Endlich da und schon getestet: Nokia N97

von Daniel Schraeder und Flora Graham am , 19:40 Uhr

Pro
  • gute QWERTZ-Tastatur
  • Zugang zu OVI Storage
  • anpassbarer Homescreen
  • interaktive Widgets
  • gigantische 32 GByte Speicher plus MicroSD-Slot
  • Vollaussstattung mit UMTS, HSDPA, WLAN & GPS
Con
  • im Vergleich zum iPhone langweilige und komplizierte Oberfläche
  • nur mittelmäßiges Display
  • resistiver Touchscreen ohne Multitouch
  • schwache Akkulaufzeit
Hersteller: Nokia Listenpreis:
ZDNet TESTURTEIL: GUT 7,0 von 10 Punkte
Fazit:

Das Nokia N97 ist der aktuelle Nachfolger von N95 und N96 und somit das neue Top-Smartphone der Finnen. Die Ausstattung stimmt, aber in puncto Optik und Bedienbarkeit scheint das N97 im Vergleich zur Konkurrenz von Apple und Palm nicht auf dem Stand der Technik zu sein - trotz Touchscreen. Immerhin gleicht Nokia einen Teil dieses Mankos mit einer beispielhaften QWERTZ-Tastatur wieder aus.

Endlich ist es da – das Nokia N97, das neue Spitzenmodell, das erste Touchscreen-Gerät der Finnen. Und ein weiteres Smartphone mit 3,5-Zoll-Display und Vollausstattung – das reicht nicht mehr, um im Markt der hochpreisigen Handys gegen das iPhone anzutreten. Unsere britischen Kollegen haben bereits ein Testgerät der finalen Version vorliegen und getestet, ob die neuen Innovationen ausreichen, um die Konkurrenz zu überflügeln.

Wahre Nokia-Fans können den Marktstart des N97 gar nicht mehr erwarten. Das N97 ist der Nachfolger von N95 [1] und N96 [2] – den absoluten Highlights mit Vollausstattung, quasi das Beste vom Besten, was der Hersteller zu bieten hat. Mit Touchscreen und ausziehbarer Tastatur setzt sich das Gerät vom iPhone ab: Vor allem Vieltipper profitieren von den zusätzlichen Tasten.

Design

Mit einer Bauhöhe von knapp 16 Millimetern gehört das N97 nicht zu den schlankesten All-in-One-Smartphones auf diesem Planeten. Auch auf den ersten Blick sieht es nicht besonders sexy aus, sondern mehr wie ein Werkzeug als wie ein attraktiver Begleiter, den man gerne präsentiert. Abgesehen von der etwas fummeligen Plastikabdeckung des Akkudeckels passt die Beschreibung auch auf die Verarbeitung. Es hinterlässt einen hochwertigen Eindruck, wirkt stabil und liegt gut in der Hand – sogar besser als das N95. Selbst die Mechanik des Sliders – eine übliche Schwäche, unter der auch der Palm Pre [3] leidet – wirkt solide und wie aus einem Guss.

Im Vergleich zu anderen Slider-Handys des selben Herstellers gibt es in der Mechanik einen Unterschied. Die Anzeige des N97 stellt sich beim Herausschieben angewinkelt auf – das hat etwas von einem Notebook [4]. Somit ist kein Standfuß oder Ähnliches nötig, wenn man das Smartphone [5] wie einen portablen Videoplayer im Zug oder im Flugzeug auf den Klapptisch vor sich stellt, um ein Filmchen zu betrachten. Auch beim Tippen ist das ein Pluspunkt.

Die Tastatur selbst ist ein weiterer Lichtblick am N97-Himmel. Die Tasten sind flach und mit 5,5 mal 6,5 Millimetern zwar nicht sonderlich groß, aber sie haben einen optimalen Druckpunkt „mit Klick“. Außerdem ist der Abstand zwischen den Zahlen und Buchstaben mit etwa einem Millimeter ideal für schnelles Schreiben. Das gilt aber nicht für das Eintippen von langen Nummern – denn es gibt keine expliziten Tasten. Stattdessen muss der Nutzer vor jeder Zahl auf die Shift-Taste drücken. Das nervt so sehr, dass man dazu neigt, die Tastatur einzuklappen und die virtuellen Zahlentasten auf dem Display zu nutzen. Denn hier tippt es sich einwandfrei.

Der Touchscreen reagiert empfindlich und flott. Allerdings hätten wir uns gefreut, wenn Nokia anstelle der resistiven Touch-Technologie, die die Finnen bereits beim 5800 Xpress Music [6] einsetzen, auf die kapazitive Technik wechseln würde – also die, auf die auch das iPhone setzt. Resistive Touchscreens reagieren ausschließlich auf Druck, am besten mit dem Fingernagel, während ihre kapazitiven Verwandten bei Berührung ansprechen. Statt einer reinen Fingerbedienung gibt es hier also einen im Gehäuse integrierten Stift – kein gutes Zeichen für ein Smartphone, das Zeichen setzen will.

Surfen im Netz

Das N97 ist auf eine Zielgruppe ausgerichtet, die lieber eine Minute ohne Sauerstoff auskommt als eine Minute ohne Breitbandzugang ins Internet. Zu diesem Zweck verbauen die Finnen WLAN und UMTS mit HSDPA – somit sind Downloadraten von theoretischen 3,6 MBit/s aus dem Netz möglich. Das Aufbauen der Verbindung klappt problemlos. Ein besonderes Lob verdient sich Nokia für eine Funktion, die vorgeschaltete Bestätigungs-Webseiten bei öffentlichen Hotspots erkennt. Bei anderen Handys muss der Nutzer an so einem Hotspot zunächst von Hand den Browser starten, bevor er beispielsweise Apps nutzen oder E-Mails checken kann.

Einen weiteren Pluspunkt heimst der Browser des N97 für die Unterstützung von Flash ein. Somit ist das Ansehen von Web-Videos auch außerhalb der Youtube-Welt, für das die meisten Smartphones inzwischen einen Client mitbringen, möglich. Allerdings wünschen wir uns beim Surfen Zoomen per Multitouch – denn ohne Zoom trifft man auf umfangreichen Webseiten selbst mit dem kleinsten Finger keinen Link. Und das N97 verlangt gleich mehrere Fingertipps, um den Vergrößerungsfaktor anzupassen: Wer im Fullscreen-Modus surft, holt zunächst das Menü her, wählt dann das Zoom-Icon und schiebt einen Slider auf die gewünschte Stufe. Dabei vergrößert der Browser nicht einen vorher ausgewählten Punkt im Bild und das Menü deckt einen Teil der Webseite ab – so kann man oft nur raten, ob die gewählte Zoomstufe die richtige ist.

Oberfläche und Bedienung

Das merkwürdige Zoom-Menü ist nur ein Beispiel, das die noch nicht ganz optimale Abstimmung des bewährten Symbian-Betriebssystems auf berührungsempfindliche Displays aufzeigt. Im Vergleich zum Prototypen (N97-Prototyp im Test [7]) hat sich hier zwar schon einiges getan. Das Serienmodell reagiert deutlich schneller und wirkt fingerfreundlicher, aber es gäbe noch etliche Verbesserungsmöglichkeiten.

Wer beispielsweise durch die Liste seiner Musik blättern möchte, kann zwar mit dem Finger scrollen. Das geht aber nur sehr langsam voran und man muss den Finger immer wieder aufsetzen – antippen und durchlaufen lassen wir beim iPhone klappt hier nicht. Außerdem gibt es keinerlei Animationen wie das Anschlagen von Listen an ihrem Ende wie beim Apple [8]-Handy. Dadurch wirkt das Interface wenig interaktiv und etwas dröge.

Eigentlich ist das kaum ein Wunder. Schließlich arbeitet das Betriebssystem seit Jahren auf Smartphones verschiedener Hersteller ohne Touchscreen – und ist da auch sehr erfolgreich. Doch nun haben ihm die Finnen einfach eine berührungssensitive Oberfläche verpasst. Doch das zieht sich noch nicht bis ins Detail durch. Interessanterweise setzt allerdings auch das Samsung i8910 HD (früher Omnia HD genannt) [9] auf das gleiche Betriebssystem. Zwar fällt beim Samsung [10] auch gelegentlich auf, dass hier und da Tasten angebracht wären. Unterm Strich haben die Asiaten aber einfach schönere Icons und Programme wie den Media Player gebaut, die einfach einladen, zu tippen.

Hier und da fallen ungewöhnliche Gemeinsamkeiten der beiden Touchscreen-Symbians auf: In manchen Menüs muss man zweimal tippen. Wer beispielsweise in einer Musik-Playliste auf einen Song klickt, markiert ihn. Erst ein zweiter Druck mit dem Finger startet die Wiedergabe – offensichtlich ein Relikt aus Zeiten ohne berührungsempfindliches Display. Punkte wie dieser führen dazu, dass das System an sich einfach etwas hakelig und konfus wirkt. Vor allem im Vergleich zum Usability-Wunder iPhone.

Homescreen mit Widgets

Der Homescreen zeigt deutlicher, was mit der Kombination aus N97-Hardware und Symbian-Software alles möglich wäre. Er zeigt bis zu sechs anpassbare, interaktive Widgets – etwa eines, das RSS-Feeds von Nachrichtenseiten abruft und darstellt oder über die neuesten Infos aus dem Facebook-Account informiert. Außerdem gibt es eine Fernbedienung für den Media-Player mit den wichtigsten Funktionen wie Play, Pause, vor und zurück oder Verknüpfungen zu Programmen, die der stolze N97-Besitzer auf seinem Homescreen ablegen kann.

Sowohl Position als auch Inhalt der Widgets lassen sich anpassen. Allerdings gibt es auch hier einen Unterschied zu anderen aktuellen Handy-Betriebssystemen wie Android [11], das auf T-Mobile G1 [12] und HTC Magic [13] läuft. Zwar ist das Verschieben der Widgets mit dem Finger möglich, aber das klappt eben nicht so wie bei Android. Dort legt man den Finger auf das Icon, wartet etwa eine Sekunde, bis das Smartphone kurz vibriert, schiebt es an die gewünschte Stelle und lässt los. Beim N97 ist das Verschieben zwar ebenfalls frei möglich, aber zunächst muss der Nutzer den entsprechenden Modus in einem der vielen Untermenüs wählen.

Außerdem wirken die Widgets teilweise noch etwas fehlerhaft. So kleben die Mini-Programme gelegentlich auf einmal in einer Ecke, anstatt auf der vorher gewählten Position zu sitzen. Nach einem Neustart des Handys sind sie dann wieder da, wo sie hingehören.

Das N97 arbeitet mit dem OVI Store zusammen – Nokias Antwort auf den App Store. In Anbetracht der Vielzahl an Symbian-Programmen, die es im Internet gibt, herrscht hier aber noch relative Leere. Die Installation von kostenlosen und kostenpflichtigen Programmen klappt aber hervorragend einfach. Bleibt nur zu hoffen, dass möglichst viele Programmierer ihre Arbeit hier einstellen.

Ausstattung

Das Über-Nokia verfügt über eine 5-Megapixel-Kamera mit Doppel-LED-Fotolicht. Die drei Elemente verbergen sich hinter einem mechanischen Slider auf der Rückseite. Die Farben der Bilder wirken etwas ausgewaschen. Immerhin gibt es aber nahezu keine Auslöseverzögerung – das ist vorbildlich, ebenso wie der explizite Auslöse-Knopf an der Seite des N97. Denn vor allem bei Selbstporträts ist es nervig, die kleine Schaltfläche auf dem iPhone-Display „blind“ mit dem Finger zu erwischen. Dank der 32 GByte Speicher können Fotografen knipsen, bis die Finger wund werden – und sollte der Platz dennoch ausgehen, nimmt eine bis zu 16 GByte große MicroSD-Karte bereitwillig weitere Fotos auf.

Im Vergleich zur ebenfalls 3,5 Zoll großen OLED-Anzeige des Samsung i8910 wirkt das Nokia-Display beim Betrachten der Bilder allerdings fast schon trist. Nicht, dass die Anzeige schlecht wäre – aber die Konkurrenz kann es derzeit einfach besser.

Der integrierte Beschleunigungssensor schaltet die Anzeige bereitwillig zwischen Hoch- und Querformat um – je nachdem, wie man das Handy hält. Standardmäßig ist diese Funktion allerdings ausgeschaltet. Wer die Tastatur ausschiebt, landet im Breitbildmodus. Klappt man sie wieder ein, schaltet die Darstellung zurück ins Hochformat.

Die zugehörige Desktop-Software Nokias PC Suite ist weitgehend bekannt. Beim Übertragen und Konvertieren von Videos schlägt sie sich wacker. Zum Test haben wir sie mit diversen MP4-, WMV- und AVI-Filmchen gefüttert. Alle Dateien ließen sich danach problemlos auf dem N97 finden und ansehen, das Bildseitenverhältnis war aber nicht an die Breitbildanzeige des Smartphones angepasst. Allerdings arbeiten die Finnen hier noch fleißig. Man sollte die PC Suite also regelmäßig aktualisieren.

Das Synchronisieren von Kalendereinträgen, Kontakten und ähnlichem klappt übrigens hervorragend mit der Software. Vorausgesetzt, man hat einen PC – denn auf einem Mac läuft die PC Suite nicht. Über das mitgelieferte Micro-USB-Kabel lädt das Handy übrigens sogar während der Synchronisation den Akku nach.

Auf der Oberseite findet sich im Übrigen eine 3,5-mm-Klinkenbuchse, an der sich hochwertige Kopfhörer anstecken lassen.

Ein integrierter GPS-Empfänger ist mittlerweile quasi selbstverständlich. Über Nokia Maps ist sogar eine echte Turn-by-Turn-Navigation mit akustischen Fahranweisungen möglich. Das klappt gut, ist allerdings kostenpflichtig. Beim Testgerät ist eine 30-Tage-Version ohne Gebühr enthalten.

Es ist kein Wunder, dass der Akku nicht sonderlich lang hält. Wenn ein Handy gleichzeitig mit Stromfressern wie GPS, HSDPA, Bluetooth und WLAN kommuniziert und gleichzeitig ein großes Touchscreen-Display beleuchtet, zieht das nun mal viel Saft. Im Test ging dem N97 schon vor dem Abend der Strom aus. Bei „normaler“ Nutzung will es jeden Tag ans Steckernetzteil.

Fazit

Das Nokia N97 ist ein vollausgestattetes Schwergewicht mit vielen Stärken. Dazu gehören das angewinkelte Display, die hervorragende Tastatur, die umfangreiche Liste an Funktionen und Ausstattungsmerkmalen sowie Kleinigkeiten wie der anpassbare Homescreen oder die Unterstützung von Flash im Browser. Allerdings wirkt der resistive Touchscreen veraltet und die Oberfläche nicht fertig. Dazu kommen einige Software-Fehler und die teilweise irritierende Bedienung. Für einen echten Nokia-Fan dürfte aber vor allem letzteres kein Problem sein.

Den Vergleich zum iPhone, zum HTC [14] Magic oder zum Palm Pre kann das Nokia in den Punkten Usability, Attraktivität und Reaktion einfach nicht gewinnen. Es dürfte unter den mobilen Vieltippern und unter Symbian-Junkies mit einer Latte an Programmen und Spielen dennoch seine Zielgruppe finden.

Artikel von CNET.de: https://www.cnet.de

URL zum Artikel: https://www.cnet.de/41005077/endlich-da-und-schon-getestet-nokia-n97/

URLs in this post:

[1] N95: https://www.cnet.de/tests/handy/39153448/das+ueberhandy+nokia+n95.htm

[2] N96: https://www.cnet.de/tests/handy/39197487/schon+getestet+alleskoenner+nokia+n96.htm

[3] Palm Pre: https://www.cnet.de/tests/handy/41004971/im+test+palm+pre+innovatives+webos_+aber+kein+iphone_killer.htm

[4] Notebook: http://www.cnet.de/themen/notebook/

[5] Smartphone: http://www.cnet.de/themen/smartphone/

[6] 5800 Xpress Music: https://www.cnet.de/tests/handy/41000454/erstes+touchscreen_handy+aus+finnland+nokia+5800+xpressmusic.htm

[7] N97-Prototyp im Test: https://www.cnet.de/tests/handy/41002780/der+ueberflieger+im+vorabtest+nokia+n97.htm

[8] Apple: http://www.cnet.de/unternehmen/apple/

[9] Samsung i8910 HD (früher Omnia HD genannt): https://www.cnet.de/tests/handy/41004647/samsung+i8910+_omnia+hd_+touchscreen_+oled_+hd_videos.htm

[10] Samsung: http://www.cnet.de/unternehmen/samsung/

[11] Android: http://www.cnet.de/themen/android/

[12] T-Mobile G1: https://www.cnet.de/tests/handy/39197626/schon+getestet+htc+touch+t_mobile+g1+mit+android.htm

[13] HTC Magic: https://www.cnet.de/tests/handy/41003354/htc+magic+android_smartphone+von+vodafone+mit+vollausstattung.htm

[14] HTC: http://www.cnet.de/unternehmen/htc/