Großes Display, aber kleinlich: Sony Cybershot DSC-G1

von Lori Grunin am , 00:00 Uhr

Pro
  • gute Fotos
  • ordentliche Leistung
  • großes LCD
  • integrierter MP3-Player
Con
  • plumpes, mitunter frustrierendes Design
  • eigenartige WLAN-Funktionen
Hersteller: Sony Listenpreis:
ZDNet TESTURTEIL: BEFRIEDIGEND 6,4 von 10 Punkte
Fazit:

Die DSC-G1 hat zwar ein riesiges LCD, doch es fehlt Sonys Touchscreen-Oberfläche. Sowohl die WLAN-Funktionalität als auch der MP3-Player wirken unbeholfen und spartanisch.

Sonys Cybershot DSC-G1 ist eine überteuerte, übergewichtige und überdrehte Kamera. Sie nimmt zwar ansehnliche Fotos auf, ihre zusätzliche Optionen wie WLAN und MP3-Wiedergabe sind aber nicht gut implementiert.

Bei der Cybershot DSC-G1 kann man sich nicht so leicht festlegen. Ist sie für rund 500 Euro überteuert? Ist sie eine überdimensionierte 6-Megapixel-Kamera, mit einem optisch stabilisierten 3-fach-Zoom-Objektiv (38 bis 114 Millimeter; f/3,5 bis f/4,3)? Ist sie schlicht ein portables Fotoalbum mit einem großen 89-Millimeter-Display (3,5 Zoll), aber nur 2 GByte Speicherkapazität und enttäuschenden WLAN-Fähigkeiten?

Oder handelt es sich um einen schlecht ausgestatteten Media-Player, der zu wenig Speicher und bloß elementare MP3- und Video-Wiedergabe bietet? Ist das Ganze vielleicht nur eine verwirrende Mischung von Lösungen auf der Suche nach einem Problem?

Design

Der geräumige LCD-Bildschirm zwingt der DSC-G1 eine entsprechende Gehäusegröße auf. Wer sich für diese Kamera interessiert, will sich wohl am ehesten auf dem exzellenten 89-Millimeter-Display Diashows ansehen und dabei seine Lieblings-MP3-Tracks hören. Aber das ist natürlich etwas anderes, als tatsächlich Fotos zu schießen.

Mit 235 Gramm und Abmessungen von 94 mal 72 mal 25 Millimetern im geschlossenen Zustand ist die DSC-G1 nicht übermäßig kompakt. Sie passt jedoch bequem in die Jackentasche. Öffnen des Objektivschiebers und anschließendes Auseinanderziehen bringt das Objektiv zum Vorschein. Sofort kann man fotografieren.

Die Tasten für die Aufnahmesteuerung – Zoom, Foto/Film, Wiedergabe, Blitz, Makro, Löschen/Bildgröße und Selbstauslöser – befinden sich auf der Rückseite des Objektivschiebers. Dadurch fallen sie ziemlich flach aus. Sie sind recht mühsam zu benutzen und schwer voneinander zu unterscheiden. Das gilt besonders für die Zoom-Taste. Sie bietet äußerst wenig taktiles Feedback. Eigentümlicherweise arbeitet ausgerechnet Sonys größtes Kamera-Display nicht mit der ansonsten allgegenwärtigen Touchscreen-Oberfläche.

Die Bedienelemente an der Seite bieten weitere Möglichkeiten zum Herumfummeln. Display-, Back-, Menü- und Home-Taste sowie ein Joystick für die Navigation lassen sich nur dann korrekt gebrauchen, wenn man die Kamera mit der linken Hand richtig festhält. Sobald man also versucht, Aufnahmeeinstellungen wie Belichtungsmessung und -kompensation, Scharfpunkt, Weißabgleich, ISO-Empfindlichkeit oder Serienbild zu verändern, wird es richtig nervtötend.

Abgesehen vom Auslöser sind die Tasten nicht besonders ergonomisch angeordnet. Im Test muss die Kamera seitlich gedreht werden, um die Menü-Taste zu finden. Weder mit dem Daumen noch dem Zeigefinger hat man ein besonders gutes Gefühl beim Navigieren mit dem Joystick. Da fragt man sich, ob es nicht sinnvoll gewesen wäre, die Kamera für ein besseres Handling einfach größer zu konzipieren.

Die DSC-G1 bietet ein vernünftiges Sortiment von Aufnahmeeinstellungen. Zwar gibt es keine Blenden- oder Zeitautomatik, dafür aber manuelle Einstellmöglichkeiten für alles andere. Eine merkwürdige Ausnahme bildet allerdings der manuelle Weißabgleich. Bei den meisten Funktionen der DSC-G1 geht es jedoch nicht ums Fotografieren.

Es handelt sich hier um Sonys erste WLAN-fähige Kamera. Zum Einsatz kommt die drahtlose Verbindungsmöglichkeit DLNA (Digital Living Network Alliance). Dieser Standard ermöglicht die Erkennung von anderen DLNA-fähigen Geräten, etwa Fernsehern. Derzeit ist allerdings nur die Playstation 3 ein einigermaßen verbreitetes DLNA-Gerät.

Die Verwendung einer PS3 für die drahtlose Anzeige von Fotos der DSC-G1 funktioniert. Die Aufnahmen sehen auf einem HD-Ready-Fernseher aber nicht besonders gut aus. Das liegt daran, dass die DSC-G1 über DLNA nur Bilder aus den intern gespeicherten Alben anzeigt. Doch diese Bilder haben nur die Auflösung der Miniaturen von 640 mal 480 Pixel.

Um erfreulichere Bilder auf einem HD-Fernseher anzuzeigen, braucht man die Docking-Station. Über ein Composite-Kabel erhält man dann Zugriff auf die höher aufgelösten Fotos auf der Speicherkarte.

Weitere eher effekthascherische Verwendungsmöglichkeiten des WLAN sind beispielsweise Collaboration-Shots: Über eine direkte Netzwerkverbindungen mit bis zu drei anderen DSC-G1 lassen sich Fotos austauschen. Daneben gibt es noch eine unilaterale Picture-Gift-Funktion.

Die DSC-G1 unterstützt leider keine Standard-Access-Points und Hotspots. Es ist damit also nicht möglich, Fotos und Videos auf einen Sharing-Dienst oder über eine Ad-hoc-Verbindung drahtlos auf einen Laptop hochzuladen. Wäre das der Fall, so könnte man die anderen Optionen als nett und neuartig betrachten. Da die Kamera jedoch ausschließlich mit DLNA-Geräten kommuniziert, und das auch noch nur im Wiedergabemodus, ist sie als WLAN-Kamera schlicht eine weitere Enttäuschung.

Die DSC-G1 funktioniert außerdem auch als MP3-Player. Da offenbart sich die nächste gelungene Ironie: Im Unterschied zu Sonys sonstigen Playern arbeitet die DSC-G1 nicht mit den proprietären Formaten ATRAC/ATRAC3. Sie ermöglicht vielmehr nur einfaches Kopieren der Dateien per Drag-and-Drop.

Der Klang ist recht ordentlich. Doch erstens muss sich die Musik mit den Fotoalben die 2 GByte Speicher teilen. Und zweitens gibt es nur minimale Einstellmöglichkeiten für die Musikwiedergabe: zufällige Wiedergabe oder der Reihenfolge im Ordner gemäß. Ein Auswählen von Playlisten ist nicht möglich. Damit ist die DSC-G1 lediglich ein weiteres plumpes Konvergenzgerät. Immerhin wirkt die Möglichkeit, beliebige MP3-Dateien als Hintergrundmusik für die hübschen Diashows zu nutzen, durchaus anregend.

Die meisten Sony [1]-Kameras speichern Videos im MPEG-VX-Format, einer Variante von MPEG-2. Die DSC-G1 nimmt hingegen etwas auf, das Sony „MPEGMOVIE4TV“ nennt, eine MPEG-4-Kodierung. Diese ermöglicht zwar eine sehr niedrige Datenrate, rund 370 KBit/s. Doch die Videoqualität sieht dafür auch bedeutend schlechter aus.

In vielerlei Hinsicht funktioniert das Fotografieren mit der DSC-G1 um einiges besser. Hier rangiert sie im oberen Viertel der Schnappschusskameras, die in den letzten zwölf Monaten getestet wurden. Die Auslöseverzögerung liegt unter optimaler Beleuchtung bei 0,4 Sekunden. Das ist in dieser Klasse durchaus beeindruckend. Bei Lichtverhältnissen mit wenig Kontrast steigt sie auf bescheidene 1,2 Sekunden. Von einer Aufnahme zur nächsten vergeht nur eine Sekunde. Durch das Laden des Blitzes dehnt sich die Zeitspanne auf 2,4 Sekunden aus. Auch das sind für diese Klasse immer noch sehr gute Werte. Der Puffer ist auf sieben Aufnahmen begrenzt. Die Kamera kann jedoch im Serienbildmodus 3,8 Bilder pro Sekunde aufnehmen.

Lediglich die 3,8 Sekunden vom Einschalten bis zur ersten Aufnahme schmälern die Erfolgsliste der DSC-G1. Darin ist das zeitvergeudende Aufschieben der Kamera noch nicht enthalten. Das LCD wirkt hingegen sehr ansehnlich. Es verfügt über einen relativ großen Einblickwinkel. Auch bei direkter Sonneneinstrahlung bleibt es gut verwendbar.

Die Akkulaufzeit ist allerdings ziemlich kurz. Die Kapazität nach CIPA-Standard liegt bei nur 280 Aufnahmen, vermutlich wegen des großen Displays. Das Aufladen ist überhaupt ein ärgerlicher Aspekt der DSC-G1. Sie verfügt über keinerlei Erhaltungsaufladung. Wenn man mit der erschöpften Kamera ins Hotel zurückkommt, kann man sie in das Dock stecken und Bilder anschauen oder herunterladen. Zum Laden muss sie jedoch für einige Stunden ausgeschaltet bleiben.

Bildqualität

Dank der optischen Bildstabilisierung Steadyshot und der relativ niedrigen Auflösung des Sensors macht die DSC-G1 überraschend scharfe Bilder. Auch die Bildqualität bei hohen ISO-Werten ist akzeptabel. Aufnahmen ohne Blitz sehen sehr gut aus. Allerdings sind einige unliebsame Lichteffekte zu verzeichnen. Das ist aber charakteristisch für diesen Kameratyp.

Der Blitz reicht nicht ganz so weit, wie man es sich wünscht. Im Test bleiben deshalb manche Bereiche unterbelichtet. Viele Objektränder weisen Farbsäume auf. Und schließlich neigt die DSC-G1 dazu, Farben übermäßig leuchten zu lassen.

Fazit

Die Sony Cybershot DSC-G1 hinterlässt den Eindruck eines umständlichen Konvergenzgeräts aus jener Zeit, da es vor allem darum ging, MP3-Player in Kameras zu packen. Es wäre besser gewesen, wenn Sony endlich den marktfähigen WLAN-Kandidaten entwickelt hätte, auf den man schon so lange wartet.

Angesichts des hohen Preises bietet das Gerät, ungeachtet des riesigen LCD-Bildschirms, eigentlich nichts, was die Extraprämie wirklich wert wäre. Am besten vergisst man diesen Apparat und gönnt sich stattdessen einen wirklich guten MP3-Player [2] und eine erstklassige Ultrakompaktkamera [3].

Artikel von CNET.de: https://www.cnet.de

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[1] Sony: http://www.cnet.de/unternehmen/sony/

[2] MP3-Player: https://www.cnet.de/tests/mp3/

[3] Ultrakompaktkamera: https://www.cnet.de/tests/digicam/