Schon im Test: HTC HD2 – das beste Windows-Phone aller Zeiten

von Daniel Schraeder am , 18:47 Uhr

Pro
  • kapazitives, 4,3 Zoll großes Multitouch-Display
  • schneller Prozessor sorgt für gute Reaktion
  • flaches Gehäuse
  • absolute Vollausstattung inklusive Näherungssensor und Kompass
  • Kamera mit Doppel-LED-Blitz
Con
  • Homescreen-Widgets nicht zu Marketplace-Widgets kompatibel
  • App-Store nicht konkurrenzfähig
  • teuer
  • scharfe Kanten auf der Rückseite
  • Software-Schwächen von Windows Mobile
Hersteller: HTC Listenpreis:
ZDNet TESTURTEIL: SEHR GUT 8,4 von 10 Punkte
Fazit:

Das HD2 ist definitiv das beste Windows-Mobile-Smartphone, das es gibt. Es hat einen riesigen, erstklassigen Touchscreen, ein flottes, attraktives Nutzerinterface und eine erstklassige Ausstattung. Allerdings ist es teuer, gelegentlich kommen antiquierte Windows-Dialoge zum Vorschein, und der Marketplace ist im Vergleich zu Apples App Store und dem Android Market ein Witz.

Endlich haben wir es vorliegen, das HD2 von HTC – und damit das erste Handy mit kapazitivem Multitouch-Display und Microsoft-Betriebssystem. Mit seiner Ausstattung und dem attraktiven Design ist es wohl das beste Smartphone mit Windows Mobile. Doch was heißt das so genau? Wir haben das HD2 ausführlich getestet.

Das beste Windows-Handy aller Zeiten zu bauen, heißt noch nicht viel. Denn das Microsoft [1]-Betriebssystem hat schwer zu kämpfen gegen die Konkurrenz von Google [2] und Apple [3], wirkt inzwischen veraltet und hinkt technisch hinterher. So unterstützt die neueste Version 6.5 immer noch keine modernen, kapazitiven Touchscreen-Displays im iPhone-Stil und ist somit nicht in der Lage, die coolen Multitouch-Gesten zu erkennen. Doch was ist das? HTCs neues Spitzenmodell HD2 kommt doch tatsächlich mit Echtglasdisplay, Multitouch, Kompass und anderen Feinheiten, die Windows-Phones bislang vorenthalten blieben.

Wie das geht? HTC [4] hat Windows Mobile aufgebohrt. Die Taiwaner haben darin ja schon Erfahrung, schließlich setzen sie ihr TouchFLO genanntes User-Interface (das jetzt übrigens Sense heißt, aber noch genauso aussieht) seit Jahren über den schnöden Windows-Homescreen. Und das machen sie inzwischen so schön, dass einem fast vor Freude die Augen feucht werden, wenn das HD2 nur einen Ausblick auf das Wetter gibt.

Wahnsinniger Touchscreen

Technik wird immer kleiner. Das gilt auch für Handys – die frühen Modelle waren gigantische Schinken im Autobatterieformat, mit kabelgebundenem Telefonhörer und Auszieh-Antenne. Inzwischen passt ein Mobiltelefon schon in die Armbanduhr. HTC stellt sich offensichtlich dennoch gegen den Trend, denn das HD2 überragt sie alle: Sein 4,3 Zoll großes Display ist 0,2 Zoll größer als das des bisherigen Spitzenreiters TG01 und ganze 0,8 Zoll größer als die iPhone-Anzeige. Das klingt nicht gerade taschenfreundlich – aber wir können Entwarnung geben. Mit 6,7 mal 12,1 Zentimetern und einer Bauhöhe von gerade einmal 11 Millimetern ist das HTC-Flaggschiff nur unwesentlich größer als das iPhone und ein gutes Stück kleiner als das TG01. Damit passt es tatsächlich noch in die Tasche. Wenn sie nicht all zu klein ist. Und man sollte tunlichst daran denken, das Handy vorm Hinsetzen aus der Gesäßtasche zu ziehen.

Im praktischen Einsatz verlieben wir uns sofort in das riesige Display. Surfen im Web und Ansehen von Fotos und Videos ist einfach genial – da werden selbst überzeugte iPhone-Nutzer neidisch. Doch leider macht das Betriebssystem des HD2 dem Spaß immer mal wieder einen Strich durch die Rechnung. Obwohl sich mit der Version 6.5 einiges verbessert hat, kommt man immer wieder an Punkte, die einfach für die Bedienung mit dem Stift entwickelt wurden. Und zwar vor Jahren. Da der kapazitive Touchscreen schon rein aus technischen Gründen nicht in der Lage ist, mit einem Stylus umzugehen, scheint die große Anzeige nicht nur sexy, sondern auch dringend notwendig zu sein. So geraten selbst kleine Links in den Dialogen zu Netzwerkeinstellungen & Co. groß genug, um sie mit dem Finger erwischen zu können. Anders ausgedrückt: Aus der Not wird eine Tugend.

Im Vergleich zu allen anderen Windows-Handys fällt vor allem die Echtglasscheibe auf, die die Front dominiert. Wo bei resistiven Touchscreens immer eine etwas billig wirkende Plastikfolie zu sehen ist, gibt es hier ein kristallklares Bild mit leuchtenden Farben. Dass man die Anzeige nur sanft berühren muss anstatt sie zu drücken, ist da nur ein weiterer, positiver Effekt. Dazu passt auch die HTC-eigene Oberfläche perfekt. Ein Slider im unteren Bereich holt verschiedene Funktionen, etwa Twitter-Client, E-Mail-Reader, Browser, Mediaplayer oder Foto-Ansicht in den Vordergrund – und das ganze extrem flott. Dazu gibt es dann attraktive Animationen, etwa einen Scheibenwischer, der bei der regnerischen Wettervorhersage kleine Tropfen von der Anzeige wischt, oder Wolken, die den kompletten Bildschirm bedecken.

Tiefreichende Tuning-Maßnahmen

Aber kommen wir nun zu den schlechten Nachrichten. Sehr gerne würden wir an dieser Stelle schreiben, dass HTC endlich alle Altlasten von Windows Mobile ausgebügelt hat. Doch das stimmt leider nicht.

So gibt es häufig Überschneidungen zwischen von HTC zugelieferten Funktionen und ihren Pendants von Microsoft. Das verwirrt den Nutzer gelegentlich. Videos oder Musikdateien öffnen sich beispielsweise entweder im HTC-eigenen Mediaplayer oder im Standard-Mediaplayer von Windows Mobile. An anderen Stellen scheint es so, als wären die die Software-Tuningmaßahmen des Hardwareherstellers nicht weit genug gegangen. Auf dem Homescreen gibt es einen attraktiven E-Mail-Reader, der dem Nutzer die ersten paar Zeilen neu eingegangener Nachrichten anzeigt. Ein kurzer Wisch mit dem Finger zeigt frühere Nachrichten. Alles sexy und flüssig, eben wie beim iPhone. Wer aber in der Nachricht eingebettete Bilder sehen möchte, den kompletten Text lesen will oder gar antworten muss, öffnet mit einem weiteren Fingertipp die altertümlich anmutende E-Mail-Applikation von Windows Mobile. Die erinnert vom Look & Feel her eher an Windows 3.1 als an iPhone oder Android [5].

Wir können es ja sogar noch verzeihen, dass sich HTC nicht bis zum letzten Dialog von Windows Mobile vorangetastet hat – denn über die IP-Konfiguration des Internet-Zugangs oder die Einstellungen von Active Sync stolpert man nicht täglich. Doch leider hapert es eben schon an so alltäglichen Programmen wie dem E-Mail-Client.

Dazu kommen weitere Unzulänglichkeiten bei der Bedienung, die sich seit Jahren einfach eingeschnitten haben in das Microsoft-Betriebssystem. Wer beispielsweise das Startmenü öffnet, schließt es wieder mit einem Tipp auf das X in der rechten oberen Bildschirmecke. Testweise öffnen wir stattdessen den Marketplace. Schlägt dann der Verbindungsaufbau mit den Microsoft-Servern fehl, findet sich der Cancel-Button unten rechts – und zum Beenden des Programms tippt man dann auf Exit unten links. Das X findet sich währenddessen gar nicht auf dem Display. Für noch mehr spannende Abwechslung sorgt der Media-Player, der seinen Back-Button oben in der Mitte präsentiert. Uns wäre eine konsequente Anordnung der wichtigen Schaltflächen in der Praxis aber deutlich lieber als Überraschungen.

Ein Paradies für Social Networker

Das HD2 ist, was die Integration von Social Networks angeht, fast auf dem hohen Niveau des Heros. Auf Deutsch: Das Gerät zieht sich Kontaktinformationen von Freunden und deren Bilder aus Facebook. Ein Homescreen-Tab dient als Twitter-Client, über den sich auch Status-Updates abgeben lassen und so weiter. Das funktioniert auch weitgehend problemlos. Allerdings müssen wir im Test mehrere Kontakte manuell zusammenführen, da sie unterschiedliche E-Mail-Adressen in unserem eigenen Adressbuch und beispielsweise bei Facebook nutzen.

Apps? Da könnte mehr gehen

Windows Mobile ist eine hervorragende Plattform für Anwendungsentwickler. Die vorinstallierten Programme sind leider nicht alle auf so hohem Niveau, wie wir es erwartet haben. Der Youtube-Player beispielsweise ist flott und leicht zu bedienen, die Facebook-App hingegen bietet nicht alle Funktionen, die wir im Alltagseinsatz nutzen. Also besuchen wir lieber die Facebook-Webseite.

Es gibt haufenweise weitere hervorragende Windows-Mobile-Programme. Doch leider sind sie nicht so leicht zu finden und zu installieren – denn bislang gab es keine gemeinsame Plattform im Stil des Apple App Store, der direkt auf dem Gerät das Auffinden und Herunterladen von Anwendungen ermöglicht. Der von Microsoft gestartete Marketplace ist da schon ein Schritt in die richtige Richtung, aber leider hapert es noch massiv. Es gibt lediglich eine Handvoll Einträge in den jeweiligen Kategorien, und fast alle Tools sind kostenpflichtig – abgesehen von einigen Microsoft-Tools und einer Facebook-Applikation. Wer auf der Suche nach konkreten Programmen wie Skype ist, wird derzeit innerhalb des Marketplace nicht fündig und muss Google bemühen, um den Instant Messenger direkt von der Herstellerwebseite in der richtigen Version herunterzuladen.

Aber wir wollen ja keine Erbsen zählen – zumal der Marketplace erst vor wenigen Wochen mit der Einführung von Windows Mobile 6.5 gestartet wurde. Also freuen wir uns lieber über den MyPhone-Service von Microsoft, der über das Internet ein Backup des Handys anlegt. Besonders toll: Im Gegensatz zu MobileMe von Apple ist der Dienst sogar kostenlos.

Unendliche Weiten des Internets

Der Nutzer hat die Wahl zwischen zwei Webbrowsern. Auch das ist wieder so eine Eigenart von Windows Mobile und TouchFLO, aber nun gut. Der Opera ist voreingestellt und flott, unterstützt aber kein Flash. Damit kommt hingegen der Internet Explorer klar, der allerdings bei der Geschwindigkeit hinterherhängt.

Uns wäre ein anständiger, flotter Browser lieber als die Auswahl zwischen zwei Alternativen, die beide nicht vollends überzeugen. Unterm Strich kann man sich aber nicht beklagen. Surfen im Web macht Spaß auf dem großen, hochauflösenden Display, und dank Zweifingerzoom lassen sich auch kleine Textpassagen und Bildchen perfekt erkennen.

Multitouch und Windows Mobile

Apropos Zweifingerzoom: Der Hersteller hat einigen Aufwand betrieben, um die coolen Multitouch-Gesten in verschiedene Programme zu integrieren – aber leider nicht in alle. So klappt das Vergrößern mit Daumen und Zeigefinger beispielsweise im Opera, aber nicht im Internet Explorer. Außerdem zoomen wir mit Gesten in Fotos und in Google Maps. Das funktioniert wirklich hervorragend – schade, dass dieses Feature anderen Windows-Mobile-Handys wohl noch länger vorenhalten bleibt.

Ein weiteres Lob haben sich die Taiwaner auch für ihre virtuelle Tastatur verdient. Die kennen wir schon vom kleinen Android-Bruder Hero, und sie erinnert an das iPhone-Tastenfeld. Wer einen Buchstaben, etwa das „A“, lang gedrückt hält, bekommt eine Auswahl von Sonderzeichen – und tippt so beispielsweise ein „Ä“, ohne die Tastaturansicht wechseln zu müssen. Außerdem profitiert das Keyboard vom gigantischen Display: Die Tasten sind auch im Hochformat groß genug.

Übrige Ausstattung

Auf der Rückseite des HD2 findet sich die Linse der 5-Megapixel-Kamera. Daneben gesellen sich zwei Foto-LEDs, die für extrem helles Licht sorgen. So gelingen selbst in schummrigen Bars noch helle Aufnahmen. Allerdings leuchten sie so lange vor, dass selbst der langsamste in der Gruppe noch rechtzeitig vorm Auslösen die Hand vors Gesicht heben kann – wenn er nicht auf dem Bild zu sehen sein möchte. Selbstverständlich gibt es Tap-to-Focus und eine Videoaufnahmefunktion. Die Linse der Kamera an sich wirkt allerdings etwas so, als wurde sie beim Design vergessen und nachträglich aufgesetzt. Der Rahmen um die schützende Scheibe auf der Rückseite ist extrem scharf – liegt das Handy auf dem Tisch, verkratzt man ihn schnell.

Alle weiteren Funktionen, die ein vollausgestattetes Smartphone [6] ausmachen, sind bei so einem Gerät ja schon selbstverständlich. Es gibt WLAN und HSDPA mit 7,2 MBit/s, eine 3,5-mm-Klinkenbuchse auf der Unterseite, und natürlich GPS. Erstmals ist in einem Windows Phone auch ein digitaler Kompass integriert. In der Praxis nützt der allerdings noch nicht viel, denn es hapert an Anwendungen, die damit zurechtkommen: Google Maps für Windows Mobile ist beispielsweise schlicht noch nicht in der Lage, die Karte richtig mitzudrehen. Aber das wird die Zeit wohl richten.

Die Akkulaufzeit ist übrigens erstaunlich gut. Im Standby hält das Gerät mehrere Tage durch, und selbst bei angemessener Nutzung sind zwei Tage drin. Wer es allerdings mit WLAN, GPS, Webbrowser und Kamera übertreibt, muss sein HD2 wohl täglich an die Strippe hängen.

Fazit

Beim HD2 hat der Hersteller HTC das Unmögliche möglich gemacht. Windows Mobile wirkt richtig flott, es gibt einen riesigen, gestochen scharfen Touchscreen mit Echtglasscheibe und Multitouch, und es ist alles an Technik drin, was derzeit möglich ist. Außerdem hat das Smartphone eine extrem attraktive Oberfläche, die sich vor der Konkurrenz nicht zu verstecken braucht. Allein die Animationen der Wettervorhersage sorgen für ein Lächeln bei jedem, der das Gerät in die Hand nimmt.

Doch leider zieht sich die perfekte Oberfläche nicht durch. Früher oder später kommen altertümliche Windows-Mobile-Dialoge und -Programme zum Vorschein, die eben absolut nicht zeitgemäß sind. Hätte HTC hier Android statt Windows installiert, würden wir das HD2 wohl uneingeschränkt empfehlen. Aber so bleibt eben der fade Microsoft-Nachgeschmack früherer Touchscreen-Handys mit Stiftbedienung. Wer sich daran nicht stört, bekommt mit diesem Smartphone das wohl beste Windows-Handy aller Zeiten.

Artikel von CNET.de: https://www.cnet.de

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[2] Google: http://www.cnet.de/unternehmen/google-inc/

[3] Apple: http://www.cnet.de/unternehmen/apple/

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[5] Android: http://www.cnet.de/themen/android/

[6] Smartphone: http://www.cnet.de/themen/smartphone/