Warum Vista nervt und was bei Windows 7 besser wird

von Marco T. Christof am , 15:16 Uhr

Windows Vista bleibt Microsofts Sorgenkind. Plattitüden wie „zu langsam“ oder „zu fett“ treffen aber nicht den Kern des Problems – eher bremsen Mängel im Bedienkonzept den Anwender aus. Microsoft gelobt Besserung für Windows 7.

Hat Windows Vista zu Unrecht einen schlechten Ruf? Um das Sorgenkind aufzupäppeln, hat Microsoft [1] vor einigen Monaten ein interessantes Experiment unternommen: 140 Anwender, die Vista nur vom Hörensagen kannten, sollten das System benoten. Danach bekamen sie Demos einer angeblich neuen Windows-Version namens „Mojave“ zu sehen. Die Anwender waren mehrheitlich begeistert von Mojave und bewerteten es deutlich besser als Vista.

Die Pointe an der Geschichte: Bei Mojave handelte es sich um ein getarntes Vista. Microsoft führte den Anwendern natürlich nur die Schokoladenseite vor. Letztlich sagt das Experiment also wenig über die Qualitäten von Vista aus, aber umso mehr über eine Selbsterkenntnis Microsofts: Das Unternehmen hat sich eingestanden, dass Vista am Markt versagt. Das Mojave-Experiment, inzwischen zu einer Werbekampagne [2] mutiert, wird daran nicht mehr viel ändern. Microsoft arbeitet ohnehin längst am echten Nachfolger Windows 7, der frühestens Ende 2009 erscheinen dürfte. Die jüngste Testversion 6956 [3] zeigt, dass er mehrere Vista-Schwächen ausbügeln wird.

Beispiel 1: Die Benutzerkontensteuerung

Mit immer neuen Warnungen, Erinnerungen und Nachfragen giert Windows Vista nach Aufmerksamkeit. Offenkundigstes Beispiel ist die Benutzerkontensteuerung, auch User Access Control oder UAC genannt. Selbst banalste Vorgänge wie das Ändern der Uhrzeit oder das Installieren eines neuen Spiels muss der Anwender abnicken. Der Bildschirm verdunkelt sich dramatisch, und Vista tut kund: „Zur Fortsetzung des Vorgangs ist Ihre Zustimmung erforderlich.“

UAC-Nachfrage in Windows Vista Vistas Benutzerkontensteuerung nervt den Anwender mit (meist) unnötigen Nachfragen.

Microsoft hat hier eine drastische Kehrtwende gegenüber XP und dessen Vorgängern vollzogen. Die alten Versionen legten bei der Installation standardmäßig einen Benutzer mit vollen Administratorrechten an, und mit dem arbeitete dann der Anwender. Somit erhielten auch alle gestarteten Programme Admin-Rechte, selbst Viren und andere böse Gesellen. Um diese Sicherheitslücke zu stopfen, beschneidet Vista die Rechte des Administrators und hakt bei jeder Kleinigkeit nach. Das Ergebnis der ausgeprägten Penetranz ist keineswegs ein Mehr an Sicherheit: Der durchschnittliche Anwender winkt resigniert alle Nachfragen durch – und schaltet irgendwann die UAC vollständig aus. Die Option versteckt sich in der Systemsteuerung hinter „Benutzerkonten und Jugendschutz“, „Benutzerkonten“ und „Benutzerkontensteuerung ein- oder ausschalten“.

Dadurch verabschieden sich neben den lästigen Nachfragen allerdings auch viele zusätzliche Sicherheitsfunktionen. Ein Kompromiss wäre, nur die Nachfragen auszuschalten, die grundlegende UAC-Architektur aber beizubehalten. Das klappt zumindest unter Vista Business und Ultimate, indem Sie sich in der Systemsteuerung durch die Punkte „System und Wartung“, „Verwaltung“, „Lokale Sicherheitsrichtlinie“, „Sicherheitseinstellungen“, „Lokale Richtlinien“ und „Sicherheitsoptionen“ hangeln und dann die Option „Benutzerkontensteuerung: Verhalten der Benutzeraufforderung mit erhöhten Rechten für Administratoren im Administratorbestätigungsmodus“ auf „Erhöhte Rechte ohne Eingabeanforderung“ setzen. Benutzerfreundlich ist das eher nicht.

UAC in Windows Vista Vista Business und Ultimate erlauben die Konfiguration der UAC, doch der Weg dorthin ist weit.

Microsoft hat das Problem erkannt und in Windows 7 behoben: Standardmäßig fragt das System nicht mehr nach, wenn Sie Änderungen an den Systemeinstellungen durchführen. Außerdem lässt sich das UAC-Verhalten im neuen Action Center unter „User Account Control settings“ bequem mit einem Schieberegler einstellen.

UAC in Windows 7 Der Schieberegler von Windows 7 rückt der UAC zu Leibe.

Beispiel 2: Die Sprechblasen

Besonders gerne meldet sich Vista in der rechten unteren Bildschirmecke zu Wort. Dort poppen über den Status-Icons regelmäßig Sprechblasen auf mit frohen Botschaften wie „Neue Updates sind verfügbar“ oder guten Ratschlägen der Sorte „Überprüfen Sie die Computersicherheit“ und „Überprüfen Sie den Status der Antispywaresoftware“. Um Windows zum Schweigen zu bringen, ist eine Klickorgie im Registrierungs-Editor vonnöten: Sie wandern den Pfad HKEY_CURRENT_USER/Software/Microsoft/Windows/CurrentVersion/Explorer/Advanced ab, erstellen den neuen Wert „EnableBalloonTips“ und belegen ihn mit 0. Besitzer von Vista Business oder Ultimate finden eine entsprechende Option auch im Gruppenrichtlinien-Editor, sie müssen nur lange genug danach suchen (siehe Screenshot). In beiden Fällen kann der Anwender wieder ein Stückchen unbehelligter arbeiten – allerdings gehen möglicherweise auch nützliche Informationen verloren. Etwa die letzte Warnung vor dem leeren Notebook [5]-Akku.

Windows Vista Windows Vista Ein Klick aufs „x“ schließt nur eine einzelne Sprechblase. Um Vista ganz zum Schweigen zu bringen, muss der Anwender je nach Version den Registrierungs- oder den Gruppenrichtlinien-Editor bemühen.

Windows 7 erlaubt es, gezielt bestimmte Sprechblasen-Gruppen auszuschalten. Ein Klick auf das Werkzeug-Symbol in einer Sprechblase führt in den zuständigen Teil der Systemsteuerung. Dort können Sie auch gleich die Status-Icons ausblenden, die rechts in der Taskleiste wuseln.

Windows 7 Windows 7 Sprechblasen in Windows 7 enthalten links neben dem „x“ ein Werkzeug-Symbol. Ein Klick darauf öffnet die Systemsteuerung.

Beispiel 3: Programme und Fenster

Vista und auch seine Vorgänger bieten zahlreiche Möglichkeiten, ein Programm zu starten: in der Hauptebene des Startmenüs oder im Zweig „Alle Programme“, über eine Verknüpfung auf dem Desktop, mit der Schnellstartleiste und direkt im Explorer. Nun ist Flexibilität an sich nichts Schlechtes, im Gegenteil. Doch leider nisten sich nicht alle Programme an den gleichen Stellen ein. Manche fragen bei der Installation nach, wo sie Verknüpfungen einrichten sollen, andere verlinken sich von Haus aus nur ins Startmenü. Dort sind sie dann in einem Order zu finden, der entweder den Programmnamen trägt oder den weniger aussagekräftigen Herstellernamen. Oder sie verzichten auf einen eigenen Ordner und erscheinen oberhalb der anderen Einträge, wie insbesondere einige Microsoft-Produkte. In der klassischen Startmenü-Ansicht trägt noch die Einstellung „Persönlich angepasste Menüs verwenden“ zur Verwirrung bei, indem sie selten genutzte Anwendungen einfach ausblendet (und damit in die Versenkung schickt).

Erfahrene Anwender haben sich an diesen Wirrwarr scheinbar gewöhnt – doch spätestens, wenn einige Dutzend Programme das System bevölkern, ertappt sich jeder bei der Frage: Wo steckt eigentlich dieses praktische Foto-Tool, wie hieß noch mal der Hersteller? Unübersichtlich gestaltet sich die Lage auch, wenn sehr viele Anwendungen gleichzeitig laufen: Die Fenster machen sich in der Taskleiste stur von links nach rechts mit Einträgen breit. Früher geöffnete Programme finden sich somit weiter links, eine Umsortierung ist nicht möglich. Wer unter Windows ein Programm verwenden will, muss in Gedanken also folgende Fragen durchspielen: Ist das Programm bereits geöffnet? Wenn ja, dann finde ich es irgendwo in der Taskleiste. Wenn nein, dann muss ich in der Schnellstartleiste, im Startmenü, auf dem Desktop oder direkt im Explorer danach suchen.

Wie es einfacher geht, zeigt das Beispiel Mac OS X. Alle Programme sitzen im gleichnamigen Ordner, der über das Explorer-Pendant Finder mit einem einzigen Klick erreichbar ist. Jedes Programm verfügt über genau einen Eintrag, auch wenn sich dahinter auf Ebene des Dateisystems mehrere einzelne Ordner und Dateien verbergen mögen. Häufig genutzte Programme lassen sich als Symbol im Dock platzieren, das eine Mischung aus Schnellstart- und Taskleiste darstellt. Startet ein Programm, erhält sein Symbol im Dock eine kleine Markierung. Wer also ein Programm verwenden will, klickt schlicht auf dessen Stammplatz im Dock – ob es bereits läuft oder nicht, spielt keine Rolle. Programme ohne Dock-Symbol lassen sich über den Finder starten und fügen sich rechts ans Dock an, solange sie geöffnet sind.

Mac-Dock Auf dem Mac-Dock hat jedes wichtige Programm seinen Stammplatz, unabhängig davon, ob es gerade läuft oder nicht (Screenshot: Apple [6]).

Windows 7 orientiert sich kräftig am Dock-Konzept. Die Taskleiste ist verschwunden, die Schnellstartleiste nennt sich fortan Superbar und dient nun zusätzlich zum Wechseln zwischen Programmen. Auf der Superbar prangen große Symbole, die bei aktiven Programmen beleuchtet werden. Welche Programme in die Superbar gehören, entscheidet allein der Anwender – die Hersteller dürfen dort nichts installieren. Die Symbole lassen sich beliebig auf der Superbar anordnen. Bewegen Sie die Maus über ein Symbol, erscheinen darüber Miniaturen der geöffneten Fenster. Das war auch bei Vistas Taskleiste schon so, doch Microsoft hat diese Funktion intelligent ausgebaut: Wenn die Maus kurz auf einer Miniatur verharrt, drängt sich das zugehörige Fenster in den Vordergrund, die übrigen verwandeln sich in Glassilhouetten. Ein Klick genügt, um das Fenster zu aktivieren oder zu schließen.

Superbar in Windows 7 Die Superbar tickt wie Apples Dock – und erlaubt zusätzlich einen komfortablen Wechsel zwischen den verschiedenen Fenstern eines geöffneten Programms.

Neben den Fenstern zeigt Windows 7, zumindest im Falle des Internet-Explorers, auch offene Tabs als Miniaturen an – bei sehr vielen Tabs könnte das der Übersicht eher schaden als nützen. Dass die Hersteller unterhalb der Miniatur noch zusätzliche Schaltflächen für ihr Programm einbauen dürfen, ist womöglich auch zu viel des Guten. Nützlich wirkt das Menü, das beim Rechtsklick auf ein Symbol erscheint: Diese „Jump List“ beschleunigt den Zugriff auf wichtige Aufgaben oder Dateien. Eine Textverarbeitung kann zum Beispiel die zuletzt bearbeiteten Dokumente auflisten.

Beispiel 4: Systemsteuerung und Registry

Reichlich Platz für Optimierungen bieten die Systemsteuerung und die Registry: Beide sind seit Windows 95 zu Monstern angewachsen. Es ist praktisch unmöglich, in der Registry eine bestimmte Option zu finden und zu ändern, wenn keine genaue Beschreibung des Schlüsselnamens und der sinnvollen Werte vorliegen. Schuld daran sind die allzu komplexe Verschachtelung, die kryptischen Schlüsselnamen und die fehlenden Auswahllisten für sinnvolle Eingabewerte. Manche Schlüssel und Werte existieren auch gar nicht erst und müssen zunächst angelegt werden – ohne Dokumentation erst recht ein aussichtsloses Unterfangen. Windows 7 schneidet hier bisher leider kein Stück besser ab als Vista.

Auch die Systemsteuerung ächzt unter ihrer großen Komplexität: In der klassischen Ansicht listet Vista Ultimate über 50 Rubriken auf, mehr als je zuvor. Die Standardansicht verteilt die Rubriken lediglich über mehrere Kategorien, was das Ganze eher noch unübersichtlicher macht. Sargnägel sind die unbeholfene Gliederung und Namensgebung: Kategorien wie „System und Wartung“, „Hardware und Sound“ und „Darstellung und Anpassung“ stehen auf einer Ebene nebeneinander. Ist aber letztlich nicht jede Rubrik Teil des „Systems“ – auch „Hardware und Sound“? Wieso wird ausgerechnet der „Sound“ bei der „Hardware“ explizit erwähnt? Und dient die Systemsteuerung nicht generell der „Anpassung“? Wenn ich meinen Scanner kalibrieren möchte, ist das dann Wartung, Hardware, Anpassung oder etwas ganz anderes, das ich gar nicht in der Systemsteuerung finde? Glücklicherweise wartet Vista mit einem Suchfeld auf, das bei einem Begriff wie „Scanner“ durchaus brauchbare Ergebnisse liefert. Intern scheint das System also bereits mit Schlagwörtern zu arbeiten. Da läge es nahe, auch dem Anwender eine lange, durchsuchbare Liste mit praxisnahen Begriffen wie „DSL“, „Maus“ oder „Passwörter“ zu präsentieren. Die Testversion von Windows 7 wagt sich bisher leider nicht an solche Verbesserungen heran.

Systemsteuerung von Windows Vista Wenig praxistauglich: Die Kategorien in Vistas Systemsteuerung sind nicht klar genug benannt.

Beispiel 5: Produktaktivierung

Schon in Windows XP baute Microsoft eine Zwangsaktivierung über Internet oder Telefon ein, um Raubkopien und Mehrfach-Installationen zu verhindern. Vista setzte mit dem „reduzierten Funktionsmodus“ noch einen oben drauf: Es loggte den Benutzer nach einer Stunde automatisch aus, wenn es eine Raubkopie zu erkennen glaubte. Der unvermeidliche Fehlalarm ging im August 2007 los, als Microsofts Aktivierungsserver für mehrere Stunden ausfielen. Tausende legale Windows-Kopien wurden zu Raubkopien abgestempelt. Nach massiven Protesten musste Microsoft die Funktion entschärfen, Vista mit Service Pack 1 konfrontiert vermeintliche und echte Raubkopierer nur noch mit Warnungen. Latentes Misstrauen gegenüber den eigenen Kunden, dazu noch böse Pannen – mit der Aktivierung hat Microsoft viel Sympathie bei Unternehmen und privaten Anwendern verspielt. Apple verzichtet bei Mac OS X komplett auf einen Kopierschutz, doch bisher gibt es keine Anzeichen dafür, dass Windows 7 dieser Giftzahn ebenfalls gezogen wird.

Fazit

In einer perfekten Welt benähme sich ein Betriebssystem wie die typische Haushaltsperle aus alten Romanheftchen: Sie wirkt lautlos im Hintergrund, wedelt hier ein wenig, bohnert dort ein bisschen und hält nebenbei die ganze Bude am Laufen. Dass es sie gibt, bemerkt man erst, wenn sie mal Urlaub hat – weil dann der Haushalt zusammenbricht. Mit dem Job eines zurückhaltenden, fleißigen Dieners hat Windows Vista jedoch wenig am Hut. Das edle Vista gehört viel eher auf eine Cocktail-Party. Es wäre dort der aufgeblasene Wichtigtuer in Designer-Klamotten, ein egozentrischer Schwätzer, der anderen Leuten ins Wort fällt und sich als Angsthase mit latentem Hang zum Leichtsinn geriert.

Wenn Windows 7 hält, was die aktuelle Testversion verspricht, wird es ein deutlich freundlicheres Betriebssystem. Task- und Schnellstartleiste fusionieren zur Superbar nach Mac-Vorbild, das Starten und Wechseln von Programmen geht deutlich intuitiver von der Hand. Die Zwischenrufe in Form von Sprechblasen und Warnmeldungen nehmen gegenüber Vista stark ab und lassen sich sehr leicht ganz ausschalten. Das neue System hält sich also vornehm zurück, die Arbeit mit Programmen und Dokumenten steht wieder im Vordergrund. Würde Microsoft noch die Systemsteuerung und die Registry entrümpeln, gäbe es hinsichtlich der Benutzerfreundlichkeit nicht mehr viel an Windows zu bemängeln.

Artikel von CNET.de: https://www.cnet.de

URL zum Artikel: https://www.cnet.de/39200705/warum-vista-nervt-und-was-bei-windows-7-besser-wird/

URLs in this post:

[1] Microsoft: http://www.cnet.de/unternehmen/microsoft/

[2] Werbekampagne: http://www.mojaveexperiment.com/

[3] Testversion 6956: https://www.cnet.de/digital-lifestyle/galerie/39200132/windows+7+build+6956+neue+taskleiste+und+regionale+desktop_styles.htm

[4] Windows 7 Build 6956: neue Taskleiste und regionale Desktop-Styles: https://www.cnet.de/39200132/windows-7-build-6956-neue-taskleiste-und-regionale-desktop-styles/?pid=1#sid=39200705

[5] Notebook: http://www.cnet.de/themen/notebook/

[6] Apple: http://www.cnet.de/unternehmen/apple/

[7] Superbar, wunderbar? So funktioniert die neue Taskleiste von Windows 7 : https://www.cnet.de/39200636/superbar-wunderbar-so-funktioniert-die-neue-taskleiste-von-windows-7/?pid=1#sid=39200705

[8] So funktioniert das Einrichten von Netzwerken unter Windows 7: https://www.cnet.de/39200516/so-funktioniert-das-einrichten-von-netzwerken-unter-windows-7/?pid=1#sid=39200705