Die Strippen-Lüge: Teure HDMI-Kabel lohnen sich weder für Ton- noch für Bildqualität

von Geoffrey Morrison und Stefan Möllenhoff am , 18:05 Uhr

Full-HD-3D-Fernseher, Highend-Blu-ray-Player, 7.1-AV-Receiver plus passendes Boxensystem sind gekauft, jetzt will das Heimkino-Setup nur noch verdrahtet werden. Drei Meter lange HDMI-Kabel nach dem Standard 1.4 wechseln in diversen Online-Shops bereits für weniger als drei Euro den Besitzer. Man kann für die gleiche Länge aber auch mehr als 200 Euro auf den Tisch blättern – lohnt sich das? Die kurze Antwortet lautet: Nein. Die ausführliche Antwort gibt es auf den folgenden Seiten.

In HDMI-Kabeln steckt jede Menge Geld. So viel Geld, dass es in praktisch jedem Geschäft mit Heimkino-Elektronik im Sortiment riesige, mit Strippen vollgestopfte Wände gibt, die den Kunden verleiten, Dutzende wenn nicht gar hunderte Euro mehr als nötig auf den Tisch zu blättern. Viele renommierte und nicht-renommierte Firmen lügen potenziellen Kunden ins Gesicht, um sie von den „Vorteilen“ ihrer Produkte zu überzeugen.

Kurz und knapp: Teure HDMI-Kabel bieten gegenüber billigen Strippen absolut keinen Vorteil, was die Bildqualität oder die Tonqualität angeht. Um zu verstehen, wieso das ist so ist, sehen wir uns zunächst an, wie die Datenübertragung zwischen den verschiedenen HDMI-fähigen Komponenten funktioniert.

Das Signal

HDMI setzt auf Transition Minimized Differential Signaling [1], kurz TMDS. Dabei gibt es zwei grundlegende Aspekte zu verstehen.

Erstens: Die Einsen und Nuller von der Quelle, etwa einem Blu-ray-Player, sind nicht dieselben Einsen und Nuller, aus denen der Fernseher das Bild aufbaut – jedenfalls nicht in derselben Reihenfolge. Bevor das Signal den HDMI-Ausgang verlässt, wird es dahingehend optimiert, dass möglichst wenige Übergänge (Transitions) gibt. Simpel gesagt wird aus „10101010“ also beispielsweise „11110000“, aus sieben Übergängen einer. Wer sich für die Mathematik dahinter interessiert, wird auf der englischen Wikipedia-Seite zum Thema 8b/10b encoding [2] glücklich. Für das Verständnis, wieso man keine 200 Euro für ein HDMI-Kabel auf den Tisch legen muss, ist das jedoch nicht wichtig. Essentiell ist, dass diese Umwandlung des Signals die Wahrscheinlichkeit gewaltig erhöht, dass es sich am anderen Ende des Kabels, also am Fernseher oder Beamer, wieder rekonstruieren lässt.

Gutes Kabel, böses Kabel? Spielt keine Rolle. [3]
Gutes Kabel, böses Kabel? Spielt keine Rolle.

Der zweite Teil von TMDS betrifft das Kabel selbst. Jede HDMI-Leitung besteht aus einer Vielzahl von kleinen Kupferdrähten. Es werden zwei Versionen des gleichen Datenstroms stets über zwei verschiedene Drähte geschickt – eine ist phasenverschoben [4] gegenüber dem „echten“ Signal. Der Fernseher oder Beamer bringt das phasenverschobene Signal mit dem „echten“ Signal wieder deckungsgleich und vergleicht die beiden Datenströme miteinander. Damit sind jetzt die Übertragungsfehler und Störungen jetzt phasenverschoben und effizient eliminierbar. Wer sich zu den Audiofreaks zählt, den wird diese Technik an die symmetrische Signalübertragung [5] bei XLR-Kabeln erinnern.

TMDS funktioniert hervorragend und ermöglicht es, auch über eingiermaßen lange Kabel sehr hohe Datenmengen zu transportieren. Außerdem bedeutet die Technik auch, dass Fünf-Euro-Strippen die gleiche Klang- und Bildqualität bieten wie ein 200-Euro-Wunderkabel. Wenn bei der TMDS etwas schiefläuft, dann läuft es richtig schief. Entweder kommt am Fernseher ein perfektes Signal an – oder gar nichts. Wenn das Kabel beschädigt oder schlicht und ergreifend zu lang ist, dann kommt nichts an. Gar nichts. Das ist das „Schöne“ an der digitalen Signalübertragung: Zwischen „perfekt“ und „Null“ gähnt ein gewaltiger, leerer Abgrund.

Video

Wie gesagt: Die Nuller und Einsen des HD-Bilds flitzen also fröhlich von der Quelle durchs Kabel zum Fernseher. Bei kurzen Entfernungen kann hier eigentlich nichts schiefgehen, wenn man mal von einem beschädigten Kabel absieht. Je länger jedoch die Verbindungen sind, desto höher wird die Wahrscheinlichkeit, dass die Signalqualität abnimmt, entweder durch Störungen oder durch ein „schlechtes Kabel“ – dazu aber später mehr. Der Punkt ist, dass der Fernseher das Signal bis zu einer gewissen Qualität vollständig wieder herstellen kann – oder eben nur noch Bahnhof versteht. Alles oder nichts, Eins oder Null – dazwischen gibt es in der digitalen Welt nichts.

Fast nichts. Es gibt einen winzig kleinen Felsvorsprung an dem Abgrund zu Null. In den allermeisten Fällen sieht man ein weißes Pixelflimmern, wie es die folgenden Bilder zeigen.

Hunderte von weiß funkelnden Pixeln auf die Mattscheibe: Das Bild haben wir auf einem 50-Zoll-Fernseher aufgenommen, der mit einem kaputten HDMI-Kabel am Blu-ray-Player angeschlossen ist.
Hunderte von weiß funkelnden Pixeln auf die Mattscheibe: Das Bild haben wir auf einem 50-Zoll-Fernseher aufgenommen, der mit einem kaputten HDMI-Kabel am Blu-ray-Player angeschlossen ist.

Hier ist die Leistung desselben Kabels noch einmal zu sehen, dieses Mal stammt das Bild aus einem Beamer.
Hier ist die Leistung desselben Kabels noch einmal zu sehen, dieses Mal stammt das Bild aus einem Beamer.

Das Pixel-Funkeln muss nicht immer so extrem wie in den ersten beiden Beispielen aussehen. Dennoch: Wenn das Kabel am Abgrund steht, ist das immer deutlich zu sehen. Das Bild ist mit dem selben Kabel, derselben Blu-ray-Scheibe und dem gleichen Beamer wie im vorherigen Bild entstanden. Wir haben jedoch den Blu-ray-Player ausgestauscht.
Das Pixel-Funkeln muss nicht immer so extrem wie in den ersten beiden Beispielen aussehen. Dennoch: Wenn das Kabel am Abgrund steht, ist das immer deutlich zu sehen. Das Bild ist mit dem selben Kabel, derselben Blu-ray-Scheibe und dem gleichen Beamer wie im vorherigen Bild entstanden. Wir haben jedoch den Blu-ray-Player ausgestauscht.

Woher kommt jetzt dieses weiße Pixelflimmern? Aufgrund sehr schlechter Signalqualität kann der Fernseher nicht mehr herausfinden, wie diese Pixel ursprünglich aussehen sollten. Der Fernseher ist uns aber wohlgesonnen und möchte uns nicht enttäuschen. Und deshalb zeigt er uns so viel vom Video an, wie nur irgendwie möglich. Aber manche Pixel bleiben eben weiß. Diese Art von digitalen Artefakten ist sehr selten und tritt meistens nur über einen kurzen Zeitraum hinweg auf. In den Regel heißt’s wie gesagt: Eins oder null.

Wenn dieses Pixelflimmern so unwahrscheinlich ist, wieso erwähnen wir es an dieser Stelle? Weil es wichtig ist, um zu verstehen, dass ein übertragener Pixel sich unmöglich verändern kann. Er ist entweder genau jener Pixel, den der Macher der Blu-ray für diese Stelle vorgesehen hat, oder eben weißes Flimmern. Damit ein HDMI-Kabel eine bessere Qualität bieten könnte als ein anderes, müssten die Strippen die Bildpunkte irgendwie in Nuancen beeinflussen können und das Signal zwischen Bildquelle und Darstellungsgerät irgendwie anders aussehen. Aber das ist schlicht nicht möglich. Die Pixel können sich nicht verändern. Sie sind entweder da (Juhuu) oder nicht (Buhuu).

Alle Behauptungen bezüglich besserer Bildqualität sind Fossilien vergangener, analoger Tage, die damals eine minimale Daseinsberechtigung hatten und heute gar keine mehr. Dieses Pixelflimmern ist kein Rauschen, sondern bedeutet schlicht und ergreifend, dass manche Pixel überhaupt nicht ankommen. Wer auf seinem Fernseher bei einem via HDMI übertragenen Signal ein weißes Flimmern sieht, braucht ein anderes Kabel.

Ein weiterer Fehler, der auftreten kann, ist ein Fehlschlagen des HDCP-Kopierschutzes, der sich entweder in einem total „verschneiten“ Bild, in einem blinkenden Bild oder sonst einem unübersehbaren optischen Müll äußert. Allerdings ist dieses Problem noch unwahrscheinlicher, denn die TMDS-Überträgung schlägt viel eher fehl als der Kanal, den HDCP für den Handshake [6] benutzt. Wir haben das Phänomen allerdings schon beobachtet, und deshalb erwähnen wir es an dieser Stelle.

Audio

Nicht nur die Bildqualität, sondern auch der Klang soll – so die Kabelhersteller – mit der teuren Wunderstrippe besser sein. Ein Konzern behauptet, das würde an der fehlenden Fehlerkorrektur des Audiostreams liegen, und beim eigenen Produkt wäre die Wahrscheinlichkeit höher, dass alle Daten ankommen.

Zunächst einmal ist das natürlich falsch. Der Sound hat über HDMI sogar eine ausgeprägtere Fehlerkorrektur als das Videosignal. Aber selbst wenn das nicht der Fall wäre, so wäre die Behauptung völliger Nonsens. Denn Dolby selbst hat in seine diversen Codecs zusätzlich eine umfassende Fehlerkorrektur eingebrannt. Mit anderen Worten: Wenn man den Klang per Dolby Digital Plus, TrueHD & Co. vom Blu-ray-Player per HDMI überträgt, dann kommt im Digital-Analog-Converter des Receivers Bit für Bit genau das an, was auf der Blu-ray gespeichert ist. DTS funktioniert aller Voraussicht nach genauso, allerdings hat der Konzern unsere Anfragen nach Informationen ignoriert. Wie dem auch sei – egal, ob teuer oder billig, das Kabel ist völlig irrelevant, wenn es um die Übertragung von Klang geht.

Das zwei Meter lange HDMI Hi-Speed Kabel with Ethernet von M-CAB ist im Internet bereits für gut fünf Euro zu haben - inklusive Versand, wohlgemerkt.
Das zwei Meter lange HDMI Hi-Speed Kabel with Ethernet von M-CAB ist im Internet bereits für gut fünf Euro zu haben – inklusive Versand, wohlgemerkt.

Wenn das Kabel fehlerhaft ist oder durch sonst ein Ungemach Daten zwischen dem Blu-ray-Player und dem Receiver verloren gehen, dann wird der Receiver immer stummschalten anstatt den akustischen Müll durchs Wohnzimmer zu blasen. Es gibt keine Audio-Version des Pixelflimmerns, stattdessen herrscht totale Ruhe. Wenn der Klang während der Wiedergabe immer wieder ausfällig, ist möglicherweise das HDMI-Kabel schuld. Gibt es gleichzeitig keine Probleme mit dem Bild, liegt der Fehler vermutlich woanders. Wenn der Receiver aber Ton abspielt, dann ist es exakt der Ton, der auf die Disk gepresst wurde.

Eine Ausnahme gibt es, und das ist PCM [7] – zumindest theoretisch. Wenn ein Blu-ray-Player eine CD abspielt, dann gelangt der Klang auch im PCM-Format zum Receiver. Und wenn alles schief läuft, dann könnte dieser „nackte“ Datenstrom tatsächlich gestört werden. Nachdem PCM für die meisten Anwender ohnehin keine Rolle spielt, ist es auch kein Kopfzerbrechen wert.

Übertragung – ja oder nein?

Das große „Wenn“ bei dieser Geschichte findet sich in dem Teilsatz: „Wenn das Signal ankommt, ist die Qualität perfekt“. Über eine kurze Entfernung ist die Wahrscheinlichkeit extrem gering, dass sich selbst das billigste HDMI-Kabel irgendwelche Schwächen leistet. Über größere Distanzen sieht die Antwort möglicherweise anders aus. Größere Distanzen bedeuten hier: 15 Meter oder mehr.

Wer ein wirklich langes HDMI-Kabel verlegen muss, der wird es wohl irgendwo durch eine Wand ziehen. Um sich eine Menge Frust zu ersparen, sollte man die Strippe vorher mit dem Equipment ausprobieren – nicht erst, wenn sie in der Wand steckt. Leider hängt es nicht nur vom Kabel, sondern auch von den Komponenten wie Blu-ray-Player, AV-Receiver und Fernseher ab, ob ein Kabel funktioniert oder nicht. Nur weil ein Kabel mit dem aktuellen Setup seinen Dienst einwandfrei verrichtet, heißt das nicht, dass es mit zukünftigen Anschaffungen ebenfalls klappt.

Wer ein langes HDMI-Kabel braucht, findet bei HD Guru [8] Tests von ein paar verschiedenen Strippen, die große Distanzen überbrücken sollen.

Die Kabel-Lüge

Fürs Wohnzimmer beziehungsweise Heimkino gibt es vier verschiedene Typen von HDMI-Kabeln: High Speed mit und ohne Netzwerk und Standard Speed mit und ohne Netzwerk. Standard-Speed-Kabel sind bis 1080i-Auflösung spezifiziert, während High-Speed-Strippen auch 1080p und mehr unterstützen. In Wirklichkeit kommen viele Standard-Speed-Ausführungen aber auch mit 1080p zurecht, sie sind nur nicht dafür spezifiziert. Wenn man sich bei den Kabeln am unteren Ende des Preisbereichs bewegt, dann ist der Unterschied zwischen den beiden Typen allerdings ohnehin so gering, dass es praktisch keine Rolle spielt.

Wenn Kabel-Hersteller sagen, ihre Produkt „unterstützt 240 Hz“, dann ist das eine dreiste Lüge. Die Umwandlung auf 120 oder 240 Hertz geschieht im Fernseher selbst. Blu-ray-Scheiben bieten maximal 60 Vollbilder pro Sekunde bei 1920 mal 1080 Pixeln Auflösung – also 60 Hertz.

Teurere Kabel sind möglicherweise solider gefertigt, haben stabiliere Stecker sowie dickere Ummantelungen und halten potenziell mehr aus. Wie viel Geld man dafür auf den Tisch legen möchte, muss jeder selbst entscheiden. Wir brauchen für ein Wohnzimmer-Setup fern von der Hitze eines Stahlwerks oder den ständigen Vibrationen von Raketenstarts allerdings einfach nur ein Kabel. Und wenn das billigste Stück Draht den Umzug nicht übersteht, dann legen wir halt ein zweites Mal fünf Euro auf den Tisch.

Fazit

Die meisten Leser dieses Artikels werden vermutlich ein HDMI-Kabel benötigen, dass den Blu-ray-Player mit dem Fernseher verbindet – und das über eine Strecke von vielleicht zwei Metern. Bei so kurzen Entfernungen funktionieren auch die billigsten ihrer Art. Und wenn sie funktionieren, dann sind sowohl Bild- als auch Tonqualität perfekt. Und selbst über größere Distanzen leisten die meisten günstigen Kabel gute Dienste. Oder anders gesagt: Wer für ein Zwei-Meter-Kabel mehr als fünf Euro auf den Tisch legt, zahlt zu viel.

Artikel von CNET.de: http://www.cnet.de

URL zum Artikel: http://www.cnet.de/41552690/die-strippen-luege-teure-hdmi-kabel-lohnen-sich-weder-fuer-ton-noch-fuer-bildqualitaet/

URLs in this post:

[1] Transition Minimized Differential Signaling: http://de.wikipedia.org/wiki/Transition_Minimized_Differential_Signaling

[2] 8b/10b encoding: http://en.wikipedia.org/wiki/8b/10b_encoding

[3] Image: http://www.cnet.de/i/story_media/41552690/hdmi-kabel.jpg

[4] phasenverschoben: http://de.wikipedia.org/wiki/Phasenverschiebung

[5] symmetrische Signalübertragung: http://de.wikipedia.org/wiki/Symmetrische_Signal%C3%BCbertragung

[6] Handshake: http://en.wikipedia.org/wiki/Handshaking

[7] PCM: http://de.wikipedia.org/wiki/Puls-Code-Modulation

[8] HD Guru: http://hdguru.com/all-hdmi-cables-are-the-same-or-are-they-full-test/4373/