Kaufberatung: Smartphones mit Quad-Core-Prozessor braucht man nicht

Zumindest noch nicht, muss man der Fairness halber dazusagen. Aber es ist Fakt: Die zusätzliche Leistung, die die nächste Prozessorgeneration zu bieten hat, liegt heute in fast allen Fällen brach. Wir zeigen, warum man ruhig zum günstigeren Dual-Core-Modell greifen kann.

Schon zum Mobile World Congress im Februar, der größten Handy-Messe der Welt, war es ein ungeschriebenes Gesetz: Ein Hersteller braucht sich ohne Flaggschiff mit Quad-Core-Prozessor kaum in die Messehallen zu trauen. Denn Quad-Core ist der neue Maßstab. Vier Rechenkerne mit viel Power, mit Taktfrequenzen weit über einem Gigahertz, das muss man jetzt haben. Aber warum?

Zunächst stellen wir uns vor, die Smartphone-CPU würde wie ein Fließbandarbeiter alle auf sie ankommenden Aufgaben nacheinander abarbeiten. Teilt man nun die Aufgaben auf zwei oder vier Arbeiter (alias Rechenkerne) auf, wird die Arbeit doppelt oder sogar viermal so schnell fertig. Die Alternative dazu wäre es, schlicht die Geschwindigkeit von Fließband und Arbeitern in die Höhe zu schrauben. Das führt in der Praxis allerdings zu einer stärkeren Erwärmung und zu einem höheren Energieverbrauch – das wäre Gift für die ohnehin schon kritische Akkulaufzeit aktueller Top-Smartphones.

Inzwischen sind die ersten Geräte verfügbar, und die Benchmark-Testergebnisse zeigen eindeutige Ergebnisse. Rein nach Gefühl müssten die Modelle mit den Vierkern-Chips ja doppelt so schnell sein wie die mit nur zwei Rechenkernen. In der Theorie mag das auch stimmen, aber die Praxis sieht signifikant anders aus: In unserem Vergleich zwischen den beiden Neuerscheinungen HTC One S mit Dual-Core-Chip von Qualcomm und dem HTC One X mit Quad-Core-CPU von Nvidia schlägt das vermeintlich schwächere Gerät in jedem einzelnen Benchmark seinen großen Bruder. Aber woran liegt das?

Ganz klar: Dieser Artikel bringt die technischen Finessen hochkomplexer Smartphone-Prozessoren sehr einfach auf den Punkt. Das mag nicht in allen Fällen technisch bis auf das letzte Quäntchen korrekt sein, und das bitten wir, zu entschuldigen – aber nur so können wir das Thema für die Masse der Smartphone-Käufer aufbereiten.

Gerücht 1: Ein Chip ist ein Chip

Das Herz in einem jedem Smartphone-Chipsatz ist der ARM-Prozessor. ARM ist das Unternehmen, das die grundlegenden Funktionen, Layouts und Designs all jener CPUs entwickelt, die in Android- und Windows-Handys sowie im iPhone vorkommen. Die eigentlichen Hersteller der Prozessoren, wie Qualcomm, Nvidia, Texas Instruments, Samsung oder Apple, erwerben Lizenzen von ARM, um dieses Herz in ihre eigenen Chipsätze integrieren und es anpassen zu dürfen.

ARM selbst entwickelt unterschiedliche Prozessormodelle mit verschiedenen Architekturen. Vergleichen lässt sich das beispielsweise mit einem Pentium von Intel, dem Pentium 2, Pentium 3, 4 und so weiter gefolgt sind. ARM ist derzeit bei der Modellreihe Cortex-A15 angelangt, davor kamen Cortex-A9, Cortex-A8 und so weiter. Jedes neue Modell ist einzeln betrachtet schneller als sein Vorgänger – ein einzelner Cortex-A9 arbeitet also flotter als ein einzelner A8, aber langsamer als ein A15.

Übersicht: Generationen der ARM-Prozessoren
Übersicht: Generationen der ARM-Prozessoren

Um einen wirklichen Unterschied zu anderen Prozessoren der gleichen Generation zu erzielen, ist eine Lizenz nötig, die dem Hersteller das Gestalten eigener Chips auf der Grundlage der Befehlssätze von ARM ermöglicht, anstatt einen fertigen Prozessor zu übernehmen. Raj Talluri, Vice President of Product Management bei Qualcomm, sagt dazu: „Wir erreichen eine höhere Leistung mit zwei Prozessoren als unsere Mitbewerber mit vier.“

Tatsächlich gibt es teils gravierende Leistungsunterschiede zwischen den Smartphones – trotz gleicher Taktrate und Anzahl an Prozessorkernen laut Datenblatt. Das macht es für Käufer natürlich sehr schwer, auf den ersten Blick die tatsächliche Leistung und Unterschiede zwischen den konkreten Geräten zu erfassen.

Gerücht 2: Doppelte Anzahl an Kernen verdoppelt die Leistung

Huawei Ascend D Quad

Ach, wie einfach könnte es doch alles sein. Defacto gehört zu einem Smartphone, ja sogar zu einem Chip, viel mehr als der reine Rechenkern. Und genau da liegt der Hund begraben: Selbst, wenn man vier oder gar acht Cores in den Chip packt, müssen die sich die übrigen Ressourcen teilen. Es bleibt bei einem Akku, einem Grafikprozessor und vor allem bei der gleichen Menge an Arbeitsspeicher und der gleichen Geschwindigkeit, auf diesen zugreifen zu können.

Unterm Strich bleibt natürlich dennoch eine messbare und teils deutliche Leistungssteigerung. Aber eine Verdoppelung ist es nicht.

Neueste Kommentare 

Noch keine Kommentare zu Kaufberatung: Smartphones mit Quad-Core-Prozessor braucht man nicht

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *