Schon im Test: Nokia 808 PureView Kamera-Handy mit 41-Megapixel-Kamera

von Aloysius Low, Daniel Schraeder und Jacqueline Seng am , 18:18 Uhr

Pro
  • stabile Konstruktion
  • erstklassige Kamera, die mit Kompaktkameras mithalten kann
  • gute Bildqualität auch in dunklen Umgebungen
  • Display auch bei direkter Sonneneinstrahlung gut ablesbar
Con
  • kleines Display mit niedriger Auflösung
  • Symbian OS kommt nicht an Android und iOS heran
  • wenige Apps zur Auswahl
  • schwer und klobig
Hersteller: Nokia Listenpreis:
ZDNet TESTURTEIL: SEHR GUT 8,0 von 10 Punkte
Fazit:

Die Kamera des Nokia 808 PureView setzt Maßstäbe. Wer ein Handy hauptsächlich aufgrund der Kamera kauft, ist hier genau richtig. Wer eher auf der Suche nach einem Allrounder ist, wird bei der Konkurrenz wohl glücklicher. Zwar kann dort die Kamera nicht mithalten, aber vor allem bei der Software sind iPhone, Android & Co. noch immer für die Masse der Smartphonekäufer die bessere Wahl.

Na klar: Wenn ein Smartphone mit 41-Megapixel-Kamera ausgestattet ist, braucht man nicht lang nach dem Highlight zu suchen – man wird förmlich mit der Nase drauf gestoßen. Damit sollte das Nokia problemlos bessere Fotos schießen als andere High-End-Geräte mit guten Kameras wie das HTC One X oder das iPhone 4S. Und wer so viel Wert legt auf die Kamera, kommt wohl auch damit klar, dass die übrigen Stärken dank Symbian-Betriebssystem überschaubar sind.

Das 808 PureView folgt den Fußstapfen seines indirekten Vorgängers, dem Nokia N8. Hier wie dort liegt der Fokus zweifelsfrei auf den Foto- und Videofunktionen, beim 808 allerdings noch ein wenig kompromissloser. Mehr über die interessante Technik der Kamera verraten wir in diesem Artikel [1].

Bei einem so außergewöhnlichen Handy wie dem 808 PureView müssen wir auch noch einmal explizit dazusagen, dass es sich hierbei um einen Smartphone [2]-Testbericht handelt, der also einen Überblick über das komplette Gerät gibt, und sich nicht auf bestimmte Funktionen beschränkt.

Design

Der passendste Ausdruck für die Optik des neuen Nokias ist „solide“. Die Konstruktion ist tatsächlich sehr stabil, was aber auch kein Wunder ist – denn schließlich haben die Finnen auch in der Vergangenheit erstklassige Arbeit beim Bauen von Hardware abgeliefert. Dazu passt auch das mit 169 Gramm wirklich ordentliche Gewicht. Tatsächlich ist uns auch das Testgerät versehentlich aus Hüfthöhe auf Betonboden gefallen und hat sich dabei überraschenderweise nicht einen einzigen Kratzer zugezogen.

Mit einer Auflösung von 640 mal 360 Pixeln ist das 4-Zoll-Display nicht gerade auf dem aktuellen Stand. Das kleinere Display des iPhone 4(S) löst bei 3,5 Zoll 960 mal 640 Bildpunkte auf und sorgt so für eine signifikant schärfere Darstellung. Es ist natürlich schade, dass Nokia hier ganz offensichtlich die Kostenbremse reingehauen hat, zumal die Fotos und Videos der doch sehr speziellen Kamera auf einem besseren Display auf den ersten Blick noch mehr hermachen würden.

Aber dafür ist die Anzeige immerhin von den Abmessungen her optimal für eine Einhand-Bedienung und bringt die ClearBlack-Displaytechnik von Nokia mit, die auch bei direkter Sonneneinstrahlung noch für eine ordentliche Ablesbarkeit sorgt. Fingerspuren und sonstiger Dreck bleiben dennoch auf der Oberfläche haften und können bei starkem Umgebungslicht stören. Im Zweifelsfall schadet es also nicht, ein Reinigungstuch dabei zu haben.

Die abgerundeten Kanten der Gorilla-Glasscheibe über dem Display sind ein attraktives Designelement, das wir so auch schon vom Nokia N8 und N9 her kennen. Es ist eine gelungene Abwechslung zu den ewig-flachen Anzeigen der Konkurrenz.

Über die dicke Beule auf der Rückseite sind wir hingegen nicht ganz so glücklich, aber sie ist nun mal der Preis für die PureView-Kamera und ihre große Linse. Am dicksten Punkt baut das 808 ganze 1,8 Zentimeter in die Höhe und ist damit doppelt so dick wie andere aktuelle Flaggschiff-Smartphones. Damit flutscht es nicht ganz so komfortabel in die Hosentasche wie ein Galaxy S3 oder ein iPhone 4S.

Immerhin haben die Designer daran gedacht, das Nokia nicht zu kopflastig zu bauen. Überraschenderweise liegt es angenehm ausbalanciert in der Hand. Die keramik-ähnliche Oberfläche sorgt für einen anständigen Grip, so dass das Handy auch bei einhändiger Nutzung grundsolide in der Hand liegt. Nur beim Fotografieren oder Filmen im Querformat greifen wir dann gelegentlich doch zur zweiten Hand. Noch etwas mehr Textur oder Gummi an den typischen Handablageflächen hätten sicher gut getan, aber insgesamt sind Design und Haptik gelungen. Vor Kratzern in der Linse muss man übrigens auch keine Angst haben, da sie leicht nach innen versetzt ist.

Wie bei früheren Nokia-Smartphones kommt auch beim PureView ein Schiebeschalter anstatt eines Lock-Tasters an der Seite des Gehäuses zum Einsatz. Das ist praktisch und führt nicht zu Fehlbedienungen, und noch dazu hat der Hersteller eine praktische Funktion integriert: Hält man den Lock-Schieber unten, schaltet sich die Foto-Leuchte als Taschenlampe an.

Ausstattung

Auf dem PureView läuft das Symbian-Betriebssystem in der Belle-Version. Wie wir schon in der Vergangenheit festgestellt haben, ist die ja im Volksmund bereits abgeschriebene Software inzwischen tatsächlich konkurrenzfähig. Wer sich mehr für die Details von Symbian Belle interessiert, dem sei der entsprechende Abschnitt in unserem Testbericht zum Nokia 701 [3] ans Herz gelegt

Die Kommunikation mit der Außenwelt erfolgt über alle Kanäle, die aktuelle Top-Smartphones so zu bieten haben. Neben GSM und UMTS mit dem Datenturbo HSDPA bis 14,4 MBit/s gibt es Bluetooth, WLAN und den neuen Kurzstreckenfunk NFC. Die Positionsbestimmung erfolgt standesgerecht über den integrierten GPS-Empfänger, und dank eines HDMI-Ausgangs lässt sich das Handy auch direkt an einen großen Fernseher anschließen, um beispielsweise Fotos und Videos, aber auch Webseiten, in voller Größe betrachten zu können.

Der interne Speicher ist mit 16 GByte äußerst gut bemessen, dazu gibt es noch einen microSD-Speicherkartenslot. Er ist allerdings nicht Hot-Swap-fähig, man muss das Handy also abschalten, um die Karte tauschen zu können. In der Praxis stört uns das wenig. Dafür freuen wir uns über den austauschbaren Akku – das ist in letzter Zeit nicht mehr selbstverständlich.

Aber wir wissen es schon. Der einzige Grund, warum ihr diesen Beitrag lest, ist gleichzeitig das Highlight des 808: Der 41-Megapixel-CMOS-Bildsensor! Er ist 1/1,2 Zoll groß und damit nicht nur größer als der des Nokia N8, sondern überragt auch die Sensor-Abmessungen von besseren Kompaktkameras wie der Panasonic Lumix DMC-LX5 oder Fujifilm FinePix X10.

Zunächst vergleichen wir die Kamera des 808 aber mit anderen Smartphones. Auf den ersten Blick fallen uns ein paar Punkte auf, die es besser macht als einige der Konkurrenten. Es gibt in den Kreativ-Modi haufenweise Optionen, aber viel interessanter ist die Tatsache, dass die Detailgenauigkeit beim Einsatz des Zooms erhalten bleibt. Auch bei dunklen Umgebungen bleiben die Ergebnisse erfreulich rauschfrei. Wer sich tiefer in die Details der Kamera-Software vorwagt, freut sich über HDR-Optionen oder Zeitlupenaufnahmen. Für Handy-Fotografen mit höheren Ansprüchen gibt es von Nokia sogar einen optionalen Halter mit Stativgewinde. Die Auslösezeit ist erfreulich kurz, aber das darauffolgende Bearbeiten und Speichern des Bildes dauert etwas länger – hier müssen schließlich große Pixelmengen bearbeitet werden.

In der Praxis freuen wir uns über die Ein-Finger-Wischgeste zum Zoomen, die entscheidende Bildteile deutlich schneller in den Vordergrund holt, als wir es durch Drücken des Lautstärke-Wippschalters hinbekommen. Das ist besonders bei der Aufnahme von Videos praktisch, denn das Aktivieren der mechanischen Tasten sorgt häufig noch für ein Wackeln im Bild. Ein einfacher Wisch nach oben zoomt herein, um herauszuzoomen, wischen wir nach unten – fertig.

Obwohl hier vergleichsweise komplexe und moderne Technik zum Einsatz kommt, soll sie laut Nokia sehr stabil sein. Produkt-Marketing-Direktor Vesta Jutila von Nokia hat auf dem Mobile World Congress [5]bei der Vorstellung des PureView erklärt. dass die Blende, das Autofokus-System und der ND-Filter die einzigen beweglichen Teile im Inneren des Kameramoduls sind, und dass im Vorfeld etliche Fall- und Sturztests schadfrei ausgegangen sind.

Leider gibt es ein paar Nachteile bei der Software. Beispielsweise gibt es keine Serienbildfunktion, die beim Gedrückthalten des Auslösers ein Foto nach dem anderen schießt. Das mag zwar auch der hohen Bildsensor-Auflösung zuzuschreiben sein, kann aber den einen oder anderen Interessenten abschrecken. Auch an anderer Stelle gibt es noch Luft nach oben. So ist der Zugriff auf die Kamera zwar direkt über einen Tastendruck auf den Auslöser möglich, ohne, dass man das Handy entsperren muss. Dann gibt es aber keinen Zugriff auf die erweiterten Einstellungsmöglichkeiten. Dass man den Blitz ein- und ausschalten kann, ist hier das Höchste der Gefühle. Außerdem ist das Betrachten der Fotos erst möglich, nachdem man das Handy entsperrt hat – zumindest, wenn ein Passwortschutz eingerichtet ist. Bei aktuellen Android [6]-Smartphones und dem iPhone kann man zumindest die Ergebnisse der aktuellen Foto-Session betrachten, ohne das Gerät zu entsperren.

An andere Stelle hätten wir uns ebenfalls über etwas mehr Liebe zum Detail gefreut. So ist beispielsweise das Hochladen von Bildern nach dem Schießen direkt zu Facebook und Flickr möglich, aber nicht zu Twitter. Und die Vorschau-App richtet Bilder nicht ins Querformat aus. Wer Bilder in voller Größe auf dem Display sehen möchte, muss die Vorschau beenden und die Galerie-Anwendung starten. Die wiederum verhält sich eher wie die Foto-Ansicht auf einer Kompaktkamera als wie die eines Smartphones: Wenn wir in ein Foto hineingezoomt haben, müssen wir erst von Hand wieder herauszoomen, bevor wir das nächste Bild betrachten können. All das ist sicherlich nicht schlimm, aber insgesamt bleibt der Eindruck, dass Nokia es noch besser hätte machen können.

Obwohl das 808 das einzige aktuelle Smartphone mit Xenon-Blitz anstelle einer Foto-LED ist, könnte er ruhig noch heller sein. Laut Nokia ist der Blitz schon doppelt so hell wie der des N8, aber Aufnahmen wirken häufig so, als hätte jemand mit einer kleinen Taschenlampe für etwas Licht gesorgt. Außerdem sorgt der Blitz für eine Pinkfärbung im Bild. Ein weiterer Haken an der neuen Kamera-Technik des 808 ist, dass der Mindestabstand vergleichsweise groß ist – für Makro-Aufnahmen eignet es sich also nicht.

All das klingt jetzt wirklich negativ. Das liegt natürlich daran, dass wir hier auch die Negativpunkte aufzählen. Insgesamt können wir aber nur sagen, dass die Technik, die Nokia hier verbaut, die Handy-Fotografie revolutionieren könnte, und dass das 808 PureView nahezu perfekte Fotos schießt – und auf jeden Fall bessere, als die Konkurrenz auf den internen Speicher bannt.

Leistung

Der 1,3 GHz schnelle Single-Core-Prozessor des 808 ist nicht gerade die schnellste Smartphone-CPU, die derzeit zum Einsatz kommt – andere Hersteller bringen bei quasi gleicher Taktfrequenz gleich vier Rechenkerne in ihrem Smartphone unter. Aber es kommt ja auch nicht auf die Leistung laut Datenblatt an, sondern darauf, wie gut das Handy reagiert. Und in diesem Punkt können wir uns nicht beschweren. Das Nokia reagiert flott auf Nutzereingaben und nervt nicht mit Hakeln und Ruckeln, und die 512 MByte Arbeitsspeicher scheinen genau die richtige Menge zu sein, um flottes Arbeiten zu ermöglichen – selbst im Multitasking, also mit mehreren gleichzeitig laufenden Anwendungen.

Sicherlich kommt es der Gesamtleistung zu Gute, dass Nokia der Kamera einen expliziten Bildprozessor spendiert hat und die CPU sich nicht um die Bearbeitung der Fotos kümmern muss.

Die 1400 mAh starke Batterie im Inneren hält so lang, wie die Akkus anderer Smartphones auch. Bei intensiver Nutzung kommen wir über den Tag, mehr aber auch nicht. Wer aber nach einem Büro-Arbeitstag noch ins Nachtleben durchstarten will und dort plant, die 808-Kamera häufig einzusetzen, ist gut damit beraten, einen zweiten Akku oder ein externes Ladegerät mitzubringen.

Fazit

Kurz und knapp: Eine so gute Kamera ist uns in einem Handy noch nie untergekommen. Was Nokia in diesem Punkt geleistet hat, verdient wahrlich Respekt.

Allerdings sind Smartphones wie das iPhone 4S, das Samsung [8] Galaxy S3 oder das HTC [9] One X auch nicht aufgrund ihrer vergleichsweise guten Kameras so erfolgreich, sondern weil das Gesamtpaket stimmt. Hier steht dem PureView das Symbian-Betriebssystem im Weg. Es ist zwar inzwischen auch ausgereift und auf hohem Niveau, aber es mangelt an Apps. Würde Android auf dem 808 PureView laufen, wäre es ein Kassenschlager.

So ist es kein Gerät für die Masse, sondern eins für diejenigen, denen eine gute Kamera wichtiger ist als die typischen Smartphone-Funktionen. Wer eine Kamera sucht, die Telefonieren kann, ist hier genau richtig – und für ein paar kurze Ausflüge ins Internet reicht es auch noch.

Artikel von CNET.de: http://www.cnet.de

URL zum Artikel: http://www.cnet.de/41564462/schon-im-test-nokia-808-pureview-kamera-handy-mit-41-megapixel-kamera/

URLs in this post:

[1] Mehr über die interessante Technik der Kamera verraten wir in diesem Artikel: http://www.cnet.de/digital-lifestyle/trends-technik/41559007/nokia_808_pureview_mit_41_megapixel_kamera_der_meister_des_digitalen_zooms.htm

[2] Smartphone: http://www.cnet.de/themen/smartphone/

[3] in unserem Testbericht zum Nokia 701: http://www.cnet.de/tests/handy/41556493/nokia_701_im_test_kompaktes_smartphone_mit_fantastischer_ausstattung.htm

[4] Kamera-Vergleich: Nokia PureView 808 gegen iPhone 4S gegen HTC One X: http://www.cnet.de/41564393/kamera-vergleich-nokia-pureview-808-gegen-iphone-4s-gegen-htc-one-x/?pid=1#sid=41564462

[5] Mobile World Congress : http://www.cnet.de/themen/mwc/

[6] Android: http://www.cnet.de/themen/android/

[7] Kamera-Vergleich: Nokia 808 PureView gegen iPhone 4S: http://www.cnet.de/41564378/kamera-vergleich-nokia-808-pureview-gegen-iphone-4s/?pid=1#sid=41564462

[8] Samsung: http://www.cnet.de/unternehmen/samsung/

[9] HTC: http://www.cnet.de/unternehmen/htc/