Tesla Model S Beta 1: ein Blick in die Zukunft der Elektro-Autos

von Stefan Möllenhoff und Wayne Cunningham am , 19:04 Uhr

Dass Elektroautos keine unförmigen, lahmen Kisten sein müssen, hat Tesla mit seinen Elektro-Flitzern Roadster und Roadster S bereits vor gut fünf Jahren eindrucksvoll bewiesen: knapp 300 PS, bis zu 400 Nm und Tempo 200. Jetzt hat der kalifornische Konzern erstmals ein fahrbereites Vorserienmodell seiner Limousine namens Model S gezeigt. Unsere Kollegen von CNET.com sind eine Runde mitgefahren.

Vergangenes Wochenende bekamen Kunden von Tesla und eine Handvoll Journalisten die Möglichkeit, eine Vorab-Version des neuen Elektro-Autos zu sehen. Bei dem Model S getauften Boliden handelt es sich dieses Mal nicht um einen Roadster, sondern um eine fünftürige Limousine, die bis zu sieben Personen Platz bieten kann.

Testa Model S Beta 1

Nachdem wir auf dem Beifahrersitz Platz genommen haben, fällt uns als erstes auf: Der Automatikwahlhebel am Lenkrad ist derselbe, der auch in den neuen Modellen von Mercedes Benz zum Einsatz kommt. Anscheinend stammen die Servolenkung inklusive Lenkrad und Anbauteile vom Zubehörlieferanten ZF. Laut Jim Dunlay, Vice President of Powertrain Engineering, wird die Serienversion des Model S einen eigenen Wahlhebel bekommen. Das gleiche soll für sämtliche anderen Innenraumteile gelten, die derzeit noch von anderen Automobilherstellern entliehen sind.

Genau dieser Automatikwahlhebel zeigt, warum das Model S den Beinamen Beta 1 trägt und warum wir auch am letzten Wochenende nicht selbst ans Lenkrad durften: Es handelt sich eben noch um einen frühen Prototypen, wie man ihn bei anderen Herstellern niemals zu Gesicht bekommen würde. Insgesamt hat Tesla Motors fünf dieser Beta-1-Modelle gebaut, die allesamt in einer Fabrik in der Autohochburg Detroit gefertigt wurden. Die nächste Phase namens Beta 2 soll schließlich in Teslas eigener neuer Fabrik in Fremont, Kalifornien gebaut werden. Die Produktion der aus 50 Boliden bestehenden Kleinserie soll nächsten Monat starten und einerseits zum Testen der Produktionsanlage selbst wie andererseits auch zum Feintuning des Autos dienen.

Und das soll jetzt nicht bedeuten, dass die Beta-1-Version besonders ungeschliffen wirkt. Elektroantrieb: vorhanden. Lenkrad: vorhanden. Räder und Reifen: vorhanden. Schicke Innenausstattung: vorhanden. Das Vorseriengerät hat sogar ein funktionierendes Infotainment-System in der Mittelkonsole und ein komplett digitales Kombiinstrument zu bieten. Klar, hier und da fehlt es noch an Details, beispielsweise eben beim Automatikwählhebel, bei der Oberfläche des Infotainment-Systems oder beim Fahrwerk – aber das Tesla Model S Beta 1 ist definitiv ein funktionierendes Auto.

Erste Fahr-Eindrücke

Während Tesla-Mitarbeiter Graham Sutherland das Model S Beta 1 durch einen Slalom jagt, erklärt er, wie der flache Akku, der sich auf den Boden des Chassis quetscht, zu der ausgezeichneten Stabilität beiträgt. Durch das sehr tief im Auto liegende hohe Gewicht wandert auch der Schwerpunkt sehr weit nach unten. Nachdem unser Fahrer für die Federung des Autos zuständig ist, hatten wir genau den richtigen Ansprechpartner erwischt.

Angesichts eines leichten Schwingens, das wir bei den ersten Fahrmanövern beobachten konnten, quetschten wir Sutherland bezüglich der Entwicklung des Fahrwerks aus. So soll sich Tesla-CEO Elon Musk für das Model S das Handling eines Porsche gepaart mit dem Komfort eines Audi wünschen. Damit liegt die Messlatte sehr hoch, insbesondere angesichts der Tatsache, dass Tesla auf eine recht konventionelle Fahrwerkstechnik setzt: Vorne kommt eine Doppelquerlenker-Radaufhängung zum Einsatz, hinten findet eine Mehrlenkerachse Verwendung. Luftfederung, magnetorheologische Stoßdämpfer oder dergleichen? Fehlanzeige.

Um den Vortrieb des Model S kümmert sich dieser erstaunlich kleine Elektromotor an der Hinterachse. [2]
Um den Vortrieb des Model S kümmert sich dieser erstaunlich kleine Elektromotor an der Hinterachse.

Ansonsten fühlt sich das Fahrverhalten sehr, sehr ruhig und ausgeglichen an. Das liegt vermutlich zu großen Teilen am fehlenden Verbrennungsmotor – nimmt man einem Auto das Rumpeln der ständigen Explosionen, die sich unmittelbar vor der Fahrgastzelle abspielen, macht es auf jeden Fall etliche Meter an der Luxusfront gut.

Als nächstes ist bei der Testfahrt eine gerade Strecke an der Reihe. Sutherland stempelt das Gaspedal nach unten. Obwohl das Model S deutlich größer und schwerer ist als der Roadster, ist der Durchzug ebenso eindrucksvoll. Wir werden immer noch deutlich in den Sitz gepresst, als der Tacho die 100-Stundenkilometer-Marke reißt. Bei 130 Kilometern pro Stunde geht die Strecke aus, und wir müssen bremsen. Schade. Wie in anderen Elektroautos auch, geht die Beschleunigung sehr weich und ohne Gangwechsel vonstatten. Wir sind beeindruckt, wie gut Tesla den Elektroantrieb vom kleinen Roadster in das deutlich größere Model S verpflanzt hat.

Beim Tesla Roadster hat der Akku in etwa die Größe und das Form eines Kühlschranks, während der Motor eher an eine Wassermelone erinnert. Beim Model S dagegen sind die Stromspeicher in einer etwa zehn Zentimeter dicken Platte untergebracht, die sich über einen Großteil der Fahrzeug-Unterseite zieht. Der auf der hinteren Achse angebrachte Motor ist etwas größer als beim Roadster. Die Akkus, bei denen es sich im Wesentlichen immer noch um Notebook [3]-Stromspeicher handelt, werden mit Flüssigkeit gekühlt und liefern bis zu 85 Kilowattstunden, was einer Reichweite von maximal 480 Kilometern entspricht.

Der winzige Elektromotor liefert eine Leistung von 362 Pferdestärken und ein Drehmoment von 415 Newtonmetern. Das Drehmoment ist zwischen 0 und 7000 Umdrehungen pro Minute abrufbar und katapultiert den Wagen in 5,6 Sekunden von 0 auf 100. Tesla-Motors-CEO Elon Musk verspricht auch eine Sportversion des Model S, die die 100-Stundenkilometer-Marke nach weniger als vier Sekunden durchbrechen soll.

Der Tesla Roadster konnte uns bereits mit einem guten Fahrverhalten beeindrucken. Und das Model S scheint seinem kleinen Bruder in nichts nachzustehen. Sutherland hat uns auf ein paar Runden auf Tesla Motors eigener Teststrecke inklusive Steilkurven mitgenommen.

Luxus ab Werk

Die Innenausstattung des Model S sieht deutlich besser aus, als wir es von einer ersten Betaversion erwartet hätten. Das Fahrzeug verfügt über ein elektrisches Schiebedach. Die Ledersitze sind komfortabel, und die Türen schließen mit einem beruhigend-sanften Klicken.

Die meisten Bedienelemente im Innenraum befinden sich auf diesem riesigen Touchscreen. [4]
Die meisten Bedienelemente im Innenraum befinden sich auf diesem riesigen Touchscreen.

Was uns beim Innenraum aber wirklich überrascht hat, war die Einfachheit. Viele typische Bedienelemente, die die Armaturen moderner Autos übersähen, fehlen hier schlicht und ergreifend. Klar findet man an den Türen die Schalter für die elektrischen Fensterheber, auf den Speichen des Lenkrads gibt es zwei drückbare Rändelrädchen, und bei den Blinkern befindet sich ein Automatikwählhebel. Aber um die allermeisten anderen Anliegen kümmert sich der riesige Touchscreen in der Mittelkonsole, den Elon Musk mit einem iPad verglichen hat.

Brennan Boblett ist für das Interface-Design zuständig und zeigt uns eine Reihe von Features. Am oberen Rand des Displays befindet sich eine Reihe von Icons, die Zugriff auf diverse Funktionen des Boliden gewährt, darunter Telefon, Navigation und Stereoanlage. Auf der oberen Hälfte des Bildschirms könnte beispielsweise Kartenmaterial von Google [5] angezeigt werden, während unten der Musik-Player läuft. Wahlweise wandert die Landkarte nach unten, und oben zeigt das Infotainment-System einen Webbrowser an. Alternativ nimmt die Navigation auch das Ganze Display ein.

Auch wenn es derzeit noch keine Verträge zwischen Tesla Motors und Anbietern von Apps gibt, so gibt uns Boblett mit der Slacker-Radio-App dennoch einen Einblick in die Möglichkeiten. Das System ist in der Lage, Musik lokal zu speichern. Durchsuchen lässt sich die Datenbank dann per Sprache, indem man beispielsweise einfach den Namen eines Interpreten sagt und alle entsprechenden Treffer ausgespuckt bekommt.

Wie bereits gesagt, stammt das Kartenmaterial von Google Earth. Nachdem das Model S über das integrierte Datenmodem immer die Karten im Umkreis von 500 Kilometern herunterlädt, was in etwa der Reichweite der akkustärkeren Version entspricht, dürfte es niemals zu Ausfällen kommen. Für den Fall des Falles ist aber auch ein Notfall-Navigationssystem mit Navigon-Karten an Bord.

Dem Infotainment-System liegt ein mit 35 MByte sehr kompaktes Linux-System zugrunde. Für Rechenleistung sorgt im Prototypen ein Tegra-2-Chip von Nvidia, wie er auch in etlichen aktuellen Smartphones Verwendung findet. In der Serienversion soll bereits ein Tegra-3-Prozessor zum Einsatz kommen.

Das Kombi-Instrument besteht komplett aus einem Display – analoge Anzeigen gibt es im Model S nicht. Für die grafische Darstellung von Tacho, Reichweitenanzeige & Co. ist ein zweiter Tegra-2-Chip zuständig. Sowohl das Interface des Infotainment-Systems als auch das des Kombi-Instruments werden sich bis zur Serienversion des Tesla Model S noch ändern. Wer dennoch einen ersten Vorgeschmack bekommen möchte, findet ein paar Bilder in der Fotostrecke, die in diesem Artikel verlinkt ist.

Ausblick

Angesichts der Tatsache, wie weit das Model S schon fortgeschritten ist, sind wir zuversichtlich, dass Tesla seinen Zeitplan einhalten wird – der im Übrigen sehr moderat aussieht. Im ersten Jahr möchte der Hersteller nur 5000 Autos herstellen – trotz 6000 Vorbestellungen, die bereits eingegangen sind. Im darauffolgenden Jahr läuft die Produktion dann mit 20.000 Boliden pro Jahr auf Vollgas.

Mit einem Grundpreis von 57.400 US-Dollar, derzeit umgerechnet 43.630 Euro, sieht es so aus, als böte das Model S ein gutes Preisleistungsverhältnis. Das Basismodell wird allerdings eine Reichweite von lediglich 260 Kilometern aufweisen können. Das akkustärkere Modell wird etwa 15.000 Euro mehr kosten und mit einer Akkuladung etwa 480 Kilometer weit kommen. Ob es abgesehen vom Stromspeicher irgendwelche Unterschiede zwischen den Modellen gibt, verrät Tesla derzeit noch nicht.

Neben dem Model S hat Tesla bereits ein weiteres Auto namens Model X angekündigt, dass sich in der Crossover [6]-Kategorie ansiedeln und ein ganzes Stück günstiger sein soll. Name: Tesla Model X.

Artikel von CNET.de: https://www.cnet.de

URL zum Artikel: https://www.cnet.de/41556342/tesla-model-s-beta-1-ein-blick-in-die-zukunft-der-elektro-autos/

URLs in this post:

[1] Tesla Model S Beta 1: erste Eindrücke von der Elektro-Limousine: https://www.cnet.de/41556341/tesla-model-s-beta-1-erste-eindruecke-von-der-elektro-limousine/?pid=1#sid=41556342

[2] Image: https://www.cnet.de/i/story_media/41556342/tesla_model_s_motor.jpg

[3] Notebook: http://www.cnet.de/themen/notebook/

[4] Image: https://www.cnet.de/i/story_media/41556342/tesla_model_s_infotainment.jpg

[5] Google: http://www.cnet.de/unternehmen/google-inc/

[6] Crossover: http://de.wikipedia.org/wiki/Sport_Utility_Vehicle#Softroader