Schon im Test: Motorola Xoom mit Tablet-Android Honeycomb

von Daniel Schraeder und Donald Bell am , 20:25 Uhr

Pro
  • Android 3.0 ist äußerst vielversprechend
  • Dual-Core-Prozessor
  • Flash-Unterstützung
  • Hardware wirkt wertig
Con
  • vermutlich hoher Preis
  • Gefahr von Kinderkrankheiten beim ersten Honeycomb-Tablet
  • Gehäusekanten laufen etwas scharf zu
Hersteller: Motorola Listenpreis: steht noch nicht fest
ZDNet TESTURTEIL: SEHR GUT 7,7 von 10 Punkte
Fazit:

Das Datenblatt des Motorola Xoom liest sich so vielversprechend, dass selbst Steve Jobs Magenverstimmungen bekommen könnte. Aber der Preis ist hoch, wenn nicht sogar höher als beim iPad, und in der ersten "richtigen" Tablet-Version von Android lauern viele Unbekannte.

Seit heute gibt es mit dem Motorola Xoom in den USA das erste Android-Tablet mit der speziell an die große Display-Auflösung angepassten Version des Google-Betriebssystems namens 3.0 oder Honeycomb. Unsere Kollegen von CNET.com haben den potentiellen iPad-Killer bereits ausführlich unter die Lupe genommen.

Das Motorola Xoom konnte schon bei seiner Vorstellung im Januar einen dicken Plus-Punkt verbuchen: Es war zum Zeitpunkt seiner Vorstellung das erste Honeycomb-Tablet und damit das erste Gerät seiner Kategorie, das mit der speziell für die Anforderungen von Tablets angepassten Version von Googles Android [1]-Betriebssystem gezeigt wurde. Beziehungsweise eben nicht, denn auf der CES [2] war Honeycomb noch gar nicht fertig – und zu sehen gab es lediglich ein paar Videos der künftigen Oberfläche. Inzwischen hat Google [3] Android 3.0 ganz offiziell vorgestellt – und das Motorola Xoom schafft quasi just in diesem Moment den Sprung in die amerikanischen Läden.

Dort ist es ab heute beim Mobilfunk-Provider Verizon für mächtige 800 Dollar ohne respektive 600 Dollar mit Vertrag zu haben – und ist damit teurer als das iPad. Damit ist klar, das hier ist kein billiger Abklatsch. Sondern selbstbewusste High-Tech mit Qualitäten, die zumindest das aktuelle Apple [4]-Tablet nicht vorweisen kann. Im Detail heißt das beispielsweise HDMI-Ausgang, Dual-Core-Prozessor, Multimegapixel-Kamera und viel RAM. Klingt schon mal gut, wenn man auf technische Daten Wert legt. Unsere Kollegen von CNET.com haben ihr Testgerät bereits erhalten und ausführlich getestet, ob dieses Ausstattungsmaximum auch in der Praxis überzeugt.

In Deutschland müssen wir übrigens noch Geduld haben. Motorola nennt derzeit weder Einführungsdatum noch Preisvorstellung. Schnäppchenjäger sollten sich aber keine allzugroßen Hoffnungen machen, denn der Dollarkurs-Vorteil wird üblicherweise durch Steuern, Zoll & Co. wieder aufgefressen – womit das Gerät hierzulande bei seiner Markteinführung vermutlich um die 800 Euro kosten wird.

Design und Hardware

Mit einer Display-Diagonale von 10,1 Zoll überragt der Bildschirm den des iPad um 0,3 Zoll. Das heißt allerdings nicht, dass auch das Gerät größer ist: Stattdessen ist das Motorola sogar ein Stück schmaler als das Apple-Tablet. Der Grund dafür ist das leicht andere Seitenverhältnis des Monitors. Er ist im 16:10-Format gehalten und löst 1280 mal 800 Pixel auf, während das iPad mit 1024 mal 768 Punkten auf das klassische 4:3-Seitenverhältnis setzt.

In der Praxis heißt das, dass man das Xoom üblicherweise im Querformat vor sich hält. Diese intuitive Haltung wird auch noch von den entsprechend positionierten Logos von Hersteller und Provider unterstützt. Das ist ein gravierender Unterschied zur „Standardhaltung“ des iPad, das man auf Anhieb im Hochformat in die Hände nehmen würde – allein schon deswegen, um den Home-Button im feinsten iPod-Touch- und iPhone-Stil unten zu sehen. Natürlich drehen sowohl Xoom als auch iPad im Zweifelsfall offene Anwendungen, Fotos oder Webseiten automatisch mit.

Insgesamt profitieren die Abmessungen des Xooms auch von seinem schlankeren Rahmen. Während sich die Glasscheibe bei Apple noch fast zwei Zentimeter über das Display-Panel heraus in Richtung Rahmen zieht, ist es bei Motorola mit etwa 1,2 Zentimeter ein merkliches Stück weniger. Das hat Vor- und Nachteile: Es sieht natürlich gut aus, und man muss mit den Fingern einen weniger weiten Weg zurücklegen, um beim Scrollen auf die berührungssensitive Fläche zu kommen. Aber auf der anderen Seite bleibt weniger Platz für die Finger, um das Tablet zu greifen und es zu halten, was auch in Anbetracht des im Vergleich zum iPad höheren Gewichts des Xoom den Komfort bei der Bedienung schmälert. Vor allem mit einer Hand hält man die Apple-Flunder zumindest deutlich besser als das Motorola.

Apropos Bedienung: Für die virtuelle Tastatur hat Motorola fast schon Standing Ovations verdient. Die Größe der Tasten, deren Platzierung und ihren Abstand könnte man fast schon als perfekt bezeichnen. Somit tippt es sich im Hoch- wie im Querformat flott und fehlerfrei. Daran hat auch die Multitouch-Unterstützung des Tastenfelds ihren Anteil, sowie die dedizierte Smiley-Taste oder der Tabulator-Button, der bei Formularen komfortabel den Wechsel zwischen Feldern ermöglicht.

Ganz oben hat eine 3,5-Millimeter-Klinkenbuchse ihren Platz in der Mitte gefunden. Links davon verbergen sich microSD-Speicher- und SIM-Karte hinter einer abnehmbaren Abdeckung, wobei beide Steckplätze zum Verkaufsstart deaktiviert sind: Für das Netz des US-Mobilfunkproviders Verizon ist keine SIM-Karte nötig, und die Speichererweiterung funktioniert schlicht nicht. Sie soll aber in Kürze über ein Firmware-Update aktiviert werden, und später soll das Xoom gar durch ein Hardware-Update fähig für die nächste Mobilfunkgeneration werden – und damit auch den SIM-Kartenslot in den USA verwenden. Hierzulande werden beide Einschübe vermutlich bereits ab Verkaufsstart funktionieren.

Auf der Unterseite des Xoom entdecken wir Micro-USB, Micro-HDMI, Ladebuchse und ein integriertes Mikrofon. Um ein Bild aus dem Videoausgang zu erhalten, mussten wir das Tablet allerdings erst in das optionale HD-Speaker-Dock stecken – in den USA wechselt es für knapp 130 Dollar den Besitzer. Im Gegensatz zum Atrix [5] startet hier allerdings kein explizites Multimedia-Interface. Stattdessen wird das Bild einfach auf den Fernseher geklont.

Auf der Rückseite gibt es eine 5-Megapixel-Kamera mit Doppel-LED-Blitz, zwei Lautsprecher für den Stereo-Effekt und eine Ein-Aus-Lock-Taste. Auch hier fällt wieder auf, dass das Gerät für den Einsatz im Querformat gedacht ist – ansonsten verdeckt man die Linse der Kamera sehr schnell. Die Qualität der Fotos entspricht im Übrigen etwa der von aktuellen Smartphones der gehobenen Klasse. Gut, aber nicht überragend und noch nicht auf dem Niveau aktueller Kompakt-Digicams. Und schon der eine oder andere unabsichtlich auf der Linse hinterlassene Fingerabdruck schmälert den Eindruck sichtlich. Ähnliches gilt auch für Videoaufnahmen, die im 720p-HD-ready-Format im internen Speicher landen. Im Alltagseinsatz kommen wir uns übrigens relativ blöd vor, wenn wir mit dem großen Kasten vorm Gesicht auf Motivsuche gehen. Aber immerhin, es ist eine Kamera vorhanden, wenn man sie mal braucht, und Apple hat viel Kritik für den Verzicht auf die Linse beim iPad geerntet.

Darüber hinaus gibt es noch eine zweite Digicam auf der Vorderseite des Xoom – gedacht für Videotelefonate. Mit der vorinstallierten Google-Talk-Anwendung klappt das im Test einwandfrei, sowohl über WLAN als auch über die Datenverbindung des Handynetzes.

Unter der Haube überzeugt das Motorola ebenfalls. Der 1-GHz-Dualcore-Prozessor bringt die nötigen PS für eine anständige Leistung mit, dazu gibt es 1 GByte RAM. Das reicht in der Praxis aus, um flotte Reaktionen auch bei intensiver Nutzung und vielen gleichzeitig geöffneten Apps und Browser-Fenstern zu ermöglichen.

Ansonsten erinnert uns das Gerät wieder stark an aktuelle Smartphones. Bluetooth 2.1 inklusive A2DP für Stereo-Audio und die Unterstützung von kabellosen Tastaturen ist ebenso vorhanden wie WLAN nach dem aktuellen n-Standard, dazu gesellen sich Sensoren für Bildschirmhelligkeit, Beschleunigung und Bewegung. Selbst ein Barometer ist integriert, bislang gibt es aber noch keine Software, die es nutzt. Künftig dürfte es vor allem bei der Höhenmessung eingesetzt werden, die über GPS relativ ungenau ist.

Honeycomb

Bis dato haben sich Android-Tablets bei der Bedienung nicht vom bekannten Smartphone [6]-Look-and-Feel unterschieden. Sowohl das Betriebssystem selbst als auch alle Apps und Entwicklertools waren an die kleinen Handy-Displays angepasst – und das merkt man auch in der Praxis.

Die neue Android-Version 3.0 alias Honeycomb ist erstmals explizit an die Touchscreen-Computer angepasst. Das heißt natürlich, dass sich auch erfahrene Android-Nutzer zunächst an Oberfläche und Bedienung gewöhnen müssen. So gibt es beispielsweise beim Tablet nicht die bekannten Smartphone-Tasten für Home, Zurück, Menü und Suchen. Kontextmenüs etwa öffnen sich über eine Berührung im oberen Display-Bereich, Benachrichtigungen tauchen unten rechts auf.

Der Homescreen erinnert aber mehr an Android als an iOS. Auf den ersten Blick erhascht man hier als Anwender viel mehr Informationen, denn wie bei den Google-Smartphones gibt es massig Platz für hübsche und informative Widgets, die sich nach Belieben frei positionieren lassen. So ist etwa der Blick auf neue E-Mails, neue Youtube-Streams in abonnierten Kanälen, Tweets oder Facebook-Updates möglich, ohne eine App zu starten – während Apple-Nutzer „nur“ auf die Icons der installierten Programme blicken. Insgesamt wirkt das wie ein gelungener Kompromiss aus einem chaotischen Windows-Desktop und einem stringent aufgeräumten Smartphone-Homescreen. Das ist bestimmt Geschmackssache, aber uns gefällt’s.

Honeycomb drückt die Tablets damit in eine interessante neue Richtung, lässt die klare Grenze zwischen Computer beziehungsweise Note- oder Netbook und Smartphone aber verschwimmen. Das hat sicherlich viele Vorteile, aber auch einen hohen Preis: Ganz so klar, logisch und simpel wie beim iPad ist die Bedienung hier zumindest auf Anhieb nicht. Und auch im Detail bleibt noch Optimierungsbedarf. Beim Anpassen des Homescreens müssen Anwender sich durch verschiedene Menüpunkte wie Widgets, Verknüpfungen oder Anwendungen wühlen. Die Belohnung dafür ist natürlich eine hervorragende Individualität und Flexibilität.

Leistung

Wie bereits erwähnt ist das Xoom extrem flott. Darüber hinaus freuen wir uns besonders, dass auch das Display von hervorragender Qualität ist. Die Auflösung ist hoch genug, um angenehm scharfe Bilder darstellen zu können, und dank der IPS-Displaytechnik können wir uns auch nicht über maue Blickwinkel beschweren. Wer das Haar in der Display-Suppe suchen möchte, kann sich allerdings über die im Vergleich zum iPad nicht ganz so hohe Maximalhelligkeit beschweren, was speziell bei der Nutzung im Freien durchaus ein Problem sein kann.

Laut Hersteller soll der Akku des Xoom 10 Stunden bei der Wiedergabe von Videos durchhalten – was zufälligerweise exakt dem gleichen Wert des iPads entspricht. Dazu passt es bestens, dass das Motorola-Tablet zumindest derzeit noch keine Flash-Unterstützung mitbringt, die von Apple bereits als Akku-Killer stigmatisiert wurde. Doch diese Funktion soll kurzfristig über ein Update nachgereicht werden, und anscheinend arbeitet Adobe derzeit daran, Flash für den Tegra-Prozessor zu optimieren.

Unsere Akku-Tests laufen noch. Die ersten Ergebnisse sind vielversprechend. Wir werden den Artikel demnächst aktualisieren.

Warum das iPad noch nicht tot ist

Das Motorola-Tablet bringt soft- wie hardwareseitig einige Punkte mit, gegen die Apple mit dem aktuellen iPad nicht anstinken kann. Doch unterm Strich gibt es dennoch viele gute Gründe, die für das „Original“ sprechen – allem voran die Apps. Selbst der gigantische Android-Market hat auf den App Store noch nicht aufgeholt, und seit der Vorstellung des iPads im April letzten Jahres wurden allein 60.000 Programme speziell für das Tablet neu eingestellt. Abgesehen von Spielen, die sich leicht auf größere Auflösungen skalieren lassen, mangelt es vor allem in diesem Punkt noch mächtig bei Google. Aber kein Wunder, schließlich ist noch kein entsprechendes Gerät verfügbar. Dennoch sollte man diesen Punkt bei einer anstehenden Kaufentscheidung im Hinterkopf behalten – wie auch die Tatsache, dass Apple wohl nächste Woche das iPad 2 präsentieren dürfte.

Außerdem gibt es hier kein iTunes. Mit allen Vor- und Nachteilen versteht sich, aber der Durchschnittsnutzer wird wohl eine Möglichkeit vermissen, legal und komfortabel an hochauflösende Videos, Serien und Filme zu kommen oder die entsprechenden Daten mit dem Computer zu synchronisieren.

Darüber hinaus ist zum Zeitpunkt der Markteinführung auch der Preis schlicht kein Verkaufsargument – und da das iPad schließlich das Original ist, werden Provider, Händler und Hersteller einiges an Überzeugungsarbeit zu leisten haben.

Fazit

Trotz aller Kritik: Das Xoom begeistert! Stand heute ist es die beste Alternative zum iPad, die wir in den Fingern hatten, und Stück für Stück werden Killerfeatures wie Flash-Unterstützung, 4G-Mobilfunk und Software-Updates einfließen, die den Abstand immer kleiner machen. Das größte Problem dürfte zunächst der hohe Preis sein – nur Android-Fans und Apple-Hasser werden diesen Punkt vor sich selbst rechtfertigen können. Doch so preisstabil wie Apple halten die Handy-Hersteller ihre Produkte üblicherweise nicht, womit wir guter Dinge sind, hier auch mittelfristig interessante Angebote zu sehen. Das Potential ist auf jeden Fall da. Jetzt muss das Gerät nur noch nach Deutschland kommen.

Artikel von CNET.de: https://www.cnet.de

URL zum Artikel: https://www.cnet.de/41549354/schon-im-test-motorola-xoom-mit-tablet-android-honeycomb/

URLs in this post:

[1] Android: http://www.cnet.de/themen/android/

[2] CES: http://www.cnet.de/themen/ces-2014/

[3] Google: http://www.cnet.de/unternehmen/google-inc/

[4] Apple: http://www.cnet.de/unternehmen/apple/

[5] Atrix: https://www.cnet.de/tests/handy/41549290/schon_im_test_motorola_atrix_mit_fingerabdruckleser_und_dock_funktion.htm

[6] Smartphone: http://www.cnet.de/themen/smartphone/