Telegram: Behörden können offenbar Ende-zu-Ende-Verschlüsselung umgehen

Ein Forscher traut der Verschlüsselung nicht. Sie ist seiner Ansicht nach fehlerhaft. Inzwischen hat der Messaging-Dienst 78 öffentliche Channel mit Bezug zum Islamischen Staat gesperrt. Telegram verschlüsselt aber nicht die Kommunikation in Channels.

Offenbar können Behörden die Ende-zu-Ende-Verschlüsselung von Telegram problemlos umgehen. Der Sicherheitsforscher Thaddeus Grugq behauptet zumindest in einem Blogeintrag, er „würde der Verschlüsselung in Telegram nicht trauen“, wenn sie vor staatlicher Überwachung schützen soll. Einem Bericht von The Daily Beast ist die Messaging-Anwendung die Lieblings-Chat-App des Islamischen Staats.

Telegram wurde von russischen Programmierern entwickelt, die der staatlichen Überwachung in ihrem Heimatland entgehen wollten. Die App, die auch verschlüsselte Gruppen-Chats anbietet, hat nach eigenen Angaben mehr als 50 Millionen Nutzer weltweit.

(Logo: Telegram)

„Selbst wenn Telegram solide verschlüsselt, gibt es einige ernste Probleme mit dem sicheren Betrieb des Programms“, so Grugq weiter. Telegram ist fehleranfällig, hat eine wackelige selbstgemachte Verschlüsselung, gibt umfangreiche Metadaten preis, stiehlt das Adressbuch und ist als Lieblingstreff von Terroristen bekannt. Ich kann mir keine schlechtere Kombination für einen sicheren Messenger vorstellen.“

Bereits die Tatsache, dass die App alle Kontakte auf die Server von Telegram hochlade, sei bedenklich, auch wenn die Verschlüsselung der App noch nicht öffentlich geknackt ist. „Der sicherste Weg, Telegram zu nutzen, ist es gar nicht zu tun“, ergänzte er.

Matthew Green, Kryptografieexperte und Professor an der Johns Hopkins University, bescheinigt der Telegram-App in einem Tweet zumindest eine „schöne“ Bedienoberfläche. Die Verschlüsselung sei jedoch „wie ein Stich mit einer Gabel ins Auge“. Konkrete Bedenken nennt er jedoch nicht.

Inzwischen hat der Messaging-Dienst auf den Vorwurf reagiert, es sei die Lieblings-Messenger-App islamischer Terroristen. „In dieser Woche haben wir 78 Channel in 12 Sprachen mit Bezug zum Islamischen Staat blockiert“, teilt das Unternehmen per Twitter mit. „Wir konnten diese öffentlichen Channel identifizieren und blockieren, weil Sie Berichte an abuse@telegram.org geschickt haben. Danke!“, heißt es in einem weiteren Tweet.

Christopher Soghoian von der American Civil Liberties Union weist zudem per Twitter darauf hin, dass Telegram die Kommunikation in seinen Channels nicht verschlüsselt. „Diese waren wahrscheinlich eine wichtige Informationsquelle für Regierungen.“

Die Terroranschläge von Paris haben die Diskussion über Hintertüren in Verschlüsselungstools erneut entfacht. Allerdings ist bisher nicht geklärt, ob die Täter überhaupt verschlüsselte Kommunikation für die Organisation ihre Angriffe auf das Stade de France, die Konzerthallte Bataclan und mehrere Cafés benutzten. Medienberichten zufolge bestätigte ein ermittelnder Staatsanwalt in Paris, dass die Terroristen Informationen auch per SMS ausgetauscht haben – also unverschlüsselt.

[Mit Material von Stefan Beiersmann, ZDNet.de]

Anja Schmoll-Trautmann
Autor: Anja Schmoll-Trautmann
Redakteurin
Anja Schmoll-Trautmann Anja Schmoll-Trautmann Anja Schmoll-Trautmann

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Eine Kommentar zu Telegram: Behörden können offenbar Ende-zu-Ende-Verschlüsselung umgehen

  • Am 19. November 2015 um 16:28 von Klaus

    Sehr interessant, Informationen wurden unverschlüsselt übertragen, abgefangen und vermutlich sogar gesichtet und verarbeitet, aber es war nicht möglich die Anschläge zu verhindern.

    Das spricht entweder für geballte Inkompetenz oder man nutzt die Anschläge jetzt wieder um die Freiheit aller Menschen einzuschränken.

    Und wenn angebliche Terroristen einen Messenger benutzen und diesem trauen, dann ist das wohl eher ein Zeichen dafür, dass er relativ sicher ist.

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