Kompakte Systemkameras: Wechselobjektiv-Digicams für die Jackentasche

von Stefan Möllenhoff am , 17:03 Uhr

Große Bildsensoren und Wechselobjektive: Das sind die wesentlichen Aspekte, die Spiegelreflexkameras ihren kompakten Kollegen gegenüber einen immensen Vorteil bei der Bildqualität verschaffen. Allerdings sind DSLRs schwer und sperrig. Seit diesem Jahr gibt es eine ganze Reihe von handlichen Digicams, die tauschbare Optiken und ordentlich dimensionierte, lichtempfindliche Chips zu bezahlbaren Preisen bieten.

Kompakte Kameras mit Wechselobjektiven und großen Bildsensoren sind nichts Neues: Bereits 2006 brachte Leica mit der M8 eine schlanke Kamera mit Wechselobjektiven und APS-H-Sensor auf den Markt. Mit Preisen ab 4000 Euro – ohne Linse wohlgemerkt – ist der handliche Leistungssportler allerdings alles andere als ein Schnäppchen. Die Nachfolger M8.2 und M9 reißen sogar noch größere Löcher in den Geldbeutel.

Olympus, Panasonic und Ricoh haben seit 2009 schlanke Kameras mit lichtempfindlichen Chips im Angebot, die in Dimensionen vorstoßen, in denen sich bislang nur sperrige DSLRs tummelten. Von Olympus gibt es hier die beiden Pen-Kameras E-P1 und deren Nachfolger E-P2. Panasonic ist mit dem schlanken Modell Lumix DMC-GF1 [1] sowie dem sperrigen Duo DMC-G1 und DMC-GH1 vertreten. Die fünf Modelle setzen auf den Micro-Four-Thirds-Standard. Die Optiken der erwähnten Kameras lassen sich also untereinander wechseln. Als lichtempfindliche Sensoren kommen 4/3-Zoll-Chips zum Einsatz.

Ricoh verfolgt dagegen einen ganz anderen Ansatz, den es so auch in der Digitalfotografie bislang nicht gab. Der Anwender wechselt bei der kompakten Systemkamera GXR [2] nämlich nicht nur das Objektiv, sondern auch den Sensor und den Bildprozessor. Die drei Komponenten sind in einem so genannten Aufnahmemodul fest miteinander verbunden.


Innovativ: Bei der Ricoh GXR tauschen Fotografen nicht nur das Objektiv, sondern auch den Bildsensor.

Wir wollen uns in diesem Artikel auf die aktuellsten Modelle der drei Hersteller konzentrieren. Das wären die Panasonic Lumix DMC-GF1, die Olympus E-P2 und die Ricoh GXR. Die folgende Tabelle zeigt das ungleiche Trio im Vergleich. Die Panasonic- und die Olympus-Kamera betrachten wir mit den beiden verfügbaren Kitobjektiven. Für die Ricoh GXR sind zwei Aufnahmemodule verfügbar: S10 mit dreifachem optischem Zoom und kleinerem Sensor sowie A12 mit Festbrennweite und größerem Chip als die Micro-Four-Thirds-Konkurrenz.

Tabelle anzeigen: Ricoh GXR, Olympus E-P2 und Panasonic Lumix DMC-GF1 im Überblick [3]

Ricoh GXR, Olympus E-P2 und Panasonic Lumix DMC-GF1 im Überblick [3]

Hersteller Ricoh Ricoh Olympus Olympus Panasonic Panasonic Hersteller
Modell GXR GXR E-P2 E-P2 Lumix DMC-GF1 Lumix DMC-GF1 Modell
UVP für Body 459 Euro 459 Euro 899 Euro 899 Euro 649 Euro 649 Euro UVP für Body
UVP (mit Objektiv) 829 Euro (Zoom) 1129 Euro (Festbrennweite) 949 Euro (Zoom) 1049 Euro (Festbrennweite) 849 Euro (Zoom) 949 Euro (Festbrennweite) UVP (mit Objektiv)
Bildsensor 1/1,7-Zoll-CCD (7,6 x 5,7 mm) APS-C (23,6 x 15,7 mm) Live-MOS (17,3 x 13,0 mm) Live-MOS (17,3 x 13,0 mm) Live-MOS (17,3 x 13,0 mm) Live-MOS (17,3 x 13,0 mm) Bildsensor
Auflösung 10,0 Megapixel 12,2 Megapixel 12,3 Megapixel 12,3 Megapixel 12,0 Megapixel 12,0 Megapixel Auflösung
Empfindlichkeiten ISO 100 – 3200 ISO 200 – 3200 ISO 100 – 6400 ISO 100 – 6400 ISO 100 – 3200 ISO 100 – 3200 Empfindlichkeiten
Optischer Zoom 3-fach nein 3-fach nein 3,2-fach nein Optischer Zoom
Brennweitenbereich (KB) 24 – 72 mm 50 mm 28 – 84 mm 34 mm 28 – 90 mm 40 mm Brennweitenbereich (KB)
Lichtstärke F2,5 – F4,4 F2,5 F3,5 – F5,6 F2,8 F3,5 – F5,6 F1,7 Lichtstärke
Bildstabilisator mechanisch nein mechanisch mechanisch optisch nein Bildstabilisator
Max. Fotoauflösung 3648 x 2736 Pixel 4288 x 2848 Pixel 4032 x 3042 Pixel 4032 x 3042 Pixel 4000 x 3000 Pixel 4000 x 3000 Pixel Max. Fotoauflösung
Max. Videoauflösung 640 x 480 Pixel @ 30 fps 1280 x 720 Pixel @ 24 fps 1280 x 720 Pixel @ 30 fps 1280 x 720 Pixel @ 30 fps 1280 x 720 Pixel @ 30 fps 1280 x 720 Pixel @ 30 fps Max. Videoauflösung
Integrierter Blitz ja ja nein nein ja ja Integrierter Blitz
Optionaler Sucher elektronisch elektronisch optisch, elektronisch optisch, elektronisch elektronisch elektronisch Optionaler Sucher
Abmessungen (Body) 11,4 x 7,0 x 2,9 cm 11,4 x 7,0 x 2,9 cm 12,1 x 7,0 x 3,5 cm 12,1 x 7,0 x 3,5 cm 11,9 x 7,1 x 3,6 cm 11,9 x 7,1 x 3,6 cm Abmessungen (Body)
Abmessungen (mit Objektiv) 11,4 x 7,0 x 4,4 cm 11,4 x 7,0 x 7,7 cm 12,1 x 7,0 x 7,9 cm 12,1 x 7,0 x 5,7 cm 11,9 x 7,1 x 11,9 cm 11,9 x 7,1 x 6,2 cm Abmessungen (mit Objektiv)
Gewicht (Body) 160 g 160 g 335 g 335 g 385 g 385 g Gewicht (Body)
Gewicht (mit Objektiv) 325 g 423 g 485 g 406 g 685 g 485 g Gewicht (mit Objektiv)

Formfaktor

Preislich bewegen sich die Kameras allesamt in etwa auf dem Niveau von etwas besseren Spiegelreflexkameras, etwa der Nikon D5000 oder der Canon 500D. Doch dafür sparen die Modelle von Panasonic, Olympus und Ricoh einiges an Platz in der Tasche – die Ricoh GXR beansprucht mit dem dreifach zoomendem S10-Modul gerade einmal 351 Kubikzentimeter. Das entspricht etwa dem Volumen von drei Zigarettenschachteln. Canons EOS 500D kommt mit dem Kitobjektiv beispielsweise auf 1768 Kubikzentimeter. Selbst Panasonics GF1 ist mit der recht sperrigen Optik LUMIX G VARIO 3,5-5,6 14-45mm mit 1005 Kubikzentimetern noch deutlich platzsparender.

Auf der anderen Seite dagegen liegen anspruchsvolle Kompaktkameras, beispielsweise die Canon PowerShot G11. Mit 11,2 mal 7,6 mal 4,8 Zentimetern und einem Volumen von 409 Kubikzentimetern belegt die Canon-Digicam allerdings schon mehr Platz in der Tasche als der Ricoh-Winzling.

Volumen (in Kubikzentimetern)

Olympus E-P2 mit Festbrennweite

483 
Olympus E-P2 mit Kit-Zoom

669 
Canon EOS 500D [5]

1768 

Beim Gewicht hingegen bewegen sich die Kameras in recht ähnlichen Regionen. Am leichtesten von den in obigem Diagramm enthaltenen Kameras ist Ricohs GXR mit dem Zoom-Modul – sie kommt auf 325 Gramm. Am meisten wiegt die Panasonic Lumix DMC-GF1 mit dem Zoom-Objektiv, nämlich 685 Gramm.

Beim Handling unterscheiden sich die drei Modelle nicht allzu sehr. Einen ausgeprägten Handgriff, wie ihn DSLRs bieten, bringt kein Vertreter des Trios mit. Lediglich einige Feinheiten wie die Positionierung der Tasten und die Art und Weise, wie Fotografen beispielsweise Blende und Belichtungszeit einstellen, differenzieren die Kameras in diesem Punkt voneinander. Um bei der Kaufentscheidung auf Nummer sicher zu gehen, führt kein Weg am Ausprobieren im Fotofachgeschäft des Vertrauens vorbei.


Von den drei hier behandelten Kameras bringt die Panasonic Lumix DMC-GF1 am meisten Gewicht auf die Waage.

Bildsensoren

Wie bereits erwähnt: Je größer der Bildsensor, desto besser ist tendenziell die Qualität der resultierenden Fotos. Denn je mehr Fläche auf dem Chip zur Verfügung steht, desto mehr Lichtteilchen fängt er ein. Dadurch ist eine geringere Empfindlichkeit möglich, und es treten weniger Störungen wie Bildrauschen auf. Natürlich spielt auch die Verarbeitung der eingefangenen Informationen eine wichtige Rolle.


So sehen die verschiedenen Sensorgrößen im maßstabsgetreuen Vergleich aus.

Ganz links ist ein Vollformat-Sensor abgebildet. Dieser entspricht, was die Größe angeht, dem analogen Kleinbildfilm. Chips mit diesen Abmessungen trifft man nur bei sehr teuren Kameras (ab 2000 Euro). Daneben ist der APS-C-Sensor abgebildet, der in Ricohs GXR mit dem Festbrennweiten-Modul zum Einsatz kommt. Ein minimal kleinerer Chip findet in Canons DSLR EOS 500D Verwendung. Anschließend folgt das Four-Thirds- beziehungsweise Micro-Four-Thirds-Format, auf die Modelle von Panasonic und Olympus setzen. Der 1/1,7-Zoll-Chip ganz rechts ist in Ricohs Zoom-Modul und in anspruchsvolleren Kompaktkameras verbaut, etwa der bereits erwähnten Canon PowerShot G11.

Verfügbare Optiken und Sensoren

Was die Vielseitigkeit angeht, haben Olympus und Panasonic derzeit Ricoh noch einiges voraus. Aufgrund des standardisierten Micro-Four-Thirds-Bajonetts passen die Objektive der GF1 auf die E-P1 – und andersherum. Zudem sind im Handel eine ganze Reihe von Adaptern erhältlich, die auch eine Kompatibilität zu Optiken von Canon, Nikon, Sigma & Co. ermöglichen. Für die Ricoh stehen lediglich die beiden Aufnahmemodule S10 mit dem 1/1,7-Zoll-CCD und dreifachem Zoom sowie das A12 mit 50-Millimeter-Festbrennweite und APS-C-Chip zur Auswahl. Allerdings sagte ein Ricoh-Mitarbeiter im Gespräch mit CNET, dass der japanische Hersteller ab 2010 jedes Quartal ein neues Modul auf den Markt bringen möchte.

Ein weiterer Punkt, in dem sich die Modelle grundlegend unterscheiden, ist der Bildstabilisator. Olympus setzt auf eine mechanische Lösung, bei der sich der lichtempfindliche Chip selbst bewegt, um zitternde Fotografenhände auszugleichen. Panasonic hingegen wirkt mittels beweglich im Objektiv aufgehängter Linsen Verwacklungen entgegen. Bei Olympus ist also jedes Objektiv stabilisiert, bei Panasonic nur die, die über eine zusätliche optische Stabilisierung verfügen. Bei Ricoh hängt der Verwacklungsschutz ebenfalls vom eingesetzten Modul ab. Von den derzeit erhältlichen Bausteinen ist der kompaktere Dreifach-Zoom stabilisiert, die Festbrennweite hingegen nicht.


Alles im Lot: Die Olympus E-P1 und E-P2 bieten einen im Gehäuse integrierten Bildstabilisator.

Während die Linsen von Olympus und Panasonic zueinander kompatibel sind, steht Ricohs GXR hier fast so keusch wie der Papst da: Jedes Objektiv bekommt nur einen Bildsensor. Das ermöglicht allerdings eine deutlich bessere Abstimmung der einzelnen Komponenten aufeinander.

Bildqualität

Leider hatten wir bislang nicht die Gelegenheit, die E-P2 in die Finger zu bekommen. Daher können wir lediglich von der Bildqualität der E-P1 [6] ausgehen. Nachdem zwischen den Marktstarts der beiden Olympus-Modelle lediglich ein halbes Jahr liegt, erwarten wir allerdings keine himmelweiten Veränderungen.

Olympus und Panasonic nehmen sich bei der Qualität der Aufnahmen nicht sonderlich viel. Ab ISO 1600 lassen die Fotos deutlich nach. Ricoh hingegen kann uns mit dem APS-C-Sensor im A12-Modul begeistern. Selbst mit ISO 3200 sind die Aufnahmen frei von Farbrauschen, lediglich eine leichte Körnung tritt auf. Der S10-Baustein liefert angesichts des sehr kleinen Sensors ebenfalls eine ausgezeichnete Leistung, verliert aber deutlich schneller Details. Allerdings hatten wir von der Ricoh bis dato lediglich ein Vorserienmodell in den Händen. Bis zur finalen Version kann sich noch Etliches ändern.


Panasonics Lumix DMC-GF1 und die Olympus E-P1 sind sich nicht nur bei den Abmessungen ähnlich – auch die Bildqualität ist vergleichbar.

Beim Videomodus sind Olympus und Panasonic ebenfalls sehr ähnlich aufgestellt. Der größte Unterschied besteht darin, dass bei der Lumix-Serie der vielseitigere AVCHD-Codec zum Einsatz kommt. Sowohl die E-P1 als auch die E-P2 komprimieren 720p-Bewegtbilder mittels Motion-JPEG.

Bei der GXR von Ricoh ist die mögliche Qualität vom eingesetzten Modul abhängig. Das teurere A12 beispielsweise zeichnet Videos mit 1280 mal 720 Pixeln und in 24 Bildern pro Sekunde auf. Die dreifach zoomende S10-Kombination läuft dagegen bereits bei 640 mal 480 Bildpunkten in den Begrenzer.

Alle Details zu den kompakten Systemkameras gibt es in unseren ausführlichen Einzeltests beziehungsweise Previews zur Panasonic Lumix DMC-GF1 [1], Olympus E-P1 [6] und Ricoh GXR [2].

Sonderausstattung

Im Gegensatz zur Ricoh GXR und der Panasonic Lumix DMC-GF1 bringen die Olympus-Kameras E-P1 und E-P2 keinen integrierten Blitz mit. Immerhin: Wie ihre beiden Marktbegleiter verfügen auch die Pen-Kameras über einen Zubehörschuh, auf den sich ein externer Blitz aufstecken lässt. Allerdings ist dieser dann belegt, und der Einsatz eines Aufstecksuchers ist nicht mehr möglich. Den bieten nämlich alle drei hier abgehandelten Digicams nur als Blitzschuh-Ausführung.

Fazit

Olympus und Panasonic nehmen sich bei ihren Micro-Four-Thirds-Modellen nicht viel. Die Pen-Kameras von Olympus sind etwas günstiger, punkten mit dem integrierten Bildstabilisator sowie etwas kompakterer Bauweise und sehen mit ihrem Retro-Design einfach schicker aus. Panasonics GF1 dagegen eignet sich aufgrund des integrierten Autofokus-Hilfslichts und des Aufklapp-Blitzes besser für fotografiebegeisterte Nachteulen. Ricoh konnte uns bereits mit einem Vorserienmodell seiner GXR begeistern – die Bildqualität ist angesichts des extrem kompakten Formats fantastisch. Wir sind hier besonders gespannt auf die zukünftigen Aufnahmemodule. Wer sich bislang für keine der Kameras so wirklich begeistern konnte, der sollte sich vielleicht eine Leica M9 mit Vollformatsensor zulegen, anstatt dem Sohnemann zum Abitur einen 6000 Euro teuren Gebrauchtwagen zu finanzieren.

Artikel von CNET.de: https://www.cnet.de

URL zum Artikel: https://www.cnet.de/41524519/kompakte-systemkameras-wechselobjektiv-digicams-fuer-die-jackentasche/

URLs in this post:

[1] Lumix DMC-GF1: https://www.cnet.de/tests/digicam/41503064/testbericht/panasonic+lumix+dmc_gf1+kompaktkamera+auf+dslr_niveau.htm

[2] GXR: https://www.cnet.de/tests/digicam/41522616/testbericht/angetestet+ricoh+gxr+greift+micro_four_thirds+an.htm

[3] Tabelle anzeigen: Ricoh GXR, Olympus E-P2 und Panasonic Lumix DMC-GF1 im Überblick: #

[4] Canon PowerShot G11: https://www.cnet.de/digital-lifestyle/galerie/41501752/canon+powershot+g11+kompaktkamera+fuer+hoechste+ansprueche.htm

[5] Canon EOS 500D: https://www.cnet.de/tests/digicam/41003589/testbericht/dslr+fuer+full_hd_videos+canon+eos+500d+im+test.htm

[6] E-P1: https://www.cnet.de/tests/digicam/41005877/testbericht/olympus+e_p1+im+test+tolle+bildqualitaet_+schwache+performance.htm