Spielemesse E3: Controller-Revolutionen bei Nintendo, Microsoft und Sony

von Stefan Möllenhoff am , 18:04 Uhr

Die E3 steht – jedenfalls was die Hardware angeht – ganz im Zeichen neuartiger Eingabegeräte. Microsoft enthüllt endlich Project Natal, ein Bedienkonzept, um das sich seit geraumer Zeit Gerüchte ranken. Nintendo demonstriert, was mit dem Wiimote-Add-on Wii Motion Plus möglich ist. Und Sony zeigt der Weltöffentlichkeit erstmals einen Wiimote-ähnlichen Controller, der zukünftige Playstation-Spiele revolutionieren soll.

E3 steht für Electronic Entertainment Expo. Die Spielemesse findet dieses Jahr vom 2. bis 4. Juni in Los Angeles statt. Die Pressekonferenzen des Konsolengiganten-Trios Microsoft [1], Sony [2] und Nintendo sind inzwischen vorbei. Was bleibt, ist die Vorfreude auf ein komplett neues Spielerlebnis. Unsere Kollegen von CNET.com und Gamespot.com waren vor Ort und haben einen Einblick in die spektakulärsten Neuerungen gewonnen.

Highlights von Microsoft

Die Nintendo Wii [3] lässt seit ihrem Erscheinen vor zwei Jahren Couch Potatoes tanzen – mit gigantischem Erfolg. Die Konsole ist die einzige des Trios Xbox 360, Playstation 3 und Wii [4], die ihrem Schöpfer Gewinne einfährt. Doch jetzt schlägt der Software-Riese aus Redmond mit einem „Controller“ zurück, der der Konkurrenz aus Japan das Fürchten lehren soll.

Project Natal

„Es geht nicht darum, das Rad neu zu erfinden, sondern darum, gar kein Rad mehr zu benötigen.“ Im Gegensatz zu Sony und Nintendo wirbt Microsoft damit, dass der Gamer ohne Controller auskommt. Stattdessen spielen sowohl der eigene Körper als auch die Stimme die Hauptrollen. Die auf der Microsoft-Pressekonferenz vorgeführten Videos zeigen einen bunte Mix aus Autorenn- und Sportspielen, Chats sowie eine Navigation mittels Gesten und Sprache.

Diese Kombination aus Kameras und 3D-Mikrofon erkennt mehrere Spieler gleichzeitig und hält sie auseinander.

Eine der auf der Bühne demonstrierten Anwendungen ist Ricochet. Dabei handelt es sich um eine Art 3D-Breakout, bei dem die Kugeln auf den Spieler zugeschossen kommen. Mit seinem Körper feuert er die Bälle zurück und zerstört so Spielsteine am anderen Ende des virtuellen Raums. Je nach Bewegung und Körperteil prallen die Kugeln lediglich ab oder schießen mit ordentlich Karacho durch die Gegend.

In Paint Party werfen Hobby-Künstler eimerweise Farbe auf eine Leinwand. Je nach Geste – ob mit feinen Bewegungen aus dem Handgelenk oder einem beidhändigen Schaufeln – verteilt der Spieler unterschiedliche Mengen Anstrich auf dem Bild. Auch die Richtung der Bewegung spielt eine Rolle. Die Auswahl der Farbe trifft man ganz einfach mit der Stimme. Schattenspieler kommen bei Paint Party besonders auf ihre Kosten. In einem bestimmten Modus übernimmt das Malprogramm die aktuell dargestellte Siluette in das Gemälde.

Zum Schluss zeigt Microsoft noch einen Trailer von einem kleinen Jungen namens Milo. Der Knirps befindet sich in einer märchenhaften Landschaft und interagiert – jedenfalls in dem Trailer – mit dem Spieler auf eine beinahe erschreckend natürliche Art und Weise. Die Unterhaltung klingt sehr flüssig und gar nicht so, wie man es von diversen Eliza [5]-Clones kennt. Milo möchte in der Demonstration fischen gehen. Die Kamera geht langsam ans Ufer, der Spieler scheint sich über den See zu beugen und sieht dort sein eigenes Spiegelbild, das die Kamera in Echtzeit in die Wasseroberfläche hineinrendert. Das Ganze hat etwas von einem modernen Tamagotshi.

Natürlich hätten wir etliche Features lieber in einer Demonstration auf der Bühne als in einem Trailer gesehen, der zwar mächtig Eindruck macht, aber eben dadurch an Glaubwürdigkeit einbüßt. Wir hatten die Gelegenheit, uns das System hinter geschlossenen Türen genauer anzusehen. Wenige Minuten nach Beginn der Vorführung im kleinen Kreis waren auch die skeptischsten Gesichter verschwunden. Das System aus Farb- und Infrarotkamera erkennt neue Spieler zuverlässig, weist ihnen automatisch erstaunlich treffende Avatare zu und ordnet dank 3D-Mikrofon sogar Sprachkommandos bestimmten Personen zu. Auch wenn es vor dem Bildschirm heiß hergeht – Project Natal behält die einzelnen Personen stets im Auge. Sobald beispielsweise ein Körperteil verdeckt wird, interpoliert das System die Position der nicht mehr sichtbaren Gliedmaßen anhand eines detaillierten Modells des menschlichen Skeletts.

Neuer Microsoft-Marketplace

Jetzt geht’s wieder zurück auf den Boden – weg von der fantastischen Zukunftsmusik, die bestimmt noch einen etwas weiteren Weg in die Wohnzimmer vor sich hat. Microsoft führt einen neuen Marketplace ein, der es Zockern ermöglicht, Spiele auf der Konsole per Kreditkarte zu kaufen und direkt herunterzuladen. Der Service startet mit mehr als 30 Titeln, darunter Mass Effect, BioShock, Assassin’s Creed, Lego Star Wars: The Complete Saga und Sonic the Hedgehog. Jede Woche sollen weitere Games folgen. Der Konzern aus Redmond hat bislang lediglich einen Preis verraten, nämlich den für das Lego-Spiel: 19,99 US-Dollar.

Der Vorteil für die Zocker besteht darin, dass sich die Spiele beliebig oft herunterladen lassen. Geht also eine Xbox 360 [7] über den Jordan, loggt sich der ehrliche Käufer einfach mit seinem Account beim nächsten Modell ein, und hat kurze Zeit später wieder seine Games am Start. Ist der Speicherplatz auf der Konsole voll, so lassen sich auch etliche Spiele von der Platte fegen, ohne, dass der Kaufpreis vergeudet ist.

Jetzt gibt’s noch etwas für die weibliche Zockergemeinde und totale Videospielfreaks: Im neuen Avatar Marketplace kann jeder seine Spielfiguren mit individueller Kleidung und speziellen Gadgets ausstatten. Hier stehen Accessoires aus diversen Spielen, etwa Halo, Fable II, Gears of War 2 oder Splinter Cell zur Auswahl. Je nach Exklusivität kosten die schmückenden Zusätze zwischen einem und vier US-Dollar beziehungsweise 80 und 320 Microsoft-Punkten.

Shopping-Fieber: Auf dem Marketplace bekommen die Charaktere ein neues Outfit verpasst.

Highlights von Sony

Es sollte eine große Überraschung werden, doch das war sie aufgrund einer Panne am ersten E3-Tag [8] nicht: Sony Consumer Electronics CEO Kaz Hirai beginnt die Ankündigung der neuen Playstation Portable mit den Worten: „Für dieses Gerät haben wir gleich mehrere Namen: Das am schlechtesten gehütete Geheimnis der E3 – und PSP go.“

PSP go

Die portable Spielekonsole hat ordentlich abgespeckt. Mit einem Gewicht von 110 Gramm ist die Kleine rund 40 Prozent leichter als ihre ältere Schwester [9]. Was Breite und Höhe angeht, ist sie nur etwas größer als das iPhone, aber in etwa doppelt so dick. Allerdings betrifft die Schrumpfkur auch das Display: Mit einer Diagonale von 3,8 Zoll ist es im Vergleich zur Vorgängerin ein halbes Zoll kleiner.

Die neue Playstation Portable namens PSP go ist kleiner als ihre Vorgängerin.

Die PSP Go nimmt den Kontakt zur Außenwelt per WLAN und Bluetooth auf. Wie bereits gemunkelt [8] wurde, verfügt sie über 16 GByte internen Speicher, der sich außerdem mittels Memory Stick Micro (M2) erweitern lässt. Das UMD-Laufwerk gibt es nicht mehr.

Sony bietet mobilen Zockern außerdem eine Reihe neuer Features: Media Go beispielsweise soll einen unkomplizierteren Download von Daten auf die Konsole ermöglichen. Dank der Sens-Me-Funktion bastelt die kleine Playstation Playlisten zusammen, die sich an den Hörgewohnheiten der Anwender orientieren. Ab 1. Oktober soll die PSP go zum Preis von 250 Euro in den Regalen stehen. Wer bereits eine riesige Spielesammlung besitzt und sich über seine sperrige, alte Playstation Portable [10] ärgert, kann aufatmen: Die neue portable Spielekonsole ist zu allen PSP-Games kompatibel.

Die PSP go kommt in den klangvollen Farben Pearl White und Piano Black.

Playstation Motion-Controller

Rechenleistung, Full-HD-Grafikpower, integrierte Festplatte, Blu-ray-Player? Fehlanzeige bei Nintendos Wii. Dafür bietet die kleine Konsole mit den Wiimotes ein neuartiges Bediensystem, das für jede Menge Spielspaß bei Käufern und klingelnde Kassen beim Hersteller sorgt. Es war nur eine Frage der Zeit, bis auch die Konkurrenz einen Controller mit Beschleunigungssensor auf den Markt bringt. Jetzt ist es endlich soweit: Sony zeigt auf der E3 seine Antwort auf die Nintendo-Fernbedienung.

Der Controller besteht aus einem Stab mit einer Reihe von Tasten darauf und einer leuchtenden Kugel am Ende. Sonys Playstation-Kamera namens Eye behält das Licht ständig im Auge und überträgt die Bewegungen in Echtzeit ins Spiel. Ein Lagesensor im Controller unterstützt die Kamera dabei. Ein Sony-Mitarbeiter demonstriert das System im Schnelldurchgang durch die verschiedenen Genres. Erst fuchtelt sein Alter Ego auf dem Bildschirm mit einem Tennisschläger, dann mit Schwert und Morgenstern, und schließlich mit einem Fächer durch die Gegend.

Nicht nur für Third- sondern auch für First-Person-Spiele eignet sich der neue Controller laut Sony. Zielgenau lässt der Demonstrator eine virtuelle Peitsche knallen und sprayt Graffiti an die Wand. Die Verwendung von zwei Fernsteuerungen gleichzeitig eröffnet weitere Möglichkeiten. Kämpfe mit Schwert und Schild sowie ein Gefecht mit Pfeil und Bogen begeistern das Publikum. Laut Sony beträgt die minimale Auflösung weniger als einen Millimeter. Ab Frühling 2010 muss sich Nintendo warm anziehen, denn dann sollen die Geräte in den Regalen stehen.

Highlights von Nintendo

Microsoft und Sony [12] machen sich also ordentlich Gedanken, was eine neuartige Steuerung angeht – und rücken auf der E3 endlich Details heraus. Nintendo hatte die Konkurrenz bereits zwei Wochen vor der Spielemesse mit einem Upgrade für die Wiimote namens Wii Motion Plus unter Druck gesetzt.

Wii Motion Plus

In Los Angeles demonstriert Nintendo anhand des neuen Spiels Wii Sports Resort, was das Präzisions-Add-On ermöglicht. Das Game beginnt mit einem Fallschirmsprung auf eine Freizeit-Insel. Die Wiimote entspricht dabei dem Körper des Fallenden. Ist die Fernbedienung in der Waagrechten, so gleitet der Mii-Charakter ruhig dahin und lässt sich durch leichte Drehungen und Neigungen präzise steuern. Eine Senkrechtstellung des Controllers lässt die Spielfigur förmlich gen Erde stürzen.

Für eine erhöhte Genauigkeit der Wiimote stecken Gamer den kleinen mattweißen Kasten an der Unterseite der Fernbedienung ein.

Bei der ersten On-Stage-Demonstration schießt ein Entwickler mit virtuellem Pfeil und Bogen. Er hält die Wiimote in der linken Hand und „spannt den Bogen“ mit der rechten. Hier zeigt Wii Motion Plus seine Präzision: Jedes nervöse Zittern auf der Bühne setzt das Spiel gnadenlos um. Anschließend bekommt das Publikum noch ein kurzes Basketball-Duell zwischen zwei Nintendo-Mitarbeitern zu sehen.

In den USA ist das Upgrade ab 26. Juli erhältlich. Einen Termin für Deutschland nennt Nintendo auf der E3 nicht. Neben Wii Sports Resort wird es eine Reihe weiterer Titel im Bundle mit Motion Plus geben, beispielsweise Tiger Woods PGA Tour 10, EA Grand Slam Tennis und Sega Virtua Tennis 2009. Das gleiche gilt für die Fortsetzung des Ego-Shooters Red Steel.

Vitality Sensor

Nintendo bietet mit Wii Fit [14] und dem Balance Board bereits einiges für die körperliche Fitness. Auch für die Gedächtnisleistungen gibt es bereits eine Reihe von Gehirnjogging-Programmen. Und jetzt macht sich der japanische Konzern auch noch Sorgen ums Gemüt seiner Anhänger. Dafür klemmen sich Gamer einfach ein kleines Kästchen an den Finger, und schon weiß die Konsole über den aktuellen Puls Bescheid. Allerdings misst sie nicht nur die Herzfrequenz, sondern auch weitere Daten wie Nervosität und Konzentration.

Der Wii Vitality Sensor misst neben der Herzfrequenz unter anderem auch die Nervosität und die Konzentration der Gamer. Damit könnte sich beispielsweise der Actiongehalt von Spielen an die aktuelle Verfassung der Zocker anpassen.

Dadurch sollen sich Videospiele indivduell auf die Gamer einstellen. Sanfte Gemüter bekommen im nächsten Ego-Shooter weniger deftige Schockszenen serviert, während die Konsole bei harten Jungs keine Gnade kennt und sie mit Action bombardiert, bis auch deren Knie weich werden. Auch spezielle Entspannungsprogramme, die Nintendo-Käufer förmlich in den Schlaf wiegen sollen, sind denkbar, wenn es nach dem Hersteller geht.

Fazit

Die spektakulärsten Hardware-Neuerungen dieses Jahr bestehen nicht aus noch gigantischeren Grafikleistungen oder noch schnelleren Prozessoren. Stattdessen sind die Eingabegeräte an der Reihe. Nintendo verbessert seinen Controller, Sony zeigt einen Wiimote-ähnliches Konkurrenzprodukt. Microsoft verzichtet gleich vollständig auf Gamepad & Co. Diese Funktion übernimmt beim Konzern aus Redmond einzig und allein der Körper des Spielers.

Artikel von CNET.de: https://www.cnet.de

URL zum Artikel: https://www.cnet.de/41004936/spielemesse-e3-controller-revolutionen-bei-nintendo-microsoft-und-sony/

URLs in this post:

[1] Microsoft: http://www.cnet.de/unternehmen/microsoft/

[2] Sony: http://www.cnet.de/unternehmen/sony/

[3] Nintendo Wii: https://www.cnet.de/tests/tv/39149374/testbericht/spielspass+statt+high_tech+nintendo+wii.htm

[4] Trios Xbox 360, Playstation 3 und Wii: https://www.cnet.de/praxis/preisradar/39149565/wii_+ps3+und+xbox+360+die+spielkonsolen+der+neuen+generation.htm

[5] Eliza: http://de.wikipedia.org/wiki/ELIZA

[6] Microsoft Project Natal: Der menschliche Körper als Spielecontroller: https://www.cnet.de/41004941/microsoft-project-natal-der-menschliche-koerper-als-spielecontroller/?pid=1#sid=41004936

[7] Xbox 360: https://www.cnet.de/tests/tv/39139068/testbericht/page/4/erste+high_definition_konsole+microsoft+xbox+360.htm

[8] Panne am ersten E3-Tag: http://cgi.cnet.de/alpha/artikel/gaming/200906/sony-stellt-heute-auf-der-e3-die-neue-mobile-spielkonsole-psp-go-vor.htm

[9] ältere Schwester: https://www.cnet.de/digital-lifestyle/galerie/39157034/psp+geknackt+so+sieht+die+playstation+portable+von+innen+aus.htm

[10] alte Playstation Portable: https://www.cnet.de/digital-lifestyle/top-oder-flop/39157110/gaming+on+the+road+playstation+portable.htm

[11] Sony Motion Controller: Weg vom Sofa, Action ist angesagt!: https://www.cnet.de/41004943/sony-motion-controller-weg-vom-sofa-action-ist-angesagt/?pid=1#sid=41004936

[12] Microsoft und Sony: https://www.cnet.de/digital-lifestyle/spiele/specials/39153001/interaktiver+grafikvergleich+playstation+3+vs_+xbox+360.htm

[13] Nintendo Wii Motion Plus: Die Wiimote wird präziser: https://www.cnet.de/41004942/nintendo-wii-motion-plus-die-wiimote-wird-praeziser/?pid=1#sid=41004936

[14] Wii Fit: https://www.cnet.de/tests/peripherie/39191138/testbericht/sport+im+wohnzimmer+nintendo+wii+fit.htm