Palm Pre 2 im Test: schick, schnell, intelligent – aber akuter App-Mangel

von Flora Graham und Stefan Möllenhoff am , 18:12 Uhr

Pro
  • kompaktes Gehäuse
  • toller Webbrowser
  • schnelles, schickes Interface
  • QWERTZ-Tastatur
Con
  • geringe Auswahl an (insbesondere kostenlosen) Apps
  • Keyboard zu klein für große Finger
Hersteller: Palm Listenpreis:
ZDNet TESTURTEIL: SEHR GUT 8,0 von 10 Punkte
Fazit:

Der Palm Pre 2 macht Spaß: Das Interface sieht toll aus, lässt sich gut bedienen, und an allen Ecken und Enden finden sich kleine Features, die man nach Kurzem nicht mehr missen möchte. Das größte Problem des Smartphones ist der (noch) sehr kleine App Store.

Auf den ersten Blick gleicht der Palm Pre 2 seinen Vorgängern wie ein Ei dem anderen. Nach dem Einschalten flimmert das neue WebOS-Betriebssystem in der Version 2.0 über das 3,1-Zoll-Display. Auch hier gibt es auf Anhieb kaum Unterschiede zu erkennen. Erst beim genaueren Hinsehen wird uns klar: Palm hat nicht geschlafen und viele kleine, aber feine Verbesserungen eingebaut. Welche das sind, verrät der Testbericht.

Im Smartphone [1]-Business stehen sich im Wesentlichen die Android [2]-Welt und das iPhone-Universum gegenüber. Irgendwo dazwischen gibt’s ein bisschen kosmischen BlackBerry-Staub, von irgendwo tauchen zunehmend mehr Windows-Phone-7-Asteroiden auf. Und Palm? Palm hat hierzulande fast niemand auf dem Radar. Möglicherweise ändert sich das mit dem Pre 2, der erstmals das Handy-Betriebssystem WebOS in der Version 2.0 mitbringt.

Neues altes Betriebssystem: WebOS 2.0

Palm verspricht für sein neues WebOS-Betriebssystem in der Version 2.0 schnellere Reaktionszeiten als jemals zuvor. Die Software nutzt jetzt die Grafikkarte, um für verspieltere Animationen zu sorgen. Außerdem kommt ein neuer Prozessor zum Einsatz, der anstelle von 528 MHz mit 1 GHz taktet. Das zeigt Wirkung: Apps starten in den allermeisten Fällen sofort, nur gelegentlich gibt es beim Wechsel zwischen mehreren aktiven Anwendungen mal eine Gedenksekunde.

Der Kartendeck-Taskmanager ist nach wie vor vorhanden. Auf dem Homescreen sind alle geöffneten Anwendungen als Thumbnails zu sehen, der Nutzer blättert mit Wischgesten durch die verschiedenen Karten. Schiebt man eine App nach oben, wird sie geschlossen. Ein Tipp auf eines der Vorschaubildchen bringt die Anwendung in den Vordergrund.

Um das Ausmaß der Kartenwischerei zu reduzieren, erlaubt WebOS 2.0 jetzt das Gruppieren der Anwendungen auf einzelne Stapel. Das Betriebssystem wirft die Apps nach bestem Wissen und Gewissen auf eigene Haufen. Klicken wir beispielsweise in der Spaz-Twitter-App auf einen Link, so öffnet sich dieser im Browser. Twitter-App und Browserfenster liegen in der Kartendeck dann auf einem gemeinsamen Stapel. Die beiden Programme lassen sich immer noch einzeln anwählen, und wer möchte, kann die automatisch generierten Haufen auch aufdröseln und neu zusammenmischen.

Dennoch wäre es uns lieber, wenn diese Kartenstapel mehr wie Widgets funktionierten. Multitasking ist sicherlich praktisch: Ein Spiel lässt sich unterbrechen, wenn man auf eine gerade eingetroffene SMS reagieren möchte, und anschließend problemlos wieder fortsetzen. Aber es wäre doch praktischer, wenn sich die Apps einfach in einer Miniaturform auf dem Homescreen ablegen ließen. In der Praxis führt das dazu, dass wir die Apps einfach dann öffnen, wenn wir sie brauchen und nicht massenweise in unserem Kartendeck bunkern.

Palm hat die Menüstruktur des Pre 2 überarbeitet. Icons lassen sich jetzt auf mehrere Bildschirme verteilen. Außerdem ist es möglich, Seiten zu dem Menü hinzuzufügen oder zu entfernen. Das sind alles willkommene Neuerungen, doch wer schon einmal ein halbwegs aktuelles Palm-Smartphone in den Händen hatte, wird hier kein besonders großes Aha-Erlebnis erfahren. Wer noch nie einen Pre oder Pre Plus gesehen hat: Die Bedienung macht Spaß, ist effizient, und die Menüs sind hübsch anzusehen. Nach wenigen Minuten gibt es keine Orientierungsschwierigkeiten mehr und man wischt und tippt sich sicher durch die Dialoge ins Ziel.

Just Type

Eine der großen Neuerungen bei WebOS 2.0 ist die Suchfunktion. Die Universal-Suche heißt jetzt Just Type, einfach tippen. Und genau so funktioniert’s auch: Der Nutzer fängt einfach auf dem Homescreen an, in die Tasten zu hauen, und schon öffnet sich ein Dialog zum Durchsuchen des Internets, der Kontakte oder sonstiger auf dem Telefon gespeicherter Daten sowie zum Absenden von E-Mails oder Kurznachrichten und so weiter. Das Feature ermöglicht einen sehr schnellen und intuitiven Zugriff auf zahlreiche Funktionen des Smartphones und im Speicher abgelegte Inhalte. Ungewohnt ist hier lediglich, dass man sich jetzt noch vor dem Öffnen der E-Mail-Anwendung Gedanken über den Inhalt machen muss – die Gedenkpause fällt schlicht und ergreifend weg.

Entwickler haben die Möglichkeit, ihre eigenen Such-Plug-Ins zu schreiben. So lässt beispielsweise einfach die Facebook-Webseite öffnen und mit der Just-Type-App durchforsten – wahlweise steht auch eine der integrierten Suchmaschinenen zur Verfügung, beispielsweise Google [4]. Ob die diversesten Homepage-Entwickler sich allerdings dazu hinreißen lassen, zusätzlich zu Chrome-Extensions, Firefox-Plugins, iPad-Versionen und sonstwas auch noch eine Extrawurst für Palm zu machen? Wir werden sehen.

Surfen & Software

Im Gegensatz zu den Konkurrenten Google und Apple [5] hat es Palm schwer, Programmierer an Land zu ziehen und den App Store zu füllen. Ein paar Größen sind zwar bereits vertreten – etwa Facebook. Aber es gibt immer noch viele Löcher, und beispielsweise keine offizielle Twitter-App. Außerdem ist die Auswahl an kostenlosen Programmen sehr gering. Die meisten hochwertigen Anwendungen lassen sich deren Macher bezahlen. Selbst BlackBerrys App World scheint im Vergleich zu Palms virtuellem Software-Ramschladen gut gefüllt zu sein. Sicherlich gibt es auch hier den einen oder anderen Diamanten, aber man muss eben viel länger danach suchen.

Palm will dieser Knappheit mit ein paar verschiedenen Strategien zu Leibe rücken. So gibt es beispielsweise ein „PDK“, das das Portieren von Software auf das Palm-Betriebssystem zum Kinderspiel machen soll. Angeblich lernten die Angry Birds binnen 48 Stunden auch auf WebOS das Fliegen. Mit Palms kürzlicher Hochzeit mit HP dürfte sich das Budget außerdem deutlich gesteigert haben. Wir hoffen, dass der App Catalog zeitig davon profitiert. Denn wer sich heute eine Palm-Smartphone kauft, muss für gute Apps noch zahlen – oder findet gleich gar keine passende Anwendung.

Dank WLAN-Funk und einem großartigen Browser macht das Surfen richtig Spaß. Der Palm Pre 2 stellt im Test die Seiten zügig und korrekt dar. Wer für seinen Zweck die gewünschte App nicht findet, kann also immer noch auf den Browser ausweichen, um seinen Kram zu erledigen.

Flash gibt es jetzt übrigens auch – sogar in funktionierend. Ganz so flüssig wie unter Android fühlt sich das allerdings noch nicht an. So gibt es beispielsweise Probleme damit, von den Steuerelementen eines Videoplayers wieder zurück zur darum herumgebauten Seite zu wechseln und sich hier durchzuklicken. Wir konnten außerdem keine Möglichkeit finden, ein Flash-Video aufs Vollbild zu bringen. Unter Android ist das eine leichte Übung.

Das 3,1-Zoll-Display ist gestochen scharf und lässt sich gut ablesen. Selbst nachdem wir das HTC [6] Desire HD mit seinem monströsen 4,3-Zoll-Bildschirm ausprobiert haben, bekommen wir auf der Pre-2-Anzeige keine Platzangst. Wer keinen gewaltigen Smartphone-Prügel mit sich herumschleppen möchte, ist bei dem handlichen Palm-Handy sicherlich gut beraten. Das gilt insbesondere für Vieltipper: Die ausziehbare Tastatur macht einen hervorragenden Eindruck.

Einer der größten Kritikpunkte am Palm Pre war die miese Akkulaufzeit. In diesem Punkt hat der Pre 2 anscheinend ordentlich Boden gutgemacht. Auch bei intensiver Nutzung – heißt: mit etlichen geöffneten Karten und aktivierter automatischer Synchronisierung von Facebook und Twitter – kommen wir eineinhalb Tage mit einer Ladung aus. Erfreulich ist hier auch, dass das Rückteil, das für das Touchstone-Induktionsladegerät erforderlich ist, bereits im Karton liegt. Die Ladestation muss man allerdings immer noch separat kaufen.

Die gekrümmte Plastikscheibe über dem Bildschirm gehört nun der Vergangenheit an. Stattdessen verbaut Palm eine flache Glasscheibe. Zwar hat uns das rundlichere Design gut gefallen, aber mit dem platten Bildschirm kommen wir ebenfalls gut zurecht. Zudem er deutlich mehr aushalten dürfte als die Kunststoffscheibe. Der Slide-Mechanismus der Tastatur macht einen besseren Eindruck als beim Vorgänger, wirkt aber immer noch nicht ganz so solide, wie wir es uns wünschen würden. Die Kamera löst nun 5 Megapixel auf und bringt einen LED-Blitz mit.

Fazit

Der Palm Pre 2 ist seinem Vorgänger Pre relativ ähnlich – was nicht unbedingt ein Minuspunkt ist. Wie die vorherigen Pre-Smartphones ist auch Palms neuester Streich schnell und gut zu bedienen. Das fingerfreundliche und hübsche Interface hat eine Reihe von kleinen erfreulichen Verbesserungen erfahren. Das große Problem ist jedoch, dass andere Hersteller im Tagesrhythmus gigantische Android-Boliden in allen Formen und Farben auf den Markt schießen. Irgendwo dazwischen steht dann noch der iPhone-Gigant, irgendwo schwimmt noch ein kleines Windows Phone 7 durch die Suppe und irgendwo schrumpft Symbian vor sich hin. Sich hier als Betriebssystem-Einzelkämpfer zu behaupten dürfte, wenn man nicht gerade Apple heißt, keine leichte Aufgabe sein.

Trotzdem hat es Palm geschafft, mit dem Pre 2 ein sehr schickes und toll zu bedienendes Gerät auf den Markt zu bringen. Wer mit der eingeschränkten App-Auswahl leben kann, sollte sich das Smartphone durchaus näher ansehen. Wer skeptisch ist und kein Risiko eingehen möchte, sollte zu einem anderen Gerät greifen und abwarten, wie sich Palm App Catalog entwickelt. Wir haben uns in diesem Testbericht vornehmlich auf die Neuerungen des Pre 2 konzentriert. Zusätzliche Details zu Palms Smartphones gibt es in unserem Einzeltest vom Palm Pre [7].

Artikel von CNET.de: https://www.cnet.de

URL zum Artikel: https://www.cnet.de/41541295/palm-pre-2-im-test-schick-schnell-intelligent-aber-akuter-app-mangel/

URLs in this post:

[1] Smartphone: http://www.cnet.de/themen/smartphone/

[2] Android: http://www.cnet.de/themen/android/

[3] Palm Pre 2 mit WebOS 2.0: erste Fotos vom zweiten Versuch: https://www.cnet.de/41539515/palm-pre-2-mit-webos-2-0-erste-fotos-vom-zweiten-versuch/?pid=1#sid=41541295

[4] Google: http://www.cnet.de/unternehmen/google-inc/

[5] Apple: http://www.cnet.de/unternehmen/apple/

[6] HTC: http://www.cnet.de/unternehmen/htc/

[7] Einzeltest vom Palm Pre: https://www.cnet.de/tests/handy/41004971/im_test_palm_pre_innovatives_webos__aber_kein_iphone_killer.htm