Mittelformat von Phase One: Wie viel Kamera bekommt man für 40.000 Euro?

von Stefan Möllenhoff und Stephen Shankland am , 17:05 Uhr

Wenn man 400 Euro für eine Digitalkamera auf den Tisch legt, dann will das wohlüberlegt sein. Und selbst ambintionierte Amateure und Profis schlucken erst einmal, wenn sie 4000 Euro für die neueste Highend-DSLR von Nikon oder Canon überweisen. In der Mittelformat-Liga ist das alles Kleinkram – mit ein bisschen Zubehör steht bei Phase One schnell noch ein Nuller mehr auf der Rechnung.

40.000 Euro? Dafür bekommt man einen nagelneuen Sportwagen, eine Ferienwohnung auf Mallorca, einen Tauchgang zur Titanik [1] – oder eben eine Knipse. Wobei Knipse nicht ganz treffend ist für den Phase-One-Boliden, dessen 645DF-Gehäuse ohne Sensor und Objektiv bereits 18,4 mal 15,3 mal 12,8 Zentimeter misst und damit selbst die Profi-DSLRs von Canon & Nikon [2] fast ums Doppelte überragt. Die Hülle wiegt alleine bereits ein Kilogramm. Zusammen mit dem 1114 Gramm schweren und 15 Zentimeter langen Zweifach-Zoomobjektiv 75-150mm F4,5 fühlt sich die Mittelformat-DSLR eher wie eine Bazooka denn wie eine Kamera an.

Kamera-Monstrum: Dieses Bild zeigt die Phase-One-Kamera mit dem 3000 Euro teuren 75-bis-150-Millimeter-Objektiv.
Kamera-Monstrum: Dieses Bild zeigt die Phase-One-Kamera mit dem 3000 Euro teuren 75-bis-150-Millimeter-Objektiv.

Was macht diese Kameras so teuer? In erster Linie ist dafür der Sensor verantwortlich. Auch wenn es von der Bezeichnung her nicht so klingt: Mittelformat-Chips sind mehr als doppelt so groß wie die Vollformat-Chips von Profi-Spiegelreflexkameras. Die lichtempfindliche Fläche des Phase-One-P65+-Sensors misst 5,4 mal 4,0 Zentimeter. Das ergibt 2178 Quadratmillimeter, Profi-DSLRs bieten 864, Einsteiger-DSLRs um die 350 und die meisten Kompaktkameras gerade einmal 29 Quadratmillimeter. Und einfach gesagt gilt: Je mehr Platz, desto besser die Bildqualität.

Auf einem Foto im 15-mal-10-Zentimeter-Format bekommt man von den gewaltigen 60,5 Megapixeln nicht viel mit. Die Auflösung richtet sich an Profis, die für plakatgroße Abzüge von diamantenbesetzten Uhren und knapp bekleideten Models fotografieren. Eines vorweg: Wir haben weder die Heerscharen von Assistenten noch den Studioequipent-Urwald herumstehen, um die Grenzen der Kamera wirklich auszuloten. Aber wer sich fragt, was am Ende bei einer 40.000-Euro-Kamera auf der Speicherkarte landet – hier sind unsere Eindrücke.

Detail-Wahnsinn

Die 8984 mal 6732 Pixel großen Fotos laden gerade dazu ein, in sie einzutauchen. Sie schreien nach überdimensionalen Monitoren, Posterdruckern und Zoomorgien. Das folgende Bild zeigt einen Blick auf San Francisco. Ein Klick auf die Aufnahme bringt eine 2000 mal 1421 Pixel große Version auf den Bildschirm – das ist nicht einmal ein Zwanzigstel der Originalauflösung.

So sieht San Francisco durch das Auge der Phase One mit dem P65+-Rückteil aus. [3]
So sieht San Francisco durch das Auge der Phase One mit dem P65+-Rückteil aus.

Wie sagt man so schön: „You get what you pay for“. Allerdings mit mehr Betonung auf „pay“ als auf „get“. Denn um die Bildqualität bei einer Highend-Kamera zu steigern, muss man um Größenordnungen mehr Geld zusätzlich auf den Tisch legen, als bei einer günstigen Digicam.

Die drei hellen Vierecke zeigen, aus welchen Bereichen die nachfolgenden 100-prozentigen Ausschnittsvergrößerungen stammen.
Die drei hellen Vierecke zeigen, aus welchen Bereichen die nachfolgenden 100-prozentigen Ausschnittsvergrößerungen stammen.

Mehr als nur Wechselobjektive

Mittelformatkameras gab es bereits vor 60 Jahren, damals natürlich mit analogem Film. Als die digitale Revolution die Fotoapparate einholte, begannen diverse Hersteller damit, die Filme einfach durch elektronische Sensoren zu ersetzen. Heißt: Bei den Mittelformat-SLRs lässt sich nicht nur das Objektiv, sondern auch der lichtempfindliche Chip austauschen. Phase One bietet für seine Kameras die digitalen Rückteile P65+, P40+, P45+, P30+ und P25+ mit 61, 40, 39, 32 respektive 22 Megapixeln an.

Wer nicht gleich 30.000 Euro für das P65+-Modul auf den Tisch blättern möchte, kann also beispielsweise mit dem vergleichsweise spottbilligen P30+-Rückteil für 11.000 Euro einsteigen und später upgraden, wenn es pures Gold geregnet hat. Das Design bietet denjenigen Fotografen, die nicht völlig über das Geld hinwegsehen können, also ein paar Vorteile. Allerdings macht es die Bedienung nicht unbedingt einfacher. Viele Tasten und Funktionen sind doppelt vorhanden, es gibt sogar zwei Ein/Aus-Schalter.

Kurzer Überblick über die Kamera: Ganz vorne sitzt natürlich das Objektiv. Aufgrund der Größe des Sensors ist eine 50-Millimeter-Linse an der Phase One deutlich weitwinkliger als an einer Vollformat-DSLR. An der Canon EOS 5D Mark II beispielsweise entsprechen 50 Millimeter aufgrund des 35-Millimeter-Chips tatsächlich auch 50 Millimetern im Kleinbildäquivalent. Die EOS 550D verfügt über einen kleineren Sensor mit einem sogenannten Crop-Factor von 1,6. Damit werden aus 50 Millimetern dann 50 mal 1,6, also 80 Millimeter. Bei der Phase One dagegen beträgt der Crop-Factor 0,64 – die 50 Millimeter entsprechen dann 32 Millimetern im Kleinbildäquivalent.

Dahinter folgt das Gehäuse. Es beinhaltet die Elektronik für Belichtungsmessung, Autofokus und dergleichen sowie Bedienelemente, um Verschlusszeit, Blende & Co. zu konfigurieren. Hinten im Body schließlich sitzt das digitale Rückteil, das sich im Wesentlichen aus Sensor und Display zusammensetzt. Außerdem finden sich hier die Tasten zur Konfiguration der ISO-Empfindlichkeit des Chips und zur Anzeige der Fotos auf dem Bildschirm.

Pixelflut und Komfortwüste

So einfach wie eine 400-Euro-Bridgekamera oder eine 4000-Euro-DSLR ist die Phase-One-Ausrüstung also nicht zu bedienen. Aber es lohnt sich. Seit es digitale Kameras gibt, streiten sich Fotografie-Enthusiasten darüber, ob es besser ist, eher mehr oder eher weniger Megapixel auf einem Sensor unterzubringen. Denn größere Pixel sind in der Lage, mit geringeren Lichtempfindlichkeiten zu arbeiten und damit das Bild präziser festzuhalten. Bei den hochlichtstarken Profi-DSLRs geht Canon beispielsweise in Richtung hohe Auflösung (1D Mark IV mit 16,1 Megapixel), während Nikon bei der D3s mit 12 Megapixeln auf dem Niveau der letzten Jahre bleibt. Bei der Phase One gibt es viele und zugleich große Pixel.

Hier ist die Rückseite des Phase-One-Boliden zu sehen. Das Display ist winzig, und die Bedienung gewöhnungsbedürftig.
Hier ist die Rückseite des Phase-One-Boliden zu sehen. Das Display ist winzig, und die Bedienung gewöhnungsbedürftig.

Die Mittelformat-Fotos bestehen aus zig Millionen lebendigen Bildpunkten, die geradezu nach Photoshop schreien. Nicht etwa, weil die Aufnahmen schlecht geraten, sondern weil die Kamera einfach einen unfassbaren Dynamikbereich bietet. In schattigen Bereichen Details hervorholen? Kein Problem. Es ist unglaublich, wie viel wir an den Fotos schrauben können, ohne dass sie überarbeitet und unnatürlich wirken.

In Sachen Schärfe macht der Phase One ebenfalls niemand etwas vor – jedenfalls nicht aus dem Vollformatsegment. Im Gegensatz zu den meisten „kleinen“ Kameras verfügt der P65+-Sensor über keinen Anti-Aliasing-Filter, der Moire-Effekte vernichtet. Das sorgt für unglaublich scharfe und feine Details auf den Bildern. Klar, mit den besagten Moire-Effekten ist dann natürlich zu rechnen. Aber der Hersteller geht davon aus, dass Fotografen, die sich eine Mittelformat-Kamera anschaffen, diese per Bildbearbeitung zu vernichten wissen.

Auch Kenntnisse über das Zusammenspiel von Blende, Belichtungszeit und ISO-Empfindlichkeiten sind zwingend erforderlich. Automatiken, Szenenprogramme und derartige Spielereien sucht man hier vergeblich. Ein Stativ ist ebenfalls von Vorteil – 60,5 Megapixel bestrafen selbst die minimalsten Verwacklungen.

Das kleine 2,2-Zoll-Display mit einer Auflösung 230.000 Bildpunkten ist beim Fotografieren übrigens keine große Hilfe. Um den Fokus auf der Anzeige zu überprüfen, sind zahllose Tastendrucke vonnöten. Aufgrund der mäßigen Bildschirmdarstellung muss man sich bei der Beurteilung der Bilder zudem stark auf Histogramme und Überbelichtungswarnungen verlassen. Es ist zwar nicht ganz so schlimm wie in den Zeiten des analogen Films, aber so einfach wie bei einer kleinen Standard-DSLR geht’s eben nicht.

Phase One

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Nicht nur die Bedienung der Kamera, sondern auch der Umgang mit den Fotos ist nicht ganz ohne. Die RAW-Bilder beanspruchen im Test zwischen 52 und 83 MByte. Rund 15 Bilder machen das GByte voll, eine Fotosession mit 300 Auslösungen belegt bereits 20 GByte. Ganz gleich, wie stark der Computer und wie leistungsfähig das aktuelle Photoshop CS5 ist, selbst moderne Rechenboliden geraten bei diesen Auflösungen schnell an ihre Grenzen. Ebenso wie beim Fotografieren mit der vergleichweise komplexen Bedienung ist hier Geduld seitens des Fotografen Grundvoraussetzung.

Achja: JPEG-Fotos schießt die Phase One übrigens auch. Allerdings wird sich kaum jemand eine 40.000-Euro-Kamera kaufen, um in Kauf zu nehmen, dass die Fotos in einem verlustbehafteten Format auf dem Speicherchip landen. Außerdem bieten RAW-Bilder mit 16 Bit gegenüber den 8 Bit von JPEGs einen deutlich besseren Dynamikumfang. Immerhin, die mit der Kamera mitgelieferte Software Capture One nimmt dem Fotografen das Korrigieren der Linsenfehler ab.

Der gewaltige Speicherbedarf der Fotos sorgt dafür, das wir beim Knipsen deutlich vorsichtiger sind, als bei den aktuellen DSLR-Serienbild-Monstern. Hier schießt man nicht einfach mal 30 Bilder in fünf Sekunden und sucht sich das beste heraus, sondern achtet auf Klasse statt Masse – fast wie bei der analogen Fotografie.

Der hohen Verwacklungsgefahr bei 60,5 Megapixeln trägt auch die maximale Blitzsynchronzeit Rechnung: Sie beträgt 1/1600 Sekunde. Nikons und Canons Topmodelle D3X und 1Ds Mark III schaffen gerade einmal 1/250 Sekunde. In der Praxis bedeutet das, dass sich auch mit Blitz noch mit deutlich kürzeren Verschlusszeiten knipsen lässt. Die Nikon- und Canon-DSLRs schicken das Signal signifikant langsamer an das Blitzgerät, und daher ist eine längere Verschlusszeit vonnöten.

Wer braucht das 40.000-Euro-Monster?

Die Phase One beeindruckt, und zwar enorm. Aber gleichzeitig ist auch klar, dass es zahlreiche Anwendungsgebiete gibt, bei der ihr gewöhnliche Kameras meilenweit überlegen sind. Klar, das kiloschwere Monster schleppt niemand auf eine Party mit. Und wenn man mit dem riesigen Sensor eine große Tiefenschärfe erreichen möchte, sind eine weit geschlossene Blende und damit entsprechend lange Verschlusszeiten unumgänglich. Fotografieren vom Stativ ist quasi Pflicht, wenn man nicht gerade eine Studioblitzanlage im Rücken hat. Sportfotografie, Actionfotografie und dergleichen sind mit dem Mittelformat praktisch nicht möglich.

Hier eignen sich einfach die Sport-DSLRs von Nikon und Canon [2] besser. Zwar gibt’s dann nur ein Viertel bis Fünftel der Auflösung, doch dafür landen 10 und nicht nur 1,5 Bilder pro Sekunde im Kasten. Außerdem verkaufen die beiden japanischen Firmen ein Vielfaches an Modellen wie der dänische Mittelformathersteller. Dadurch ist die Erfahrung einfach viel größer, was bei einem Fotoapparat funktioniert und was nicht, was Bedienung, Haltbarkeit und Miniaturisierung angeht – es fotografiert sich einfach wesentlich einfacher und bequemer.

Canon und Nikon kratzen mit ihren Top-Modellen mit Auflösungen von jenseits der 20 Megapixel immer mal wieder von unten an der Mittelformat-Welt. Aber die 60 Megapixel der Phase One erreichen sie ebensowenig wie die Sensorgröße. Dafür ist der Einstieg in die Kleinbild- und APS-C-SLRs deutlich einfacher. Das Einsteigersegment beginnt bei 400 Euro, und nach und nach legen sich die Fotografen immer teurere Modelle zu. Insbesondere Canon profitiert derzeit zudem von der wachsenden Zahl an Cinematografen, die sich auf die Video-DSLRs stürzen und nicht zu knapp in die hochwertigen Linsen investieren.

Beachten muss man allerdings bei den extrem teuren Mittelformatkameras auch den letztendlichen Anwendungszweck. Fotografen, die eine derartige Ausrüstung einsetzen, verlangen für ihre Arbeit deutlich mehr – und dementsprechend wird von ihnen auch deutlich mehr erwartet. Und ungeachtet von den Fähigkeiten der Knipser gehört das sündhaft teure Equipment bei einem hochkarätigen Shooting einfach zum guten Ton.

Fazit

Derzeit stehen die wenigen Mittelformathersteller wie Phase One und Hasselblad relativ abgegrenzt oberhalb der klassischen DSLR-Firmen. Ob sich das irgendwann ändert, bleibt abzuwarten. Zur Photokina wird Canon vermutlich eine 1Ds Mark IV mit einer Auflösung deutlich jenseits der 20 Megapixel vorstellen, und auch von Nikons Studio-Spiegelreflex D3X steht ein Update an. In der heutigen Zeit darf sich also auch Phase One nicht auf seinen Lorbeeren ausruhen – wir sind gespannt.

Artikel von CNET.de: https://www.cnet.de

URL zum Artikel: https://www.cnet.de/41536210/mittelformat-von-phase-one-wie-viel-kamera-bekommt-man-fuer-40-000-euro/

URLs in this post:

[1] Tauchgang zur Titanik: http://www.jochen-schweizer.de/abgefahrene-geschenke/titanic-tauchfahrt,default,pd.html

[2] Profi-DSLRs von Canon & Nikon: https://www.cnet.de/digital-lifestyle/kaufberatung/41532449/die+schnellsten+dslrs+der+welt+nikon+d3s+und+canon+eos+1d+mark+iv+im+vergleich.htm

[3] Image: https://www.cnet.de/i/story_media/41536210/phase_one_san_francisco_gross.jpg