Internet-TV: Gratis-Glotze mit Macken

von Marco T. Christof am , 18:08 Uhr

Zattoo, Joost und Babelgum liefern Dutzende TV-Kanäle frei Haus – frisch vom Internet auf den Monitor. Letztes Jahr gab es einen großen Hype um die Beta-Versionen der Programme, inzwischen sind sie für jeden frei zugänglich. CNET.de hat getestet, ob die Gratis-Glotze schon als Ersatz für richtiges Fernsehen taugt. Das Ergebnis ist ernüchternd.

Wozu noch Kabelgebühren zahlen oder eine Schüssel aufs Dach stellen, mag sich der eine oder andere denken – dafür gibt es doch DVB-T und das Internet. Das digitale Antennenfernsehen leidet jedoch unter schlechter Qualität und geringer Senderauswahl, vor allem in ländlichen Gegenden. Bleibt das Internet. Neben kostenpflichtigen Angeboten in Verbindung mit einem DSL-Anschluss, zum Beispiel von der Telekom, 1&1 und Alice, tummeln sich viele Gratis-Angebote. Die drei bekanntesten namens Zattoo, Joost und Babelgum starteten vergangenes Jahr geschlossene oder halb öffentliche Beta-Programme, die in den Blogs und Medien auf große Resonanz stießen. Zu Recht? CNET.de hat die neuesten, nun frei verfügbaren Versionen ausführlich unter Windows Vista getestet.

Zattoo: reichlich Sender, niedrige Qualität

49 Fernsehsender und 20 Radiokanäle überträgt Zattoo [1] in Deutschland. Seit April sind alle öffentlich-rechtlichen Sender an Bord, außerdem Privatsender wie Das Vierte, DSF und Tele 5 sowie die Musiksender MTV und Viva. Anders als in der Schweiz fehlen beim deutschen Zattoo aber die Schwergewichte RTL, Sat.1 und Pro Sieben. Zattoo läuft unter Windows, Mac OS X und Linux. Beim ersten Start verlangt es nach einer Registrierung, an persönlichen Daten muss man aber nur eine E-Mail-Adresse rausrücken. Alle anderen Angaben sind freiwillig.

Das Programm ist erfreulich einfach zu bedienen: Neben dem Fernsehfenster prangt die Senderliste, sie lässt sich beliebig umsortieren und in Gruppen unterteilen. Auf Tastendruck erscheint ein übersichtlicher Programmführer. Auch Videotext können Sie nutzen, sofern der jeweilige Sender diesen übers Internet anbietet. Zattoo zeigt ihn dann in einem Browser-Fenster an.

Zattoo
Zattoo
Übersichtliche Sache: Zattoo platziert die sortierbare Senderliste neben dem Fernsehfenster. Der Programmführer lässt sich per Tastendruck ein- und ausblenden.

Neben dem Mangel an großen Privatsendern weist Zattoo noch weitere Mankos auf. Sendungen darf der Zuschauer bisher nicht aufzeichnen, diese Funktion soll zu einem späteren Zeitpunkt nachgerüstet werden. Auch die Bildqualität lässt noch zu wünschen übrig: Die Standard-Auflösung beträgt je nach Sender gerade einmal rund 380 bis 480 mal 288 Pixel, also weniger als beim alten TV-Standard PAL. Das Fernsehfenster erlaubt eine stufenlose Vergrößerung, doch die Qualität leidet darunter. Im Vollbildmodus mutieren selbst Models zu unansehnlichen Pixel-Monstern.

Beim Umschalten zwischen zwei Sendern gönnt sich das Programm auch mit DSL 16000 eine Pufferpause von 5 bis 10 Sekunden. Zattoo behält sich vor, währenddessen einige Sekunden Werbung einzublenden, im Test ist davon jedoch nichts zu sehen. Dafür ruckeln nach dem Umschalten Bild und Ton einige Sekunden lang. Auch bei laufenden Sendungen stören immer wieder kurze Bild- und Tonaussetzer. Einmal streikt Zattoo im Test komplett: „Das Zattoo Netzwerk ist überlastet. Bitte versuchen Sie es später noch einmal“, meldet das Programm. Für echte Fernsehjunkies dürfte Zattoo spätestens in einem solchen Moment gestorben sein. Als Ergänzung zu DVB-T oder für eine kurze Arbeitspause am Computer leistet es dennoch gute Dienste.

Zattoo
Wegen Überlastung geschlossen: Zattoo tritt mit dieser Meldung in den Streik.

Joost: hübsche Verpackung, drittklassige Sendungen

Statt der üblichen TV-Sender von ARD bis ZDF finden Sie bei Joost [2] Kanäle mit sprechenden Namen wie „Film24“, „The Cult Action Channel“ oder „The Classic Western Channel“. Sie haben jederzeit Zugriffe auf alle Inhalte des Kanals – Joost bietet also Video on Demand. Die gewünschte Sendung wählen Sie aus einer Liste aus, alternativ können Sie auch kanalübergreifend nach Titeln suchen. Joost läuft bisher nur unter Windows und auf Intel-Macs. Wie Zattoo besteht es beim ersten Start auf einer Registrierung, neben der E-Mail-Adresse sind Geburtsdatum und Geschlecht Pflichtangaben.

Joost zeigt Sendungen in einem stufenlos vergrößerbaren Fenster. Sobald Sie die Maus bewegen, blendet das Programm die Bedienelemente ein: Das „Explore“-Symbol links führt zur Kanalliste, über „My Joost“ rechts lassen sich zum Beispiel ein Chat starten oder Einstellungen vornehmen. Mit dem großen unteren Bedienelement spulen Sie vor und zurück oder wählen eine andere Sendung aus. Das Programm ist insgesamt sehr einfach zu bedienen und optisch schön gestaltet. Die Bildqualität schwankt von Kanal zu Kanal, Ruckler und Aussetzer kommen im Test gelegentlich vor. Die Umschaltzeit ist mit durchschnittlich 5 Sekunden etwas kürzer als bei Zattoo.

Joost
Joost
Optisch macht die Joost-Oberfläche einiges her: Die transparenten Bedienelemente werden sanft ein- und ausgeblendet.

Leider mangelt es Joost an hochwertigen Inhalten, zumindest für Zuschauer außerhalb der USA. Joost scheint bei den Rechteinhabern bevorzugt billige Ladenhüter einzukaufen: Die Filme und Sendungen sind wahlweise alt, obskur oder drittklassig. Im „Cult Action Channel“ zum Beispiel laufen Streifen wie „TNT Jackson“, „Fist of Bruce Lee“ oder „Black Cobra“, Teil 1 bis 3. Auch Werbesendungen, Glücksspiele, Horror-Trash und seichte Erotik sind überproportional vertreten. Während laufender Sendungen blendet Joost beharrlich Empfehlungen ein, oft für Erotik-Inhalte. Wer dann gehorsam auf den Kanal „Sexy Clips“ wechselt, wird von Joost gleich wieder weggelotst – zu einem Sportkanal.

Joost
Viele Kanäle, aber belanglose Inhalte: Der Mangel an hochwertigen Sendungen ist Joosts größte Schwäche.

Beim Start im vergangenen Jahr hatte Joost viele Vorschusslorbeeren erhalten, unter anderem deshalb, weil hinter dem Projekt die erfolgreichen Kazaa- und Skype-Gründer Niklas Zennström und Janus Friis stehen. Die Beliebtheit hat sich angesichts der mageren Inhalte gelegt, die Bloggerszene lästert nun über das Programm oder ignoriert es komplett. Anfang April kamen Gerüchte auf, dass sich Joost aus Europa zurückziehen werde, doch Joost-Chef Mike Volpi dementierte umgehend. Stattdessen sollen die Videos demnächst auch ohne Extra-Programm komplett über den Webbrowser abrufbar sein. Solange Joost jedoch am eigentlichen Manko, den Inhalten, nichts Wesentliches ändert, ist das Projekt keinesfalls massentauglich.

Babelgum: viel Community, wenig hochwertiges Material

Das Konzept von Babelgum [3] erinnert an Joost: Der Zuschauer hat jederzeit Zugriff auf sämtliche Sendungen aller Kanäle, finanziert werden die Inhalte über Werbung. Das Programm läuft auf Windows-Rechnern und Intel-Macs, beim ersten Start besteht es auf einer Registrierung mit Angabe von E-Mail-Adresse, Geburtsdatum und Geschlecht. Anders als Joost nimmt Babelgum nach dem Start standardmäßig den kompletten Bildschirm in Beschlag. Die Bedienelemente erscheinen wiederum als Einblendung über dem Fernsehbild. Die einzelnen Sendungen eines Kanals lassen sich aus einer bebilderten Liste auswählen, außerdem gibt es eine kanalübergreifende Suchfunktion. Alternativ können Sie eigene Pseudo-Kanäle einrichten, die auf Schlagwörtern basieren. Der Kanal „Action“ listet dann alle Sendungen auf, die entsprechend kategorisiert wurden oder dieses Wort im Titel tragen. Wiedergabelisten mit Ihren Lieblingssendungen können Sie ebenfalls anlegen.

Babelgum
Babelgum
Auch Babelgum legt die Bedienelemente über das Videofenster. Die Sendungen eines Kanals wählen Sie anhand von Szenenfotos aus.

Auffällig an Babelgum sind die vielfältigen Community-Funktionen: Der Zuschauer kann Videos bewerten, mit Schlagwörtern versehen und mit anderen Benutzern diskutieren. Die Videos lassen sich in Blogs und Facebook-Profile einbinden. Ambitionierte Nutzer laden ihre selbstgedrehten Filme hoch und nehmen am Babelgum-Film-Festival teil – die diesjährigen Gewinner wurden im Mai in Cannes ausgezeichnet. Diese kleinen Besonderheiten heben Babelgum von Joost ab und lassen es weniger kommerziell erscheinen. Außerdem ist die Bildqualität im Durchschnitt etwas höher als bei Joost, auch Aussetzer kommen seltener vor. Dafür liegt die Umschaltzeit im Test regelmäßig bei rund zehn Sekunden.

Das grundlegende Problem teilen sich beide Plattformen: Auch Babelgum mangelt es an erfolgreichen Filmen, Serien und Sportübertragungen. An allen Ecken lauert zweit- bis drittklassige oder steinalte Ware. In Kombination mit der recht langen Umschaltzeit zehrt das sehr schnell an den Nerven des Zuschauers. Auch Babelgum ist also für den Massenmarkt noch nicht richtig gut aufgestellt.

Einige Alternativen

Wie besseres Internet-Fernsehen aussieht, zeigt Hulu [4], ein Gemeinschaftsprojekt von NBC Universal und News Corporation. Eine Registrierung oder ein Programm-Download sind nicht nötig: Über den Webbrowser hat der Benutzer Zugriff auf Filme und ausgewählte Episoden von Serien wie Die Simpsons, House, 24, Monk und hunderte mehr. Von den Simpsons beispielsweise sind zum Testzeitpunkt die Episoden 15 bis 19 der aktuellen Staffel 19 online, und das wahlweise in der Auflösung 360p oder 480p. Letztere sorgt im Vollbildmodus für ein ansehnliches Bild.

Babelgum
Dr. House, frei Haus: Babelgum bietet aktuelle Folgen beliebter TV-Serien in hoher Qualität – aber leider offiziell nur in den USA.

Leider hat auch Hulu einen gewaltigen Haken: Die ganze Pracht steht offiziell nur in den USA zur Verfügung. Die Website prüft anhand der IP-Adresse, woher die Browser-Anfrage stammt, und verweigert internationalen Surfern die Wiedergabe der Videos. Behelfsweise lässt sich diese Sperre mit der Freeware Anchorfree Hotspot Shield [5] überlisten: Das Programm erstellt ein verschlüsseltes Netzwerk zwischen Ihrem Rechner und den Anchorfree-Servern in den USA.

Aus Sicht von Hulu stammen Ihre Anfragen dann aus Amerika. Hotspot Shield läuft unter Windows und Mac OS X. Sie sollten es nur anschalten, während Sie Hulu benutzen, denn es verlangsamt das Surfen im Internet. Außerdem ist das Freikontingent auf 3 GByte Traffic im Monat begrenzt. Das reicht für einige Stunden Hulu in der 360p-Auflösung. Die 480p-Auflösung ruckelte im Test zu sehr.

Vuze [6] und Miro [7] sind die alten Programme Azureus und Democracy Player im neuen Gewand. Letztlich erfüllen sie einen ähnlichen Zweck wie Joost und Babelgum. In den zahllosen Kanälen tummelt sich sehr viel kurzes, zweitklassiges und älteres Material, wenn auch bei Vuze mitunter in hoher Auflösung. Einige Vuze-Kanäle bieten außerdem gegen Bezahlung höherwertige Inhalte an.

Vuze
Vuze wartet mit einigen HD-Inhalten auf, teilweise gegen Bezahlung.

Jaman [8] ist ein kommerzieller Video-Download-Service, führt derzeit aber auch 221 kostenlose Filme. Darunter finden sich keine echten Highlights, nur einige etwas neuere Filme als bei Joost und Konsorten. Das Coolstreaming Mediacenter [9] vereint Internet-Sender aus aller Herren Länder unter einem Dach. Der Benutzer sollte ein wenig Italienisch verstehen, ansonsten hakt es bei der Bedienung. Zu einer weiteren TV-Alternative, dem Videodienst Veoh [10], finden Sie auf CNET.de einen ausführlichen Bericht. [11]

Jaman
Jaman hat derzeit 221 kostenlose Filme im Programm, jedoch keine aktuellen Blockbuster.

Artikel von CNET.de: https://www.cnet.de

URL zum Artikel: https://www.cnet.de/39194700/internet-tv-gratis-glotze-mit-macken/

URLs in this post:

[1] Zattoo: http://www.zattoo.com

[2] Joost: http://www.joost.com

[3] Babelgum: http://www.babelgum.com

[4] Hulu: http://www.hulu.com

[5] Anchorfree Hotspot Shield: http://www.anchorfree.com/downloads/hotspot-shield/

[6] Vuze: http://www.vuze.com/

[7] Miro: http://www.getmiro.com/

[8] Jaman: http://www.jaman.com

[9] Coolstreaming Mediacenter: http://www.coolstreaming.us

[10] Veoh: http://www.veoh.com

[11] ausführlichen Bericht.: https://www.cnet.de/praxis/insider/39193314/downloads+ade+veoh+ermoeglicht+streamen+von+filmen.htm