Mittelformat von Phase One: Wie viel Kamera bekommt man für 40.000 Euro?

Phase One

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Nicht nur die Bedienung der Kamera, sondern auch der Umgang mit den Fotos ist nicht ganz ohne. Die RAW-Bilder beanspruchen im Test zwischen 52 und 83 MByte. Rund 15 Bilder machen das GByte voll, eine Fotosession mit 300 Auslösungen belegt bereits 20 GByte. Ganz gleich, wie stark der Computer und wie leistungsfähig das aktuelle Photoshop CS5 ist, selbst moderne Rechenboliden geraten bei diesen Auflösungen schnell an ihre Grenzen. Ebenso wie beim Fotografieren mit der vergleichweise komplexen Bedienung ist hier Geduld seitens des Fotografen Grundvoraussetzung.

Achja: JPEG-Fotos schießt die Phase One übrigens auch. Allerdings wird sich kaum jemand eine 40.000-Euro-Kamera kaufen, um in Kauf zu nehmen, dass die Fotos in einem verlustbehafteten Format auf dem Speicherchip landen. Außerdem bieten RAW-Bilder mit 16 Bit gegenüber den 8 Bit von JPEGs einen deutlich besseren Dynamikumfang. Immerhin, die mit der Kamera mitgelieferte Software Capture One nimmt dem Fotografen das Korrigieren der Linsenfehler ab.

Der gewaltige Speicherbedarf der Fotos sorgt dafür, das wir beim Knipsen deutlich vorsichtiger sind, als bei den aktuellen DSLR-Serienbild-Monstern. Hier schießt man nicht einfach mal 30 Bilder in fünf Sekunden und sucht sich das beste heraus, sondern achtet auf Klasse statt Masse – fast wie bei der analogen Fotografie.

Der hohen Verwacklungsgefahr bei 60,5 Megapixeln trägt auch die maximale Blitzsynchronzeit Rechnung: Sie beträgt 1/1600 Sekunde. Nikons und Canons Topmodelle D3X und 1Ds Mark III schaffen gerade einmal 1/250 Sekunde. In der Praxis bedeutet das, dass sich auch mit Blitz noch mit deutlich kürzeren Verschlusszeiten knipsen lässt. Die Nikon- und Canon-DSLRs schicken das Signal signifikant langsamer an das Blitzgerät, und daher ist eine längere Verschlusszeit vonnöten.

Wer braucht das 40.000-Euro-Monster?

Die Phase One beeindruckt, und zwar enorm. Aber gleichzeitig ist auch klar, dass es zahlreiche Anwendungsgebiete gibt, bei der ihr gewöhnliche Kameras meilenweit überlegen sind. Klar, das kiloschwere Monster schleppt niemand auf eine Party mit. Und wenn man mit dem riesigen Sensor eine große Tiefenschärfe erreichen möchte, sind eine weit geschlossene Blende und damit entsprechend lange Verschlusszeiten unumgänglich. Fotografieren vom Stativ ist quasi Pflicht, wenn man nicht gerade eine Studioblitzanlage im Rücken hat. Sportfotografie, Actionfotografie und dergleichen sind mit dem Mittelformat praktisch nicht möglich.

Hier eignen sich einfach die Sport-DSLRs von Nikon und Canon besser. Zwar gibt’s dann nur ein Viertel bis Fünftel der Auflösung, doch dafür landen 10 und nicht nur 1,5 Bilder pro Sekunde im Kasten. Außerdem verkaufen die beiden japanischen Firmen ein Vielfaches an Modellen wie der dänische Mittelformathersteller. Dadurch ist die Erfahrung einfach viel größer, was bei einem Fotoapparat funktioniert und was nicht, was Bedienung, Haltbarkeit und Miniaturisierung angeht – es fotografiert sich einfach wesentlich einfacher und bequemer.

Canon und Nikon kratzen mit ihren Top-Modellen mit Auflösungen von jenseits der 20 Megapixel immer mal wieder von unten an der Mittelformat-Welt. Aber die 60 Megapixel der Phase One erreichen sie ebensowenig wie die Sensorgröße. Dafür ist der Einstieg in die Kleinbild- und APS-C-SLRs deutlich einfacher. Das Einsteigersegment beginnt bei 400 Euro, und nach und nach legen sich die Fotografen immer teurere Modelle zu. Insbesondere Canon profitiert derzeit zudem von der wachsenden Zahl an Cinematografen, die sich auf die Video-DSLRs stürzen und nicht zu knapp in die hochwertigen Linsen investieren.

Beachten muss man allerdings bei den extrem teuren Mittelformatkameras auch den letztendlichen Anwendungszweck. Fotografen, die eine derartige Ausrüstung einsetzen, verlangen für ihre Arbeit deutlich mehr – und dementsprechend wird von ihnen auch deutlich mehr erwartet. Und ungeachtet von den Fähigkeiten der Knipser gehört das sündhaft teure Equipment bei einem hochkarätigen Shooting einfach zum guten Ton.

Fazit

Derzeit stehen die wenigen Mittelformathersteller wie Phase One und Hasselblad relativ abgegrenzt oberhalb der klassischen DSLR-Firmen. Ob sich das irgendwann ändert, bleibt abzuwarten. Zur Photokina wird Canon vermutlich eine 1Ds Mark IV mit einer Auflösung deutlich jenseits der 20 Megapixel vorstellen, und auch von Nikons Studio-Spiegelreflex D3X steht ein Update an. In der heutigen Zeit darf sich also auch Phase One nicht auf seinen Lorbeeren ausruhen – wir sind gespannt.

Neueste Kommentare 

Eine Kommentar zu Mittelformat von Phase One: Wie viel Kamera bekommt man für 40.000 Euro?

  • Am 19. August 2010 um 23:30 von Jochen Groß

    Die vergleichweise langsame Blitzsynchronisationszeit von DSLRs…
    … hat nix mit der Geschwindigkeit zu tun, mit der die Kamera den Blitz ansteuert. Das ist eine konzeptionelle Schwäche des Schlitzverschlusses, wie er in allen DSLRs zum Einsatz kommt, siehe http://de.wikipedia.org/wiki/Schlitzverschluss .
    Effektiv bedeutet, dass das ab Verschlusszeiten kürzer als die Blitzsynchronisationszeit der Verschluss nie den ganzen Sensor freigibt. Da die Blitzleuchtdauer aber sehr kurz ist, würde nur der gerade exponierte Streifen auf dem Sensor die vom Blitzlicht beleuchtete Szene "sehen". Mittelformatkameras haben dagegen i.A: einen Zentralverschluss, der dieses Problem nicht hat.
    Aber auch für Schlitzverschlüsse kann man mit kürzeren Verschlusszeiten blitzen, Stichwort Highspeed-Synchronisation.

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