2. September 2010
10. Februar 2006 | 16:34 Uhr
Des Messers Schneide trägt Lack und Leder

Aeon Flux - Die komplette Serie

GENRE: Trickfilm

Charlize Theron wird ganz schön springen müssen, sich strecken und biegen. Und natürlich knappe Kostüme anziehen für ihre Rolle der außergewöhnlichsten Killerin der letzten zehn Jahre. Pünktlich zum Kinostart der Realverfilmung von "Aeon Flux" gibt es jetzt eine fantastische 3-DVD-Box mit allen Animationsabenteuern der in ein zartes Nichts aus Lack und Leder gehüllten Titelheldin. Die athletische Kampfmaschine debütierte 1991 mit kurzen Clips bei MTV und durfte ab 1995 in zehn 20-Minütern über die nächtlichen Bildschirme ballern - mit bahnbrechenden Animationen und komplexen Plots, die von explosiver Action angetrieben wurden.

Eines vorneweg: Man muss Aeon Flux nicht unbedingt verstehen. Das klappt mit herkömmlichen Denkkategorien ganz einfach nicht - daran hat ihr Schöpfer Peter Chung (arbeitete vorher an den Knuddelbabys "Rugrats"), der sie für MTVs abgefahrenes Nachtprogramm "Liquid Television" erfand, mit größter Sorgfalt gearbeitet. Und zwar absichtlich. "Die Zuschauer können aus den Filmen mitnehmen, was sie wollen", sagt Chung. Es gibt keine Botschaften, die er vermitteln wolle.

Aeon - die Killerin, die Anarchistin, die Saboteurin - hastet, kämpft und tötet sich durch eine Zukunftswelt. Scheinbar ziellos: "Ich stehe auf gar keiner Seite", sagt sie und bekämpft vor allem Trevor Goodchild. Der ist Tyrann von Bregna und ihre große Liebe in Personalunion. Politische Motive? Gibt es nicht. Moralische Rechtfertigungen? Sind nicht nötig. Gefühl? - Was ist das? Nein hier geht es nur um Aeon - "Ich bin des Messers Schneide" - selbst und um ein actiongetriebenes Storytelling. Nicht mehr, nicht weniger.

Für Interpretationsliebhaber bietet "Aeon Flux" dennoch jede Menge Futter: Die totale Überwachung, anders als noch bei George Orwell, als heilsbringende Errungenschaft gefeiert. Der düstere Surrealismus, der sich aus Einflüssen von Luis Bunuel und Fritz Lang speist. Und nicht zuletzt die atemberaubende Animationen - eine bemerkenswerte Mischung aus japanischer Animé-Reduktion und amerikanischer Detailfreude.

Es sind dreckige kleine, unheimlich fiese und subversive Underground-Clips, durch die Aeon Flux jagt, springt, sich abrollt und wild um sich schießt. Das Einzige, worauf man sich verlassen kann, ist ihre waffenstarrende Beweglichkeit. Der Rest variiert, verwirrt, zwingt das Gehirn, ausgetretene Denkpfade zu verlassen. Hier ist nichts, wie es scheint - Moral wird zu Unmoral, gut zu böse, hell zu dunkel. Ohne Vorankündigung, ohne erkennbare Notwendigkeit. Wie das Stakkato der Maschinengewehrsalven, die Aeon in diverse Menschenmengen feuert.

Das ist dann übrigens auch die größte Bürde für Charlize Theron. Knappe Kostüme können geschneidert, Haare mit geringem Aufwand schwarz gefärbt werden, Athletik lässt sich antrainieren und der Umgang mit (futuristischen) Schusswaffen lernen. Aber das Nachtprogramm eines Jugendsenders mit Hang zur Subversivität funktioniert anders als teuer produzierte Kinofilme, die sich nicht trauen, aus Konventionen auszubrechen. Eine Handlung und der Drang zur konservativen Abgrenzung zwischen Gut und Böse lassen befürchten, dass Aeon Flux auf der Leinwand zu einer ganz gewöhnlichen Action-Heroine wird. Sexy und tödlich zwar, aber auch mit dem Stigma einer Ödnis behaftet, in der man sich bereits 1.000 Mal gelangweilt hat.

Da helfen dann wirklich nur die drei DVDs des animierten (im positiven Sinne!) Wahnsinns. Neben den zehn geschlossenen Folgen, die alle digital überarbeitet wurden, bietet die Box die Möglichkeit, an den Ursprung zurückzukehren. Die ersten MTV-Clips, der berauschende Pilotfilm - die wahrscheinlich beste Episode, Interviews mit den Machern und Einblicke in das "Aeon Flux"-Produktionsuniversum sind schlichtweg fantastisch. Dazu gibt es kurze Appetizer aus dem "Liquid Television", mit dem MTV gegen die etablierten Sehgewohnheiten rebellierte. Die ausgezeichnete Bildqualität und der dynamische, homogen abgemischte Sound mit zahlreichen Effekten machen die äußerst elegant gestaltete DVD-Box endgültig zu einem absolutem Must-Have!

© Teleschau - der mediendienst

DVD-Fakten

Veröffentlichungsdatum   02.02.2006
FSK   16
Studio / Vertrieb   Paramount
Laufzeit   213 Min.
Extras   Audiokommentar Peter Chung (Schöpfer, Co-Regisseur) & Original-Crew; Aeon Flux Pilotfilm; Aeon Flux Kurzfilme; Featurettes: Ermittlungen: die Geschichte von Aeon Flux, Die normabweichenden "Bauteile" von Aeon Flux; Production Art: Zeichnungen, Storyboards, Modell Sheets, Farbbilder & Testzeichnungen; Weitere Arbeiten von Peter Chung; Weitere "Liquid Television"-Kurzfilme
Bildformat   4:3 (Vollbild)
Tonsystem   Dolby Digital
Ländercode   Regionalcode 2
Preis  

Film-Fakten

Sprachen   Deutsch (5.1 / 2.0), Englisch (5.1 / 2.0)
Untertitel   Deutsch, Englisch,
Regisseur   Howard E. Baker, Peter Chung

Bewertung

Film   10 (von 10 Punkten)
Bild   8 (von 10 Punkten)
Ton   8 (von 10 Punkten)
Extras   10 (von 10 Punkten)
 

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