Tastatur im Rücken: Android-Smartphone Motorola Backflip im Test

von Damian Koh und Daniel Schraeder am , 13:07 Uhr

Pro
  • hervorragende Verarbeitung
  • Zugang zum Android Market
  • erstklassige Lautsprecher
Con
  • inakzeptable Akkulaufzeit
  • langsame Reaktionen
  • unpraktische Tastatur
Hersteller: Motorola Listenpreis:
ZDNet TESTURTEIL: BEFRIEDIGEND 6,0 von 10 Punkte
Fazit:

Die Idee ist gut, das Design ist mutig. Aber vielleicht etwas zu mutig, denn in der Praxis stellt uns das Backflip nicht zufrieden: Es reagiert zu langsam, die Tastatur ist quasi unbenutzbar und wir sind uns nicht sicher, wie lange sie den Kontakt mit Schlüssel und Münzen in der Tasche aushält.

Wer auf der Suche nach einem Android-Smartphone mit Tastatur ist, hat nicht viel Auswahl. Um so besser, das Motorola mit dem Backflip schon das zweite Gerät dieser Art auf dem Markt gebracht hat, und das Neue wirkt ganz schön flippig: Auf der Rückseite befindet sich das Tastenfeld, dass sich komplett mit einem Dreh unter das Display verlagert. Ob das in der Praxis überzeugt, zeigt der Test.

Zum ersten Mal haben wir das Backflip auf der Consumer Electronics Show (CES [1]) im Januar in die Finger bekommen. Es hat direkt Vorschusslorbeeren erhalten, unter anderem den Best-of-CES-Award von CNET in der Kategorie Smartphones – denn die rückseitig angebrachte Tastatur, die sich unter das Display klappen lässt, ist eben wirklich etwas einzigartiges. Nach einiger Zeit im Praxiseinsatz wird aus der Begeisterung aber eher eine Enttäuschung: Die außergewöhnliche Optik geht zu Lasten der Benutzbarkeit.

Design

Das Backflip ist der jüngere, flippigere Bruder des Milestone [2]. Beide arbeiten mit dem Google [3]-Betriebssystem Android [4], beide bringen eine Tastatur mit. Das Milestone hat allerdings „nur“ einen klassischen Slider-Mechanismus, der das Tastenfeld im Querformat unterhalb der Anzeige verbirgt. Langweilig, aber bewährt. Da lehnt sich das neue Modell deutlich weiter aus dem Fenster. Seine Tastatur ist auf der Rückseite angebracht. Wer eine E-Mail oder eine SMS tippen möchte, klappt sie einfach um 180 Grad um – dann sitzt sie unterm Display, wenn man das Gerät im Querformat hält. Die Mechanik hinterlässt dabei einen soliden Eindruck. Allerdings bleibt es nun mal eine Mechanik, die im harten Alltagseinsatz früher oder später sicherlich Federn lassen wird. Das gilt auch für die Tastatur an sich, die vollkommen ungeschützt auf dem Rücken des Handys sitzt – und sich Schläge auf den Tisch ebenso gefallen lassen muss wie den Kampf mit dem Schlüssel um jeden Millimeter Platz in der Hosentasche.

Klappsache: Das Tastenfeld wandert mittels Drehbewegung von der Geräterückseite unters Display.
Klappsache: Das Tastenfeld wandert mittels Drehbewegung von der Geräterückseite unters Display.

Die Verarbeitung ist auf hohem Niveau. Das Gerät fühlt sich stabil an, wirkt durchdacht, und alle Tasten und Anschlüsse sind sinnvoll platziert. Man merkt eben, dass Motorola schon länger Handys baut. Die 3,5-Millimeter-Klinkenbuchse sitzt auf der Oberseite (wo sie auch hingehört, damit man Musik hören kann, während das Handy in der Tasche steckt), und die Micro-USB-Buchse befindet sich rechts unten.

Was uns nicht überzeugt, ist die Tastatur selbst – sowie das Backtrack. Dabei handelt es sich um ein berührungsempfindliches Quadrat auf der Rückseite des Displays. Es ist quasi ein Touchpad wie beim Notebook [5], funktioniert aber eher wie der Trackball von HTC [6]-Smartphones mit Android. Der Cursor springt also beispielsweise beim Surfen von Link zu Link oder von Menüpunkt zu Menüpunkt. Wer einen Link auf dem Display antippt, muss einfach nur den Finger auflegen – oder alternativ mehrmals über das Backtrack fahren. Bei anderen Anwendungen, etwa in der Bildergalerie, überzeugt das Feature deutlich mehr: Einmal kurz überstreifen, schon taucht das nächste Foto auf. Als nicht besonders praktisch erweist sich auch die Positionierung des Sensors: Man muss die Tastatur ausklappen, um in benutzen zu können. Wir finden es gut, dass Motorola etwas Neues ausprobiert – aber so, wie das Backtrack hier implementiert ist, werden wir damit nicht glücklich.

Extrem flach: Die Tasten geben kaum nach und sind nur schwer zu erfühlen.
Extrem flach: Die Tasten geben kaum nach und sind nur schwer zu erfühlen.

Zurück zum Tastenfeld: Es ist flach. Viel zu flach – es ist quasi nicht möglich, zu erfühlen, wo die Tasten sitzen. Das macht blindes Tippen unmöglich. Außerdem ist der Druckpunkt, naja, sehr gewöhnungsbedürftig. Die Knöpfe geben kaum nach und man muss sie mittig treffen, um überhaupt schreiben zu können. Unterm Strich sind wir schnell wieder bei der virtuellen Tastatur auf dem Touchscreen gelandet. Kein gutes Zeichen, immerhin sollte die Tastatur doch eines der wichtigsten Merkmale an diesem Smartphone [7] sein.

Ausstattung

Als Oberfläche kommt Motoblur zum Einsatz. Sie verschmilzt die Kontakte verschiedener Anbieter in ein Adressbuch und ermöglicht so den direkten Zugriff auf Facebook & Co. Integriert sind darüber hinaus Apps und Widgets, die die aktuellen Status-Updates der Freunde direkt auf dem Homescreen anzeigen.

Da die Rückseite aus Knöpfen besteht, hat der Hersteller Foto-LED und Kamera einfach anstelle von zwei Tasten in der Ecke platziert.
Da die Rückseite aus Knöpfen besteht, hat der Hersteller Foto-LED und Kamera einfach anstelle von zwei Tasten in der Ecke platziert.

Auf Anhieb wirkt Motoblur vielleicht etwas überfordernd, aber nach kurzer Eingewöhnung fühlt man sich hier direkt zuhause. Die Haken kennen wir schon von anderen Android-Oberflächen: Wer beispielsweise auf der Suche nach einem etwas älteren Facebook-Statusupdate ist, muss alle vorherigen wegklicken – denn das Widget zeigt nur einen Eintrag gleichzeitig an. Mit ein paar Fingertipps ist auch das Beantworten oder Kommentieren von Tweets oder Statusnachrichten möglich.

Motorola setzt beim Backflip auf Android 1.5. Das ist definitiv nicht mehr zeitgemäß – aktuell ist die Version 2.1, und deren Nachfolger 2.2 steht schon in den Startlöchern. Immerhin, ein Update auf 2.1 soll kommen. Allerdings gibt der Hersteller noch nicht an, wann es verfügbar sein soll.

Zur weiteren Software-Ausstattung gehört das, was wir von Android gewöhnt sind: Mail, Maps, Browser, Youtube und natürlich Zugang zum Market, in dem zehntausende weitere Apps zum Download bereitstehen. Außerdem an Bord ist die eingeschränkte Version von QuickOffice, die das Anzeigen, aber nicht das Bearbeiten von Dokumenten, Tabellen und PDFs erlaubt.

Auf der Rückseite des Geräts findet sich die Linse der 5-Megapixel-Kamera samt Foto-LED. Die Bildqualität geht in Ordnung, ist aber nicht überragend. Nahaufnahmen wirken noch relativ gut, aber spätestens beim Blick in die Ferne haben wir so unsere Probleme mit den Ergebnissen: Fotos leiden unter unfreiwilliger Posterisation [8]. Die Farbanzahl reduziert sich merklich, dementsprechend hart wirken die Übergänge.

Harte Übergänge: In der Ferne wirkt es, als hätte die Kamera zu wenig Farben zur Verfügung.
Harte Übergänge: In der Ferne wirkt es, als hätte die Kamera zu wenig Farben zur Verfügung.

Bei Nahaufnahmen fällt dieser Effekt nicht sonderlich ins Gewicht.
Bei Nahaufnahmen fällt dieser Effekt nicht sonderlich ins Gewicht.

Hier sehen wir wieder die harten Übergänge bei den Wolken.
Hier sehen wir wieder die harten Übergänge bei den Wolken.

Leistung

Die Akkus von modernen Smartphones halten ja ohnehin nur einen Tag durch, wenn man die Geräte auch benutzt – doch das Backflip setzt dem noch eins drauf. Wir haben bei unserem Testgerät die Synchronisierung von Gmail, Kalender und Kontakten eingeschaltet, haben etwa 20 Minuten Musik gehört, eine gute halbe Stunde Video-Streams gesehen und ein paar Webseiten abgerufen – und das war’s. Bei dieser Nutzung hält das Gerät nicht einmal einen Arbeitstag durch. Der 1400 mAh starke Akku ist schon leer, bevor wir wieder zu Hause auf dem Sofa sitzen. Laut Motorola soll das Backflip übrigens 13,5 Tage im Standby respektive 6 Stunden Dauertelefonat durchhalten.

Darüber hinaus leidet das Gerät ein bisschen unter seiner schwachen RAM-Ausstattung. Im Inneren werkelt ein Qualcomm-Prozessor mit 528 MHz, dem nur 256 MByte Arbeitsspeicher zur Verfügung stehen. Da ruckelt es schon mal, wenn ein paar Apps laufen. Schade eigentlich. Noch dazu heizt sich das Handy im Alltagseinsatz schnell merklich auf.

Wahrlich überzeugend sind die integrierten Lautsprecher. Selbst in lauteren Umgebungen ist es kein Problem, mal ein Youtube-Video oder einen MP3-Song ohne Kopfhörer zu genießen. Die Mitmenschen werden es uns danken.

Fazit

Auf Anhieb ist das Backflip sympathisch: Es sieht abgefahren aus, die ungewöhnliche Tastaturmechanik ist ein Blickfänger, und die Ausstattung ist auf hohem Niveau. Noch dazu überzeugt die Verarbeitungsqualität. Aber unterm Strich reichen diese Punkte einfach nicht aus, um über die Schwächen hinwegsehen zu können: Ein Update auf Android 2.1 ist überfällig, der Akku hält nicht lang genug und die Tastatur kann ihre Stärken aufgrund ihrer Bauart einfach nicht ausspielen. Schade eigentlich – aber so eignet sich das Gerät kaum für Vieltipper. Und alle anderen finden sicherlich noch Android-Alternativen [9] ohne Tastenfeld.

Artikel von CNET.de: https://www.cnet.de

URL zum Artikel: https://www.cnet.de/41531765/tastatur-im-ruecken-android-smartphone-motorola-backflip-im-test/

URLs in this post:

[1] CES: http://www.cnet.de/themen/ces-2014/

[2] Milestone: https://www.cnet.de/tests/handy/41524610/motorola+milestone+im+test+multitouch_handy+mit+android+2_0.htm

[3] Google: http://www.cnet.de/unternehmen/google-inc/

[4] Android: http://www.cnet.de/themen/android/

[5] Notebook: http://www.cnet.de/themen/notebook/

[6] HTC: http://www.cnet.de/unternehmen/htc/

[7] Smartphone: http://www.cnet.de/themen/smartphone/

[8] Posterisation: http://de.wikipedia.org/wiki/Posterisation

[9] Android-Alternativen: https://www.cnet.de/digital-lifestyle/kaufberatung/41529074/von+guenstig+bis+edel+uebersicht+ueber+alle+android_smartphones.htm