Die Über-Androiden treten an: Sony Ericsson Xperia X10 versus HTC Desire

von Daniel Schraeder am , 17:20 Uhr

Ob Android oder iPhone ist wohl mehr eine Glaubensfrage denn eine sachliche Auseinandersetzung: Sowohl die Google- als auch die Apple-Handys sind auf höchstem Niveau und in ihrem Umfeld weitgehend konkurrenzlos. Ist die Entscheidung auf Android gefallen, stellt sich die nächste Frage: Welches Smartphone soll es sein? Wir lassen zwei der derzeit bestausgestatteten Androiden zum Duell antreten.

Sony [1] Ericsson ist ja noch ein Neuling im Android [2]-Markt. Das Xperia X10 ist das erste Google [3]-Handy des japanisch-schwedischen Joint-Ventures. HTC [4] hingegen kann auf einen großen Erfahrungsschatz zurückblicken: Die Taiwaner bauten mit dem G1 das erste Google-Handy, haben inzwischen eine gute Hand voll eigene Produkte im Programm und stellen auch das Nexus One im Google-Auftrag her. Das aktuelle Top-Modell von HTC hört auf den Namen Desire. Ein würdiger Gegner für das X10 – oder ist es andersrum?

Design

Auf den ersten Blick wird noch nicht klar, wer in diesem Vergleich die Hosen anhat. Das Design der beiden Smartphones spaltet die von uns befragten Arbeitskollegen. „Das Plastikgehäuse des X10 wirkt billig“ ist zu hören, aber auch „Die schlichte Optik des X10 sieht viel besser und hochwertiger aus als das überfrachtete Desire“. Oder: „Das Desire hat ja schon wieder diesen Knick“. In der Tat: HTC-Android-Smartphones zeichnen sich traditionell durch einen leichten Knick nach oben im unteren Bereich des Gehäuses aus. So schwach wie beim aktuellen Top-Modell fällt er zwar bei keinem anderen Gerät aus, aber er ist vorhanden – und entweder beliebt, oder verhasst.

Obwohl die beiden Smartphones eigentlich so ähnlich sind, unterscheiden sich ihre Gehäuse massiv. HTC spendiert seinem Gerät einen Rahmen aus Metall und setzt auf mattschwarzen Kunststoff, unterhalb des Touchscreens befinden sich vier mechanische Tasten und ein optischer Sensor mit integriertem OK-Knopf als Trackballersatz. Die Scheibe ist aus Glas; das Desire liegt gut und schwer in der Hand, und das Metall fühlt sich kühl an.

Sony Ericsson hingegen setzt auf schwarzen Klavierlackglanz und drei deutlich schmalere Knöpfe. Die Scheibe über dem Display ist aus Mineralglas gefertigt und trägt standardmäßig eine Kratzschutzfolie aus Kunststoff, die auch draufbleiben sollte. Eine gute Idee – allerdings verschleißt die Folie auch schneller als Glas.

Interessanterweise ist das Desire trotz kleinerer Anzeige fast genau so groß wie das X10. Allerdings ist das Sony-Ericsson-Gerät einen guten Millimeter dicker.

Ein „hübscher“ gibt es nicht. Das Design beider Geräte hat Fans – deswegen endet Runde 1 mit einem Unentschieden.

HTC Desire vs. Sony Ericsson Xperia X10 – 1:1

Display

Die Anzeige ist das zentrale Element eines Touchscreen-Phones. Logisch, dass die Hersteller in diesem Bereich richtig Gas geben. Der Monitor des X10 misst 4 Zoll in der Diagonalen und löst 854 mal 480 Pixel auf. Das HTC-Display ist mit 3,7 Zoll etwas kleiner und zeigt mit 800 mal 480 Punkten ein paar Pixel weniger. In der Praxis bedeutet das, dass das Sony-Ericsson-Display etwa einen halben Zentimeter länger ist, die Breite der beiden Anzeigen ist nahezu identisch. Zum Vergleich: Das iPhone hat eine Diagonale von 3,5 Zoll und zeigt 480 mal 320 Pixel – das Desire hat also bei einer um 0,5 Zentimeter größeren Anzeige 2,5 mal mehr Bildpunkte zu bieten.

Sony Ericsson Xperia X10
Sony Ericsson verbaut ein klassisches LC-Display.

Gestochen scharf ist die Darstellung auf beiden Androiden im Vergleich. Sony Ericsson setzt auf die LCD-Technik, während HTC ein AMOLED-Display verbaut. In der Praxis strahlt das Desire-Display mehr, die Farben wirken tiefer und die Darstellung noch einen Tick schärfer. Außerdem hat eine OLED-Anzeige prinzipbedingt perfekte Blickwinkel: Farben und Helligkeit ändern sich also nicht, egal wie schräg der Nutzer auf sein Handy blickt. Theoretisch ist die Auflösung des HTC-Smartphones allerdings etwas geringer, da ein Pixel hier nicht aus drei Farben, sondern nur aus zweien besteht – und nur jeweils zwei nebeneinander liegende Pixel alle Farben darstellen können. Diesen Effekt können wir aber mit dem bloßen Auge nicht erkennen – und nicht als negativ bewerten.

Die resistive Touchscreen-Technik, die auf Druck reagiert, ist glücklicherweise am Aussterben. Aktuell setzen kaum noch hochwertige Smartphones auf das Prinzip der zwei Folien, die per Finger oder Stift zusammengedrückt werden. Stattdessen kommen kapazitive Touchscreens zum Einsatz, die nur auf Berührung reagieren, aber nicht mit Stift bedient werden können. Das ist allerdings kein Nachteil, da das Android-Betriebssystem von Haus aus auf die Finger-Steuerung ausgelegt ist. Außerdem ermöglicht die von beiden Geräten im Vergleich eingesetzte kapazitive Technik grundsätzlich die Mehrfingerbedienung, also beispielsweise das vom iPhone bekannte Zoomen von Bildern, Webseiten oder Karten mit Daumen und Zeigefinger. Davon macht allerdings nur das HTC-Testgerät gebrauch: Sony Ericsson blendet zum Zoomen die klassischen Plus- und Minus-Tasten ein. Das gibt Abzüge in der B-Note.


Der kapazitive AMOLED-Touchscreen des Desire reagiert exzellent und sieht fantastisch aus. Lediglich die Sonne macht der Anzeige einen Strich durch die Rechnung.

Beide Displays sind also gestochen scharf und gut. Trotz der etwas kleineren Diagnoale und der geringfügig kleineren Auflösung darf HTC hier aber den Plus-Punkt verbuchen – die OLED-Technik überzeugt ebenso wie die Multitouch-Bedienung.

HTC Desire vs. Sony Ericsson Xperia X10 – 2:1

Software

Bevor wir einen Blick auf das User-Interface werfen, schauen wir erst einmal unter die Android-Haube. HTC installiert auf dem Desire die neueste Version des Google-Betriebssystems: 2.1. Mit dabei ist also der komplette, aktuelle Funktionsumfang inklusive des bereits angesprochenen Multitouch, der Unterstützung von Exchange-E-Mail-Servern zum Abgleich von Nachrichten und Kontakten, Google Maps mit Verkehrsinfodienst und Spracherkennung.

Unverständlicherweise setzt Sony Ericsson bei seinem X10 noch auf Android 1.6 – ohne all diese Funktionen. Zumindest theoretisch, denn in der Praxis hat der Hersteller einige Tuning-Maßnahmen ergriffen. Google Maps wurde auf den aktuellen Stand gebracht, zeigt also auch Verkehrsinformationen an – beziehungsweise eben nicht. Der Dienst ist nämlich unabhängig vom Endgerät in Deutschland noch nicht verfügbar. Das gleiche gilt für die Spracherkennung – auch sie funktioniert noch nicht auf deutsch. Dennoch hat der Hersteller das Programm auf das X10 gepackt. Sobald Google in der Lage ist, unsere Sprache zu verstehen, sollte der Dienst sowohl auf dem Desire als auch auf dem Xperia funktionieren.

Die fehlende Exchange-Unterstützung gleicht der Hersteller aus, in dem er mit Moxier eine kommerzielle Messaging-Software vorinstalliert – inklusive Kalender- und Kontaktabgleich. Im Market kostet das Programm auf anderen Android-Phones immerhin 25 Dollar.

Sony Ericsson Xperia X10
Während HTC mit Sense eine komplett eigene Oberfläche entwickelt hat, legt Sony Ericsson lediglich hübsche Ansichten auf das Standard-Interface von Android 1.6.

Außerdem ist das Update auf die aktuelle Android-Version bereits angekündigt. So schlimm ist die auf den ersten Blick veraltete Software also nicht. Lediglich einige Programme aus dem Market dürften Probleme machen, bis das Update kommt. In diesem Abschnitt bekommt HTC für die aktuelle Android-Version einen Punkt – und fairerweise geben wir Sony Ericsson auch einen – für den weitgehend erfolgreichen Versuch, die Nachteile auszugleichen.

HTC Desire vs. Sony Ericsson Xperia X10 – 3:2

Oberfläche

Ein weiterer Haken von Android 1.6 ist die Oberfläche. Sie hat lediglich drei Homescreens zu bieten, die der Anwender mit Verknüpfungen, Widgets & Co. füllen kann. Android 2.1 hätte immerhin fünf Screens, doch HTC geht sogar noch einen Schritt weiter: Die hauseigene Oberfläche namens Sense bietet sieben Seiten. Mehr ist in diesem Fall zwar nicht unbedingt besser, die Praxis zeigt aber, dass Intensivnutzer den zur Verfügung stehenden Platz schnell vollständig ausnutzen – beispielsweise mit Widgets für Facebook und Latitude, mit einer Wettervorhersage, einem Twitter-Feed, Verknüpfungen zu den wichtigsten Kontakten oder Webseiten, den anstehenden Terminen, wichtigsten Apps und so weiter.

Neben den zwei zusätzlichen Homescreen-Seiten bringt Sense noch haufenweise eigene Widgets mit, die der Individualisierung des Smartphones dienen – etwa eine Foto-Ansicht, diverse Uhren mit unterschiedlichen Layouts, Aktienkurse und so weiter. Dazu kommen eigene Anwendungen für SMS und E-Mails, Twitter & Co – mit perfekter Integration. Wer also einen Kontakt anwählt, hat immer eine Verknüpfung zu allen Medien. Man kann aus dem Telefonbuch heraus SMS verschicken, Anrufen, E-Mails oder Facebook-Nachrichten senden, ohne vorher die dazu jeweils nötige Anwendung zu starten.

Sony Ericsson geht einen ähnlichen Weg. Er nennt sich hier Timescape und zeigt die komplette Konversation unabhängig vom Medium zeitlich sortiert an. Das sieht wirklich attraktiv aus, wirkt aber etwas verspielter und etwas weniger praktisch als die Lösung von HTC.

In Kombination mit der geringeren Seitenanzahl und der spärlicheren Widget-Auswahl geht der Punkt aus diesem Abschnitt an das HTC Desire.

HTC Desire vs. Sony Ericsson Xperia X10 – 4:2

Bedienung

Wie unterschiedlich kann denn die Bedienung von zwei Touchscreen-Smartphones mit annähernd identischem Betriebssystem sein? Mehr als man denken mag. Das fängt bei den mechanischen Tasten an. Das Desire trägt unterhalb des Displays vier Buttons für den Homescreen und das Kontextmenü, dazu kommen Zurück und Suchen. In der Mitte befindet sich ein optischer Sensor, der etwa das Scrollen im Text, von Webseiten oder das Aufrufen von Menüpunkten durch Überstreifen mit dem Finger ermöglicht – er funktioniert wie ein Trackball. Die Tasten sind allesamt beleuchtet, was die Orientierung im Dunkeln erleichtert. Das gilt zumindest am Anfang. Ist man mit dem Gerät vertraut, ist dieses Feature nicht mehr wichtig.


Das HTC Desire verfügt über einen optischen Sensor, der wie ein Trackball funktioniert.

Sony Ericsson spendiert seinem Androiden drei Knöpfe unter der Anzeige – Kontextmenü, Home und Zurück. Anstelle einer Tastenbeleuchtung strahlen zwei weiße Punkte zwischen den Bedienelementen. Sie neigen im Dunkeln zum Blenden, und eine Option, sie abzuschalten oder zumindest zu dimmen, haben wir nicht entdeckt. Dafür gibt es eine zusätzliche Taste an der Seite, die als Auslöser der Kamera fungiert. Sie ist zweistufig, wie man es von Digicams gewohnt ist. Das ist gut für Vielknipser, zumal ein Druck auf den Knopf sofort die Kamera-Applikation startet. Vieltipper dürften sich allerdings über den fehlenden Trackball ärgern. Beim Schreiben von Text ist es nämlich nicht so leicht, Korrekturen vorzunehmen – der Cursor lässt sich mit dem Finger leider nicht zeichengenau positionieren. Um ein a gegen ein ä zu tauschen, bedarf es durchaus mehrerer Versuche, bis man trifft. Die Alternative dazu wäre eine Lupe, wie es das iPhone zu bieten hat, oder Pfeiltasten auf der virtuellen Tastatur. Das X10 hat beides nicht.

Apropos: Auch die Tastenfelder beider Smartphones unterscheiden sich. Die Eingabemethode des X10 erinnert an die des iPhone. Die Buchstaben sind groß dargestellt, ein langer Druck auf’s A ermöglicht das Eingeben eines Ä über das Kontextmenü. Wer Zahlen oder Sonderzeichen tippen möchte, schaltet das Layout um, eine explizite Smiley-Taste in der SMS-Applikation hilft beim Ausdrücken des Gemütszustands. HTC geht einen leicht anderen Weg. Die Buchstaben sind allesamt mehrfach belegt. Die oberste Tastenreihe trägt die Zahlen, die darunterliegenden haben Sonderzeichen in Petto. Wer länger drückt, hat die Auswahl. Das Umschalten auf eine reine Ziffern- und Zeichentastatur klappt optional per Tastendruck – das ist beispielsweise beim Eingeben von Telefonnummern praktisch. Über Texteingabehilfen, die Tippfehler ausgleichen, verfügen beide.

Sony Ericsson Xperia X10
Die Tastatur des X10 zeigt nur Buchstaben an. Für Zahlen oder Sonderzeichen muss der Nutzer das Layout umschalten.

Einen klaren Favoriten haben wir bei den Tastaturlayouts nicht. Beim Desire gefällt es uns, dass wir für Sonderzeichen nicht das Layout wechseln müssen, beim X10 freuen wir uns über den Smiley-Knopf und die größer wirkenden Buttons. Wer viel fotografiert, legt Wert auf die Foto-Auslösertaste, wer viel tippt, sollte den optischen Trackball des HTC vorziehen. Dieser Punkt im Vergleich ist Geschmackssache: Unentschieden!

HTC Desire vs. Sony Ericsson Xperia X10 – 5:3

Ausstattung

Abseits der bereits bekannten Unterschiede, etwa bei Software oder Display, nehmen sich die beiden Androiden nicht viel. Sie sind mit allen wichtigen Kommunikationswegen ausgestattet, darunter USB, Bluetooth, UMTS, HSPA und WLAN, verfügen über GPS samt digitalem Kompass und so weiter.

Die wenigen Unterschiede finden sich im Detail. Beide Smartphones haben eine Digicam samt Foto-LED, die des X10 löst mit 8 Megapixeln aber höher auf – und hat mehr Optionen in den Kamera-Einstellungen zu bieten. Außerdem dürfen sich Käufer des Sony Ericsson über mehr Speicher für Anwendungen freuen. Bei unserem Testgerät sind über 400 MByte verfügbar, beim Desire sind es nur knapp 100. Es hat von Haus aus weniger App-Speicher integriert und mehr Programme vorinstalliert, daher der krasse Unterschied. Über einen microSD-Speicherkartenslot für Fotos, Videos, Musik und so weiter verfügen beide, Anwendungen lassen sich hier aber derzeit noch nicht installieren.


Neben der 5-Megapixel-Kamera befindet sich eine Foto-LED auf der Rückseite des Desire. Einen echten Xenon-Blitz gibt es leider nicht – den hat aber auch das X10 nicht zu bieten.

In diesem Punkt gibt es ein knappes Plus für das X10.

HTC Desire vs. Sony Ericsson Xperia X10 – 5:4

Geschwindigkeit

Der letzte Abschnitt in diesem Vergleich dreht sich nur um die Reaktionsfreude und Geschwindigkeit der beiden Smartphones. Beim Blick auf das Datenblatt sollte sich hier kein großer Unterschied zeigen – schließlich sind beide mit einer 1 GHz schnellen Snapdragon-CPU ausgestattet. Allerdings verfügt das Desire über mehr Arbeitsspeicher – 576 MByte hat HTC eingebaut, das X10 hat „nur“ 384 MByte RAM. Im laufenden Betrieb ist davon nichts zu spüren. Es sei denn, der Anwender lässt etliche speicherhungrige Programme gleichzeitig laufen. In diesem Fall ruckelt es beim X10 früher, da der Speicher schlicht früher voll ist. Wer entsprechend viele Apps auf dem Desire laufen lässt, bekommt aber auch hier das Ruckeln zu sehen.

Aufgrund der etwas höheren Arbeitsspeicherausstattung punktet hier das HTC.

HTC Desire vs. Sony Ericsson Xperia X10 – 6:4

Fazit

Das Erstlingswerk von Sony Ericsson im Android-Bereich kann sich durchaus sehen lassen. Mit seiner 8-Megapixel-Kamera setzt es sich bei den Foto-Funktionen sogar direkt vor die gesamte Konkurrenz. Bei der Feinabstimmung, der Oberfläche und der Software merkt man dem HTC allerdings die größere Erfahrung mit dem Google-Betriebssystem an. Derzeit geht der Sieg unterm Strich knapp an das Desire – es sei denn, die Foto-Funktion steht im Mittelpunkt. Wir sind gespannt, wie sich das X10 nach dem Update auf die Android-Version 2.1 schlägt.

Artikel von CNET.de: https://www.cnet.de

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[1] Sony: http://www.cnet.de/unternehmen/sony/

[2] Android: http://www.cnet.de/themen/android/

[3] Google: http://www.cnet.de/unternehmen/google-inc/

[4] HTC: http://www.cnet.de/unternehmen/htc/

[5] Sony Ericsson Xperia X10: 4-Zoll-Androide im Detail: https://www.cnet.de/41529888/sony-ericsson-xperia-x10-4-zoll-androide-im-detail/?pid=1#sid=41530822