Android gegen Windows: HTC Tattoo vs. HTC Touch 2

von Daniel Schraeder am , 17:51 Uhr

Für etwa 300 Euro gibt es ein vollausgestattetes Touchscreen-Smartphone mit allem, was das Herz begehrt: WLAN, HSDPA, Bluetooth, GPS, Kamera und so weiter. Wir vergleichen zwei Brüder mit identischen Ausstattungsmerkmalen, aber anderem Betriebssystem und lassen die gleich teuren Smartphones Touch 2 mit Windows Mobile 6.5 und Tattoo mit Android gegeneinander antreten.

Smartphones haben die Mobiltelefonie ordentlich aufgeräumt. Der Handy-Markt ist gesättigt, Geld verdient [1] wird nur noch mit den High-End-Geräten – und auch in diesem Umfeld sorgt der Konkurrenzkampf für weiter fallende Preise. Kein Wunder, schließlich war es vor zehn Jahren problemlos möglich, etliche hundert Mark für ein simples Handy auszugeben, dessen Ausstattungs-Merkmale auf Infrarotschnittstelle, Schwarz-Weiß-LC-Display und WAP-Browser beschränkt waren. Wer heute einige hundert Euro für ein Mobiltelefon auf den Tisch blättert, erhält dafür schon ein Smartphone [2] mit allem Pipapo.

Neu sind derzeit beispielsweise zwei Geräte von HTC [3], das Tattoo [4] und das Touch 2 [5]. Beide kosten mit einer unverbindlichen Preisempfehlung von 339 Euro gleich viel. Auch der Marktpreis liegt mit gut 300 Euro auf gleicher Höhe. Im Inneren werkeln in beiden Fällen Qualcomm-Prozessoren mit 528 MHz, beide verfügen über ein 2,8-Zoll-Display mit QVGA-Auflösung, über WLAN, UMTS mit HSDPA, GPS, Bluetooth, 3,2-Megapixel-Kamera und über einen Akku mit 1100 mAh.

Die Hardware ist also nahezu identisch. Der größte Unterschied zwischen den beiden Brüdern ist ihr Betriebssystem: Auf dem Touch 2 läuft Windows Mobile 6.5, auf dem Tattoo Android [6] von Google [7]. Wir lassen die Geräte gegeneinander antreten.

Design

Obwohl die grundsätzliche Ausstattung quasi identisch ist, unterscheiden sich die beiden Smartphones optisch. Die Plastikfolie, die die resistiven Touchscreen-Displays abdeckt, gibt es leider sowohl beim Tattoo als auch beim Touch 2 – schade, denn im Vergleich zur Echtglasscheibe eines kapazitiven Touchscreens wirkt das wirklich unsexy und verkratzt schnell.

Unterhalb der Anzeigen sitzen die mechanischen Tasten. Beim Windows-Phone gibt es zwischen den Knöpfen und dem Display noch eine berührungsempfindliche Zoomleiste, darunter sitzen fünf Buttons im Look von gebürstetem Metall in einer Reihe. Das wirkt erwachsen und seriös, aber vielleicht auch ein kleines bisschen spießig. Der Android-Bruder hingegen fährt mit einer ganzen Armee von Bedienelementen vor. Es gibt sechs Tasten und zusätzlich ein Vier-Wege-Steuerkreuz aus Metall mit einem OK-Knopf in der Mitte.

HTC Tattoo
Andere Farbe, anderer Druck gefällig? Beim Tattoo lassen sich die Gehäuseschalen austauschen.

Das Tattoo ist ein kleines Stück länger und etwas dicker als das Touch 2. Außerdem wirkt das Gehäuse des Google-Smartphones deutlich abgerundeter. Ein weiteres Highlight sind die austauschbaren Oberschalen, die wir schon fast vergessen haben: Für 12 Euro gibt es vorgefertigte Gehäuse [8], wer 3 Euro drauflegt, darf sogar selbst designen [9]. Damit ist klar: Das Tattoo ist rein äußerlich der deutlich jüngere und verspieltere Begleiter.

Einschalten

Wenden wir uns also nun dem Wesentlichen zu: der Software. Wir schalten beide Geräte gleichzeitig an und beobachten die Bootzeit. Nachdem die halbe Redaktion ja schon darauf gewettet hat, dass Android schneller hochfährt als Windows Mobile 6.5, erleben wir hier die erste Überraschung: Windows ist tatsächlich schneller bereit und wartet auf die Eingabe der PIN – zwei Sekunden etwa. Allerdings startet das Touch 2 erst danach die HTC-eigene Oberfläche TouchFLO, ist also noch nicht wirklich fertig mit dem Bootvorgang. Wir brechen die PIN-Eingabe in beiden Fällen sofort ab und stoppen die Zeit weiter: Android überholt. Zumindest auf den ersten Blick, denn auch die von HTC entwickelte Android-Oberfläche Sense muss erst noch laden. Unglaublich, aber wahr: Vom ersten Einschalten bis zu dem Zeitpunkt, an dem tatsächlich beide Handys komplett hochgefahren sind, gibt es keinen merklichen Zeitunterschied. Gleichstand in diesem Punkt.

Oberfläche

Wer die Geräte aus dem Standby-Modus erweckt, sieht auf Anhieb keine großen Unterschiede. Um die Tastensperre unter Windows Mobile 6.5 aufzuheben, schiebt der Nutzer ein Icon nach rechts oder links, bei Android einen Rahmen nach unten – beides klappt gut, Gleichstand. Doch dann geht es in das User-Interface und hier treffen zwei Welten aufeinander. Smartphone-Fans kennen beide schon. Auf dem Touch 2 läuft TouchFLO, auf dem Tattoo Sense.

Das TouchFLO-Interface besteht aus elf Seiten mit unterschiedlichem Inhalt – Wetter, Musik, Fotos, Uhr, Einstellungen und so weiter. Zwischen den Seiten wechselt man mit einem Schieber auf der Unterseite. Das funktioniert hier natürlich nicht so flott wie beim großen Bruder HD2, aber es reicht aus – wenn man nicht extrem empfindlich ist und sich über jeden einzelnen Ruckler im Menü aufregen könnte. Die Seiten selbst sehen recht attraktiv aus. Für eine noch bessere Optik mangelt es schlicht an der Auflösung des Displays, aber in dem Bereich kann das Tattoo ja auch nicht punkten. Dafür sind die Seiten, abgesehen von der letzten, statisch. Dort hat der Nutzer die Möglichkeit, Verknüpfungen zu häufig verwendeten Programmen abzulegen. Alles andere ist so, wie die HTC-Programmierer es vorhgesehen haben. Zumindest, solange man das attraktive TouchFLO nicht verlässt. Denn dahinter kommen Windows-Dialoge zum Vorschein, die einfach nicht mehr zeitgemäß sind. So braucht man schon den beim Touch 2 [5] mitgelieferten und im Gehäuse versenkten Stylus, um die Weckzeit einzustellen.

Einen Stift gibt es beim Tattoo [4] nicht. Aus gutem Grund, er ist nicht nötig: Das Interface ist vollständig auf die Fingerbedienung ausgelegt und schleppt keine Altlasten mit sich herum. Die Sense-Oberfläche besteht aus sieben Seiten, die sich flott per Fingerwisch wechseln und komplett frei konfigurieren lassen. Uhr hier? Wichtige Kontakte da? Verknüpfungen zu Programmen, zu Google Maps, zu Webseiten dort? Einfach lang auf die gewünschte Stelle der richtigen Seite drücken und auswählen, was da hin soll, oder Verknüpfungen direkt per Finger-Drag&Drop aus dem Hauptmenü auf dem „Desktop“ ablegen. So muss das sein – das kann selbst das iPhone nicht.

HTC Tattoo
Die Sense-Oberfläche des HTC Tattoo basiert auf komplett frei anpass- und verschiebbaren Widgets.

Programme

Mit Windows Mobile 6.5 bringt Microsoft [10] seinen eigenen App Store mit – den Windows Marketplace. Den Marktplatz gibt es noch nicht sonderlich lang, dementsprechend mau wirkt auch die Auswahl der Programme. Stand heute (17. November 2009) sind es genau 44, bei der Hälfte davon handelt es sich um Games. Nahezu alles ist kostenpflichtig und teuer: eine Wettervorhersage schlägt mit knapp 20 Euro zu Buche, Games bewegen sich zwischen 2 und 20 Euro. Wer bestimmte Programme wie einen mobilen Skype-Client oder ein konkretes Game herunterladen möchte, kann dazu seinen Desktop-PC und die Google-Suche benutzen. Wie von früher bekannt lassen sich Windows-Mobile-Programme natürlich auch von Hand übertragen und installieren.

Auch in diesem Bereich überzeugt der Android-Bruder wieder mit moderner Technik. Alle Applikationen finden sich gesammelt im Android Market, der vom Stil her dem Windows Marketplace oder dem App Store des iPhones entspricht. Doch während das Microsoft-Pendant nur ein paar wenige Programme aus den verschiedenen Kategorien zu bieten hat, ist der Android Market mit 15.000 Apps [11] schon vergleichsweise prall gefüllt – auch, wenn er noch ein gutes Stück weg ist vom App Store des iPhones, der kürzlich die 100.000er-Marke knackte. Spiele, Tools, Witziges, Location Based Services? Alles da, nur ein paar Fingertipps entfernt. Und vieles davon ist tatsächlich kostenlos. Das spricht fürs Tattoo.

Datenabgleich

Hier kommen wir in die klassische Domäne der Windows-Handys – Active Sync beziehungsweise dem Mobile Device Center sei Dank. Tools, die das Desktop-Windows von Haus aus mitbringt und die den Datenabgleich mit Outlook, Outlook Express & Co. vereinfachen. Auch Exchange-Server des Arbeitgebers lassen sich bei Windows Mobile 6.5 problemlos einbinden. Das klingt nach einem Treffer für Windows Mobile. Doch leider bringt das Touch 2 die coolen Social-Network-Funktionen seines großen Bruders HD2 nicht mit.

HTC Touch 2
Hübsch, aber statisch: Die Oberfläche des Tatoo lässt sich nicht anpassen.

Die gibt es beim Tattoo übrigens auch nicht. Ohne Zusatztools gleicht es sein Adressbuch nicht mit Facebook oder dessen Alternativen ab. Aber Exchange funktioniert hier ebenfalls ab Werk, die Synchronisation mit Google selbstverständlich sowieso. Und HTC liefert mit dem hauseigenen Programm HTC Sync ein Programm mit, dass den Datenabgleich per USB-Kabel mit dem Rechner ermöglicht. Somit hat der Windows-Mobile-Bruder dem Tattoo in diesem Punkt nichts mehr voraus.

Tastatur

Wir werfen noch einen Blick auf die Details. Details wie die virtuellen Tastenfelder – die aber beide den „Federn“ der HTC-Programmierer entsprungen sind. Das merkt man ihnen auch an. Optisch gibt es zwar kleine Unterschiede zwischen den virtuellen Keyboards beider Betriebssysteme, aber in der Praxis merkt man ihnen das nicht an: Es tippt sich sowohl auf dem Android-Smartphone als auch auf dem Windows-Phone hervorragend. Vor allem in Anbetracht der vergleichsweise kleinen Displays, die nur wenig Platz für Tastaturen lassen. Die Compact-QWERTZ-Ansicht, die beide Modelle zu bieten haben, wirkt dafür aber perfekt. Vielschreiber wünschen sich früher oder später vermutlich dennoch mechanische Tasten – aber unabhängig vom Betriebssystem.

Browser

Die Browser sind inzwischen generell auf einem hohen Niveau. Das gilt für den Android-Webbetrachter ebenso wie für den Opera, den HTC unter Windows Mobile einsetzt. Webseiten sehen so aus, wie sie sollen, und alles klappt flott. Android legt beim gefühlten Tempo hier noch einen Zahn zu, besonders, wenn es um die Ladedauer beim ersten Start der Programme geht. Außerdem ist die Bedienung beim Google-Handy etwas gefälliger, schließlich gibt es eine mechanische Menü-Taste, die sämtliche Optionen einblendet. Unter Windows Mobile hält dafür ein virtueller Button im unteren rechten Bildbereich her.

HTC Touch 2
Unterhalb des Displays gibt es beim Touch 2 eine berührungsempfindliche Zoomleiste.

Einstellungen

Größer werden die Unterschiede wieder, wenn es um die Einstellungen geht. Zwar hat Hardware-Hersteller HTC auch in diesem Punkt ordentlich Vorarbeit geleistet und die wichtigsten Punkte schön in die eigene Oberfläche integriert, doch je tiefer man in die Details vorsticht, um so eher kommen wieder altertümliche Windows-Dialoge in den Vordergrund. Beispielsweise gibt es zwei komplette Dialoge für die Einstellungen – einen im Startmenü, den anderen im Homescreen. Einige Punkte davon überschneiden sich, andere nicht. So etwas gibt es unter Android nicht. Alles ist im gleichen Look & Feel gehalten und logisch sortiert.

Geschwindigkeit

In der Praxis merken wir beim Hantieren mit beiden Geräten einen spürbaren Geschwindigkeitsvorteil für Android. Alle Menüs und Anwendungen wirken etwas flotter und „flutschen“ besser – das gilt vor allem für die Bedienung mit dem Finger. Aber auch das Starten von Programmen geht schneller vonstatten. Beim Benutzen des Touch 2 [5] haben wir gelegentlich das Gefühl, irgendwo wäre eine Handbremse angezogen.

Bedienung

Noch dazu ist die Bedienung beim Touch 2 nicht konsistent. Abbrechen, Zurück, OK und Beenden wechseln regelmäßig von Anwendung zu Anwendung oder gar von Dialog zu Dialog ihre Positionen durch die verschiedenen Bildschirmecken. Für diverse Aufgaben gibt es gleich zwei Programme – etwa den im Homescreen integrierten und den über das Startmenü aufrufbaren Mediaplayer.

Bei Tattoo ist alles klar strukturiert. Es gibt je eine mechanische Taste für Home, Menü und Zurück – und alle Anwendungen halten sich an diesen Standard. Im Vergleich zu Windows Mobile ist es eine wahre Freude, damit umzugehen. Vorausgesetzt, man hat sich einmal daran gewöhnt.

Fazit

Zwei relativ ähnliche Brüder unterscheiden sich gravierend im Detail. Obwohl die Hardware scheinbar austauschbar ist, geben wir eine klare Empfehlung für das Tattoo ab. Es wirkt nicht nur äußerlich jünger, sondern auch unter der Haube nicht so angegraut – es gibt keine altertümlichen Fensterchen, eine glasklare Bedienung und eine flotte Reaktion. Da wird sogar das hunderte Mark teure Nokia 7110 [12] neidisch.

Wer sich noch weiter mit den Vor- und Nachteilen der verschiedenen Handybetriebssysteme auseinandersetzen möchte, findet hier unseren ausführlichen Vergleich von iPhone OS, Web OS, Symbian, Android und Windows Mobile [13].

Artikel von CNET.de: https://www.cnet.de

URL zum Artikel: https://www.cnet.de/41522900/android-gegen-windows-htc-tattoo-vs-htc-touch-2/

URLs in this post:

[1] Geld verdient: http://www.call-magazin.de/handy-mobilfunk/handy-mobilfunk-nachrichten/erholung-die-smartphones-retten-den-handymarkt_27278.html

[2] Smartphone: http://www.cnet.de/themen/smartphone/

[3] HTC: http://www.cnet.de/unternehmen/htc/

[4] Tattoo: https://www.cnet.de/tests/handy/41516456/guenstiges+android_smartphone+mit+vollausstattung+htc+tattoo.htm

[5] Touch 2: https://www.cnet.de/tests/handy/41515402/htc+touch+2+im+test+smartphone+mit+windows+mobile+6_5.htm

[6] Android: http://www.cnet.de/themen/android/

[7] Google: http://www.cnet.de/unternehmen/google-inc/

[8] vorgefertigte Gehäuse: http://subcostume.tattoomyhtc.com/index.php

[9] darf sogar selbst designen: http://subcostume.tattoomyhtc.com/designyourown.php

[10] Microsoft: http://www.cnet.de/unternehmen/microsoft/

[11] 15.000 Apps: http://www.areamobile.de/news/13392-android-market-erstmals-ueber-15-000-anwendungen-verfuegbar

[12] Nokia 7110: http://de.wikipedia.org/wiki/Nokia_7110

[13] Vergleich von iPhone OS, Web OS, Symbian, Android und Windows Mobile: https://www.cnet.de/digital-lifestyle/specials/41522674/windows+mobile_+symbian_+android+co+handy_betriebssysteme+im+vergleich.htm