Neue Panels beim HTC Desire: sLCD- und OLED-Display im Vergleich

von Daniel Schraeder und John Chan am , 18:11 Uhr

Das Android-Smartphone Desire von HTC ist ein voller Erfolg. Zu erfolgreich offensichtlich, denn die tollen, farbenfrohen OLED-Displays gehen zur Neige – deswegen stellt der Hersteller nun auf LCD-Anzeigen um. Genauer: Auf sLCD genannte Sony-Panels, die technisch mit den IPS-Displays des neuen iPhone 4 identisch sind. Wir haben zwei HTC Desire mit unterschiedlichen Anzeigen nebeneinandergelegt.



Bei der Vorstellung des Google Nexus One [1] im Januar und des nahezu baugleichen Bruders HTC Desire [2] im März dieses Jahres war klar: Hier kommen potentielle iPhone-Killer. Die Smartphones sind mit dem hervorragenden Android [3]-Betriebssystem von Google [4] ausgestattet, haben mit ihren 1 GHz schnelle Prozessoren mehr Power als das zu dem Zeitpunkt aktuelle iPhone 3GS [5], bringen alle technischen Highlights und Finessen mit, die überhaupt nur in ein Handy passen – und setzen Maßstäbe, was das Display angeht.

Revolution OLED-Display

Zum ersten Mal hat HTC [6], Hersteller der beiden Smartphone [7]-Brüder, auf eine neue Anzeigetechnik gesetzt. Anstelle der „normalen“ LCD-Panels, die in den bisherigen Handys zum Einsatz kamen, wurden hier „organische Anzeigen“ verbaut – die OLEDs. Die Abkürzung steht für Organic Light Emitting Diode und bedeutet nichts anderes als eine Revolution: Die einzelnen Pixel bestehen aus organischem Material und sind selbstleuchtend.

In der Praxis bedeutet das eine beeindruckende Darstellungsqualität. Zum einen ermöglicht die neue Technik nahezu perfekte Kontraste – denn schwarze Bereiche in der Anzeige leuchten tatsächlich überhaupt nicht, während LC-Displays das weiße Licht der Hintergrundbeleuchtung nur so gut wie möglich filtern. Je besser das funktioniert, um so besser ist der Schwarzwert eines LCDs, wenn das Panel nicht so hochwertig ist, wird aus tiefem Schwarz ein trauriges grau.

Zum anderen erreichen die organischen Screens perfekte Blickwinkel. Egal, von welcher Seite und aus welchem Winkel man auf die Anzeige blickt: Farben und Kontraste verschieben sich nicht, wie man es von Computermonitoren oder Flachbildfernsehern her kennt. Noch dazu ist die Farbintensität überragend. So leuchtende Rot-, Blau- und Grüntöne sind mit „normalen“ Displays einfach nicht drin. Das fällt besonders beim Betrachten von Fotos oder Videos auf.

Und zu guter Letzt bewerben Hersteller von Geräten mit OLED-Display den im Vergleich zu LCDs geringeren Stromverbrauch. Klingt doch alles ganz gut. Warum verbaut man dann überhaupt noch LCDs?

In den von HTC hergestellten Smartphones Nexus One und Desire ist ein 3,7 Zoll großes OLED-Display von Samsung verbaut - zumindest bis jetzt.
In den von HTC hergestellten Smartphones Nexus One und Desire ist ein 3,7 Zoll großes OLED-Display von Samsung [8] verbaut – zumindest bis jetzt.

Wo die Panels herkommen

Höhere Kosten sind natürlich ein Grund – günstige Handys bekommen günstigere Displays als hochwertigere Smartphones. Hohe Auflösungen sind ein anderer Punkt. Die 800 mal 480 Pixel, die derzeit bei den meisten Top-Handys zum Einsatz kommen, scheinen bei den derzeitigen Fertigungsprozessen der Anzeigen das Maximum darzustellen. Wohl auch deswegen hat sich Apple [9] beim neuen iPhone 4 für den Einsatz der „herkömmlichen“ Technik entschieden, denn das iPhone hat eine noch deutlich höhere Auflösung. Noch dazu bleibt auch hier die Technik nicht stehen – und die sogenannten IPS-LCD-Anzeigen sollen ähnlich tolle Blickwinkel, Farben und Kontraste wie die OLEDs erzielen.

Das wohl größte Problem ist aber, dass es schlicht noch nicht viele Hersteller von OLEDs gibt, die Displays in den für Smarpthones notwendigen Größen, Auflösungen und Qualitäten herstellen. Eigentlich gibt es genau einen – und das ist Samsung.

Die Koreaner verbauen schon seit einigen Jahren die hauseigenen organischen Anzeigen in ihren Handys. Auch bei Androiden kamen bereits OLEDs zum Einsatz – zum Beispiel vor gut einem Jahr beim Samsung Galaxy [10].

Als HTC Anfang des Jahres angekündigt hat, gleich drei Modelle mit den neuen Anzeigen auf den Markt zu bringen (Legend [11], Desire [2] und das im Google-Auftrag gebaute Nexus One [1]), glich das einer Revolution. Samsung verkauft jetzt OLED-Panels an die Konkurrenz? Klar – denn die Koreaner bauen ja nicht nur Handys, sondern eben auch Komponenten, Chips, Anzeigen und so weiter. Und auch hier möchte man Geld verdienen. Außerdem hat Samsung mit den Super-AMOLEDs, die bei den beiden Top-Phones aus Korea (Wave und Galaxy S) zum Einsatz kommen, bereits eine noch bessere Technik am Start, die die Marktbegleiter vorerst nicht nutzen können.

Die Situation

Der taiwanische Hersteller HTC hat also mit Samsung einen Vertrag über die Abnahme einer gewissen Menge OLED-Anzeigen mit Diagonalen von 3,2 (Legend) respektive 3,7 Zoll (Desire und Nexus One) abgeschlossen – für die geplante Produktion der Geräte in diesem Jahr. Samsung hat die vereinbarten Panels auch geliefert, wie es in der Branche heißt.

Aber HTC hat den Erfolg des Top-Modells Desire unterschätzt und die organischen Anzeigen gehen aus. Scheinbar ist bereits jetzt die ursprünglich geplante Jahresproduktion überschritten, und mehr OLEDs kann oder will Samsung nicht liefern. Die Kunden wollen aber weiterhin Desire, Nexus & Co. kaufen. HTC braucht also eine Lösung – und die heißt LCD.

Tatsächlich hat das Unternehmen in einer Pressemitteilung vom 26. Juli darüber informiert, dass es „jetzt auch Smartphones mit Super LCD Display-Technologie auf den Markt“ bringt. Ganz einfach, um die Nachfrage nach Geräten überhaupt befriedigen zu können. Denn Hersteller von „normalen“ Displays gibt es fast wie Sand am Meer. Eine so große Auswahl haben die Taiwaner zwar nicht, denn die Qualität der Darstellung sollte im Vergleich zu den OLEDs ja möglichst nicht sichtbar schlechter sein, um die Kunden weiterhin zufrieden zu stellen.

Die Wahl ist auf Anzeigen des japanischen Herstellers Sony [12] gefallen. Die sogenannten SLCDs sollen „deutlich leistungsfähiger als frühere LCD Displays“ sein und „vor allem ein ca. fünf Mal besseres Energiemanagement“ bieten. Außerdem verfügen die SLCDs „über einen deutlich weiteren Betrachtungswinkel“, so die Pressemitteilung. Verglichen zu normalen Flüssigkristallanzeigen versteht sich – und nicht im Vergleich zu den bisher verbauten OLEDs.

Grundsätzlich ist das natürlich keine gute Nachricht für potentielle Käufer der HTC-Smartphones. Doch wie so oft wird vieles heißer gekocht als gegessen. Allein die Tatsache, das Apple in seinem „Referenz-Handy“ iPhone 4, an dem sich alle anderen Geräte immer noch in einigen Punkten (abgesehen vom Empfang) messen lassen müssen, ebenfalls auf LCD setzt, zeigt: Die Technik gehört noch nicht zum alten Eisen. Unterm Strich handelt es sich sowohl bei den sLCDs in Nexus One und Desire als auch bei der iPhone-4-Anzeige um Flüssigkristall-Displays, die nach der IPS-Technik [13] arbeiten – und vergleichsweise hohe Kontraste bei hohen Blickwinkeln darstellen.

Wie gut sind die sLCD-Anzeigen im Vergleich zu den OLEDs?

Genug der Theorie. Laut HTC fällt es den meisten Nutzern schwer, einen Unterschied zwischen den Geräten zu sehen, wenn sie nicht direkt nebeneinander liegen. Das prüfen wir nach: Unsere Kollegen von CNET Asia haben bereits ein fabrikneues Desire mit LCD- und eines mit OLED-Panel in den Händen.

HTC Desire: OLED vs. LCD

Auf den allerersten Blick bemerken wir tatsächlich kaum einen Unterschied. Wir starten auf beiden Phones den Browser und legen sie nebeneinander vor uns. Zunächst fällt auf, dass die Farbtemperatur beim OLED-Desire kühler ist. Man kann die Anzeige fast als blaustichig bezeichnen – das ist typisch für die organischen Anzeigen. Im Vergleich dazu wirkt das LCD-Display fast etwas gelbstichig. Besser oder schlechter ist in diesem Punkt keine der beiden Technologien.

HTC Desire: OLED vs. LCD

Danach lesen wir Text auf einer typischen Webseite, um zu überprüfen, ob es Unterschiede bei der Schärfe der Textdarstellung gibt. Die Antwort ist eindeutig: Mit bloßem Auge können wir keine Vor- oder Nachteile für LCD oder OLED ermitteln. Einen leichten Unterschied gibt es höchstens beim eingebetteten Bild. Die Farben wirken auf dem organischen Panel einfach etwas kräftiger.

Also wenden wir uns jetzt den Farben zu. Mit Hilfe der App Pixel Checker, die die komplette Anzeige nacheinander in den RGB-Grundfarben aufleuchten lässt, wagen wir den nächsten Vergleich. Hier sehen wir noch einmal, dass die Farben beim OLED-Desire kräftiger sind. Das fällt in der Praxis vor allem beim Betrachten von Zeichnungen, Comics, Grafiken, Zeichentrick- oder Animationsfilmen auf.

HTC Desire: OLED vs. LCD

HTC Desire: OLED vs. LCD

HTC Desire: OLED vs. LCD

Der nächste wichtige Punkt sind die Kontraste. Wie schwarz ist Schwarz? OLEDs sind in diesem Punkt nah an der Perfektion. Aber immerhin, das IPS-Panel braucht sich hier nicht zu verstecken. Auch das LCD-Desire zeigt keinen traurigen Grauschleier, sondern echtes, tiefes Schwarz. Dafür fällt bereits hier auf, dass die organische Anzeige größere Probleme mit einfallendem Licht hat – es gibt Spiegelungen unterhalb der Display-Scheibe.

HTC Desire: OLED vs. LCD

Zu guter Letzt bringen wir das Desire mit organischem Display noch etwas in die Bredullie. Eine der größten Schwächen der hier verbauten OLED-Generation ist ihre Empfindlichkeit gegenüber der direkten Sonneneinstrahlung – man erkennt selbst bei maximaler Helligkeit fast nichts mehr. Aufgrund gemeiner Schleierwolken am Himmel über Singapur ist das auf dem Testfoto zwar nicht besonders gut zu erkennen, aber auch so wirkt der Text beim LCD-Desire schon heller und die Kamera spiegelt sich nicht so stark in der Anzeige. Der Outdoor-Punkt geht an die „neue“ Anzeige.

HTC Desire: OLED vs. LCD

Unterschiede in der Praxis

Wer jetzt noch kein Desire hat, kann beruhigt sein: Selbst im direkten Vergleich zum OLED-Display ist das ab sofort verbaute LCD-Panel nicht auf den ersten Blick schlechter. Unterm Strich hat jede Technik ihre Vor- und Nachteile. Das sLCD stellt Farben realtistischer dar als das OLED, dort leuchten sie dafür kräftiger. Die organischen Anzeigen spielen ihre volle Kraft am liebsten in geschlossenen Räumen ohne direkte Sonneinstrahlung aus, die „herkömmlichen“ Displays stellen Inhalte im Freien besser sichtbar dar. Und was die Blickwinkel angeht, können sich LCD-Desire-Käufer auch nicht beschweren.

Ob und in wie weit sich der Technologieunterschied beim Akkuverbrauch auswirkt, konnten wir in der Kürze der Zeit nicht ausführlich testen. Grundsätzlich sollen die sLCDs deutlich sparsamer sein als „normale“ Anzeigen und werden in der Praxis – je nach Einsatzweck – in etwa mit den OLEDs vergleichbar sein. Da hier nämlich die Pixel selbst leuchten, ziehen schwarze Bereiche keine Energie und dunkle Pixel weniger als helle – während die Flüssigkristallanzeigen immer gleich viel Strom benötigen, egal, was sie darstellen. Es kommt also darauf an, was man mit seinem Smarpthone macht, ob und in wie weit sich hier überhaupt Differenzen messen lassen – und die dürften unserer Einschätzung nach eher einen Unterschied von Minuten als Stunden in der Laufzeit ausmachen.

Ich will ein Desire mit OLED, was muss ich tun?

Ganz einfach: Sofort kaufen. Sofern überhaupt ein Gerät lieferbar ist. Die Produktion der Smartphones mit den neuen Panels läuft bereits an. Deswegen würden wir davon ausgehen, dass sämtliche Lieferungen, die ab circa Anfang bis Mitte September in Deutschland eingehen, nur noch Desire- und Nexus-Modelle mit sLCD-Anzeige sind. Was hingegen derzeit in den Regalen steht, verfügt mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit über OLED. Die Verpackungen der neuen Geräte sind übrigens entsprechend gekennzeichnet und tragen den Schriftzug „sLCD“. Die Preise ändern sich nicht.

Wer bereits ein HTC-Smartphone mit OLED-Anzeige hat, bekommt auch dann kein LCD-Panel verpasst, wenn das Display kaputt gehen sollte. Laut Hersteller sind ausreichend viele Ersatzteile vorrätig.

Ob die Taiwaner in Zukunft wieder organische Displays im Desire verbauen, steht noch nicht fest. Man hält sich etwas bedeckt und will künftig im Produktportfolio sowohl OLED- als auch LCD-Anzeigen einsetzen.

Grundsätzlich ist es übrigens nicht unüblich, dass Hersteller für ein- und dasselbe Produkt Komponenten unterschiedlicher Zulieferer beziehen. Apple beispielsweise verbaut in seinem iPad LCDs mit der IPS-Technik, die teilweise von Samsung und teilweise von LG [14] zugeliefert werden. Im Fall des HTC Desire fällt der Unterschied nur besonders krass auf, da hier nicht nur einfach unterschiedliche Komponenten, sondern gleich eine andere Technologie zum Einsatz kommt. Immerhin: Das wird offen kommuniziert.

Fazit

Ein Smartphone mit sLCD ist kein Beinbruch. Ganz im Gegenteil, beide Anzeigentechniken haben ihre Vor- und Nachteile. Und die Alternative zu einem Desire mit OLED-Display wäre ohne diesen Schritt schlicht kein Desire, da die entsprechenden Anzeigen nicht lieferbar sind – zumal auch die „herkömmlichen“ Panels deutlich besser geworden sind.

Ein deutlicher Unterschied ist da schon der zu den SuperAMOLED-Anzeigen, die Samsung derzeit in seinen Flaggschiffen Wave und Galaxy S verbaut. Aber da diese Technik wohl vorerst nicht an die Mitbewerber verscherbelt wird, wird ein vergleichbarer Technologiewechsel in den nächsten Monaten nicht mehr passieren.

Artikel von CNET.de: https://www.cnet.de

URL zum Artikel: https://www.cnet.de/41535452/neue-panels-beim-htc-desire-slcd-und-oled-display-im-vergleich/

URLs in this post:

[1] Google Nexus One: https://www.cnet.de/tests/handy/41525269/schon+getestet+htc+google+nexus+one+endlich+ein+iphone_killer.htm

[2] HTC Desire: https://www.cnet.de/tests/handy/41529873/testbericht/htc+desire+im+test+vollgas_androide+mit+3_7_zoll_amoled_display.htm

[3] Android: http://www.cnet.de/themen/android/

[4] Google: http://www.cnet.de/unternehmen/google-inc/

[5] iPhone 3GS: https://www.cnet.de/tests/handy/41005474/neues+iphone+3g+s+im+test+schneller_+besser_+cooler.htm

[6] HTC: http://www.cnet.de/unternehmen/htc/

[7] Smartphone: http://www.cnet.de/themen/smartphone/

[8] Samsung: http://www.cnet.de/unternehmen/samsung/

[9] Apple: http://www.cnet.de/unternehmen/apple/

[10] Samsung Galaxy: https://www.cnet.de/tests/handy/41501106/android_konkurrenz+von+samsung+galaxy+i7500+im+test.htm

[11] Legend: https://www.cnet.de/tests/handy/41528723/schon+getestet+htc+legend+android_phone+im+alu_gehaeuse.htm

[12] Sony: http://www.cnet.de/unternehmen/sony/

[13] Flüssigkristall-Displays, die nach der IPS-Technik: http://de.wikipedia.org/wiki/Fl%C3%BCssigkristallbildschirm#IPS

[14] LG: http://www.cnet.de/unternehmen/lg/