So haben Musikstreaming-Dienste die Pop-Musik verändert

Spotify, Apple Music und Deezer haben nicht nur die Musiklandschaft, das Produzieren und Hören von Musik, nachhaltig verändert. Auch die Ästhetik der populären Musik hat sich im Zeitalter des digitalen Angebots von Musikstreaming-Diensten gewandelt. Zu diesem Ergebnis kommt der Musikwissenschaftler Hubert Léveillé Gauvin, Doktorand an der Ohio State University, in einer Studie.

Für seine Untersuchung, die in der Musikzeitschrift Musicae Scientiae publiziert wurde, hat Gauvin mehrere Monate die Top-Ten-Musik von 1986 bis 2015 gehört und das formale Profil der Songs in den jeweiligen Zeiten miteinander verglichen. Das Ergebnis: Zeitgenössische Mainstream-Musik unterscheidet sich von der Chartmusik aus der Zeit vor dem Streaming-Zeitalter deutlich.

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Unter anderem ist das Tempo der Musik heute rund acht Prozent schneller als noch vor 30 Jahren. Zudem ist Gauvin aufgefallen, dass Interpreten nicht lange fackeln, bis sie in den Lyrics den Songtitel fallen lassen. Und: Die Titel selbst fallen heute wesentlich kürzer aus als in früheren Zeiten. Nicht selten bestehen sie aus einem einzigen Begriff.

Die dramatischste Veränderung aber betrifft die Struktur der Songs. Dauerten etwa die Intros bis zum Einsetzen der Lyrics in den 1980er Jahren durchschnittlich 20 Sekunden, beträgt ihre Dauer heute gerademal fünf Sekunden. Das entspricht einem Rückgang um 78 Prozent.

Um seine These zu untermauern, vergleicht Gauvin den 1987-Jahre-Hit „Nothing’s Gonna Stop Us Now“ von Starship mit dem Song „Sugar“ von Maroon 5. Während erstere Band 22 Sekunden bis zu den Lyrics braucht, fängt Maroon-5-Sänger Adam Levine bereits nach rund 10 Sekunden an zu singen. Letzterer braucht 40 Sekunden bis zur Nennung des aus einem Wort bestehenden Titels, Starship kommt nach mehr als einer Minute auf das Thema.

Jedem Zeitalter ihre Ästhetik

Bild: Deezer

Bild: Deezer

Als Grund für den Wandel nennt Gauvin technologische Veränderungen, die schon immer die Ästhetik von Kunstwerken geprägt hätten. In Zeiten, in denen Hörer nur einen einfachen und kostenlosen Klick vom nächsten Song entfernt sind, müssten Komponisten und Musikproduzenten Strategien entwickeln, um ihre Aufmerksamkeit zu erregen.

Gauvin bezeichnet das Phänomen als „attention economy“ (Aufmerksamkeitsökonomie) und sieht die Entwicklung unter darwinistischen Gesichtspunkten. „Der Stärkere überlebt. Songs, die es schaffen, die Aufmerksamkeit des Hörers zu wecken, werden gehört, die anderen werden übersprungen. Es gibt immer einen anderen Song“, so der Musikwissenschaftler.

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