Fotos im RAW-Format: Das digitale Negativ rettet verkorkste Aufnahmen

von Stefan Möllenhoff am , 17:49 Uhr

Exakt zum richtigen Zeitpunkt den Auslöser betätigt. Auf der Kamera sieht das Bild fantastisch aus. Beim Betrachten am Rechner macht sich allerdings Enttäuschung breit: Das Foto ist zu hell, zu dunkel oder sieht viel zu verwaschen aus. Oft lassen sich diese Fehler trotz sündhaft teurem Photoshop & Co. einfach nicht zufriedenstellend korrigieren. RAW-Aufnahmen bieten mehr Freiraum bei der Bearbeitung. Wir zeigen, was in dem Format steckt und was man aus Bildern noch herausholen kann.

Vor einem Jahrzehnt sah die Fotografie noch ganz anders aus. Der 36-Bilder-Film wurde vollgeknipst, dann hatten Kamerabesitzer einen Stapel Negative. Diese ließen sich anschließend entwickeln. Anspruchsvolle setzten dafür unterschiedliche Techniken im eigenen Labor ein, um die verschiedensten Ergebnisse zu erzielen – heute halten dafür günstige Bildbearbeitungsprogramme her. Während eine JPEG-Datei dem fertigen entwickelten Bild entspricht, ist das RAW-Format quasi ein digitales Negativ, aus dem sich mit diversen Tools digitale Abzüge gewinnen lassen.

Unterschied zwischen RAW- und JPEG-Fotos

Spiegelreflex- und Bridgekameras überschütten Fotografen geradezu mit Optionen. Weißabgleich, Schärfe, Farben, Belichtungsmessung und so weiter – bis da die korrekten Parameter festgelegt sind, hat sich das Motiv meistens längst aus dem Staub gemacht. Das Problem am JPEG-Format ist, dass die Kamera alle getroffenen Einstellungen sofort in die JPEG-Datei „einbaut“ und damit zwangsläufigerweise zusätzliche Informationen vernichtet. Was einmal verlorengegangen ist, lässt sich auch mit dem besten Bildbearbeitungsprogramm nicht zurückholen.

Im RAW-Modus dagegen speichert die Kamera exakt die Informationen in der Datei, die der Bildsensor sieht – ohne Filter, Algorithmen und Kompression. Das Ergebnis sind Fotos, die drei- bis viermal so viel Speicherplatz belegen und sich mit den Onboard-Mitteln von Windows nicht öffnen lassen. Klingt kompliziert, aber es lohnt sich.

Die Software

Jeder Kamerahersteller setzt auf ein proprietäres RAW-Format. Von CR2 und ARW über ORF und RW2 bis hin zu RAW und NEF – ganz schön kryptisch. Die gute Nachricht: Im Lieferumfang RAW-fähiger Digicams befindet sich immer eine Software, die mit den Dateien umgehen kann. Die schlechte Nachricht ist, dass diese Programme häufig bedienerunfreundlich und nicht sonderlich leistungsstark sind. Professionelle Anwendungen wie Adobe Lightroom oder Photoshop CS3 dagegen reißen ein ähnlich großes Loch in den Geldbeutel wie eine neue Spiegelreflexkamera.

Dem RAW-Chaos ein Ende bereiten

Wir setzen auf Photoshop Elements 5.0. Die Software kostet knapp 100 Euro, eine 30-Tage-Demoversion steht zum kostenlosen Download bereit. Alternativ gibt es auch eine Reihe kostenloser Programme für die RAW-Bearbeitung, beispielsweise RAW Shooter Essentials. Die Software-Schmiede Pixmantec wurde allerdings bereits vor drei Jahren von Adobe gekauft. Die bis dahin entstandenen Versionen sind immer noch frei im Internet verfügbar, beispielsweise auf www.cnet.de/downloads/ [1]. Besitzer topaktueller DSLRs gucken bei dem Programm aufgrund der fehlenden Updates in die Röhre.

Jedes Jahr kommen Dutzende neue Kameras in den Handel, und damit auch eine ganze Reihe neuer RAW-Formate. Wer eine ältere Software einsetzt, hat also Pech gehabt? Nicht ganz, denn Adobe bietet mit dem ##Digital Negative Converter ein kostenloses Tool an, dass aus nahezu jeder beliebigen RAW-Datei ein universelles, digitales Negativ im DNG-Format generiert, das die meisten Programme beherrschen. Die Liste der unterstützten Kameras findet sich hier [2].

So schießt die Kamera im RAW-Format

Natürlich muss nicht nur der PC, sondern auch die Kamera selbst für RAW-Fotos gewappnet sein. In den Einstellungen zu Bildqualität und -größe des Fotoapparats gibt es – sofern unterstützt – einen Auswahlpunkt RAW. Viele aktuelle Spiegelreflexkameras bieten auch die Möglichkeit, gleichzeitig in RAW und JPEG zu schießen. Wer seine Bilder schnell und einfach verwenden möchte, erspart sich die aufwändige Bearbeitung. Sollte allerdings ein absolutes Starfoto mit den falschen Einstellungen im Kasten gelandet sein, so steht immer noch das digitale Negativ zur Verfügung.


In diesem Modus knipst die Canon EOS 500D [3] sowohl RAW- als auch JPEG-Fotos.

Im Folgenden möchten wir anhand einiger Beispiele zeigen, was RAW-Entwickler aus scheinbar misslungenen Fotos noch herauszuholen in der Lage sind. Unsere DSLR war so eingestellt, dass sie gleichzeitig RAW- und JPEG-Fotos mit höchster Qualität aufnimmt. Bei den Vergleichsbildern sind in der ersten Zeile immer die ursprünglichen JPEG- (links) und RAW-Fotos (rechts) zu sehen. Darunter folgen die bearbeiteten Versionen, links das aus der JPEG- und rechts das aus der RAW-Aufnahme generierte Bild.

Bilder korrigieren: Unterbelichtung

Die Katze liegt gerade besonders putzig da. Schnell, ein Foto muss her. Nachdem sich die vierbeinigen Freunde auch durch gutes Zureden nicht zum Liegenbleiben überreden lassen, bleibt keine Zeit für großartige Einstellungen. Kamera anschalten, draufhalten, alles muss passen.


Bei den unbearbeiteten Originalfotos ist kaum ein Unterschied zu erkennen – das RAW-Bild wirkt sogar noch etwas dunkler.

RAW- gegen JPEG-Bilder [4]

Allerdings bietet das RAW-Foto deutlich mehr Möglichkeiten zur Optimierung (zum Vergrößern auf das Bild klicken).

Wie die Fotos zeigen, ist der Unterschied zwischen den urspünglichen JPEG- und RAW-Dateien nicht sonderlich groß. Beim Bearbeiten kommt allerdings der größere Farbraum, den die digitalen Negative bieten, deutlich zum Tragen. Am oberen und unteren Ende des Dynamikbereichs gelangt das JPEG-Format schnell an seine Grenzen. Versuchen wir, die Belichtung auf die Katze zu optimieren, so gehen beispielsweise beim Teppich im Hintergrund und am Finger deutlich Informationen verloren. Im bearbeiteten RAW-Bild wirkt die Katze immer noch besser ausgeleuchtet. Hand sowie Hintergrund bleiben weitgehend erhalten.

Bei Adobe Photoshop Elements drehen wir primär an der Helligkeit und der Belichtung. Die weiteren Parameter bleiben – von kleinen Korrekturen abgesehen – unberührt.

Bilder korrigieren: Überbelichtung

Genauso geht es auch anders herum. Die Kamera ist beispielsweise auf Spot-Messung eingestellt, und zufällig befindet sich genau in der Mitte des Bilds eine dunkle Stelle. Damit gerät dieser Bereich korrekt belichtet und der Rest der Aufnahme deutlich zu hell. Hier ist bereits bei den unbearbeiteten Fotos ein signifikanter Unterschied zu erkennen.


Das RAW-Foto (rechts), das die Kamera liefert, wirkt bereits ein ganzes Stück sauberer.

RAW- gegen JPEG-Bilder [5]

Aus der RAW-Datei lassen sich deutlich mehr Informationen im überbelichteten Bereich herauskitzeln (zum Vergrößern auf das Bild klicken).

Beim RAW-Foto kommen deutlich mehr Details heraus als bei der JPEG-Version. Jeder Versuch, die hellen Bereiche abzudunkeln, resultiert in kaputten Farben oder einem Grauschleier über dem Bild. Die bearbeitete RAW-Aufnahme sieht zwar auch nicht perfekt aus, weist aber deutlich mehr Details auf.

Hier arbeiten wir hauptsächlich mit der Helligkeit. Abhängig vom Motiv spielen aber auch die Tiefen eine Rolle.

Bilder korrigieren: Kontrast

Ein häufiges Problem bei spontanen Aufnahmen im Freien ist der Sonnenstand. Wer gegen das Licht fotografiert, bekommt als Resultat – selbst wenn die Sonne nicht auf dem Bild zu sehen ist – schwache Farben und kaputte Kontraste. Auch hier punktet die RAW-Aufnahme gegenüber dem JPEG-Foto. Das unbearbeitete Rohdatenbild sieht bereits weniger grau aus.


Im Gegensatz zum unbearbeiteten RAW-Pendant liegt über dem JPEG-Foto ein grauer Schleier.

RAW- gegen JPEG-Bilder [6]

Die JPEG-Aufnahme weist einen geringeren Dynamikbereich auf. Insbesondere bei den Büschen in der unteren Bildhälfte verschwinden viele Informationen (zum Vergrößern auf das Bild klicken).

Um ein möglichst realitätsnahes Ergebnis zu erzielen, erhöhen wir Tiefen, Kontrast und Sättigung. Die Helligkeit dient zum Feintuning.

Tipps und Tricks

Explorer-Vorschau und Windows-Bildbetrachter

Ab Werk kann Windows mit RAW-Fotos nichts anfangen. Der Explorer zeigt anstelle einer praktischen Vorschau lediglich wenig hilfreiche Dateisymbole an. Und auch der mitgelieferte Bildbetrachter reagiert mit Ratlosigkeit, versucht man, mit ihm ein digitales Negativ zu öffnen. Das RAW Image Thumbnailer and Viewer [7] schafft Abhilfe. Ist er eingerichtet, geht das Betriebssystem mit den Rohdaten-Fotos ebenso mühelos um wie mit JPEG-Aufnahmen. Allerdings gibt es das Tool nur für XP. Windows-7- und Vista-Besitzer gucken in die Röhre.

Batch-Umwandlung

Die meisten RAW-Konverter, ganz gleich ob Freeware oder kostenpflichtig, bieten eine Funktion zur Batch-Umwandlung. Ist beispielsweise bei einem Shooting der Weißabgleich falsch eingestellt, lassen sich alle Aufnahmen mit der richtigen Einstellung auf einen Schlag korrigieren.

Fazit

Ganz klar, das Bearbeiten von RAW-Bildern bedeutet Aufwand. Und in den meisten Fällen dürften auch JPEG-Fotos den Ansprüchen genügen. Ist das perfekte Motiv allerdings mit falschen Einstellungen an der Kamera abgelichtet, bieten die digitalen Negative deutlich mehr Spielraum für Korrekturen. Den besten Weg beschreiten hier Kameras, die in beiden Formaten gleichzeitig aufnehmen. Allerdings passen auf eine Speicherkarte dann nur noch ein Viertel oder ein Fünftel so viele Bilder.

Artikel von CNET.de: https://www.cnet.de

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[1] www.cnet.de/downloads/: https://www.cnet.de/downloads/windows/38754/rawshooter+essentials+2006.htm

[2] hier: http://www.adobe.com/de/products/photoshop/cameraraw.html

[3] Canon EOS 500D: https://www.cnet.de/tests/digicam/41003589/bilder/dslr+fuer+full_hd_videos+canon+eos+500d+im+test.htm

[4] Image: https://www.cnet.de/i/c/praxis/specials/0908_raw-fotos/0908_aufhellen2_bearbeitet_gr.jpg

[5] Image: https://www.cnet.de/i/c/praxis/specials/0908_raw-fotos/0908_abdunkeln_bearbeitet_gr.jpg

[6] Image: https://www.cnet.de/i/c/praxis/specials/0908_raw-fotos/0908_gegenlicht_bearbeitet_gr.jpg

[7] RAW Image Thumbnailer and Viewer: http://www.microsoft.com/downloads/details.aspx?FamilyId=D48E808E-B10D-4CE4-A141-5866FD4A3286&displaylang=en