Das Überhandy: Nokia N95

von Daniel Schraeder und Ellis Benton am , 10:00 Uhr

Pro
  • integriertes GPS
  • großes Farbdisplay
  • gute 5-Megapixel-Kamera
  • WLAN, UMTS, Bluetooth und USB
Con
  • träge Menüführung
  • Software-Fehler und Abstürze
  • nur mäßige MP3-Wiedergabe
  • hoher Preis
Hersteller: Nokia Listenpreis: 800 Euro
ZDNet TESTURTEIL: EXZELLENT 8,7 von 10 Punkte
Fazit:

Der Funktionsumfang und die gute 5-Megapixel-Kamera machen dieses Mobiltelefon zu etwas Besonderem. Abgesehen von einigen Software-Bugs überzeugt das neue Nokia als Handy ebenso wie als Navigationsgerät, PDA und Kamera.

Den hohen Preis rechtfertigt das N95 schon fast mit dem eingebauten GPS – denn ein portables Navi plus ein gutes Handy kosten ähnlich viel. Abgesehen von einigen Software-Bugs überzeugt das neue Nokia als Handy ebenso wie als MP3-Player, PDA und Foto- sowie Videokamera.

Der Handymarkt ist schnelllebig. Fast im Wochenrhythmus fliegen erst wenige Monate alte Geräte aus den Onlineshops der Provider, neuere übernehmen ihren Platz. Und alle paar Jahre kommt es zu einer Revolution. Zum Beispiel genau jetzt – mit dem Nokia N95. Einem Alleskönner. Einem Handy, das den Stand der Dinge neu definiert. Mit GPS-Navigation, 5-Megapixel-Digicam, MP3- und Videoplayer, WLAN, Bluetooth und PDA-Funktionen. Und all das ist zusammengefasst in einem edlen, silbrig glänzenden Gehäuse, das Neidgefühle bei den Mitmenschen weckt – wie eine Fahrt im Porsche über die Münchner Leopoldstraße.

Doch das kostet. Wen dubiose Handyverkäufer – die Gebrauchtwagenhändler der Gegenwart – ebensowenig abschrecken wie völlig überzogene Grundgebühren, Partnerverträge mit nur einem Endgerät oder astronomische Mindestumsätze, der kommt schon für
null Euro plus einem dicken Stern im Vetrag an den Überflieger. Risikofrei und ohne Vertrag treibt einem der Preis jedoch die Tränen in die Augen: Vodafone etwa verlangt für das nackte Gerät 810 Euro! Kombiniert mit einem üblichen Tarif bleiben auf der Rechnung drei- bis vierhundert Euro stehen.

Design

Die Investition lohnt sich. Nokia weiß eben, wie man Handys baut. Wer das Gerät in die Hand nimmt, fragt sich: Wie zum Teufel haben die so viel Technik auf so wenig Platz untergebracht? Dazu kommt noch das erstaunlich leichte Gewicht von 120 Gramm.

Die Finnen führen mit dem N95 einen Doppelslider ein. Die komplette Oberfläche – bestehend aus Display und Navigationstasten – lässt sich sowohl nach oben, als auch nach unten verschieben. Gleitet sie nach oben, kommt die klar strukturierte Telefontastatur zum Vorschein; schiebt man sie nach unten, werden berührungssensitive Tasten zur Kontrolle des Mediaplayers sichtbar. Gleichzeitig dreht sich der Displayinhalt um 90 Grad.

Im zusammengeschobenen Zustand ist der Zugriff auf rudimentäre Funktionen und Menüs über das Tastenfeld unterhalb des Displays möglich. Fast völlig flach in die Oberfläche integriert befinden sich hier Menü- und Ruftasten sowie ein Vier-Wege-Joystick zur problemlosen Navigation durch Funktionen und Einstellungen. Ebenfalls auf der Oberseite sitzt die obligatorische, zweite Kamera für Videotelefonie über UMTS. Die Linse der „großen“ Cam befindet sich auf der Rückseite – geschützt von einer gut funktionierenden, mechanischen Klappe und begleitet von einer weißen LED für Fotos bei Nacht.

Zwei seitlich angebrachte Tasten regeln die Lautstärke. Außerdem gibt es noch einen Micro-SD-Slot hinter einer Schutzklappe. Bemerkenswert ist, dass sich an den Seitenkanten neben zwei Lautsprechern für Stereosound nun auch eine 3,5-Milimeter-Klinkenbuchse zum Anstecken eines Standard-Kopfhörers befindet. Die mitgelieferten Ohrhörer sollte man allerdings gleich austauschen, wenn nach dem Kauf noch etwas Geld auf dem Konto ist. Die Synchronisation mit dem PC erfolgt über ein Mini-USB-Kabel.

Funktionen

Die vorinstallierte GPS-Software hört auf den stumpfen Namen Maps – obwohl keine Karten auf dem Telefon gespeichert sind. Das Programm lädt Straßenkarten, Routen und sogar Sprachanweisungen on-the-fly über UMTS aus dem Netz – hier ist also ein ordentlicher Datentarif gefragt. Sonst wird’s teuer.

Stark ist die Animation beim Aufruf von Maps. Ähnlich wie Google [2] Earth zeigt das Display zunächst die Weltkugel, um dann an die aktuelle Position zu zoomen. Sie lässt sich auch abbrechen – falls mal niemand in der Nähe steht, den es zu beeindrucken gilt. Bis die aktuelle Position auf dem Handy erscheint, kann eine gute Minute vergehen. Grundätzlich ist die Empfindlichkeit des GPS-Moduls allerdings angenehm hoch – sogar im Gebäude in Fensternähe klappt die Ortung.

Der Anbieter der Karten deckt 100 Länder ab. Wer also in Rom, New York oder Kapstadt aus dem Flugzeug steigt, bekommt auf Knopfdruck seine Umgebung aufs Handy gebeamt. Vorausgesetzt, er scheut nicht die im Ausland noch höheren Traffickosten oder hat Zugriff auf ein WLAN.

Navigieren klappt mit Maps recht gut. Das Planen von Routen gelingt ebenso auf Anhieb wie die Suche nach Points of Interest in der Nähe oder nach Ortsnamen. Allerdings gibt es bislang keine Daten zu stationären Blitzern oder Staus. Sprachanweisungen beim Fahren kosten allerdings extra.

Abgesehen von der Navigation verfügt das N95 über die gesamte Softwareausstattung der N-Serie – also einen hervorragenden Webbrowser mit WLAN-Unterstützung, E-Mail- und Officeprogramme, ein paar Spiele sowie ein vollständiges PDA-Paket.

Leistung

So gut die Navigation mit Maps auch klappt – die Integration mit der restlichen Software des Handys ist mau. Beispielsweise kann man nicht aus den Kontakten heraus eine Routenberechnung starten oder Fotos, die mit der integrierten Digicam geknipst wurden, mit einem Orts-Tag zu versehen. Das Verlassen und erneute Starten von Maps bringt das N95 auch noch gelegentlich zum Abstürzen.

Die Kamera ist ein wahrer Schritt nach vorne, sogar im Vergleich zu Nokias Kamera-Telefon N93. Dennoch werden Fotos häufig leicht unscharf, denn optischer Zoom und ein guter Autofokus fehlen. Die starke JPEG-Kompression tut ihr übriges. Davon abgesehen präsentieren sich die Bilder mit starken Farben und gleichmäßiger Ausleuchtung. Sogar Fotos im Dunkeln sind brauchbar und haben nur wenig Rauschen. Der LED-„Blitz“ ist nicht schlecht, aber kein Vergleich mit Sonys Cybershot-Handys mit echtem Blitz.

An den MPEG4-Videos gibt es nichts auszusetzen. Sie sind detailreich und farbenfroh und durchaus mit den Ergebnissen von kompakten Digitalkameras zu vergleichen. Die Clips sehen beim Abspielen im Breitbildformat hervorragend aus, lediglich die Tonwiedergabe enttäuscht. Der Sound wirkt nicht klar, fast, als wäre das N95 in einer Wolldecke eingewickelt. Auch, wenn man hochwertige Kopfhöhrer einsteckt.

Anrufer hingegen klingen klar und deutlich. Senden und Empfangen von SMS und MMS klappt nokiatypisch hervorragend; man kann sogar seine aktuelle, über GPS ermittelte Position per MMS an Freunde übermitteln. Allerdings: Eine Karte schickt die Software leider nicht mit. Stattdessen gibt es die Koordinaten als Anhang. Mit besten Grüßen an den Erdkundelehrer.

Zum Akku gibt es nicht viel zu sagen. Im Übernokia steckt so viel Technik, die sich am kostbaren Saft bedient, dass es bei intensiver Nutzung täglich an sein Ladegerät will. Besonders gefräßig gibt sich die Navigation – das ganze Gerät erhitzt sich, während es seinen Besitzer durch fremde Städe führt.

Fazit

Die Navigation funktioniert zu Fuß besser als mit dem Auto. Wer hunderte von Kilometern auf Autobahnen verbringt, hat von einem Tomtom, Becker oder Navigon deutlich mehr als vom N95. Die Sprachausgabe ist lauter, die Rechengeschwindigkeit höher, es warnt vor Blitzern und umfährt Staus. Ähnlich verhält es sich bei der eingebauten Kamera. Eine Kompaktkamera wie die Fuji Z5 spielt in einer ganz anderen Liga als die kleine Handy-Linse.

Beziehungsweise – das N95 spielt in einer anderen Liga. In einer eigenen. Denn es gibt kein anderes Gerät, das so viele Funktionen und Möglichkeiten der Kommunikation vereint. Es repräsentiert den derzeitigen Höhepunkt der Miniaturisierung, ohne Flexibilität, Usability oder Style zu opfern.

Hoffentlich treibt Nokia dem N95 bald seine Bugs und seine Trägheit aus. Denn sie nerven und sind bei einem 800-Euro-Telefon absolut nicht angebracht. Ansonsten ist es ein kleines technisches Meisterwerk.

Artikel von CNET.de: https://www.cnet.de

URL zum Artikel: https://www.cnet.de/39153448/das-ueberhandy-nokia-n95/

URLs in this post:

[1] Nokia N95: https://www.cnet.de/39153393/nokia-n95/?pid=1#sid=39153448

[2] Google: http://www.cnet.de/unternehmen/google-inc/