass das des M-Geräts selbst bei der niedrigsten Qualitätseinstellung (unten, 7 Mbps) noch besser aussieht (zum Vergrößern aufs Bild klicken).

Das ist, als schlummerte in einem vermeintlichen 300-PS-Sportwagen ein Motor mit lediglich 250 Pferdchen – und die entsprechende 0-auf-100-Zeit erkauft sich der Hersteller einfach mit einem Tacho, der zu viel anzeigt.

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2 Kommentare zu Die große Pixel-Lüge: Wieso viele Full-HD-Camcorder eigentlich gar keine sind

  • Am 22. Oktober 2013 um 18:29 von Rudolf Ostermann

    Und es geht oder ging noch krasser…
    Ich wollte gerade bei Ebay einen älteren Pansonic 3CCD“Full-HD“ Camcorder kaufen und kam bei den technischen Daten ins Grübeln:
    Sensor: 610 K x 3.
    Effektive Pixel Video: 520 K x 3 und Foto: 520 K x 3
    aber trotzdem
    Video Bildgröße 1920×1089/50i hochauflösend
    oder reduziert 1440×1080/50i
    und Bildgröße Foto: 1920×1080

    Das hat meine Kaufwut gebremst und ich wollte erst mal herausfinden, wie das zusammenpasst.
    Dieser Artikel war das einzige, was ich nach längerer Suche dazu gefunden habe – soll wohl keiner merken?
    Da kann man doch sicher mit einer guten alten Videokamera SD aufnehmen und mit einer geschickten Software auf HD hochrechnen?

  • Am 17. April 2016 um 16:51 von Karl Klausen

    ich komme mir von den Herstellern nicht selten für dumm verkauft vor. Oft sind die technischen Datenblätter Werbeblätter. Man muss erst Testberichte sich durchlesen, bevor man auf einfachste Fragen Antworten findet. Dass eine Kamera keinen internen Chip hat, wird natürlich auch nicht richtig erwähnt. Muss man enträtseln.

    Effektive MP, MP, meine Güte. Was soll das alles heissen?
    Ich gucke mir nur noch Youtube Videos an, in Bewegung, in Innenräumen, draussen. Bewölkt, Sonnenschein. Das macht einfach mehr Sinn. LEIDER schreiben die User oft nicht hinzu, welche Auflösung, ob XP, SP, LP….

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