Sony SLT-A55V angetestet: rasante DSLR mit fixiertem Spiegel

von Lori Grunin und Stefan Möllenhoff am , 17:22 Uhr

Sony hat heute die ersten beiden Kameras seiner neuen SLT-Serie angekündigt. Die A33 und die A55V sind die ersten digitalen Systemkameras mit einem sogenannten Pellicle-Spiegel. Aufgrund seiner partiellen Lichtdurchlässigkeit erspart er sich im Gegensatz zu „echten“ Spiegelreflexkameras die Mechanik. In erster Linie soll sich das auf die Geschwindigkeit auswirken: Das Datenblatt der A55V verspricht zehn Fotos pro Sekunde mit kontinuierlichem Autofokus. Unsere Kollegen von CNET.com hatten bereits die Gelegenheit, die Kamera auszuprobieren.

So gut die Bildqualität aktueller Systemkameras auch sein mag, in einem Punkt hinken sie ihren DSLR-Kollegen eindeutig hinterher: Die Auslöseverzögerung ist deutlich höher. Der Grund dafür liegt in dem Verfahren, mit dem die Kamera scharfstellt. Praktisch alle Kameras ohne Spiegelkasten setzen auf den sogenannten Kontrastautofokus. Das bedeutet, dass sie im Prinzip einmal das Objektiv durch den gesamten Fokusbereich fahren und dann auswerten, wo es die stärksten Kontraste gab. An diesen Punkt fährt das Objektiv dann zurück und betrachtet die Fokussierungsarbeit als erledigt. Das funktioniert zwar in der Regel recht gut, braucht aber seine Zeit. Es sind zahlreiche „Messungen“ vonnöten, bis die Kamera den Fokus gefunden hat.

Ihren deutlichen Geschwindigkeitsvorteil verdanken Spiegelreflexkameras dem Phasenvergleichs-Autofokus. Hier reicht eine einzige Messung aus, um die korrekte Objektivstellung herauszufinden. Die Optik muss nicht in der Gegend herumgurken und suchen, sondern fährt schnurstracks an die erforderliche Position. Das geht zwar extrem schnell, setzt aber einen eigenen Autofokus-Sensor voraus. Bei der Kontrast-Methode hält der lichtempfindliche CMOS- oder CCD-Chip als Sensor her.

Der Hersteller Fujifilm versucht derzeit, das Kontrast-AF-Problem zu lösen, indem er in den CCD-Chip einen Phasenvergleichssensor einbaut. Die ersten beiden Kameras mit diesem System – die F300EXR [1] und die F800EXR [2] – kommen demnächst auf den Markt. Sony [3] hingegen bringt bei den Modellen SLT-A33 und A55V einen halbdurchlässigen Spiegel vor dem Bildsensor an und zwackt einen Teil des einfallenden Lichts für den Phasenvergleichssensor im oberen Teil des Gehäuses ab.

Die Sony SLT-A55V verfügt über 15 Autofokuspunkte, drei davon sind Kreuzsensoren.
Die Sony SLT-A55V verfügt über 15 Autofokuspunkte, drei davon sind Kreuzsensoren.

Design & Ausstattung

Die Sony SLT-A55V überzeugt in Sachen Design und Handling. Das dreh- und schwenkbare Display sorgt für Pluspunkte und ist eine große Hilfe bei schwierigen Aufnahmesituationen. Die A55V ist ihren Kollegen aus Sonys Alpha-DSLR-Serie recht ähnlich und verzichtet auf das etwas umständliche Interface der NEX-Reihe [4]. Neu dazugekommen bei der A55V ist eine intelligente Automatik namens Auto+, die selbsttätig das zum Motiv passendste Szenenprogramm auswählt. Bei Sony ist das eine Neuheit, beim Rest der Kamerawelt Standard.

Hinzu gesellen eine ganze Reihe von alten Sony-Bekannten: HDR-Automatik, Nachtaufnahmemodus, Schwenkpanorama und 3D-Schwenkpanorama. Die HDR-Automatik schießt bis zu sechs unterschiedlich belichtete Fotos und kombiniert diese zu einem Einzelbild mit erhöhtem Dynamikumfang. Das soll dafür sorgen, dass sowohl in hellen als auch in dunklen Bildbereichen mehr Details erhalten bleiben. Der Nachtaufnahmemodus schustert gleich sechs einzelne Aufnahmen zusammen und soll so auch bei schlechten Lichtverhältnissen unverrauschte, helle und scharfe Fotos liefern.

Die Schwenkpanorama-Funktion nimmt, wie der Name schon verrät, ein Panorama auf, wenn der Fotograf die Digicam über das Motiv schwenkt. Die kamerainterne Bildbearbeitung übernimmt das Zusammenschnipseln des eingefangenen Bildmaterials. Die Rundum-Aufnahmen speichert die Knipse wahlweise in 2D oder in 3D ab.

Wie bei allen Sony-Kameras, die ein „V“ am Ende ihres Namens tragen, ist bei der A55V ein GPS-Receiver an Bord. Er sorgt dafür, dass sich später nicht nur der Aufnahmezeitpunkt, sondern auch der Aufnahmeort der Bilder nachvollziehen lässt. Bei unseren ersten Tests auf dem Land funktioniert das Feature einwandfrei. Wir sind gespannt, ob die Kamera ihren Orientierungssinn auch in den Häuserschluchten einer Großstadt beibehält.

Wenn man ernsthaft Videos aufnehmen möchte, klingt die A55V nach einem verlockenden Angebot. Doch leider verzichtet Sony darauf, dem Kameramann sonderlich viele manuelle Einstellungsmöglichkeiten zu gewähren. Die händische Konfiguration von Blende und Belichtungszeit ist beispielsweise nicht möglich. Es gibt zwar einen Aufnahmemodus namens Blendenpriorität, doch dieser wählt immer die größtmögliche Blendenöffnung, und der Autofokus funktioniert hier nicht. Möglicherweise soll das verhindern, dass so die laute Irisblende der A-Bajonett-Linsen [6] auf dem Video zu hören ist. Vielleicht geht es auch darum, die manuellen Modi später in einem Nachfolge-Modell zur Verfügung zu stellen oder der NEX-VG10 [7] keine potentiellen Käufer wegzunehmen.

Der Bruchteil des einfallenden Lichts, den Sony vom Bildsensor abzweigt, reicht nicht für einen vernünftigen optischen Sucher aus. Daher versteckt sich bei der A55V ein kleines Display hinter dem Okular oberhalb des rückseitigen 3-Zoll-Displays. Der elektronische Sucher ist mit Sicherheit einer der besten, den wir jemals gesehen haben. Im Gegensatz zu den optischen Sehhilfen bei Video-DSLRs steht er auch bei der Videoaufzeichnung zur Verfügung.

Beim Serienbildmodus wird allerdings auch bei der A55V der Nachteil von elektronischen Suchern deutlich. Nach jedem einzelnen Foto wird das Mini-Display kurz dunkel. Zwar tritt die kurze Blindheit auch während des Spiegelschlags von DSLRs auf, doch die Zwangspause beim elektronischen Sucher ist signifikant länger. Es fällt nicht leicht, ein schnell bewegtes Motiv während des 10-fps-Dauerfeuers im Visier zu behalten.

Hersteller Sony Sony
Modell SLT-A33 SLT-A55V
Preis (Body) 649 Euro 749 Euro
Preis (mit 18-55mm) 749 Euro 849 Euro
Preis (mit 18-55mm & 55-200mm) 949 Euro 1049 Euro
Bildsensor CMOS (23,5 x 15,6 mm) CMOS (23,5 x 15,6 mm)
Auflösung 14,2 Megapixel 16,2 Megapixel
Empfindlichkeiten ISO 100 – 12.800 ISO 100 – 12.800
Max. Fotoauflösung 4592 x 3056 Pixel 4912 x 3264 Pixel
Max. Videoauflösung 1920 x 1080 Pixel @ 50i 1920 x 1080 Pixel @ 50i
Autofokus 15 Punkte, 3 Kreuzsensoren 15 Punkte, 3 Kreuzsensoren
Belichtungsmessung 1200 Zonen 1200 Zonen
Serienbildgeschwindigkeit 7 fps 10 fps
Display 3,0 Zoll, dreh- und schwenkbar 3,0 Zoll, dreh- und schwenkbar
Displayauflösung 921.000 Bildpunkte (640 x 480 Pixel) 921.000 Bildpunkte (640 x 480 Pixel)
Sucher elektronisch, Vergrößerung 1,1-fach elektronisch, Vergrößerung 1,1-fach
Abmessungen 12,4 x 9,2 x 8,5 cm 12,4 x 9,2 x 8,5 cm
Gewicht 441 g 441 g
Marktstart Oktober 2010 Oktober 2010

Leistung & Bildqualität

Wer bislang mit HD-Kompaktkameras, Pocket Camcordern oder Einsteiger-HD-Videokameras gefilmt hat, wird mit der Qualität der Aufnahmen sicherlich zufrieden sein. Dem schnellen Autofokus, dem großen Sensor und dem verbesseren 1200-Zonen-System zur Belichtungsmessung sei Dank sehen die Clips wirklich sehr ordentlich aus und halten mühelos mit den meisten 500-Euro-Full-HD-Camcordern mit. Der APS-C-Chip beziehungsweise die vergleichsweise langen Realbrennweiten der Objektive erlauben eine recht ansehnliche Tiefenschärfe.

Laut Sony sollen die Objektive derart schnell und leise scharfstellen, dass der Fokusmotor nicht auf den Videoclips zu hören ist. Wir hatten bislang noch nicht genug Zeit, um diese Behauptung zu überprüfen. Das werden wir bis zum ausführlichen Einzeltest nachholen.

Die Fotos der Kameras sehen ebenfalls sehr ordentlich aus. Sie wirken zwar ein wenig leblos und kalt, doch bei hohen Lichtempfindlichkeiten respektive schlechten Lichtverhältnissen ist die A55V der Kompaktkamera-Konkurrenz meilenweit überlegen. Auch mit ISO 6400 und ISO 12.800 aufgenommene Fotos gelingen noch sehr ansehnlich. Zusammen mit der schnellen Leistung eignet sich die Kamera einwandfrei, um herumtobende Kinder und Haustiere, das eine oder andere Fußballspiel vom Sohnemann und dergleichen zu dokumentieren – sowohl drinnen als auch draußen. Wenn man von der hohen Geschwindigkeit profitieren will, sollte man auf jeden Fall in eine schnelle Speicherkarte mit mindestens 30 MByte pro Sekunde Schreibgeschwindigkeit investieren.

Ausblick

Die SLT-A55V bewegt sich mit ihrer unverbindlichen Preisempfehlung von 749 Euro oberhalb der Einsteiger-DSLRs. Und auch viele andere Systemkameras mit Wechselobjektiven wandern für weniger Geld über die Ladentheke. Die der A55V ähnlichste Kamera dürfte wohl die Panasonic Lumix DMC-GH1 [9] sein. Zwar ist die Micro-Four-Thirds-Digicam deutlich teurer, doch dafür bietet sie eine flexiblere Linse und mehr Optionen im Videomodus. Gerüchten zufolge soll spätestens zur Photokina ein Nachfolger erscheinen. Wir sind schwer gespannt, was sich Panasonic einfallen lässt – und, ob wir in naher Zukunft noch mehr Kameras mit teilweise durchlässigem Spiegel sehen werden.

Artikel von CNET.de: https://www.cnet.de

URL zum Artikel: https://www.cnet.de/41536753/sony-slt-a55v-angetestet-rasante-dslr-mit-fixiertem-spiegel/

URLs in this post:

[1] F300EXR: https://www.cnet.de/tests/digicam/41535538/fujifilm+finepix+f300exr+superzoom_kamera+mit+dslr_autofokus+angetestet.htm

[2] F800EXR: https://www.cnet.de/blogs/alpha/kameras/41535161/fujifilm+finepix+f300exr+und+z800exr+digicams+mit+dslr_autofokus.htm

[3] Sony: http://www.cnet.de/unternehmen/sony/

[4] NEX-Reihe: https://www.cnet.de/tests/digicam/41531875/sony+nex_5+im+test+geschwindigkeit+und+rauschen+top_+farbwiedergabe+flop.htm

[5] Sony SLT-A55V: Hands-on mit der Systemkamera: https://www.cnet.de/41536719/sony-slt-a55v-hands-on-mit-der-systemkamera/?pid=1#sid=41536753

[6] A-Bajonett-Linsen: http://de.wikipedia.org/wiki/Sony_%CE%B1

[7] NEX-VG10: https://www.cnet.de/blogs/alpha/camcorder/41534839/sony+handycam+nex_vg10+wechselobjektiv_camcorder+mit+aps_c_bildsensor.htm

[8] Beispielfotos: die Bildqualität der Sony SLT-A55V: https://www.cnet.de/41536754/beispielfotos-die-bildqualitaet-der-sony-slt-a55v-2/?pid=1#sid=41536753

[9] Panasonic Lumix DMC-GH1: https://www.cnet.de/tests/digicam/41004294/digicam+mit+wechseloptiken+panasonic+lumix+dmc_gh1+im+test.htm