Nokia Lumia 800 im Test: Das taugt das erste Windows-Phone aus Finnland

von Daniel Schraeder am , 18:49 Uhr

Pro
  • attraktives, klares Design
  • liegt gut in der Hand
  • gutes Display
  • kostenlose On-Board-Navigation
Con
  • schlechte Kamera auf der Rückseite und keine auf der Vorderseite
  • fummeliger Micro-SIM-Slot
  • Akku nicht austauschbar
  • kein Speicherkartenslot
Hersteller: Nokia Listenpreis:
ZDNet TESTURTEIL: SEHR GUT 8,0 von 10 Punkte
Fazit:

Das Nokia Lumia 800 sieht wirklich attraktiv aus und hat ein außergewöhnliches Design. Auch das hübsch integrierte Display überzeugt. Die größten Schwächen des Smartphones hat es ausgerechnet da, wo frühere Nokias am meisten überzeugen konnten: bei der Kamera. Fotos und Videos gelingen maximal mäßig, und die Linse auf der Front fehlt ganz.

Mit seinem ersten Windows Phone leitet Nokia eine neue Ära ein: Schluss soll sein mit veralteter Software und einem nicht konkurrenzfähigen App-Store. Für die Zukunft des noch größten Handy-Herstellers der Welt ist das sehr wichtig. Ob das erste Nokia mit Windows überzeugt, zeigt der Test.

Ganz klar: Mit dem Lumia 800 liegt die Zukunft des größten Handy-Herstellers der Welt in unserer Hand. Seit iPhone & Co. den Markt beherrschen, musste Nokia ganz schön Federn lassen. Damit sollte Schluss sein. Und so beschloss das Management Anfang dieses Jahres, bei den High-End-Geräten künftig nicht mehr auf die hauseigene Symbian-Plattform zu setzen (die im Übrigen jetzt gerade ein wirklich gutes Niveau erreicht hat und wieder konkurrenzfähig ist [1]), sondern Windows Phones zu bauen. 

Design und Ausstattung

Dieser Plan ist nun in die Tat umgesetzt. Das Erstlingswerk ist das Lumia 800, auf dem die aktuelle Version 7.5 (Mango) von Windows Phone läuft. Das Display ist 3,7 Zoll groß und setzt auf die AMOLED-Technik, und unter der Haube sorgt ein 1,4 GHz schneller Single-Core-Prozessor für Vortrieb. Weitere, zum Kauf animierende Ausstattungsmerkmale sind die 8-Megapixel-Kamera mit Carl-Zeiss-Linse und Foto-LED sowie diverse Apps. Aufgrund des fehlenden Dual-Core-Prozessors und mangels einer Frontkamera ist aber schon klar, dass das hier nicht in der absoluten Oberklasse mitspielt – sondern sich etwas weiter unten ansiedelt. Ebenso klar ist auch, dass das Design polarisiert, aber zumindest dieser Punkt ist definitiv Geschmackssache.

Nanu, das Gehäuse kennen wir doch schon? Stimmt. Das Lumia 800 basiert auf dem Meego-Phone Nokia N9, das vor der Windows-Phone-Entscheidung als Lösung aller Probleme gehandelt wurde. Beiden Geräten gemein ist ein Unibody-Gehäuse, das aber nicht wie bei der Konkurrenz aus Metall, sondern aus Kunststoff gefertigt wird und in unterschiedlichen Farben zu haben ist. Oben und unten zeichnen sich scharfe Kanten ab, an den Seiten ist das Lumia stark abgerundet. Mit 6,1 mal 11,7 Zentimetern und einer Bauhöhe von 12 Millimetern liegt das Smartphone [2] gut in der Hand und passt problemlos in jede Hosentasche. 

Auf der rechten Seite haben die Designer den aus Metall gefertigten Wippschalter zur Regelung der Lautstärke untergebracht. Außerdem sitzen hier der Ein-Aus-Taster sowie der zweistufige Auslöser der Kamera. Ganz oben ist der 3,5-Millimeter-Klinkenanschluss direkt zugänglich, die Micro-USB-Buchse zum Laden des Akkus sowie zum Übertragen von Daten befindet sich unter einer kleinen Klappe. Ist sie geöffnet, kann man auch den daneben liegenden Micro-SIM-Kartenhalter rausziehen. Die Konstruktion ist etwas fummelig, aber glücklicherweise benötigt man sie im Alltag ja nicht oft. Einen microSD-Speicherkartenslot gibt es leider nicht – den sieht Windows Phone derzeit nicht vor. 

Die Rückseite trägt die Linse der 8-Megapixel-Kamera samt Foto-LED. Einen „Akkudeckel“ gibt es nicht: Der Stromspeicher ist fest im Gerät eingebaut. Hier hat sich der Hersteller offensichtlich an Apple [3] orientiert – und leider die falschen Punkte übernommen.

Um so hübscher ist die Front. Das dominierende Element ist die leicht nach vorne gebogene Glasscheibe des Touchscreens, hinter der sich das 3,7 Zoll große Display verbirgt. Die nicht komplett flache Ebene sieht gut aus und fühlt sich bei Wisch-Bewegungen mit dem Finger auch erstklassig an, allerdings ist das Material hier natürlich ungeschützt. Zwar macht das Glas einen soliden und kratzfesten Eindruck, aber mit Sandkörnern, Steinchen, Schlüsseln oder Kleingeld würden wir das 800 nicht in die Hosentasche stopfen.

Ein Leckerbissen ist auch das Display selbst. Mit 800 mal 480 Pixeln ist es zwar nicht mehr ganz auf der Höhe der Zeit, aber die AMOLED-Technik sieht einfach beeindruckend aus. Außerdem hat Nokia seinen ClearBlack genannten Polarisationsfilter zum Einsatz gebracht, der störende Reflexionen im direkten Sonnenlicht reduzieren soll. Das tut er auch, aber dann fallen schmierige Fingerabdrücke auf der Scheibe noch mehr auf. 

Software

Zu Windows Phone 7.5 müssen wir wohl nicht viel sagen. Die Oberfläche sieht auf dem Lumia 800 exakt so aus wie auf jedem anderen Windows-Handy auch. Mit einem anpassbaren Startscreen, der Hintergrundfarbe Schwarz oder Weiß und einer von elf wählbaren Farben für die Tiles – also die Menüpunkte auf dem Hauptbildschirm. Dass mit „Nokia Blue“ eine zusätzliche Farbe im Vergleich zu den Konkurrenten hinzugekommen ist, ist zwar nett, aber auch keine Revolution. 

Mit an Bord sind alle üblichen Funktionen von Windows Phone inklusive einem ordentlichen Webbrowser (ohne Flash), der Unterstützung von Social Networks, einem E-Mail-Client und so weiter. Weitere Anwendungen und Spiele finden sich im Windows Marketplace – so heißt der App Store von Microsoft [4].

Wichtiger als die Windows-Standards sind an dieser Stelle wohl die Nokia-eigenen Programme, darunter die Navigationsanwendung. Das Kartenmaterial kann der Nutzer kostenlos herunterladen – und zwar nicht nur für Deutschland, sondern für quasi alle Länder, die man üblicherweise so bereisen würde. Datenquelle ist der Navigationsspezialist NavTeq, der vor Jahren von Nokia übernommen wurde. Beim Auffinden von Firmen, Restaurants & Co. hilft Bing Maps, Microsofts Konkurrenzprodukt zu Google [5] Maps. Wir haben ein paar Adressen eingegeben, die die Software allesamt flott und verzögerungsfrei gefunden hat. Zoomen ist in der Navi-Ansicht kein Problem, das Ändern der Kartenausrichtung ist allerdings nicht möglich. 

Wie in diesem Segment üblich ist das Lumia 800 natürlich mit WLAN, Bleutooth und GPS ausgestattet. Es gibt 16 GByte Speicher plus 25 GByte Online-Speicher in Microsofts Cloud-Dienst SkyDrive. Mangels microSD-Kartenslot zur Speichererweiterung muss man hier mit freiem Platz deutlich mehr haushalten als bei Android [6]-Smartphones mit Speicherkarte – oder einem zugegebenermaßen signifikant teureren iPhone mit höherer Kapazität.

Kamera

Jetzt kommen wir zum Spaßkiller des ansonsten überzeugenden Lumias. Obwohl Nokia ansonsten für hervorragende Kameras in seinen Smartphones bekannt ist, hakt es beim Lumia 800 ausgerechnet an dieser Stelle. Auf dem Datenblatt lesen sich 8-Megapixel-Kamera mit Carl-Zeiss-Optik und Dual-LED-Blitz noch gut – aber in der Praxis fällt das Gerät hier leider durch.

Wir haben verschiedene Fotos im Innen- und Außenbereich bei verschiedenen Lichtsituationen geknipst. Bei den meisten vermissen wir die scharfen, klar gezeichneten Kanten, die aktuelle Oberklasse-Smartphones herausholen können. Stattdessen wirken die Ergebnisse einfach matt und gedämpft. Dieser erste Eindruck zieht sich auch im direkten Vergleich mit dem iPhone 4S und dem Samsung [7] Galaxy S2 durch, die ebenfalls mit einer 8-Megapixel-Kamera ausgestattet sind. 

Das gleiche Ergebnis zieht sich auch bei Videoaufnahmen durch. Full-HD schafft die Digicam ohnehin nicht, stattdessen zeichnet sie Bewegtbilder „nur“ in 720p auf.  Schwerer als die etwas geringere Auflösung wiegt hier allerdings die Tatsache, dass auch bei Videos alles etwas unscharf und verschwommen aussieht. Dafür können wir uns aber nicht über die Mikrofon-Qualität beschweren – zumindest in diesem Punkt überzeugen die Videoaufnahmen.

Leistung

Das andere klassische Nokia-Highlight neben der Kamera war immer die Sprachqualität. Aber auch in diesem Punkt müssen die Entwickler nun unter Windows Phone wohl noch etwas an den Nuancen arbeiten. Im Test haben wir die Gesprächspartner immer ordentlich verstanden, aber nicht immer mit gleichbleibender Qualität – mal etwas besser, mal etwas schlechter, mit ein paar kleineren Störungen oder einem Hall hier und da. Unterm Strich ist das ein gutes Ergebnis, aber nicht auf dem „Telefonierst Du wirklich mit dem Handy“-Niveau, das wir von Nokia gewohnt sind. 

Der 1,4 GHz schnelle Prozessor von Qualcomm sorgt für flotte Reaktionen. Dass er nur einen Rechenkern hat, fällt uns in der Praxis nicht negativ auf. Anwendungen starten schnell, und beim Wischen durch die Menüs gibt es weder Verzögerungen noch störendes Ruckeln.

Nokia gibt eine Akkulaufzeit von 9,5 Stunden bei UMTS-Telefonaten an, 6,5 Stunden bei der Videowiedergabe und 55 Stunden im Musik-Modus. Wird das Gerät nicht benutzt, soll es fast 14 Tage im Stand-by durchhalten. In der Realität kommen wir an diese Werte nicht hin. Wie bei der Konkurrenz müssen wir auch das Lumia 800 jeden Tag wieder aufladen.

Fazit

Alle Augen richten sich auf das Lumia 800 – und damit auf die Zukunft von Nokia. Im Test überzeugt das erste Windows-Phone aus Finnland durchaus, allerdings kann es nicht die Zeichen setzen, die nötig wären, um Android und iOS zu zeigen, wie der Hase läuft. 

Im Detail überzeugen uns vor allem Design und Display. Die größte Schwäche leistet sich Nokia bei der Kamera – und auch bei der Sprachqualität ist noch Raum nach oben.

Artikel von CNET.de: https://www.cnet.de

URL zum Artikel: https://www.cnet.de/41558282/nokia-lumia-800-im-test-das-taugt-das-erste-windows-phone-aus-finnland/

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[1] die im Übrigen jetzt gerade ein wirklich gutes Niveau erreicht hat und wieder konkurrenzfähig ist: https://www.cnet.de/tests/handy/41556493/nokia_701_im_test_kompaktes_smartphone_mit_fantastischer_ausstattung.htm

[2] Smartphone: http://www.cnet.de/themen/smartphone/

[3] Apple: http://www.cnet.de/unternehmen/apple/

[4] Microsoft: http://www.cnet.de/unternehmen/microsoft/

[5] Google: http://www.cnet.de/unternehmen/google-inc/

[6] Android: http://www.cnet.de/themen/android/

[7] Samsung: http://www.cnet.de/unternehmen/samsung/