iPhone 4: Was das neue Apple-Handy wirklich kann

von Daniel Schraeder, Joachim Kaufmann und Mike Sixt am , 17:09 Uhr

Das erste iPhone hat Maßstäbe gesetzt und den Handy-Markt komplett revolutioniert. Die Neuerungen der Modelle 3G und 3GS waren hauptsächlich kosmetischer Natur, und die Konkurrenz hat aufgeholt – allen voran Google mit Android. Apple muss mit seinem iPhone 4 nun einen großen Schritt nach vorne gehen, um wieder als Revoluzzer zu gelten. Unsere Kollegen von CNET.com waren bei der Vorstellung des neuen Modells in San Francisco vor Ort und haben sich das Gerät näher angesehen.

Als Apple [1] im Januar 2007 das erste iPhone vorgestellt hat, hat das Unternehmen gleich eine ganze Revolution eingeläutet. Gut dreieinhalb Jahre später gibt es kaum noch Handys und Smarthones, die nicht mit einem Touchscreen ausgestattet sind. Das mobile Internet ist eine Selbstverständlichkeit und Apps nicht mehr wegzudenken. Das liest sich auch in Statistiken: Fast ein Drittel aller mit einem Handy abgerufenen Webseiten werden von einem iPhone dargestellt. Doch der Thron bröckelt. Der gigantische Vorsprung, den Apple in puncto Design, Ausstattung, Bedienung und Leistung hatte, ist geschmolzen. Allen voran dürfte das Google [2]-Handybetriebssystem Android [3] für die eine oder andere Sorgenfalte auf der Stirn von Apple-Boss Steve Jobs sorgen – denn im ersten Quartal dieses Jahres sind zum ersten Mal mehr Android-Handys als iPhones über amerikanische Ladentheken gewandert. Kein Wunder, denn entsprechende Geräte wie das Sony [4] Ericsson Xperia X10, das Google Nexus One, das HTC [5] Desire oder das Samsung [6] Galaxy S haben höher auflösennde Kameras, schärfere Displays mit der neuen OLED-Technik, austauschbare Akkus und Speicherkarten und sind bei verschiedenen Providern mit unterschiedlichen Vertragsbedingungen zu haben.

Das neue iPhone 4 soll nun wieder Maßstäbe setzen.

Design

Das Aussehen des iPhone 4 hat sich im Vergleich zum Vorgänger stark geändert. Auf den ersten Blick erinnert es uns fast ein bisschen an das LG [7] Mini GD880. Ober- und Unterseite sind jetzt wieder flach wie bei der ersten Generation, der Rahmen ist aus Edelstahl gefertigt. Den typischen Home-Button gibt es immer noch, ebenso den Hörschlitz für Telefonate und die schwarzen Ränder unter- sowie oberhalb des Displays. Über der Anzeige befindet sich nun die Linse der zweiten Kamera, die Video-Telefonate ermöglicht.

Insgesamt ist das iPhone 4 mit 11,5 mal 5,9 Zentimetern und einer Bauhöhe von 9,3 Millimetern etwas kleiner und bedeutend dünner geworden. Die Rückseite besteht wie die Vorderseite aus Glas. Integriert ist die Linse der Hauptkamera, die nun 5 Megapixel auflöst und von einer Foto-LED als Blitzlicht ergänzt wird.

Der SIM-Steckplatz ist von oben zur Seite gewandert. Apple setzt wie beim iPad 3G auf Micro-SIM-Karten. Der Einschaltknopf und die 3,5-Millimeter-Klinkenbuchse sind wie gehabt oben integriert. Links gibt es nun anstelle des Wippschalters zwei runde Buttons zum Regeln der Lautstärke. Alle Bedienelemente auf der Seite sind wie das Gehäuse aus Edelstahl. Wohl auch deshalb hat das Apple-Handy beim Gewicht etwas zugelegt: Es wiegt jetzt 137 Gramm und damit 2 Gramm mehr als das 3GS.

Ausstattung

Das Display des iPhone 4 ist mit einer Diagonale von 3,5 Zoll (8,9 Zentimeter) genauso groß wie bei den Vorgängern. Apple hat die Auflösung jedoch vervierfacht: Die Anzeige stellt nun 640 mal 960 statt 320 mal 480 Pixel dar. Die Dichte von 326 Pixel pro Zoll (dpi) verspricht eine deutlich schärfere Darstellung, was sich gerade bei Text positiv bemerkbar machen dürfte. Noch schärfer soll es laut Steve Jobs ohnehin nicht mehr gehen: Das menschliche Auge ist demnach nur in der Lage, eine Auflösung von 300 dpi wahrzunehmen.

Die moderne OLED-Technik bleibt außen vor. Wie beim iPad setzt Apple auf ein LC-Display mit IPS-Panel. Dieser Typ ist für eine gute Farbwiedergabe und eine niedrige Blickwinkelabhängigkeit bekannt. Die gleiche Technik kommt im iPad zum Einsatz und soll laut Apple „besser sein“ als die organischen Anzeigen, die beispielsweise beim Samsung Wave oder beim HTC Desire zum Einsatz kommen.

Im Inneren arbeitet Apples selbst entwickelter A4-Prozessor, der mit einer Taktrate von 1 GHz auch im iPad seinen Dienst verrichtet. Mit welcher Frequenz der Chip im iPhone 4 läuft, oder ob Änderungen erfolgt sind, ist bislang nicht bekannt. Gut denkbar, dass Apple den Chip im iPhone 4 langsamer rechnen lässt, um den Stromverbrauch zu senken.

Der A4-Prozessor ist ein sogenanntes System-on-a-Chip (SOC) auf Basis des ARM-Befehlssatzes. Es vereint CPU, Grafikprozessor und andere Funktionen wie Speichercontroller auf einem Die (Siliziumplättchen). Damit ähnelt die Apple-CPU SOCs von Anbietern wie Texas Instruments, Qualcomm und Marvell. Der A4 dürfte eine deutlich höhere Leistung aufweisen als das ARM-basierte Samsung-SOC, das im 3GS zum Einsatz kommt. Messergebnisse gibt es aber noch nicht.

Entgegen den Spekulationen ist auch das neue iPhone nur mit 16 oder 32 GByte Flash-Speicher zu haben. Eine Variante mit mehr Kapazität wurde bisher nicht angekündigt. Da das Gerät nach wie vor keinen Erweiterungsschacht für Speicherkarten hat, dürfte diese Entscheidung bei vielen Nutzern nicht gut ankommen.

Die 3-Megapixel-Kamera im iPhone 3GS ist schon lange nicht mehr konkurrenzfähig. Andere Foto-Handys ermöglichen Auflösungen von bis zu 12 Megapixeln, und in diversen Smartphones kommen Sensoren mit bis zu 8 Megapixeln zum Einsatz. Darauf hat Apple reagiert und dem iPhone 4 eine neue Kamera spendiert: Mit 5 Megapixeln liegt ihre Auflösung zwar nur im Mittelfeld, ein Sensor mit rückwärtiger Belichtung in Verbindung mit einem LED-Blitz sollen aber insbesondere bei schlechten Lichtverhältnissen (geschlossene Räume) gute Fotos liefern. Solche Bildsensoren kommen üblicherweise nur bei hochwertigen Kompaktkameras zum Einsatz und sind im Handy-Bereich eine Revolution. Typisch für die sogenannten Backside-Illumination-Chips ist neben der höheren Lichtempfindlichkeit eine hohe Videoauflösung. Dementsprechend nimmt das Apple-Handy Clips nun in HD-Auflösung auf (720p bei 30 Bildern pro Sekunde). Die Fokussierung erfolgt wie beim Fotografieren durch einen Fingertipp auf das Display.

Die Kamera auf der Vorderseite nimmt VGA-Auflösung auf (640 mal 480 Bildpunkte). Die Bildtelefonie klappt derzeit aber nur, wenn der Gesprächspartner auch ein iPhone 4 hat und beide Anwender per WLAN mit dem Internet verbunden sind. Steve Jobs hat im Rahmen seiner Keynote verlauten lassen, mit den Netzbetreibern zusammenzuarbeiten, um später auch Videokonferenzen über UMTS bieten zu können. Per Fingertipp kann man auf die rückseitige Kamera umschalten.

Das iPhone 4G soll eine bessere Sprachqualität in lauten Umgebungen bieten. Ein zweites Mikrofon ermöglicht aktive Geräuschunterdrückung, um den Hintergrundlärmpegel in lauten Umgebungen herauszufiltern. Das gibt es derzeit beispielsweise schon beim Google Nexus One.

Einer der größten Kritikpunkte am iPhone ist die Akkulaufzeit. Mit diesem Problem kämpft aber auch die Konkurrenz. Apple verspricht für das iPhone 4 eine um bis zu 40 Prozent verlängerte Laufzeit: sieben Stunden Sprechzeit in UMTS-Netzen, zehn Stunden Surfen per WLAN, sechs Stunden Surfen per UMTS sowie zehn Stunden Videowiedergabe und 40 Stunden Audiowiedergabe.

Um wie viel höher die Kapazität des neuen Akkus gegenüber dem 1050-mAh-Stromspeicher des 3GS ist, hat Apple nicht bekannt gegeben. Ob das neue iPhone tatsächlich besser abschneidet, werden wir testen, sobald uns ein Gerät vorliegt.

Apple hat mit dem iPhone 4 auch die Kommunikation beschleunigt: Das 3G-Modul beherrscht jetzt neben HSDPA mit 7,2 MBit/s auch HSUPA mit 4,8 MBit/s. Das WLAN-Modul funkt nicht mehr nur nach 802.11b und g, sondern unterstützt auch den neuen n-Standard. Davon profitieren Anwender in Form von höheren Datenraten und – in der Praxis wichtiger – größeren Reichweiten. Das Smartphone [10] bietet weiterhin Bluetooth 2.1 mit EDR sowie ein GPS-Modul.

Neben dem Kompass und den bekannten Bewegungssensoren hat das iPhone 4 ein Gyroskop. Damit registriert das Gerät Bewegungen deutlich genauer und in sechs Richtungen.

Software: iOS 4

Im April hat Steve Jobs im Zuge der Bekanntgabe des iPad das iPhone OS 4.0 vorgestellt, das auch auf dem Tablet laufen wird. Mit der Version 4.0 kommen über 100 Neuerungen: Darunter fallen Multitasking, das Anlegen von Ordnern auf dem Homescreen, eine erweiterte E-Mail-Funktionalität, die iBooks-Anwendung, verbesserte Funktionen für den Einsatz in Unternehmen und die neue Werbeplattform iAd. Das iPhone OS 4.0 heißt jetzt offiziell iOS 4. Damit wird der Bezug zum iPhone aufgehoben, denn das Betriebssystem läuft auch auf dem iPad sowie den iPod-Touch-Geräten der zweiten und dritten Generation.

Apple führt bei iOS 4 das Look and Feel der früheren Versionen fort, hat die Oberfläche aber etwas aufgefrischt: Die unterste Reihe der Anwendungs-Buttons wird mit einer dreidimensional wirkenden Bodenplatte abgeschlossen. Ferner lassen sich die Anzeige der Bildschirmsperre und der Startbildschirm mit eigenen oder mitgelieferten Fotos personalisieren.

Offiziell unterstützt iOS 4 Multitasking, es handelt sich aber nicht Multitasking im klassischen Sinne. Stattdessen hat das Unternehmen die wichtigsten Funktionen, die Anwendungen von Drittherstellern im Hintergrund ausführen sollen, identifiziert und selbst implementiert. Damit will das Unternehmen die typischen Probleme verhindern, die auftreten, wenn zu viele Programme gleichzeitig laufen: eine geringere Akkulaufzeit und langsameres Ansprechverhalten.

Mit dem neuen Betriebssystem bekommen nun auch iPhone-Nutzer ein einheitliches E-Mail-Postfach, das auf Wunsch Nachrichten mehrerer E-Mail-Accounts zusammenfasst. Zudem zeigt das Postfach die E-Mails als Diskussionsstrang. Neu ist auch, dass alle Unterhaltungen aus einer Mail-Konversation auf einmal gelöscht werden können.

Künftig ist das Anlegen von Ordnern zum Gruppieren von Applikationen möglich. Das funktioniert, indem man eine App per Drag and Drop auf eine andere zieht. Dann legt iOS 4 automatisch ein Verzeichnis auf dem Homescreen an, der den Namen der Kategorie der Applikation trägt. Die Bezeichnung des Ordners lässt sich ändern.

Eine Premiere feiert der Apple-eigene eBook-Store iBook auf dem Handy. Die App steht als kostenloser Download zur Verfügung und ermöglicht es, kostenlose und kostenpflichtige Bücher und Zeitschriften zu finden, zu kaufen und zu lesen. Zudem lassen sich Bookmarks in erworbene Bücher setzen, Textstellen markieren oder Kommentare einbinden. Die elektronischen Bücher können samt Notizen mit einem iPad oder iPod Touch synchronisiert und dort gelesen werden. iBooks erlaubt auch das Lesen und Speichern von PDF-Dokumenten. Mittlerweile sind in den USA über 60.000 Bücher im iBook Store verfügbar. Die Zahl der deutschsprachigen Titel ist nicht bekannt.

Mit iOS 4 kommt auch Apples mobile Werbeplattform iAd auf das Handy. Mit ihr werden Werbeeinblendungen in den Applikationen gezeigt. Die Werbung kann als Video oder interaktive Anwendung angezeigt werden. Von den Erlösen reicht das Unternehmen 60 Prozent an die Entwickler der jeweiligen Apps weiter, den Rest nimmt Apple für sich in Anspruch.

Kosten

Die iOS-4-Software wird ab dem 21. Juni als kostenloses Update über iTunes 9.2 oder höher erhältlich sein. Sie ist kompatibel zu iPhone 3G, 3GS, iPhone 4 und den iPod-Touch-Geräten der zweiten und dritten Generation. Einige Funktionen des Betriebssystems sind aus technischen Gründen nicht auf allen Geräten verfügbar. Multitaskting zum Beispiel setzt mindestens ein iPhone 3GS oder einen iPod Touch der dritten Generation voraus.

Das iPhone 4 wird in Deutschland, den USA, Frankreich, Japan und England ab 24. Juni verfügbar sein. Ab dem 15. Juni ist es bei T-Mobile oder im Apple-Store vorbestellbar. Wie gehabt ist das Gerät im Exklusivvertrieb von T-Mobile und nur mit SIM-Lock zu haben.

Apple bietet das neue iPhone in Schwarz und Weiß an. Die 16-GByte-Version kostet in den USA mit Vertrag 199 Dollar, die 32-GByte-Version 299 Dollar. Die Preise und Tarife für Deutschland stehen noch nicht fest.

Sparfüchse dürften sich darüber freuen, dass das „alte“ 3GS mit 8 GByte Speicher weiterhin zu einem reduzierten Preis zu haben sein wird.

Vorläufiges Fazit

Optisch und technisch hat Apple sein iPhone nun wieder auf den Stand der Technik gebracht. Vor allem Display und Kamera dürften in der nächsten Zeit ihresgleichen suchen. Die Bedienung ist weiterhin auf höchstem Niveau, aber eben nicht mehr einzigartig.

Die Kritikpunkte bleiben aber. Das tolle Smartphone kommt nur mit teurem Knebelvertrag ins Haus, der Akku ist nicht tauschbar, es gibt eine Zwangsbindung an iTunes und keinen Slot für Speicherkarten. Wer sich damit arrangieren kann, sollte in zwei Wochen unbedingt einen Blick in die T-Mobile- und Apple-Shops werfen. Alle anderen werden sicherlich auch mit einem aktuellen Androiden glücklich.

Artikel von CNET.de: https://www.cnet.de

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[8] Apple iPhone 4: Fotos vom neuen Android-Killer: https://www.cnet.de/41533055/apple-iphone-4-fotos-vom-neuen-android-killer/?pid=1#sid=41533063

[9] Erste Eindrücke vom Apple iPhone 4: https://www.cnet.de/41533040/erste-eindruecke-vom-apple-iphone-4/?pid=1#sid=41533063

[10] Smartphone: http://www.cnet.de/themen/smartphone/

[11] iPhone-4-Zubehör: Schutzhüllen, Docks und Adapter: https://www.cnet.de/41533068/iphone-4-zubehoer-schutzhuellen-docks-und-adapter/?pid=1#sid=41533063

[12] iPhone OS 4.0: Multitasking & Co. im Blick: https://www.cnet.de/41530434/iphone-os-4-0-multitasking-co-im-blick/?pid=1#sid=41533063