Playstation 3 mit Linux: als Wohnzimmer-PC eine Spaßbremse

von Marco T. Christof am , 00:00 Uhr

Die Playstation 3 will mehr sein als nur Spielekonsole und Blu-ray-Player: Sony ermöglicht die Installation eines kompletten Linux-Betriebssystems, das die PS3 zum Wohnzimmer-PC aufwerten soll. Doch das geht gründlich schief, wie unser Test mit der neuesten Version 6 von Yellow Dog Linux zeigt.

„Die Playstation 3 ist ein Computer“, verkündete Phil Harrison, Sonys damaliger Chef-Spieleentwickler, bei der Vorstellung der ersten PS3-Geräte. Knapp zwei Jahre und einige Modellvarianten später merkt der Anwender noch immer nichts davon: In der Standard-Konfiguration frisch aus dem Laden hat das schicke, leise Gerät wenig mit einem PC gemein. Es wartet mit einigen guten Spielen auf, gibt anstandslos Blu-ray-Discs, DVDs sowie Musik wieder und bringt einen Internet-Browser mit – das war’s. Sonys PS3-Website [1] erwähnt immerhin, dass sich auf der Playstation „System-Software von Drittanbietern“ installieren lasse. Konkrete Namen und Downloads fehlen aber.

PS3 mit Linux

Sony [2] ermöglicht auf der Playstation 3 die Installation alternativer Betriebssysteme, empfiehlt aber keine bestimmte Distribution.

Diese Zurückhaltung verwundert zunächst, denn mit Yellow Dog Linux (YDL) existiert sogar eine halboffizielle Linux-Distribution für die Playstation 3. YDL-Hersteller Terra Soft vermeldete im Herbst 2006 die Zusammenarbeit mit der Sony-Tochter SCEI [3], die für die Entwicklung der PS3 zuständig ist. Seitdem hat Terra Soft zwei Versionen von Yellow Dog Linux an die Playstation 3 angepaßt, die neueste, Version 6.0, ist noch ganz frisch. CNET.de hat sie ausführlich getestet.

Ohne PC geht nichts

Wer das kostenlose YDL 6.0 will, braucht einen PC. Damit lädt man die fast 4 Gigabyte schwere Software von der Terra-Soft-Website [4] und brennt sie auf DVD. Ein Paket, das sich direkt auf der Playstation 3 speichern und starten ließe, hat Terra Soft nicht geschnürt. Bei der Installation hilft ein englischsprachiges PDF [5], das ebenfalls bei Terra Soft bereitliegt. Es empfiehlt uns zunächst, die neueste Firmware für die PS3 aufzuspielen und alle eigenen Daten zu sichern. Im nächsten Schritt wird die Festplatte formatiert, das PS3-System bleibt davon jedoch unberührt. Der Anwender hat die Wahl, ob er 10 Gigabyte für Linux oder für das PS3-System freihalten möchte. Den restlichen Platz schnappt sich das jeweils andere System.

Anschließend ist ein Neustart fällig, und die YDL-DVD kommt ins Spiel. Um darauf zuzugreifen, gibt es den Befehl „Anderes System installieren“, der sich in den Tiefen der „System-Einstellungen“ im „Einstellungen“-Menü versteckt. (Inwieweit eine Installation eine Einstellung ist, bleibt Sonys Geheimnis.) Die PS3 durchsucht die DVD, findet ein „Installierungsdatenobjekt“ namens /PS3/otheros/otheros.bld und kopiert es auf die Festplatte. Die eigentliche Installation hat immer noch nicht begonnen – hierfür muss sich der Anwender über „Einstellungen“ und „System-Einstellungen“ zum „Standardsystem“ durchhangeln und dann „Anderes System“ auswählen. Wenn Sie diesen Artikel nachvollziehen möchten, sollten Sie spätestens nach dem nächsten Neustart eine USB-Tastatur und -Maus an die Playstation anschließen.

Zeichen- und Menüsalate

Denn nun ist Schluss mit den Sony-Menüs: Die Kommandozeile wartet auf eine Eingabe wie „install_ps3_720p“, „install_ps3_1080i“ oder „install_ps3_1080p“, abhängig von den Darstellungs-Fähigkeiten Ihres Beamers oder Fernsehers. Die Varianten mit dem „p“ am Ende sind empfehlenswerter, weil die Interlaced-Modi (i) zum Flimmern neigen. Bei der Eingabe der Zeichen lauert eine Hürde: Der Unterstrich hinter „install“ und „ps3“ lässt sich nicht über die „_“-Taste eintippen, weil die Programmierer davon ausgehen, dass weltweit ausschließlich Tastaturen mit englischer Tastenbelegung verwendet werden. Drücken Sie stattdessen „Shift“ und „ß“. Nach einem beherzten „Enter“ startet die eigentliche Installation des Linux-Systems, nun in Form von Fenstern im blau gehaltenen Yellow-Dog-Design.

PS3 Kommandozeile
Wenig komfortabel: Die Kommandozeile erwartet eine Befehlseingabe, kommt aber mit deutschen Tastaturen nicht zurecht.

Die restliche Installation gliedert sich in drei Teile: Sie beantworten dem System noch einige Fragen, dann schaufelt es eine Stunde lang Daten von DVD auf Festplatte, und danach löchert es Sie wieder mit Fragen. Die Aufgliederung ist dabei recht willkürlich. So wird die Zeitzone beispielsweise vor dem Kopieren abgefragt, die genaue Uhrzeit hingegen erst danach. Dieses Detail wäre sicher nicht erwähnenswert, würde dahinter nicht Methode stecken: Auch im Betriebssystem selbst sind Einstellungen, die aus Sicht des Anwenders zusammengehören, auf völlig unterschiedliche Menüs und Werkzeuge verstreut. Ob Sie eine deutsche oder englische Tastatur verwenden, legen Sie zum Beispiel über „Anwendungen“, „Systemwerkzeuge“, „Tastatur“ fest. Die Tastenkürzel stellen Sie hingegen über „Konfiguration“, „Konfigurationskonsole“, „Tastatur & Maus“ ein.

Solche Designmängel wären erträglich, wenn sie durch eine gute Anleitung oder Hilfe ausgeglichen würden. Die anfangs erwähnte PDF-Anleitung reicht jedoch nur bis zum Abschluss der Installation. Die Hilfefunktion, die YDL an manchen Stellen anbietet, verweist stets auf die englischen Namen der Programme und Einstellungen, sofern sie diese überhaupt erwähnt. Im Startmenü sind die Namen jedoch eingedeutscht – aus „Enlightenment Configuration“ wurde zum Beispiel „Konfigurationskonsole“.

PS3 mit Linux
Babylonische Sprachverwirrung: Ein und dasselbe Tool heißt in der Kopfzeile „Enlightenment-Konfiguration“, im Titel „Enlightenment Configuration“ und im Startmenü „Konfigurationskonsole“.

WLAN nur unsicher

Wer nun den Firefox startet, um im Internet nach Hilfestellungen zu suchen, erlebt die nächste Enttäuschung: YDL findet kein Netz, wenn das WLAN-Netzwerk die WPA-Verschlüsselung nutzt – die bei allen WLAN-Routern der letzten Jahre Standard ist. Lediglich das unsichere, veraltete WEP und gänzlich unverschlüsselte WLAN-Netzwerke unterstützt Yellow Dog offiziell, und das auch erst nach einer manuellen Installation, für die zumindest eine Anleitung [6] existiert. Ein Blogger hat einen komplizierten Weg gefunden, wie sich in manchen Fällen doch WPA [7] nutzen lässt. Im Test klappte das jedoch mit dem weit verbreiteten Telekom-Router Speedport W700V nicht. Ein sicheres Netzwerk lässt sich mit YDL 6.0 also nur über ein Netzwerkkabel einrichten – ein Armutszeugnis für eine Linux-Distribution aus dem Jahr 2008 und das erste K.O.-Kriterium für die Playstation 3 als Wohnzimmer-PC.

PS3 mit Linux
Unsichere Sache: Yellow Dog Linux 6.0 scheitert bislang an den sicheren WLAN-Verschlüsselungen WAP und WAP2.

Künstlich langsam unter Linux

Und das nächste folgt sogleich: Die Playstation 3 verfügt mit 256 Megabyte über zu wenig Arbeitsspeicher, um damit flüssig unter Linux zu arbeiten. Hilfreich ist dabei sicher nicht, dass von Haus aus viele Fenster-Animationen eingeschaltet sind. Das System genehmigt sich immer wieder Denkpausen, zum Beispiel beim Verwenden des Paketmanagers, mit dem sich weitere Software nachinstallieren lässt. Klickt der ungeduldige Anwender währenddessen andere Programme an, rächt sich Linux gelegentlich mit einem Teil- oder Komplettabsturz. Will man das System regulär herunterfahren, rackert es eine Weile und merkt dann selbstkritisch an: „Abmeldevorgang dauert zu lange.“ Erst nach einem Klick auf „Jetzt abmelden“ tut es wie geheißen. Unterm Strich arbeitet es sich mit Yellow Dog Linux in etwa so geschmeidig wie mit Windows Vista auf einem fünf Jahre alten Mittelklasse-PC.

PS3 mit Linux
Wer das System mit zu vielen Klicks stresst, wird mit Fehlermeldungen bestraft.

Dabei verfügt die Playstation 3 durchaus über einen leistungsstarken Prozessor und erst recht über eine starke Grafik-Hardware. Doch Sony gestattet dem Linux-System lediglich einen indirekten Zugriff auf wichtige Teile der Hardware, was zu großen Geschwindigkeitseinbußen führt. Findige Linux-Programmierer schufen Abhilfe, Sony hielt mit der Firmware-Version 2.10 dagegen und stopfte das Loch. Die Motivation dabei ist klar: Würde das Playstation-Linux volles Tempo bieten, könnten die Anwender diverse Emulatoren installieren und damit zum Beispiel Nintendo-64- oder PC-Spiele nutzen. Angesichts der ohnehin schwachen PS3-Spieleverkäufe würde sich Sony damit einen Bärendienst erweisen. Also laufen bis auf weiteres lediglich Emulatoren für sehr alte Systeme wie das Super-NES mit befriedigender Geschwindigkeit. Die Installation ist jedoch mühselig, und der kabellose Sony-Controller verweigert grundsätzlich den Dienst.

PS3 mit Linux
Bei jedem Herunterfahren meldet sich Yellow Dog Linux mit einem Problem zu Wort.

Mühsamer Wechsel zwischen PS3-System und Linux

Als weiterer großer Mangel erweist sich im Test, dass der Anwender nur sehr umständlich zwischen Linux und dem PS3-System umschalten kann. Beim Einschalten der Playstation startet stets das System, das zuletzt aktiv war. Um vom Standard-System zu Linux zu wechseln, müssen Sie also abwarten, bis das System hochgefahren ist, dann wieder das Menü „Einstellungen“, „System-Einstellungen“, „Standardsystem“ bemühen, „Anderes System“ auswählen und neu starten.

PS3 mit Linux
Nur durch einem Menü-Marathon lässt sich das PS3-System dazu überreden, beim nächsten Mal Linux zu starten.

Um von Linux zurück zum PS3-System zu wechseln, gibt es drei Wege: Entweder tippen Sie, sobald während des Hochfahrens das Wort „kboot:“ erscheint, den Befehl „ps3-boot-game-os“ ein (die Bindestriche erhalten Sie mit der Taste „ß“). Damit brechen Sie den Linux-Startvorgang ab und erzwingen einen Neustart mit dem PS3-System. Oder Sie warten, bis Linux hochgefahren ist, und wählen dann den Menüpunkt „Boot Game OS“. Er versteckt sich im Menü „Anwendungen“, anders übrigens als die Befehle zum Herunterfahren und Neustarten, die im Menü „System“ auf den findigen Anwender warten. Die dritte Möglichkeit wäre, beim Einschalten fünf Sekunden den Einschaltknopf gedrückt zu halten. Die Playstation wird damit jedoch vollständig auf die Standardeinstellungen zurückgesetzt.

Letztlich sind all die genannten Möglichkeiten unbefriedigend. Sinnvoll wäre allein, wenn Sie direkt nach dem Einschalten per Tastatur oder Controller frei wählen könnten, ob Sie das PS3-System oder Linux starten möchten. So ist das seit vielen Jahren bei jedem PC möglich, der über mehr als ein Betriebssystem verfügt.

Fazit

Als Wohnzimmer-PC mit Linux macht die Playstation 3 eine schlechte Figur. Langsam, kompliziert und unsicher – sehr viel schlimmer hätte das Ergebnis nicht ausfallen können. Auf handelsüblichen PCs läuft Linux zu deutlich besserer Form auf, am Betriebssystem selbst liegt es also nicht. Der Distributor Terra Soft hat es jedoch versäumt, Yellow Dog Linux optimal auf die Playstation und das Zielpublikum abzustimmen. Zwar entdecken inzwischen auch andere Linux-Distributionen wie Ubuntu und Opensuse die Playstation 3, ein grundlegendes Übel bleibt jedoch immer bestehen: Sony hat den Arbeitsspeicher und den Zugriff auf die Hardware so sehr beschränkt, dass kein vernünftiges Arbeiten möglich ist. Indirekt gibt der Hersteller damit seinen Kritikern recht – die hatten schon bei der Markteinführung vermutet, dass Sony die Playstation 3 nur deshalb als Computer statt als Konsole vermarkte, weil sich damit Zollgebühren sparen ließen.

Artikel von CNET.de: https://www.cnet.de

URL zum Artikel: https://www.cnet.de/39189553/playstation-3-mit-linux-als-wohnzimmer-pc-eine-spassbremse/

URLs in this post:

[1] PS3-Website: https://www.cnet.de http://www.playstation.com/ps3-openplatform/index.html

[2] Sony: http://www.cnet.de/unternehmen/sony/

[3] Zusammenarbeit mit der Sony-Tochter SCEI: http://www.terrasoftsolutions.com/news/2006/2006-10-17.shtml

[4] Terra-Soft-Website: http://www.terrasoftsolutions.com/support/downloads/

[5] englischsprachiges PDF: http://www.terrasoftsolutions.com/support/installation/

[6] Anleitung: http://www.terrasoftsolutions.com/support/solutions/ydl_6.x/ps3-wifi-config.shtml

[7] WPA: http://dachaac.blogspot.com/2007/08/guide-to-get-wpa-psk-working-on-ps3-ydl.html