Nokia N8 im Test: Hardware top, Software flop

von Daniel Schraeder am , 19:37 Uhr

Pro
  • wirkt sehr wertig und stabil
  • Ausstattung innovativ und auf höchstem Niveau
  • überdurchschnittlich gute 12-Megapixel-Kamera
  • HDMI-Port
Con
  • Oberfläche und Bedienung wirken altbacken
  • trotz gutem Touchscreen nur mäßig schnelle Reaktionen
  • Software insgesamt nicht auf dem Niveau der Konkurrenz
Hersteller: Nokia Listenpreis:
ZDNet TESTURTEIL: EXZELLENT 9,3 von 10 Punkte
Fazit:

Handys bauen - das können sie, die Finnen. Das N8 liegt gut in der Hand, sieht attraktiv aus, ist wertig und so stabil, als könnte man Häuser aus ihm bauen. Aber bei der Software hakt's leider immer noch. Das N8 ist teilweise kompliziert zu bedienen, teilweise langsam und teilweise spaßbefreit. Echte Nokia-Fans bekommen hier das beste Touchscreen-Nokia aller Zeiten, aber wenn es auch eine andere Marke sein darf, fährt man unterm Strich bei der Konkurrenz besser.

Das Nokia-Flaggschiff ist das N8: gigantische Ausstattung inklusive 12-Megapixel-Kamera samt Xenon-Blitz, HDMI-Anschluss, GPS samt Navigation und alles, was andere Smartphones auch zu bieten haben. Und immer noch ein bisschen mehr. Gleichzeitig ist das N8 das erste Nokia-Smartphone, das auf die neue Symbian-3-Plattform setzt. Damit soll Schluss sein mit einer inkonsistenten Bedienung und Menüführung, die im Vergleich zu Android und iPhone wirkt wie im letzten Jahrtausend. Wir haben das N8 ausführlich getestet – und zeigen, warum eine fast perfekte Hardware noch längst kein perfektes Smartphone ausmacht.

Zugegeben: Selten ist es uns so schwer gefallen, einem Smartphone [1] eine faire und passende Bewertung zu geben, wie beim Nokia N8. Die Gründe dafür sind vielfältig. Das N8 ist eigentlich ein extrem tolles Handy mit schier unfassbarer Ausstattung, mit einer der besten Kameras, die wir je bei einem Mobiltelefon gesehen haben, nach höchsten Qualitätsansprüchen gefertigt und verpackt in einem attraktiven Gehäuse mit ansprechendem Formfaktor. Aber die Software. Die Bedienung. Die Oberfläche. Nein, nichts davon ist unter aller Kanone. Aber trotz der brandneuen Symbian-Version 3, dem neuentwickelten Betriebssystem der Finnen, wirkt das Gerät bei der Bedienung, beim Aufbau der Menüs, bei der Logik und der Struktur, einfach noch wie ein viele Jahre altes Nokia-Handy. Aus einer Zeit, in der Nokia zu Recht führend war im Markt, in der das Einstellen von Klingeltönen und Profilen und vielleicht noch des WAP-Zuganges zu den komplexesten Aufgaben gehörten, die es durchzuführen galt. Als Apps noch vier scheinbar willkürlich zusammenhängende Buchstaben waren, der mobile Internet-Zugang noch längst nicht alltäglich und vor allem nicht flat, Telefonbuch und Kalender maximal zwischen PC und Handy, aber nicht zwischen diversen Online-Dienstleistern synchronisiert wurden. Aber alles der Reihe nach.

Design

Wie fast alle unsere Handy-Testberichte beginnen wir auch beim N8 mit der Optik – und das ist auch gut so, denn hier kann das Über-Nokia zu Recht absahnen.

Der Formfaktor entspricht in etwa dem des iPhone. Gleiche Höhe, gleiche Display-Diagonale, etwas schmaler, aber dafür etwas dicker. Wenn die beiden Geräte nicht direkt nebeneinander auf dem Tisch liegen, hat man das Gefühl, das N8 wäre ein gutes Stück kleiner. Dafür zeigen sich die Ober- und die Unterkante verantwortlich, die sich in alle Richtungen verjüngen und zusammenlaufen.

Vielleicht auch weil das Nokia so kompakt wirkt, kommt es einem relativ schwer vor. Die geeichte Waage verrät: Es sind „nur“ 134 Gramm. Drei Gramm weniger als das aktuelle iPhone 4 [2], eins weniger als das HTC Desire [3], 32 Gramm weniger als das Desire HD [4]. Also eigentlich Durchschnitt in seinem Umfeld. Vielleicht liegt’s auch an der Materialauswahl. Das N8 hat ein Unibody-Gehäuse, ist also aus dem Vollen gefräst. Unten und an den Seiten Metall, oben stabiles, schweres Glas. Es fühlt sich extrem hochwertig und stabil an, wenn man es in die Hand nimmt. Die harten Materialien sind kühl – man möchte Häuser, ja fast schon Burgen aus dem Nokia bauen. Das gefällt uns richtig gut – rein haptisch haben wir uns in das N8 also schon verliebt.

Ein kleiner Liebestöter sind maximal die oberen und unteren Randstücke, die aus Kunststoff gefertigt sind. Sie sind auch in einem leicht anderen Farbton lackiert als die Metallbestandteile. Bei unserem Testgerät in Schwarz fällt das zwar kaum auf oder wirkt sogar fast gewollt, aber speziell bei den bunten Varianten sieht der Farbunterschied unangemessen aus. Apropos, neben Schwarz ist das N8 auch in Silber und Grün zu haben. Der Nokia-eigene Online-Shop bietet darüberhinaus mit Blau und Orange zwei weitere, auffällige Farbvarianten an.

Das zentrale Element auf der Oberseite ist das berührungsempfindliche 3,5-Zoll-Display. Damit hat es die gleiche Diagonale wie die iPhone-Anzeige und löst mit 640 mal 360 Bildpunkten weniger auf als das aktuelle iPhone (960 mal 640), aber mehr als die früheren Apple [5]-Handy-Generationen (480 mal 320). Insgesamt schwimmt das Display qualitativ und im Vergleich zur Konkurrenz eher oben. Die Darstellung ist scharf und hell, die Farben schön, die Blickwinkel groß. Kein Wunder eigentlich, denn schließlich verbauen die Finnen ein AMOLED-Display. Auf dem Niveau der aktuellen Super-AMOLEDs, die Samsung [6] in seinen Modellen Wave [7] und Galaxy S [8] verbaut, ist das N8 zwar nicht, aber es liegt über dem Durchschnitt. Auch in der Sonne kann man Inhalte noch gut erkennen.

Die Touchscreen-Scheibe besteht aus vergleichsweise stabilem und kratzfestem Gorilla-Glas und wird von einem Rahmen aus Metall eingefasst, der in glänzender Wagen-, pardon: Gehäusefarbe lackiert ist. Über der Anzeige ist das Nokia-Logo zu sehen, links davon ein kleiner N8-Schriftzug, rechts davon Helligkeitssensor und Frontkamera. Nicht auf den ersten Blick zu erkennen ist der Näherungssensor, der sich zwischen Nokia-Logo und Lichtsensor versteckt.

Unterhalb der Anzeige befindet sich die einzige mechanische Taste der Vorderseite, die bei Bedarf beleuchtet ist. Das sieht gut aus, allerdings ist die Position unten links etwas ungünstig gewählt. Wer das Gerät in der rechten Hand hält, muss den Daumen schon arg verbiegen, bis er an den Knopf kommt.

Ganz oben gibt es eine 3,5-Millimeter-Klinkenbuchse zum Anschluss von Standard-Kopfhörern. Daneben verbirgt sich die Mini-HDMI-Schnittstelle unter einer Klappe – die ist übrigens schon eines der N8-Highlights. Mit dem entsprechenden Adapter, der im Lieferumfang enthalten ist, und einem normalen HDMI-Kabel, verbindet sich das Handy vollkommen unkompliziert mit jedem aktuellen Fernseher oder Projektor. Rechts davon gibt es, Nokia-typisch, eine Ein-Aus-Taste, über die im laufenden Betrieb auch das Profil (Lautlos, Draußen, Flugzeugmodus etc.) festlegen lässt.

Ganz unten entdecken wir die nötigen Schriftzüge. CE-Logo, Wegwerfverbot und so weiter sind hier schön unauffällig eingeprägt – und lassen noch Platz für eine Mini-Ladebuchse. Ja, tatsächlich, Nokia ist seinem eigenen Stecker treu geblieben. Das finden wir sogar gut! Warum? Weil es zusätzlich auf der linken Geräteseite eine Micro-USB-Buchse gibt, über die ebenfalls das Laden des Akkus möglich ist. Und noch einiges mehr – aber darum kümmern wir uns später. Direkt neben dem USB-Anschluss auf der linken Seite entdecken wir eine kleine LED, die beim Laden weiß leuchtet. Ansonsten hat der linke Rand noch microSD-Speicherkarten- und SIM-Kartenslot zu bieten. Beide sind hinter etwas fummeligen, aber überraschend stabilen Schutzkappen aus Kusntstoff verborgen, um Dreck und Staub aus dem Gerät zu halten.

Die rechte Seite hat den obligatorischen Wippschalter zur Regelung der Lautstärke zu bieten. Er lässt sich dank spürbarer Markierungen vorbildlich ertasten und hat einen angemessenen Druckpunkt. Darunter gibt es einen Schiebeschalter aus geriffeltem Metall, der nicht einrastet, sondern von Federn immer wieder in seine Ausgangsposition gedrückt wird. Er übernimmt die Funktion der Display- und Tastensperre. Eine schöne, praktische Lösung, wie wir finden. Unten auf der rechten Seite haben die Entwickler den zweistufigen Auslöser der Kamera angebracht.

Apropos Kamera: Wir drehen das N8 auf die Rückseite. Hier steht eine rechtwinklige Einheit aus dem ansonsten flachen Rücken hervor, in der sich Lautsprecher, Kamera-Linse und Xenon-Blitz verbergen – die 12 Megapixel brauchen offensichtlich Platz. Herausstehende Kameras haben wir in der Vergangenheit häufig kritisiert, aber die Umsetzung beim N8 empfinden wir nicht als störend.

Ausstattung

Gut für Nokia: Auch unser zweiter Standard-Punkt bei Handy-Tests kann das N8 nicht schocken. Die eigentliche Smartphone-Ausstattung ist auf höchstem Niveau. Quad-Band-GSM, UMTS samt Up- und Downloadturbo HSPA, WLAN nach dem flotten n-Standard, das noch sehr seltene, schnelle Bluetooth 3.0 und selbstverständlich auch GPS.

Noch viel beeindruckender ist aber die darüber hinausgehende Ausstattung – und hier gibt es einige Punkte, die die Konkurrenz kaum oder gar nicht zu bieten hat. Wir gehen noch einmal kurz auf den HDMI-Port ein, der in unseren Tests hervorragend funktioniert hat. Er spiegelt das Bild der Handy-Anzeige auf den Fernseher (oder Monitor oder Beamer) – man kann also nicht nur bestimmte Daten wie Diashows oder Videos ausgeben, sondern auch auf dem TV-Schirm surfen oder videotelefonieren. Dazu passt es perfekt, dass sich das Nokia bereitwillig mit Bluetooth-Geräten koppelt. Wenn man beispielsweise eine Maus anbindet, erscheint ein kleiner Mauszeiger auf dem Handydisplay – und so macht das Surfen mit angeschlossenem Fernseher oder die Auswahl von Fotos oder Videos gleich noch mehr Spaß. Getippt wird natürlich stilecht auf einer Bluetooth-Tastatur.

Genial: Im Lieferumfang enthalten ist ein Adapter, der beim Handy in die Micro-USB-Buchse gesteckt wird und auf der anderen Seite einen USB-Host-Port bietet. Hier lassen sich „normale“ USB-Geräte anschließen – eine Maus etwa, eine Tastatur oder auch ein USB-Stick oder eine externe Festplatte. Letztere ist aufgrund des hohen Energiebedarfs im mobilen Betrieb zwar ein echter Akku-Killer, aber hey – bei welchem anderen Smartphone kann man bitte ein auf einer USB-Platte gespeichertes Word-Dokument im Notfall öffnen oder per E-Mail verschicken? Und ach ja, wie praktisch: Es ist ja auch ein proprietärer Ladestecker vorhanden. Das entsprechende Netzteil liegt ebenfalls im N8-Karton, und schon kann einem auch die energiehungrigste Festplatte nicht mehr wirklich etwas anhaben – vorausgesetzt, es gibt in der Nähe eine Steckdose. Die meisten N8-Käufer werden die Funktion aber ohnehin nicht brauchen. 16 GByte Speicher sind nämlich schon drin, und per Speicherkarte werden’s bis zu 32 GByte mehr. Sehr löblich.

Auch in puncto Kamera ist das Nokia-Flaggschiff ganz vorne mit dabei. 12 Megapixel und Xenon-Blitz setzen Maßstäbe. Die HD-Videoaufnahme in 720p ist ja schon fast eher normal. Fans von der gerade wieder aufkommenden Video-Telefonie freuen sich sicherlich auch über die VGA-Kamera auf der Vorderseite.

Der 1200 mAh starke Akku ist fest im Gerät eingebaut. Aufgrund der Unibody-Bauweise gibt es keinen Akkudeckel – das ist auch der Grund dafür, dass SIM- und Speicherkarte am Rand eingesteckt werden. Zum Tausch des Energiespeichers ist offiziell der Nokia-Service nötig. Experimentierfreudige Käufer dieses Smartphones können die zwei Torx-Schrauben an den Seiten aber auch selbst öffnen und den Akku auswechseln, allerdings auf Kosten der Garantie.

Der Touchscreen beherrscht Multitouch und den coolen Zwei-Finger-Zoom. Standardmäßig gibt er auch ein spürbares Feedback beim Drücken und Loslassen von virtuellen Schaltflächen von sich – und das fühlt sich schon fast so an, als hätte man wirklich einen Knopf gedrückt. So gut kennen wir das von keinem anderen Smartphone.

Software und Bedienung

Bis hierher klingt alles sehr gut. Fast zu gut, um wahr zu sein, würden wir behaupten: gigantische Ausstattung, hohe Qualität, toller Eindruck. Und in der Tat: Es ist nicht wahr. Der Trubel beginnt in dem Moment, wo wir das N8 zum ersten Mal einschalten – beziehungsweise kurze Zeit später. Das Handy bootet halbwegs flott, fragt nach der PIN und zeigt die neue Oberfläche von Symbian 3. Oder, äh, auch nicht, denn hier sieht doch eigentlich alles aus wie immer?

Tatsächlich hat sich beim User-Interface weniger getan, als wir erwartet haben. Es gibt drei Homescreen-Seiten, die sich im feinsten Android [9]-Stil mit Widgets und Verknüpfungen vollpacken lassen, und die intuitiv per Wisch-Geste durchgeschaltet werden. Intuitiv? Ja – aber beim ersten Versuch welchseln wir gleich zwei Seiten. Der Homescreen bewegt sich nämlich nicht unterm Finger mit, sondern schaltet die Ansicht gemächlich auf die nächste Seite um, wenn wir die Geste schon längst beendet haben – und als per se ungeduldige Zeitgenossen schon zum zweiten Mal wischen. Aber gut, daran gewöhnt man sich. Wischen, warten, wischen, warten, drücken. Okay.

Mit Druck auf die mechanische Taste unterm Display holen wir das Hauptmenü auf den Schirm. Hier verbergen sich die verschiedenen Programme und Tools wie Adressbuch, Kalender, Mediaplayer, Webbrowser und so weiter. Nachinstallierte Apps landen in Unterordnern. Programme und Games gibt’s von Haus aus. Zwei testweise über den Ovi-Store nachinstallierte Spiele finden sich aber unintuitiv im Ordner Programme wieder. Warum, wenn es doch auch Games gibt, in dem übrigens zwei andere Spiele aus dem Ovi-Store gelandet sind? Immerhin lassen sich die Icons auch verschieben. Beim iPhone und bei Android würden wir jetzt lange aufs Symbol tippen und es dann genüsslich per Drag & Drop an seinen prädestinierten Ort schieben. Hier ist’s etwas rudimentärer: Unten finden sich zwei Schaltflächen – aus der Zeit, in der unterm Display noch zwei Knöpfe waren, die die jeweils angezeigte Aktion ausgeführt haben. Hier tippen wir auf Optionen, wählen Verwalten, suchen uns die entsprechende App heraus, tippen lang auf das Symbol, bis ein Wartekringel auftaucht, warten, bis er ausgekringelt hat und das Optionen-Menü aufgepoppt ist, wählen die einzige Option (In Ordner verschieben) und tippen im daraufhin aufpoppenden Menü auf den gewünschten, neuen Ort – zum Beispiel Stammordner oder Games. Alles klar?

In diesem Stil zieht sich die Bedienung übrigens durch. Oder eben nicht. Wer zum Beispiel eine Telefonsperre einrichten möchte, damit das Gerät beim Aufwecken aus dem Stand-by-Modus nach einem Kennwort fragt, hangelt sich durch die Menüpunkte Menü, Einstell., Telefon, Tel.-managem., Sicherheitseinstell. und Telefon und SIM-Karte bis zum gewünschten Punkt Zeit bis Telefonsperre – wo selbige auch aktiviert wird. Das mag jetzt vielleicht gar nicht so schlimm wirken, aber bis man diesen Weg gefunden hat, vergeht einige Zeit.

Anderes Beispiel: Wir haben zunächst selbst versucht und danach Smartphone-erfahrene Testpersonen gebeten, eine Synchonisation des Telefonbuchs mit einem Google [10]-Konto (oder einem Zugang eines anderen, vergleichbaren Anbieters) einzurichten. Eine Option wie Konten gibt es nicht, die Optionen rund um Synchronisieren beziehen sich auf den Abgleich von Daten via USB mit dem PC oder über das Internet mit dem Nokia-eigenen OVI-Angebot. Unsere Tester haben versucht, das Google-Konto online mit dem OVI-Konto abzugleichen (mit einer echten Synchronisierung, nicht mit einem einmaligen Kopieren der Daten), sich durch Optionen wie OVI Sync, Synchronisation, Dat.-austausch, Verb.-manager, Datentransfer oder Admin. Einstell. gewühlt – und das N8 danach frustriert zur Seite gelegt. Um Kontakte mit dem N8 abzugleichen, haben wir später ein Exchange-Konto hinzugefügt (das Freemail-Anbieter üblicherweise nicht bieten), und zwar über Einstellungen, Telefon, Mail, Optionen und Neues Postfach.

Und überhaupt, was sollen die ganzen Abkürzungen? Tel.-managem., Ben.-Beleucht., Progr.-einstell.? Ganz ohne Not wird hier geschnitten und gepunktet, obwohl die fehlenden paar Buchstaben in vielen Fällen durchaus noch Platz hätten.

„Ihr macht aus einer Fliege einen Elefanten“, könnte man uns jetzt vorwerfen. Mag sein – ein E-Mail-Konto beispielsweise richtet man schließlich nur einmal ein. Aber das sind einfach ein paar Beispiele von ganz vielen. Mehr gefällig? Wir starten den App Store OVI Store über die Verknüpfung aus dem Hauptmenü. Und sind überrascht: Er ist nicht auf dem Gerät. Die Verknüpfung bringt uns zum Download, hier können wir ihn dann installieren. Danach geht’s. Nicht hübsch, nicht bunt, nicht animiert, aber es geht. Aber warum ist der Store nicht ab Werk auf dem N8? Wir starten den Youtube-Player. Anstelle einer attraktiven, bunten, flüssigen App, die wir erwartet haben, öffnet sich der Webbrowser – und zeigt nach zehnsekündiger Wartezeit die Youtube-Mobilwebseite an. Ja, es funktioniert. Aber nicht hübsch, nicht schnell, nicht auf dem Niveau, auf dem Apple, Google und inzwischen sogar Microsoft [11] sind.

Mehr Beispiele gefällig? Wir starten den Browser – und anstelle einer Google- (oder von uns aus auch Nokia-) Webseite mit Adressleiste oben erscheint eine schwarze, bilderlose Liste, die voreingestellte Lesezeichen untereinander anzeigt. Nokia.mobi, Music Store, Shop Themes. Wer eine bestimmte Webseite aufrufen möchte, muss zunächst unten einen Button tippen und die URL in das aufpoppende Fenster tippen. Dann erscheint die gewünschte Webseite. Sie sieht ganz hübsch aus und ist mit zwei Fingern zoombar. Dank Flash Lite laufen auch Videos und diverse Flash-Applets, aber eben nicht alle, wie bei aktuellen Android-Phones. Umfangreichere Webseiten (wie dieser CNET-Testbericht) ruckeln beim Scrollen und zoomen erheblich, und wer die Seite wechseln möchte, muss unten rechts auf einen Doppelpfeil tippen und danach auf eine Schaltfläche mit Weltkugel-Icon, bis er wieder eine Adresse eintippen kann.

Noch mehr Beispiele gefällig? Wir tippen auf das Icon OVI Musik – das Pendant zum iTunes-Store auf dem iPhone. Und wieder öffnet sich der Browser, wieder dauert es. Zehn Sekunden später erscheint eine Webseite mit einem Knopf: OVI Music. Ja, wissen wir, da wollen wir hin. Wir tippen drauf, wieder dauert es, es erscheint Einen Moment bitte. Dann geht es in den virtuellen Plattenladen, der gut funktioniert, aber eben auch nicht hübsch und animiert ist.

Das ließe sich jetzt quasi ewig weiter führen. Über eine Tastatur, die nur im Querformat ein QWERTZ-Layout zeigt und im Hochformat ein klassisches Telefon-Tasten-Layout, bei dem Tippen ewig dauert. Darüber, dass man beim Tippen nur Tastatur und Text sieht, aber nicht zum Beispiel die Beschriftung des Feldes, in das man gerade tippt. Darüber, dass es unterschiedliche Menüpunkte für das Senden von Fotos an Facebook oder per Mail gibt – und dass sich das Mail-Programm bei dem Versuch ohnehin aufhängt. Bis hin zu Einstellungen wie dem haptischen Feedback, das man für jedes Profil einzeln deaktivieren muss, wenn man es nicht möchte.

Sicherlich hat das N8 auch bei der Software seine guten Seiten. Uns gefällt zum Beispiel, dass das N8 im Standby-Modus eine Uhr auf seinem OLED-Display anzeigt – das kann die Konkurrenz nicht. Es gibt witzige Programme zum Bearbeiten von Bildern und Fotos. Es gibt die Karten-Anwendung, die Straßenkarten auf Wunsch auf dem Gerät speichert und eine kostenlose, echte Turn-by-Turn-Navigation integriert. Es gibt gut funktionierendes Multitasking. Und so weiter. Aber unterm Strich frustriert die Bedienung jeden Anwender, der in den letzten Jahren mit Touchscreen-Smartphones anderer Hersteller zu tun hatte. Nokia hat hier den Schritt zu Symbian 3 leider nicht genutzt, um mit den Altlasten aufzuräumen, sondern die Jahre alte Menüführung weiter aufgebohrt. Das mag gut sein für Nutzer von Nokia-Handys, die sich erstmals in Richtung Touchscreen orientieren. Aber wer bereits mit ähnlich hochwertigen Android-Phones oder dem iPhone zu tun hatte, der kann hier nur den Kopf schütteln. Oder die Nase rümpfen.

Leistung

In diesem Punkt zeigt das N8 klare Stärken und Schwächen. Die allgemeine Reaktionszeit ist ein zweischneidiges Schwert. Mal können wir uns nicht beklagen, mal ruckelt, hakelt und lädt das Nokia, dass man es am liebsten aus dem Fenster werfen würde. So richtig, richtig flott ist es nur selten. Flash-Videos von Youtube & Co. hakeln gerne mal. Auch Programme brauchen häufig länger zum Starten als bei der Konkurrenz.

Dafür kann das Nokia bei der Sprachqualität überzeugen. Telefone bauen können die Finnen einfach. Beide Gesprächspartner verstehen sich perfekt. Das gleiche gilt auch für den im Kamera-Modul eingelassenen Lautsprecher. Richtige Bässe kann man natürlich von einem Handy nicht erwarten, aber er ist bei der Wiedergabe von Musik, Videos & Co. um Längen besser als beispielsweise der des HTC [12] Desire. Und richtig schön laut.

Die Kamera ist gigantisch. So gute Bilder haben wir selten aus einem Handy geholt: Die Fotos sind auf dem Niveau von einfachen Digitalkameras. Der Xenon-Blitz sorgt für eine gute Ausleuchtung auch in dunkleren Umgebungen, die Farben sind kräftig, die Schärfe ist beeindruckend. Natürlich gibt es auch hier Artefakte und Farbrauschen in dunklen Bildbereichen, natürlich hat auch das N8 keinen optischen Zoom – aber es ist ja auch nur ein Handy. Eins mit extrem guter Kamera.

Auch der Akku überzeugt. Mit 1200 mAh ist er zwar unterm Klassendurchschnitt, aber interessanterweise hält das N8 im Praxiseinsatz länger durch als Desire, iPhone & Co. Power-Nutzer werden es wohl trotzdem täglich nachladen müssen. GPS, WLAN, UTMS & Co. brauchen eben Strom. Aber wer nicht permanent zu seinem Smartphone greift, kommt auch zwei oder sogar drei Tage mit einer Ladung aus.

Fazit

Oh N8, was machen wir nur mit Dir? Du gefällst uns, Du beeindruckst uns – aber Du frustrierst uns auch. Und zwar in eigentlich unnötigen Punkten, denn wie sich Touchscreen-Handys praktikabel und cool bedienen lassen, ist doch kein Geheimnis mehr. Flotte, flüssige Reaktionen, hübsche, intuitive Menüs, schöne, funktionale Programme – und fertig ist die Laube. Aber ganz so einfach ist es offensichtlich leider nicht, und das spüren wir beim N8 ganz deutlich. Wäre das N8 bei gleicher Ausstattung und Funktionalität mit dem Android-Betriebssystem und einer tollen Oberfläche wie HTC Sense ausgestattet, wäre es ein Kandidat für den Platz 1 auf der Haben-will-Liste. Aber so ist es ein eigentlich extrem tolles, wertiges und gutes Gerät, das wir nur mit leichten Bauchschmerzen weiterempfehlen können.

Nokia-Fans und -Nutzer seit der ersten Stunde können jedenfalls bedenkenlos zuschlagen. Dieses Smartphone ist definitiv das beste Nokia aller Zeiten – und das beste Handy mit Symbian-Betriebssystem aller Zeiten. Wer sich aber bereits an den Luxus der Bedienung, Optik und Funktionalität von iPhone, Android, Windows Phone 7 [13] oder sogar dem Samsung-eigenen Betriebssystem Bada gewöhnt hat, muss hier Rückschritte in Kauf nehmen.

Artikel von CNET.de: https://www.cnet.de

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[1] Smartphone: http://www.cnet.de/themen/smartphone/

[2] iPhone 4: https://www.cnet.de/tests/handy/41533866/ausfuehrlicher_testbericht_das_neue_iphone_4_ist_da.htm

[3] HTC Desire: https://www.cnet.de/tests/handy/41529873/htc_desire_im_test_vollgas_androide_mit_3_7_zoll_amoled_display.htm

[4] Desire HD: https://www.cnet.de/tests/handy/41539666/testbericht/htc_desire_hd_im_test_gigantisch_gross__tolle_software__wenig_schwaechen.htm

[5] Apple: http://www.cnet.de/unternehmen/apple/

[6] Samsung: http://www.cnet.de/unternehmen/samsung/

[7] Wave: https://www.cnet.de/tests/handy/41532249/testbericht/schon_im_test_samsung_wave_s8500_mit_super_amoled_und_bada.htm

[8] Galaxy S: https://www.cnet.de/tests/handy/41533897/ausfuehrlicher_testbericht_samsung_galaxy_s_i9000_mit_super_amoled_und_android.htm

[9] Android: http://www.cnet.de/themen/android/

[10] Google: http://www.cnet.de/unternehmen/google-inc/

[11] Microsoft: http://www.cnet.de/unternehmen/microsoft/

[12] HTC: http://www.cnet.de/unternehmen/htc/

[13] Windows Phone 7: https://www.cnet.de/praxis/mobile/41539317/eine_woche_praxis_test_so_gut_ist_windows_phone_7.htm