Smartphone als Car-Computer und Diagnosewerkzeug: OBD auf dem Handy

von Daniel Schraeder am , 17:12 Uhr

Jedes halbwegs aktuelle Fahrzeug verfügt über eine Diagnoseschnittstelle. Mit einem Adapter, der den sogenannten OBD-Anschluss via Bluetooth mit dem Handy verbindet, wird das Smartphone zu Bordcomputer und Diagnosegerät in einem. Wieviel geht der Tacho vor, warum leuchtet die Warnleuchte, wie lang braucht mein Auto wirklich von 0 auf 100, und stimmt der vom Bordcomputer angegebene Benzinverbrauch – das sind nur einige von vielen Fragen, die sich so beantworten lassen.

Simple Bordcomputer stecken heute in jedem Auto. Zumindest Durchschnittsgeschwindigkeit, Benzinverbrauch und Reichweite sind quasi Standard. Weiterführende Informationen hingegen gibt es, wenn überhaupt, nur gegen immensen Aufpreis. BMW beispielsweise spart sich seit einiger Zeit die Temperaturanzeige, Porsche hingegen hat einen Racetimer im Angebot, der für knapp 2000 Euro die Zeit auf der Rennstrecke nimmt.

Die standardisierte OBD-Schnittstelle erlaubt Zugriff auf einen großen Teil der Fahrzeugdaten, aus denen sich deutlich mehr und häufig auch genauere Werte ermitteln lassen, als der Fahrer üblicherweise zu sehen bekommt. Außerdem ist eine Fehlerdiagnose möglich – wann immer im Auto etwas schief läuft, wird das in der Steuerelektronik hinterlegt.

Wir haben einen günstigen OBD-Bluetooth-Adapter bei eBay ersteigert und verschiedene Diagnoseprogramme für Android [1]-Smartphones ausprobiert. Bei vorhandenem Handy bekommt man so für gut 30 Euro einen erstklassigen Einblick in die Fahrzeugelektronik.

Unser bei eBay ersteigerter OBD-Bluetooth-Adapter hat circa 8 Euro gekostet - plus 25 Euro für Versand und Verpackung.
Unser bei eBay ersteigerter OBD-Bluetooth-Adapter hat circa 8 Euro gekostet – plus 25 Euro für Versand und Verpackung.

Was ist OBD?

Die Grundidee hinter der On-Bord-Diagnose (OBD) ist auf Bemühungen der amerikanischen Regierung Ende der 80er Jahre zurückzuführen. Kraftfahrzeuge sollten nicht nur bei ihrer Zulassung möglichst wenig Schadstoffe ausstoßen, sondern das auch bis zum Ende ihrer Laufzeit durchhalten. Per Gesetz wurde eine Selbstdiagnose vorgeschrieben, die während des Betriebs sämtliche abgasbeeinflussenden Systeme überwacht und, sollte es zu Fehlern kommen, den Fahrern mit einer Warnleuchte darüber informiert.

In Europa ist OBD (beziehungsweise dessen Nachfoler OBD 2) seit 2001 bei allen Fahrzeugen mit Benzinmotor und seit 2004 auch bei Fahrzeugen mit Dieselmotor vorgeschrieben. Standardmäßig stellt die Schnittstelle weiterhin die Grundfunktionen der Abgasüberwachung zur Verfügung, hinzugekommen sind darüber hinaus noch herstellerspezifische Diagnosefunktionen weiterer Komponenten. Das System ist in der Lage, Kurzschlüsse oder Kabelbrüche zu entdecken, die beispielweise durch Marderbiss oder altersbedingte Schwächen entstanden sind, findet Leckagen im Kraftstoffsystem oder defekte Sensoren.

Der OBD-Anschluss befindet sich bei den meisten Autos im Fahrerfußraum.
Der OBD-Anschluss befindet sich bei den meisten Autos im Fahrerfußraum.

Je nach auftretendem Fehler reagiert OBD unter Umständen sofort, indem es beispielsweise die gelbe Motorkontrollleuchte im Amaturenbrett aktiviert oder den Motor ins schonende Notprogramm versetzt. Sollte etwa die Verbindung zu einer Zündkerze unterbrochen sein, wird der entsprechende Zylinder abgeschaltet und kein Kraftstoff mehr eingespritzt. Denn unverbranntes Benzin würde den Katalysator beschädigen.

In jedem Fall legt OBD im Fehlerspeicher des Fahrzeugs einen Eintrag an, wenn etwas nicht funktioniert oder schiefgelaufen ist. Über die standardisierte Schnittstelle lassen sich diese Fehler auslesen und eingrenzen.

OBD-Adapter für PC und Handy

Für unter 20 Euro gibt es bei eBay entsprechende Adapter für den Computer. Über die USB-Schnittstelle kann man mit dem Notebook [2] beispielsweise einen Blick in den Fehlerspeicher werfen und herausfinden, warum die Warnlampe leuchtet. Das ist praktisch für Werkstätten und Hobbyschrauber, aber auch jeder, der an der Technik seines Wagens interessiert ist, bekommt hier weiterführende Informationen.

Was fehlt? BMW hat dem 1er keine Temperaturanzeige spendiert. Über OBD können wir zumindest die Kühlwassertemperatur abfragen. Die eigentlich viel interessantere Öltemperatur bekommen wir aber auch auf diesem Weg nicht zu sehen.
Was fehlt? BMW hat dem 1er keine Temperaturanzeige spendiert. Über OBD können wir zumindest die Kühlwassertemperatur abfragen. Die eigentlich viel interessantere Öltemperatur bekommen wir aber auch auf diesem Weg nicht zu sehen.

Wirklich mobil ist so eine Lösung aber nicht – man kann ja nicht den Beifahrer dazu verdonnern, das Notebook zu halten. Eine Alternative stellen Bluetooth-Adapter dar. Wir haben bei eBay ein OBD Diagnostic Interface für 8 Euro ersteigert – plus 25 Euro für den Versand, da das Gerät direkt aus Singapur verschickt wurde. Es ermöglicht zwar auch die Verbindung zum PC, unser Ziel ist aber ein anderes: Wir wollen das Handy als Bordcomputer einsetzen.

Adapter verbinden

Nachdem das Paket mit dem Adapter bei uns eingetroffen ist, machen wir uns auf der Suche nach der Schnittstelle im Auto. Üblicherweise befindet sie sich im Fußraum auf der Fahrerseite, häufig ist sie allerdings unter einer Kunststoffklappe verborgen. Im Zweifelsfall hilft eine kurze Google [3]-Suche – und billiger als ein abgebrochenes Stück Plastikverkleidung, das doch nicht für die Demontage gedacht war, ist sie allemal 😉

In unserem Fall sitzt der Anschluss unter einer Kunststoffkappe oberhalb des Öffnungsgriffs für die Motorhaube. Vorsicht, hier ist es dunkel – man sollte also im Zweifelsfall vorm Einstecken des Adapters noch einmal mit der Taschenlampe prüfen, wo genau die Buchse sitzt. Der Rest ist einfach: einstecken, fertig. Die Stromversorgung erfolgt über die Schnittstelle.

Nun wenden wir uns unserem Handy zu. Wir haben uns in diesem Fall für ein Android-Smartphone [4] entschieden. Der App Store des iPhone listet zwar auch diverse Diagnoseprogramme unter dem Suchbegriff OBD, die meisten davon verlangen aber nach deutlich teureren WLAN-Adaptern. Es gibt auch entsprechende Lösungen für Windows Mobile (etwa OBD Gauge [5]) oder Symbian (zum Beispiel SymbTelm [6]), aber hier ist die Konfiguration komplexer und die Apps sehen einfach nicht so attraktiv aus.

Die Verbindung zum OBD-Adapter ist schnell konfiguriert. In den Wireless-Einstellungen aller Android-Smartphones gibt es die Möglichkeit, nach Bluetooth-Geräten zu suchen. Sobald der unser OBD-Dongle mit dem Auto verbunden ist, taucht er hier in der Liste auf. Ein Tipp auf den entsprechenden Eintrag in der Liste fragt nach dem Passwort zum Paaren von Adapter und Handy – es lautet in unserem Fall schlicht 1234 und ist nicht änderbar.

OBD-Programme für Android

Wenn diese Vorarbeit geleistet ist, funktionieren die OBD-Programme aus dem Market auf Anhieb. Wir haben uns einige der kostenlosen Tools angesehen und mit Torque [7] auf Anhieb einen Freund gefunden.

Das Android-Programm Torque beim Start: Standardmäßig zeigt das Programm den Beschleunigungswert in G an, den es über den entsprechenden Sensor im Handy abfragt. Dazu gibt es Turbodruck, Gaspedalstellung und Geschwindigkeit zu sehen.
Das Android-Programm Torque beim Start: Standardmäßig zeigt das Programm den Beschleunigungswert in G an, den es über den entsprechenden Sensor im Handy abfragt. Dazu gibt es Turbodruck, Gaspedalstellung und Geschwindigkeit zu sehen.

Beim ersten Start fragt Torque, welches der gekoppelten Bluetooth-Geräte der OBD-Adapter ist. Ein Fingertipp reicht, die Verbindung wird aufgebaut und das richtige Übertragungsprotokoll je nach Fahrzeughersteller ermittelt und automatisch eingestellt.

Sollten im Fehlerspeicher des Fahrzeugs Einträge abgelegt sein, erscheinen die jetzt in Form von kryptischen Fehlercodes auf dem Handy-Display: ein Buchstabe gefolgt von einer vierstelligen Nummer. Immerhin – die Fehler sind genormt, und wir haben hier eine Liste von OBD-Fehlercodes inklusive deutscher Übersetzung [8] (der meisten Probleme) gefunden. Auf diese Weise lassen sich erste Diagnosen auch ohne teure Fachwerkstatt durchführen. Leuchtet beispielsweise die ESP- oder ABS-Warnleuchte, ist eine umständliche Suche nach dem Fehler mit etwas Glück unnötig: Der OBD-Bus informiert, wenn ein Drehzahlsensor den Geist aufgegeben hat, und gibt sogar an, an welchem Rad. Leuchtet die Motorwarnlampe, kann ein undichter Tankdeckel Schuld sein. Wer etwas versiert ist, spart sich bei solchen Problemen den Werkstattaufenthalt.

Hier gibt es ein Problem: Im Fehlerspeicher des Fahrzeugs ist der Code P0442 abgelegt. Das ist ein kleines Leck im Tankentlüftungssystem.
Hier gibt es ein Problem: Im Fehlerspeicher des Fahrzeugs ist der Code P0442 abgelegt. Das ist ein kleines Leck im Tankentlüftungssystem.

Das Smartphone als Bordcomputer

Im Idealfall zeigt Torque keine Fehler an. Dann kann es gleich losgehen: Das Interface sieht aus wie ein Android-Homescreen. Es gibt hier sieben Seiten, die sich per Fingerwisch durchwechseln lassen, und die der Nutzer frei konfigurieren kann. Mit Graphen, analogen Anzeigen und digitalen Displays, die Informationen von Sensoren von Auto und Handy darstellen.

So ist es beispielsweise möglich, das Tachosignal des Fahrzeugs und die tatsächliche Geschwindigkeit per GPS auf einer Seite gegenüberzustellen, um die Abweichung der Anzeige im Auto festzustellen. Auf Wunsch berechnet Torque auch aus den Sensordaten des Fahrzeugs den tatsächlichen Verbrauch, den der Anwender dann mit der Anzeige seines Bordcomputers abgleichen kann. Fahrer mit Heckantrieb und einem Faible für Drifts zeichnen sich einen Grafen mit der Querbeschleunigung des Autos, aus Beschleunigungsdiagrammen lässt sich die tatsächlich Zeit ablesen, die der Wagen von 0 auf 100 benötigt, und Freunde vom sparsamen Fahren ermitteln auf einen Blick, welche Drehzahl und welche Geschwindigkeit wie viel Benzin verbraucht.

Mehr Infos gefällig? Auf Wunsch zeichnet Torque auch Graphen zu den frei einstellbaren Sensoren in Handy und Auto. Die Daten lassen sich auch speichern und später in Ruhe am Computer ansehen. Hier ist der Drehzahlmesser zu sehen.
Mehr Infos gefällig? Auf Wunsch zeichnet Torque auch Graphen zu den frei einstellbaren Sensoren in Handy und Auto. Die Daten lassen sich auch speichern und später in Ruhe am Computer ansehen. Hier ist der Drehzahlmesser zu sehen.

Selbstverständlich lassen sich all diese Daten mitloggen, speichern und später im Detail abrufen. Sogar das Einbinden von Strecken in Google Earth ist möglich – und damit beispielsweise das Ermitteln der Rundenzeit auf der Nordschleife [9].

Wer einfach nur mal einen Blick in die Möglichkeiten werfen möchte, kann Torque und die diversen Alternativen auch ohne Bluetooth-Adapter starten. Der Download aus dem Market ist kostenlos. Allerdings: Je nach Fahrzeug stehen nicht alle Informationen und Grafen zur Verfügung, die das Programm theoretisch unterstützt.

Nicht schön, aber praktisch für die Fehlerdiagnose ist ein anderes Programm: aIOBD Scanner steht ebenfalls zum kostenlosen Download im Market bereit.
Nicht schön, aber praktisch für die Fehlerdiagnose ist ein anderes Programm: aIOBD Scanner steht ebenfalls zum kostenlosen Download im Market bereit.

Fazit

Spielerei oder Werkzeug? Beides. Die 30-Euro-Investition in einen OBD-Bluetooth-Adapter amortisiert sich schon nach dem ersten eingesparten Werkstattaufenhalt, wenn man kleinere Reparaturen in der Hobbywerkstatt erledigt. Aber auch für Auto-Begeisterte Nichtschrauber ist der Dongle eine tolle Investition, wenn das Handy zum Renn- und Bordcomputer wird. Schließlich könnte man für den Preis des Porsche Sport Chrono Paket gleich drei komplette Android-Smartphones inklusive OBD-Adapter kaufen. Eine ähnlich hohe Faszination löst die Bastellösung bei Technikfans ohnehin aus – die tollen Beschleunigungswerte eines gut motorisierten Porsche werden die meisten Nutzer damit aber auch nicht erleben.

Artikel von CNET.de: https://www.cnet.de

URL zum Artikel: https://www.cnet.de/41534874/smartphone-als-car-computer-und-diagnosewerkzeug-obd-auf-dem-handy/

URLs in this post:

[1] Android: http://www.cnet.de/themen/android/

[2] Notebook: http://www.cnet.de/themen/notebook/

[3] Google: http://www.cnet.de/unternehmen/google-inc/

[4] Smartphone: http://www.cnet.de/themen/smartphone/

[5] OBD Gauge: http://www.qcontinuum.org/obdgauge/

[6] SymbTelm: http://sourceforge.net/apps/trac/symbtelm/

[7] Torque: http://www.androlib.com/android.application.org-prowl-torquefree-tBpn.aspx

[8] hier eine Liste von OBD-Fehlercodes inklusive deutscher Übersetzung: http://www.gerritspeek.nl/obd-dtc-generic.html

[9] Nordschleife: http://de.wikipedia.org/wiki/Nordschleife