HP TouchPad im Test: iPad-Killer mit einer Handvoll Apps und WebOS?

von Daniel Schraeder, Donald Bell und Joachim Kaufmann am , 19:38 Uhr

Pro
  • gefälliges WebOS-User-Interface
  • hervorragender Webbrowser mit Flash-Unterstützung
  • gute Audio-Qualitäten
  • hervorragende Integration von E-Mail-, Kalender- und Messaging-Funktion
Con
  • dickes und billig wirkendes Plastik-Gehäuse
  • weder rückseitige Kamera noch HD-Videoaufnahmefunktionen
  • vergleichsweise wenige Apps verfügbar
  • Multitasking-System könnte besser implementiert sein
Hersteller: HP Listenpreis: in USA: 499 Dollar (16 GByte), 599 Dollar (32 GByte)
ZDNet TESTURTEIL: GUT 7,0 von 10 Punkte
Fazit:

Das HP TouchPad hätte das Potential gehabt, Apples iPad vom Thron zu stoßen - nur die geringe App-Auswahl ist ein ganz eindeutiger Minuspunkt. Aber in Anbetracht des Plastik-Gehäuses werden sich Design-Fans und Apple-Jünger wohl nur schwer mit dem HP-Tablet anfreunden können. Auch Ausstattung und Geschwindigkeit liegen hinter den meisten Konkurrenten.

Das TouchPad ist da: HPs erstes Tablet mit dem hauseigenen WebOS. Mit Innovationen wie der induktiven Ladeschale TouchStone, die ohne Kabel und Stecker arbeitet, mit hervorragender E-Mail- und Messaging-Implementierung. Aber auch mit ein paar Haken, die dem iPad wohl auf absehbare Zeit den Thron retten. Unsere Kollegen von CNET.com haben das TouchPad ausführlich getestet.

HP hätte den leichten Weg gehen können. Und sich, wie die meisten PC-Hersteller, die sich derzeit in den Tablet-Markt wagen, einfach bei Googles Android [1]-Betriebssystem bedienen können. Zack, etwas Design, ein
bisschen Hardware-Entwicklung, und fertig ist das Honeycomb-Tablet mit HP-Logo auf der Vorder- oder Rückseite. Aber stattdessen wagt sich das Unternehmen auf den viel längeren, steinigen Weg. Man hat andere Firmen – allen voran Palm – aufgekauft, um ein eigenes Ökosystem zu schaffen, mit eigener Hard- und Software. Und mit der Chance, gegen Apple [2] anstinken zu können.

Aus den ganzen Anstrengungen ist nun mit dem HP TouchPad die erste Frucht hervorgegangen. In einem Tablet-Markt, der sich zum allergrößten Teil zwischen Apple und Google [3] aufteilt, ist das TouchPad eine erfrischende Alternative mit einem anderne Konzept, wie diese Art von Geräten funktionieren soll – und wie Anwender mit ihnen umgehen.

Das TouchPad kommt vorerst in zwei Ausführungen mit 16 oder 32 GByte Speicher in den USA auf den Markt und kostet dort 499 respektive 599 Dollar. Für Deutschland hat HP noch keine Preise genannt, die Geräte werden jedoch in zwei Wochen in München der Presse vorgestellt. Mit diesem Preispunkt geht HP konkurrenzfähig, aber nicht billig in den Markt.

In Anbetracht der im Vergleich zum iPad geringen App-Anzahl von insgesamt etwa 8000 Anwendungen und reinen Tablet-Apps im dreistelligen Bereich wirkt der Preis zwar dennoch etwas hoch – aber immer der Reihe nach.

Design

Das WebOS-Betriebssystem auf dem TouchPad wirkt durchdacht und einzigartig, aber die Optik des Tablets geht eher in die gegenteilige Richtung. Es ist einen guten Zentimeter dick und eingepackt in glänzendes Plastik – damit erinnert uns das TouchPad eher an ein Scheidbrett für die Küche als an die kühlen Alu-Designs von iPad, Xoom & Co.

Aber wir bleiben ja fair und ergänzen diese Aussage um einen entscheidenden Punkt: Das Gerät fühlt sich grundsolide an. Wir stören uns eher an der unzeitgemäßen Bauhöhe – okay, das Xoom ist in diesem Punkt auch nicht soooo viel besser – und an der billigen Materialauswahl.

Immerhin gibt es ja einen guten Grund für den großzügigen Einsatz von Kunststoff. Denn den vom Palm Pre bekannten TouchStone gibt es auch für das Tablet – und damit die induktiv arbeitende Ladeschale, die den Stromspeicher wieder aufpumpt, indem man das Gerät einfach nur darauf ablegt. Dennoch hätte es die elektromagnetischen Wellen sicherlich nicht abgehalten, wenn die HP-Designer ihrem jüngsten Spross ein paar Texturen ins Plastik geschnitten hätten – so, wie es Asus beispielsweise beim Eee Pad Transformer macht. Sorry, dass wir so lang auf diesem Thema herumreiten, aber Tablets hält man nun einmal regelmäßig und für eine lange Zeit in den Händen. Und dann sollten sie sich gut anfühlen.

HP packt die üblichen Elemente in seinen iPad-Konkurrenten, darunter dedizierte Tasten für die Lautstärkeregelung und die Bildschirmsperre sowie einen großzügig bemessenen Home-Button. Zwei schmale Lautsprechergitter haben ihren Platz auf der linken Seite gefunden. Der Platz ist nicht ganz geschickt gewählt, denn man deckt sie schnell ab, wenn man das Gerät im Querformat hält. Auf der Oberseite hat HP die Klinkenbuchse zum Anschluss von Standard-Kopfhörern untergebracht, und unten befindet sich der Micro-USB-Port zum Aufladen des Akkus sowie zum Übertragen von Daten.

Die Wahl von Micro-USB wirkt auf uns gleichermaßen angenehm wie kurzsichtig. Wir freuen uns zwar, dass das TouchPad eines der wenigen Geräte seiner Art ist, die mit handelsüblichen Kabeln funktionieren. Aber in Anbetracht der Tatsache, dass nahezu alle anderen Hersteller früher oder später irgendwelche Adapter oder Docks ins Programm aufnehmen, mit denen der Anschluss an Fernseher, Monitore oder anderes Zubehör möglich ist, scheint sich HP soetwas für die nächste Generation aufzusparen.

Im Vergleich zu vielen seiner Konkurrenten fehlt dem Touchpad außerdem ein mechanischer Schalter, der das automatische Mitdrehen des Display-Inhalts auf Wunsch unterbindet. Auf die Funktion selbst muss man zwar nicht verzichten: Sie lässt sich über ein einfaches Pull-Down-Menü per Software aktivieren. Aber ein Schiebeschalter, wie wir ihn beispielsweise vom Acer [4] Iconia Tab oder vom iPad her kennen, ist uns im Praxis-Einsatz deutlich lieber.

Ausstattung

Okay, die Optik ist wichtig – aber letztlich nützt sie nichts, wenn der Rest des Produkts nichts taugt. Also werfen wir mal einen Blick auf die Hardware. Unter der Haube werkelt ein Dual-Core-Prozessor vom Typ APQ8060 von Qualcomm mit einer Taktfrequenz von 1,2 GHz. Ihm steht 1 GByte Arbeitsspeicher zur Verfügung. Der Nutzerspeicher beträgt, je nach Modell, 16 oder 32 GByte. Einen microSD-Speicherkartenslot zur Erweiterung gibt es nicht.

Das Display auf der Oberseite misst 9,7 Zoll in der Diagonalen und hat eine Auflösung von 1024 mal 768 Pixeln – beide Werte entsprechen denen des iPads. Der Touchscreen arbeitet nach der berührungsempfindlichen kapazitiven Technik und unterstützt Mehrfingereingaben. GPS ist nicht an Bord – dementsprechend kann die Positionierung nur über WLAN (nach 802.11n) erfolgen. In der Praxis dürfte das aber ausreichen, da man kaum mit dem Tablet als Navigationssystem in der Hand durch fremde Innenstädte laufen wird.

Und als Spiegelreflex-Ersatz werden wir das TouchPad wohl auch nicht benutzen. Nicht nur, weil es ähnlich unpraktisch ist wie der Einsatz als Navi, sondern schlicht und ergreifend auch deswegen, weil es auf der Rückseite keine Kamera gibt. Dementsprechend können wir das Fehlen der Linse verzeihen. Nur die Tatsache, dass ähnlich teure Konkurrenten besser ausgestattet sind, hinterlässt einen leicht faden Beigeschmack.

Die für Videotelefonie ohnehin viel wichtigere Frontkamera ist aber an Bord. Nur: Im Moment nützt sie nicht viel. Denn die vorinstallierte Messaging-App ermöglicht zwar den Kontakt ins Skype-Netzwerk, aber einen Video-Anruf konnten wir damit nicht starten. Auch das Anfertigen von Selbstporträts müssen wir zunächst verschieben, denn eine entsprechende App ist nicht von Haus aus auf dem Tablet.

Software

Im Dock des Homescreens sind die fünf wohl wichtigsten Anwendungen eingeklingt, also Webbrowser, E-Mail-Client, Messenger, Foto-Album und Kalender. Der Webbrowser ist übersichtlich und funktioniert gut. Wie der iPad- und der Androidbrowser auch basiert er auf der WebKit-Engine, und im Gegensatz zu Apple-Produkten unterstützt er Flash. Damit laufen Youtube-Videos direkt auf der Webseite, ohne, dass eine zusätzliche App nötig ist. Allerdings wirkt der Browser selbst etwas zäh. Vor allem die Flash-Integration gefällt uns beispielsweise beim PlayBook von Blackberry besser. Die üblichen Einstellungen zu Pop-Up-Blocker, Cookies oder JavaScript finden sich in intuitiven und übersichtlichen Pull-Down-Menüs. Was uns allerdings fehlt, sind Ordner für die Favoriten, ein Privat-Modus und das Synchronisieren von Bookmarks.

Der E-Mail-Client gehört zu den herausragenden Funktionen des TouchPad. Während der Einrichtung fragt das Gerät geduldig nach allen Postfächern, die sein Besitzer so haben könnte, darunter Googlemail, Exchange und Yahoo. Danach gibt es ein dreispaltiges Layout zu sehen, das die verschiedenen Postfächer, die Liste der Nachrichten und die Vorschau einer ausgewählten E-Mail auf einen Blick darstellt. Wer eine Nachricht beantworten möchte, sieht, wie sich die entsprechende Mail wie ein Pop-Up aus der Ansicht herauslöst und über die E-Mail-App legt, Dort kann man sie sofort bearbeiten oder wie einen Merkzettel hinter den Posteingang schieben, um später darauf zurück zu kommen. Das ist ein anderer Ansatz, als wir ihn vom iPad her kennen – und zwar einer, der sich mehr an der Arbeitsweise eines Desktop-Computers als an der eines Handys anlehnt. Uns gefällt das bestens.

Das passt auch zur Art und Weise, wie WebOS mit Multitasking umgeht. Während bei einem PC jede Anwendung und jedes Dokument in einem separaten Fenster angezeigt wird, bedient sich WebOS stattdessen so genannter Karten, die in Stapeln – den sogenannten Stacks – zusammengefasst werden. Sie bilden eine bestimmte Aufgabe ab. So tauchen beispielsweise Websites, zu denen man durch den Klick auf einen Link in einer Mail navigiert, im selben Stapel wie die eigentliche E-Mail auf. Das stellt eine Verbindung zwischen Fenstern her und bietet eine völlig neue Art von Multitasking.

Zumindest in der Theorie, denn manchmal funktioniert diese Logik eben nicht: Öffnet man aus der E-Mail heraus weitere Fenster, ohne das erste zu schließen, werden sie nicht im selben, sondern in einem anderen Stack angezeigt. Das wirkt schlicht nicht ganz konsistent.

Erfreulicherweise erlaubt WebOS die volle manuelle Kontrolle über die Organisation der Stacks: So kann man beispielsweise eine E-Mail-Antwort aus einem Stack herausziehen und sie als separate Aufgabe betrachten. Auch ein in Quickoffice erstelltes Dokument lässt sich in einem beliebigen, anderen Stapel unterbringen. Anwender, die ihr Leben in kleinen Stapeln organisieren, werden sich in WebOS heimisch fühlen.

Leider nutzen einige Apps die Idee dahinter aber nicht voll aus: So ist der Kalender nie mehr als eine Karte. Es ist beispielsweise nicht möglich, Termine oder andere Kalender separat zu öffnen. Man muss HP aber die vorbildliche Zusammenfassung von Kalendern verschiedener Dienste, wie Facebook, Google oder Exchange, zu Gute halten – das ist nicht einfach umzusetzen.

Die Foto-App des TouchPad ist eine weitere verpasste Chance für die Nutzung der Stacks auf dem Startbildschirm. Man könnte sich vorstellen, mehrere Fotos auf dem Startbildschirm auszubreiten oder relevante Bilder mit Präsentationen zu stapeln. Leider zeigt die Photo App aber nur eine Karte, die wie eine billige Imitation der Fotoanzeige des iPads daherkommt. Verwirrend ist zudem, dass die Haupansicht der Photo App Bilder zwar als Stapel anzeigt, dieser aber nicht die Möglichkeiten anderer Stacks bietet. Es ist also nicht möglich, einzelne Karten herauszuziehen und neu zu organisieren. Letztlich handelt es sich nur um einen optisch aufgerüsteten Ordner. Dies ist ein weiterer Punkt, der zeigt, dass es an Konsistenz fehlt.

Die Photo App hat aber auch einige positive Aspekte: Wie in der E-Mail- und der Kalender-App gibt es auch hier eine Integration von Inhalten aus anderen Quellen. In der Photo App sieht man beispielsweise Bilder aus Facebook, Photobucket und Snapfish. Sie werden heruntergeladen und auf dem Touchpad zwischengespeichert. Sogar die Kommentare zu Facebook-Fotos sind zu sehen. Einige der großen Namen im Fotobereich fehlen aber, etwa Picasa und Flickr. HP plant jedoch mit den Synergy Services die Einbindung weiterer Dienste, die Anwender aus dem App Store herunterladen sollen. Ob jemand die notwendigen Plugins entwickelt, muss sich aber erst noch zeigen. Aber die Tür steht zumindest offen.

Auch die Messaging App bietet von Haus aus Unterstützung für mehrere der populärsten Instant-Messaging-Services. Derzeit werden AIM, Google Talk, Skype und Yahoo unterstützt. Wenn man ein WebOS-Smartphone [5] besitzt, kann man das Touchpad damit verbinden und über die App auf dem Tablet SMS senden und empfangen.

Ein Popup-Menü auf dem Homescreen bietet Zugang zu weiterer Software, etwa Bing Maps, eine HP-eigenen Facebook-Anwendung, Quickoffice, Kontakte, Memos, Amazon Kindle und andere. Über Tabs geht es zu den Geräteeinstellungen, einer anpassbaren Liste favorisierter Apps sowie zu einer Download-Sektion, die einen auch zum WebOS-Store führen.

Drittanwendungen

Das Touchpad kann Anwendungen aus dem HP App Catalog herunterladen. Ein weiteres Mal hat der Hersteller die Chance genutzt, sich vom iPad oder dem Android Market abzusetzen. Natürlich gibt es bei weitem nicht so viele Anwendungen wie für Android oder iOS, und wahrscheinlich kann HP auch niemals aufschließen. Allerdings hat HP eine Möglichkeit gefunden, qualitativ hochwertige Programme prominent zu platzieren: Wenn man den HP App Catalog öffnet, erscheint eine Art digitale Zeitung namens Pivot, die als Shopping-Guide für den App Catalog fungiert. Die Inhalte wechseln einmal im Monat und jede Seite zeigt eine App oder ein Genre. Beispielsweise beschreibt eine Seite die Vorteile von Internet-Radio und enthält Links zu drei ausgesuchten Apps, die User gleich herunterladen oder für die spätere Betrachtung bookmarken können.

Eine Reihe von Tabs unter dem Pivot ermöglicht es, schnell zum App Catalog zu kommen und ihn entweder per Kategorien oder Keyword-Suche zu durchforsten. Der Katalog enthält sowohl Apps für das Touchpad als auch für WebOS-Smartphones. Angaben zur Kompatibilität sind in der Beschreibung zu finden. Die meisten Smartphone-Apps laufen auf dem Touchpad, aber nur in der fürs Smarphone optimierten Originalauflösung – also nicht bildschirmfüllend.

Performance

In Sachen Performance sollte man das TouchPad am ehesten mit dem Blackberry Playbook vergleichen. Schließlich versuchen beide, sich auf dem Tablet-Markt zu positionieren.

Zwar gab es am Playbook einige Kritik, aber Blackberry hat angesichts der Flash-Unterstützung und einer leistungsfähigen Umsatzung von Multitasking gut vorgelegt. Auch die HD-Videoaufnahme sowie HDMI-Output haben überzeugt. Vor diesem Hintergrund kann das Touchpad nicht ganz mithalten. Zwar bietet es auch Flash-Kompatibilität, es wird aber sehr zäh, wenn mehrere Seiten mit Flash-Inhalten geöffnet sind. Auch beim Starten von Apps wirkt es etwas träge – zumindest im Vergleich zum iPad oder Galaxy Tab 10.1. Ein Kaltstart dauert 1 Minute und 8 Sekunden. Das Touchpad ist zwar nicht die langsamste Maschine, sticht bei der Performance aber nicht heraus.

Gleiches gilt für das Display: Sowohl bei der Helligkeit als auch bei den Schwarzwerten erreicht es keine Spitzenposition. HP verspricht für das Touchpad mit einer Akkuladung 8 Stunden Websurfen und 1 Stunde Videowiedergabe. Die Tests laufen noch.

Fazit

Das Touchpad ist ein wichtiges Tablet – für HP und die Anwender. Denn damit haben sie neben Apple und Google eine weitere Option. Ob sie diese nutzen, ist allerdings eine andere Frage. Denn unter dem Strich handelt es sich beim Touchpad um einen gut gemachten Konkurrenten zum ersten iPad, aber nicht um die zukunftsweisende Alternative, auf die alle gehofft haben.

Artikel von CNET.de: https://www.cnet.de

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[2] Apple: http://www.cnet.de/unternehmen/apple/

[3] Google: http://www.cnet.de/unternehmen/google-inc/

[4] Acer: http://www.cnet.de/unternehmen/acer/

[5] Smartphone: http://www.cnet.de/themen/smartphone/