Endlich wieder ein gutes Smartphone von Nokia? Blick auf das N8

von Daniel Schraeder am , 13:03 Uhr

Endlich steht das Nokia N8 in den Startlöchern. Ein Smartphone, dessen Datenblatt allein Power-Usern schon das Wasser im Mund zusammenlaufen lässt – Xenon-Blitz, HD-Videoaufnahme, 12-Megapixel-Kamera, HDMI-Ausgang, OLED-Display, kapazitives Multitouch-Display und so weiter. Bleibt nur die Frage, ob die Finnen auch ihr Software-Problem in den Griff bekommen haben und die Bedienung hier genauso flüssig und angenehm funktioniert wie bei iPhone, Android & Co. Wir hatten einen Prototypen in der Hand.

Wer vor zehn Jahren, vor sieben, fünf oder drei Jahren ein richtig gutes Handy kaufen wollte, konnte bedenkenlos zu einem Nokia-Top-Modell greifen. Über einen langen Zeitraum hinweg stellten die Finnen die absolute Handy-Oberklasse her. Mit der Einführung des ersten iPhone begann dieser Ruf zu bröckeln. Erst kam bei Nokia viel zu lange nichts mit berührungsempfindlichem Display, und dann gab es starke Kompromisse. Während Apple [1] bereits die vierte Generation seines eigenen Smartphones in die Läden gebracht hat, Google [2] mit Android [3] Marktanteile gewann und Microsoft [4] fleißig an seinem Windows Phone 7 doktorte, fummelten die Finnen bei ihren Top-Modellen mit nicht zeitgemäßen, resistiven Touchscreens und einer niemals für berührungsempfindliche Displays gedachten Oberfläche herum. Das Ergebnis: Wer heute ein anständiges Smarpthone haben möchte, greift zum iPhone oder zu Android – und macht einen Bogen um Nokia.

Noch. Denn auch Nokia hat die Zeichen der Zeit erkannt und Hardware, Betriebssystem und Oberfläche von Grund auf renoviert. Das neue Flaggschiff N8 wird in den nächsten Wochen auf den Markt kommen. Wir hatten die Möglichkeit, uns einen Prototypen näher anzusehen.

Design

Das N8 ist vielleicht nicht ganz so schnörkellos wie das iPhone, aber es ist auch definitiv nicht überfrachtet. Das dominierende Element ist natürlich der 3,5 Zoll große AMOLED-Touchscreen, der wie gehabt mit tollen Farben, erstklassigen Kontrasten und einer angenehmen Schärfe überzeugt. Er löst 640 mal 360 Pixel auf – nicht so viel wie die Android-Flaggschiffe Samsung Galaxy S [5] oder HTC Desire [6] (800 mal 480) oder das neue iPhone (960 mal 640). Es würde also noch mehr gehen – aber das, was das N8 in diesem Punkt zu bieten hat, ist schon mal überdurchschnittlich.

Unterhalb der Anzeige gibt es nur eine einzelne Taste. Sie bringt den Nutzer zum Homescreen beziehungsweise ins Menü und ist im Gegensatz zum iPhone-Button beleuchtet. Die weiteren Eingabeelemente ziehen sich rund um den Rahmen: lauter, leiser, Bildschirm sperren und der zweistufige Kamera-Auslöser befinden sich auf der rechten Seite. Oben finden wir, wie wir es bei Nokia nicht anders erwarten, den Einschalter. Ebenfalls oben hat der Hersteller eine 3,5-Millimeter-Klinkenbuchse zum Anschluss von Standard-Kopfhörern sowie – verborgen unter einer Klappe – einen Mini-HDMI-Anschluss untergebracht. Rechts befinden sich die Micro-USB-Buchse zum Laden des Akkus und zwei weitere Kunststoffklappen, die die Slots für microSD-Speicherkarte und SIM-Karte schützen. Wie bitte, SIM-Karte? Tatsächlich sitzt der Chip hier ausnahmsweise einmal nicht hinterm Akku – denn das Gehäuse ist dicht. Keine Klappe, kein Akkudeckel – und damit auch kein Akkutausch. Um den Stromspeicher bei Defekt zu ersetzen, sollte man den Service aufsuchen. Deutlich sichtbare Schraubenköpfe dürften zwar den einen oder anderen Bastler nicht davon abhalten, die Batterie selbst zu tauschen, aber offiziell übernehmen das die Nokia-Servicepartner. Die Kosten dafür sind Sache des Händlers und nicht einheitlich. Schade – Investitionssicherheit sieht anders aus. Aber das ist der Preis für das tolle Monoblock-Aluminiumgehäuse.

Apropos, die eigentliche Schale sieht gut aus und fühlt sich extrem hochwertig an. Kunststoff kommt nur an einigen Stellen zum Einsatz – etwa bei den Klappen, die die beiden Slots bedecken, sowie am oberen und unteren, sich verjüngenden Endstück des Geräts. Das Alu ist in fünf Farben zu haben – Schwarz, Silber, Blau, Grün und Orange. Letztere gibt es exklusiv bei der Bestellung im Nokia-eigenen Online-Shop.

Eine weitere Besonderheit gibt es noch an der Unterseite. Obwohl sich das N8 bereitwillig über Micro-USB laden lässt, steht unten eine zusätzliche Ladebuchse zur Verfügung, die auf den Standard-2-Millimeter-Nokia-Ladeadapter setzt.

Ausstattung

Wen das durchaus attraktive Design noch völlig kalt lässt, der kommt spätestens beim Blick in die Ausstattungstabelle ins Schwitzen. Top-Smarpthone-Merkmale wie WLAN, Bluetooth, UMTS, GPS & Co. holen heute keinen müden Hund mehr hinterm Sofa hervor – und das weiß ganz offensichtlich auch Nokia. Bei der Präsentation des Geräts kam es uns ein bisschen so vor, als hätten sich die Entwickler überlegt, welche Features andere Oberklasse-Handys eben nicht haben – und, Bamm, Bamm, Bamm, gebaut, entwickelt und programmiert.

Unterm Strich bleiben da ein paar wirklich coole Extras für den Nutzer über. Gut, die HDMI-Schnittstelle beispielsweise ist nicht mehr ganz brandaktuell – die haben auch das aktuelle Motorola Milestone XT720 oder das Acer [7] Stream. Aber sie ist immer noch ein Exot und weder beim neuen iPhone noch bei den wohl wichtigsten aktuellen Androiden Galaxy S und HTC [8] Desire zu finden. Ein Adapter von Mini-HDMI (Typ C) auf „normal“ (Typ A) ist im Lieferumfang enthalten – und so ist fluchs ein HD-Fernseher mit dem N8 verbunden. Dort zu sehen ist alles, was das Handy-Display anzeigt: Menüs, Webbrowser, Apps und Spiele. Full-HD schafft das N8 zwar nicht, aber immerhin landen Bild und Ton in 720p (HD-ready) und Dolby Digital Plus auf der Mattscheibe. Wer möchte, kopiert also einfach eine Seriensammlung auf den internen, 16 GByte großen Gerätespeicher oder auf die bis zu 32 GByte große microSD-Speicherkarte und hat so im Urlaub einen mobilen Videoplayer für die Fahrt und im Hotelzimmer einen großen Bildschirm zum Ansehen von How I met your Mother oder Two and a half men zur Verfügung.

Man muss noch nicht einmal aufstehen, um die nächste Folge „einzulegen“, wenn das Handy neben dem Fernseher auf dem Tisch liegt und man selbst drei Meter entfernt auf der Couch sitzt. Jede handelsübliche Bluetooth-Maus lässt sich über den Kurzstreckenfunk koppeln – und sofort scheint ein kleiner Mauszeiger auf dem Handydisplay – beziehungsweise auf dem Fernseher. Das sieht zwar etwas albern aus, funktioniert aber hervorragend und ist ein erstklassiger Einsatzzweck.

Und die coolen neuen Features sind noch längst nicht ausgereizt! Wer sich fragt, wofür wohl die zusätzliche Ladebuchse auf der Unterseite des Geräts gut ist, wenn das Laden doch auch per Micro-USB funktioniert, sollte sich die Schnittstelle näher ansehen. Beziehungsweise den Lieferumfang des N8 – denn enthalten ist ein Micro-USB-auf-USB-Adapter. Nichts Besonderes? Fast nicht. Unterm Strich wird mit diesem Adapter nämlich aus der schnöden Lade-und-Daten-Kopier-Buchse ein USB-Anschluss, an den sich USB-Sticks und externe Festplatten anschließen lassen. Und so ist der Vorrat an Folgen der Lieblingsserie im Urlaub absolut unerschöpflich. Dank der zusätzlichen Buchse unten geht dem N8 beim Dauer-Abspielen auch nicht der Saft aus – vorausgesetzt, man organisiert sich einen zusätzlichen Ladeadapter. Denn im Lieferumfang enthalten ist nur einer mit Micro-USB-Anschluss.

Zu den weiteren Highlights gehört die 12-Megapixel-Kamera samt Xenon-Blitz. Natürlich nimmt sie auch Videos in 720p auf. Der Blitz macht beim ersten Test einen extrem hellen Eindruck – verglichen mit den sonst üblichen Foto-LEDs, versteht sich. Die Bildqualität können wir aber erst bewerten, wenn uns ein finales Testgerät vorliegt. Schade: Für den Autofokus gibt es ein rotes Hilfslicht, das kurz aufleuchtet, wenn man in dunkleren Umgebungen auf den Auslöser drückt. Wäre die Leuchtdiode weiß, könnte sie beim Filmen als Lampe dienen.

Unter der Haube des N8 werkelt ein 600 MHz schneller Prozessor. Er ist ein gutes Stück entfernt von der Gigahertz-Klasse der Top-Geräte anderer Hersteller. In der Praxis wirkt das N8 aber nicht sonderlich lahm – dazu später mehr. Außerdem integriert sind natürlich Bewegungs- und Helligkeitssensoren. Einen Abstandsmesser, der das Display (und den Touchscreen) abschaltet, wenn man das Handy ans Ohr hält, vermissen wir aber. Ob das auch in der Praxis stört, werden unsere Tests zeigen.

Leistung und Bedienung

Trotz der verglichen mit iPhone, Galaxy S, Desire & Co. geringen Rechenleistung wirkt das N8 angenehm flott. Hier und da gibt es zwar noch leichte Ruckler beim Wischen durch die Menüs, und auch das Starten von aufwändigeren Anwendungen wie Spielen, Browser oder Videoschnitt dient dem N8-Prototypen als Anlass, sich eine Gedenksekunde zu nehmen. Etwas flotter wird das Gerät wohl bis zu seinem Verkaufsstart noch, das iPhone-4-Tempo wird es aber vermutlich nicht erreichen. Macht aber auch nix – denn zäh und lahm ist es überhaupt nicht, und mit einer unverbindlichen Preisempfehlung von 479 Euro kostet es auch nur die Hälfte wie ein vertragsloses Import-Apple-Handy der neuesten Generation.

Zu den weiteren spannenden Neuerungen gehört sicherlich das komplett überarbeitete Betriebssystem. Hier kommt erstmals Symbian 3 zum Einsatz. Auf den ersten Blick unterscheidet es sich nur wenig von seinen Vorgängern, insgesamt hat sich aber sehr viel getan. Der Homescreen besteht aus drei Seiten, die der Nutzer relativ frei mit Verknüpfungen und Widgets zupflastern kann. Ein Druck auf die Taste unterm Bildschirm bringt das bekannte Menü in den Vordergrund, und auch hier hat der Nutzer die Möglichkeit der Anpassung. Ein Icon soll aus dem Programme-Menü ins Hauptmenü oder auf dem Homescreen? Kein Problem. Zumindest fast. Beides geht. Aber merkwürdigerweise auf unterschiedliche Wege. Für das Icon auf dem Homescreen tippt der Nutzer so lang auf eine freie Stelle, bis dort ein Plus-Icon erscheint. Darauf tippen, dann Verknüpfungen wählen und die dort erscheinende Liste mit den vier zuletzt geöffneten Anwendungen anpassen, bis die gewünschten Symbole erscheinen. Komplizierter und nicht ganz so flexibel wie bei Android, aber problemlos. Wer hingegen ein Icon im Menü verschieben will, beispielsweise eine Ebene nach oben, tippt erst auf einen Anpassen-Button und verschiebt die Verknüpfung danach via Drag & Drop auf den „Eine-Ebene-nach-Oben-Pfeil“. Eigentlich auch logisch. Aber warum gibt’s hier zwei verschiedene Ansätze? Warum nicht immer einen Anpassen-Knopf oder immer einen langen Tastendruck? Nun gut, man gewöhnt sich daran. Aber ganz so intuitiv wie bei Android funktioniert das hier nicht.

Auch ansonsten wirkt das User-Interface noch etwas unfertig. Multitouch funktioniert zwar im Browser, und dort auch relativ flott, aber nicht in der Nokia-eigenen Karten-Anwendung Maps. „Kommt noch“, sagt Nokia – per Softwareupdate. Aber nicht zum Auslieferungsstart der Geräte. Schade. Und der Browser selbst scheint ebenfalls noch nicht so ganz im Touchscreen-Zeitalter angekommen zu sein.

Dafür überzeugt die 3D-Power. Vorinstalliert ist unter anderem das Rennspiel Need for Speed, das grafisch extrem hübsch aussieht und angenehem flott läuft. Sogar dann noch, wenn man das Handy wie einen Controller in der Hand hält und über HDMI auf dem großen Fernseher spielt.

Vorläufiges Fazit

Respekt. Nokia hat die Hausaufgaben gemacht. Zwar eindeutig unter Zeitdruck, was man an der immer noch nicht ganz konsistenten Menüführung bemerkt, aber es ist kein Vergleich zu früheren Touchscreen-Handys der Finnen. Das N8 sieht gut aus, ist hochwertig gefertigt, gut zu bedienen, flott, erstklassig ausgestattet und hat innovative Ausstattungsmerkmale, die es derzeit bei keinem anderen Handy gibt. Vor allem für Multimedia-Fans dürfte das Gerät auf der Wunschliste in der nächsten Zeit weit oben stehen. Bleibt zu hoffen, dass der Hersteller bis zum Verkaufsstart noch die eine oder andere kleinere Schwäche ausmerzt. Wir warten gespannt auf ein Seriengerät.

Artikel von CNET.de: https://www.cnet.de

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[2] Google: http://www.cnet.de/unternehmen/google-inc/

[3] Android: http://www.cnet.de/themen/android/

[4] Microsoft: http://www.cnet.de/unternehmen/microsoft/

[5] Samsung Galaxy S: https://www.cnet.de/tests/handy/41533897/ausfuehrlicher+testbericht+samsung+galaxy+s+i9000+mit+super_amoled+und+android.htm

[6] HTC Desire: https://www.cnet.de/tests/handy/41529873/htc+desire+im+test+vollgas_androide+mit+3_7_zoll_amoled_display.htm

[7] Acer: http://www.cnet.de/unternehmen/acer/

[8] HTC: http://www.cnet.de/unternehmen/htc/