Nikon D800 im Test: Spiegelreflexkamera mit gewaltigen 36 Megapixeln im Vollformat

von Lori Grunin und Stefan Möllenhoff am , 11:31 Uhr

Pro
  • gigantische Bildqualität
  • sehr guter Videomodus
  • schneller Autofokus
  • durchdachtes Design
Con
  • durchschnittliche Akkulaufzeit
  • langsamerer Serienbildmodus als D700
Hersteller: Nikon Listenpreis:
ZDNet TESTURTEIL: EXZELLENT 8,6 von 10 Punkte
Fazit:

Die Nikon D800 ist eine großartige Kamera, die jeden Cent ihrer deftigen Anschaffungskosten wert ist. Wer professionell, aber keinen Sport fotografiert und darauf wartet, sein altes Nikon-Equipment auf den neuesten Stand zu bringen, kommt um diese Spiegereflex nicht herum.

Nach langer, langer Wartezeit ist sie endlich da. Und die Nikon D800 übt sich nicht gerade in Bescheidenheit: An Bord sind ein neuer 36-Megapixel-Vollformat-Sensor, das Autofokus-Modul des Flaggschiffs D4 und endlich auch eine Full-HD-Videofunktion. Ob die DSLR nicht nur auf dem Papier, sondern auch in der Praxis Rekorde bricht, verrät der Testbericht der Nikon D800.

Auf eine zweijährige Dürre bei professionellen Kameras folgt die Vollformat-Flut. Alleine in der ersten Jahreshälfte 2012 kommen von Canon und Nikon jeweils zwei neue Kameras mit Bildsensoren im Kleinbildformat auf den Markt. Gesamtwert der vier Modelle: 20.000 Euro. Ohne Objektiv, wohlgemerkt. Mit der Nikon D800 hat es die erste der vier Spiegelreflex-Modelle in unseren Test geschafft. Und, was soll man sagen: Sie ist eine fantastische Kamera für Landschafts-, Architektur-, Portrait- und Hochzeit-Fotografen – beziehungsweise eigentlich für alle, die keine Sportfotos knipsen.

Die Nikon D800 ist in zwei verschiedenen Versionen erhältlich. Das etwas teurere Modell D800E verfügt über einen modifizierten Tiefpassfilter, der praktisch keine Antialiasing-Funktion bietet und dadurch schärfere Fotos ermöglicht. Allerdings wird sich die D800E damit weniger für Videos eignen – hier sind Aliasing-Effekte nämlich ein deutlich größeres Problem als bei Standbildern und viel aufwändiger zu korrigieren.

Design & Ausstattung

Das Gehäuse der Nikon D800 ist dem ihrer Vorgängerin D700 recht ähnlich und folgt grundsätzlich der bei Nikon üblichen Anordnung der Bedienelemente. Der Body liegt sehr gut in der Hand und macht einen wirklich robusten Eindruck, ist allerdings recht schwer. Im Gegenzug bietet das aus einer Magnesiumlegierung gefertigte Chassis dafür aber auch eine bessere Staub- und Wetterbeständigkeit als zuvor. Der Handgriff verfügt über Mulden für die Finger, was für noch mehr Griffigkeit und Stabilität beim Knipsen sorgt. Der optische Sucher deckt nun endlich 100 Prozent des Sucherbilds ab und bleibt groß, hell und extrem bequem zu benutzen. Auf Wunsch lässt sich ein virtueller Horizont hinzuschalten, der sowohl Neig- als auch Rollwinkel registriert.

Etwas größer, ein wenig leichter, aber immer noch ein dicker Brummer: Die Nikon D800 ist alles andere als ein Leichtgewicht. [1]
Etwas größer, ein wenig leichter, aber immer noch ein dicker Brummer: Die Nikon D800 ist alles andere als ein Leichtgewicht.

Die allermeisten Optionen erreicht der Fotograf direkt über Tasten oder Tastenkombinationen auf der Kamera und stellt sie mit den beiden Rändelrädchen auf Vorder- und Rückseite auf den gewünschten Wert ein. Auf der linken Oberseite des Gehäuses gibt es die Buttons für Bildqualität, Weißabgleich, Belichtungsreihen und ISO-Empfindlichkeit sowie ein sperrbares Rädchen zum Wechseln zwischen den verschiedenen Serienbildmodi: Einzelbild, Serienaufnahme langsam, Serienaufnahme schnell, Leise Auslösung, Selbstauslöser und Spiegel hochklappen.

Auf der rechten Schulter der Nikon D800 finden sich der Auslöser mitsamt umschließendem Ein/Aus-Schalter sowie Knöpfe für Belichtungskorrektur und PASM-Belichtungsmodi. Im Gegensatz zu Canon verzichtet Nikon auf eine Vollautomatik-Funktion. Außerdem gibt es keinen spezifischen Bulb-Modus – dieser versteckt sich in den entsprechenden Aufnahmeprogrammen hinter der längsten Verschlusszeit. Zwischen Auslöser und Modus-Taste quetscht sich die etwas klein geratene dedizierte Taste zum Starten der Videoaufnahme. Die Positionierung ist etwas unglücklich. Uns wäre ein Aufnahme-Button auf der Rückseite lieber gewesen. Natürlich findet hier auf der Oberseite auch wieder ein kleines Status-Display Platz.

Nichts für Anfänger: Ein Modusrädchen gibt es bei der Nikon D800 ebensowenig wie eine Vollautomatik. [2]
Nichts für Anfänger: Ein Modusrädchen gibt es bei der Nikon D800 ebensowenig wie eine Vollautomatik.

Vorne auf der linken Seite der Kamera befinden sich ein Umschalter für automatischen und manuellen Fokus sowie eine Taste, die Myriaden von Fokus- und Fokusbereichseinstellungen aufruft. Beispiele wären hier Einzelfeldsteuerung, Dynamische Messfeldsteuerung mit 9, 21 und 51 Messfeldern, Automatische Messfeldsteuerung, 3D-Tracking (Motivverfolgung) und Gesichtserkennung. Der Fotograf blättert hier mit den Einstellrädchen zum gewünschten Modus. Zum Verschieben des Fokuspunkts gibt es schließlich noch einen sperrbaren Joystick auf der Rückseite. Links finden sich schließlich noch die Taste zum Aufklappen des Blitzes und für die Blitzbelichtungskorrektur sowie Anschlüsse für eine Kabelfernbedienung und ein Blitzsynchronisierungskabel.

Rechts auf der Vorderseite der Kamera hat sich ebenfalls etwas getan. Nikon quetscht jetzt noch zwei programmierbare Funktionstasten zwischen Objektiv und Handgriff. Sie lassen sich mit dem Ring- und Mittelfinger der rechten Hand erreichen und mit einer Reihe von Features belegen, darunter auch die motorische Blendensteuerung, die im Video- beziehungsweise Live-View-Modus ein feineres und geräuschloseres Steuern des Öffnungsverhältnisses ermöglicht.

[3] [4]

Auf der linken Vorderseite der Nikon D800 befinden sich zwei neue Funktionstasten (links). Auf der anderen Seite des Objektivs gibt es einen Button, der Blitz nach oben schießen lässt und für die Blitzbelichtungskorrektur dient (rechts).

Auf der Rückseite des Gehäuses schließlich befinden sich noch Buttons zum Aktivieren des Autofokus, für Belichtungs- und Fokusspeicher sowie die üblichen Tasten für Löschen, Info, Menü und so weiter. Wie andere Nikon-DSLRs bringt auch die D800 mehrere Funktionen in Form von Tastenkombinationen auf dem Gehäuse unter. Formatieren beispielsweise geschieht durch gleichzeitige Betätigung von Löschen und Modus, Zurücksetzen durch Qualität und Belichtungskorrektur. Außerdem gefällt uns gut, dass Nikon einen mechanischen Umschalter zum direkten Anwählen diverser Belichtungsmessmethoden einsetzt. Die D800 bietet hier Spot mit 1,5 Prozent vom Bild, Mittenbetont und Matrix.

Links unten am Gehäuse befindet sich eine Live-View-Taste mit einem Schalter zum Wechseln zwischen Foto- und Videomodus, einen Infobutton zum Aufrufen eines Übersichtsdialogs mit eher selten benutzten Einstellungen wie Rauschreduzierung und Tastenbelegungen. Das Anpassen der Tastenbelegung geht hier übrigens erfreulich flott von der Hand.

Unser einziger Kritikpunkt, den übrigens auch die 5D Mark III zu spüren bekommen wird, ist hier das fehlende bewegliche Display. Wieso gibt es bei einer über 3000 Euro teuren Kamera keinen dreh- und schwenkbar aufgehängten Bildschirm? Das ist ein nützliches Feature, das nicht nur in Consumer-Knipsen etwas verloren hat.

Schade: Die Nikon D800 verzichtet auf ein dreh- und schwenkbar aufgehängtes Display. Dabei wäre ein flexibler Bildschirm insbesondere beim Filmen eine große Hilfe gewesen. [5]
Schade: Die Nikon D800 verzichtet auf ein dreh- und schwenkbar aufgehängtes Display. Dabei wäre ein flexibler Bildschirm insbesondere beim Filmen eine große Hilfe gewesen.

Sehr positiv zu vermerken ist dagegen, dass die D800 jetzt über zwei Speicherkartenslots verfügt. Wer viel tethered fotografiert, also mit der Kamera direkt am Rechner, wird sich über die USB-3.0-Unterstützung freuen. Wie die D700 bietet auch das neue Modell nützliche Funktionen à la Intervalometer und Mehrfachbelichtung, neu hinzugekommen ist eine HDR-Automatik. Die Grenze für die Intervallaufnahme liegt jetzt übrigens nicht mehr bei 999 Fotos, sondern bei einem Gesamtzeitraum von 7 Stunden und 59 Minuten.

Weitere neue Features sind eine TIFF-Aufnahmefunktion, ein 1,2-fach-Crop- sowie ein 5:4-Modus, ein HDMI-Ausgang, der unkomprimiertes 4:2:2-Video ausgibt, Mikrofon- und Kopfhörerbuchsen sowie etliche verschiedene Videoauflösungen und Bildwiederholraten. In puncto Videofeatures muss sich die D800 jedoch der 5D Mark III geschlagen geben, die einen besseren Video-Output und zudem eine Time-Code-Funktion bietet.

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Die meisten Anschlüsse der Nikon D800 befinden sich auf der linken Seite des Gehäuses. Gegenüber sitzen die beiden Speicherkarten-Einschübe.

Wie ihre Vorgängerinnen bietet auch die Nikon D800 zahlreiche Möglichkeiten zum Feintuning, darunter zwei benutzerdefinierbare Blöcke mit Einstellungen, die jeweils vier Slots für Optionen bieten, und eine konfigurierbare Menüseite. Das waren soweit die wichtigsten Aspekte und Neuerungen, eine vollständige Liste aller Funktionen würde den Rahmen dieses Testberichts sprengen. Eine Auflistung aller Features gibt es im englischen Handbuch auf der Webseite von Nikon USA [8]. Wer schon einmal eine Nikon-Digicam gekauft und diese auf der Webseite des Herstellers [9] registriert hat, erhält auch Zugriff auf das deutsche Handbuch.

Die folgende Tabelle zeigt noch einmal die wichtigsten technischen Daten der Nikon D800 mit denen ihrer Vorgänger und der Konkurrenz von Canon im direkten Vergleich.

Tabelle anzeigen: Nikon D800 im Vergleich mit aktuellen Vollformat-Kameras [10]

[10]

Hersteller Canon Canon Canon Nikon Nikon Nikon Hersteller
Produkt EOS 5D Mark II EOS 5D Mark III 1D X D700 D800 D4 Produkt
Preis (UVP) 2499 Euro 3299 Euro 6299 Euro 2479 Euro 2899 Euro 5929 Euro Preis (UVP)
Preis (Markt) 1700 Euro 3300 Euro 6300 Euro 1850 Euro 2900 Euro 5930 Euro Preis (Markt)
Bildsensor CMOS (36,0 x 24,0 mm) CMOS (36,0 x 24,0 mm) CMOS (36,0 x 24,0 mm) CMOS (36,0 x 23,9 mm) CMOS (35,9 x 24,0 mm) CMOS (36,0 x 23,9 mm) Bildsensor
Auflösung 21,1 Megapixel 22,3 Megapixel 18,0 Megapixel 12,1 Megapixel 36,3 Megapixel 16,2 Megapixel Auflösung
Formatfaktor 1,0 1,0 1,0 1,0 1,0 1,0 Formatfaktor
Empfindlichkeiten ISO 50 – 25.600 ISO 50 – 102.400 ISO 50 – 204.800 ISO 100 – 25.600 ISO 50 – 25.600 ISO 50 – 204.800 Empfindlichkeiten
Serienbildgeschwindigkeit 3,9 fps 6,0 fps 12 fps 5,0 fps 4,0 fps 11 fps Serienbildgeschwindigkeit
Sucherbildfeld 98 % 100 % 100 % 95 % 100 % 100 % Sucherbildfeld
Effektive Vergrößerung 0,71 x 0,71 x 0,76 x 0,72 x 0,70 x 0,70 x Effektive Vergrößerung
Autofokus 9 Punkte (1 Kreuzsensor) 61 Punkte (41 Kreuzsensoren, 5 Dual-Kreuzsensoren) 61 Punkte (41 Kreuzsensoren, 5 Dual-Kreuzsensoren) 51 Punkte (15 Kreuzsensoren) 51 Punkte (15 Kreuzsensoren) 51 Punkte (15 Kreuzsensoren) Autofokus
Belichtungsmessung 35-Zonen-TTL 63-Bereiche-iFCL 252-Zonen-RGB 1005-Pixel-RGB 91.000-Pixel-RGB 91.000-Pixel-RGB Belichtungsmessung
Verschlusszeiten 1/8000 – 30 s, Bulb 1/8000 – 30 s, Bulb 1/8000 – 30 s, Bulb 1/8000 – 30 s, Bulb 1/8000 – 30 s, Bulb 1/8000 – 30 s, Bulb Verschlusszeiten
Blitzsynchronzeiten 1/200 s 1/200 s 1/250 s 1/250 s 1/250 s 1/250 s Blitzsynchronzeiten
Kabellose Blitzsteuerung nein nein nein ja ja ja Kabellose Blitzsteuerung
Integrierter Blitz nein nein nein nein nein nein Integrierter Blitz
Display 3,0 Zoll, fest, 640 x 480 Pixel 3,2 Zoll, fest, 720 x 480 Pixel 3,2 Zoll, fest, 720 x 480 Pixel 3,0 Zoll, fest, 640 x 480 Pixel 3,2 Zoll, fest, 640 x 480 Pixel 3,2 Zoll, fest, 640 x 480 Pixel Display
Touchscreen nein nein nein nein nein nein Touchscreen
Bildstabilisator optisch (via Objektiv) optisch (via Objektiv) optisch (via Objektiv) optisch (via Objektiv) optisch (via Objektiv) optisch (via Objektiv) Bildstabilisator
Videofunktion 1080/30p/25p/24p 1080/30p/25p/24p, 720/60p/50p 1080/30p/25p/24p, 720/60p/50p nicht verfügbar 1080/30p/25p/24p, 720/60p/50p 1080/30p/25p/24p, 720/60p/50p Videofunktion
Verschlusshaltbarkeit 150.000 Auslösungen 150.000 Auslösungen 400.000 Auslösungen 150.000 Auslösungen 200.000 Auslösungen 400.000 Auslösungen Verschlusshaltbarkeit
Speichermedien 1 x CF (UDMA 6) 1 x CF (UDMA 7), 1 x SDXC 2 x CF (UDMA 7) 1 x CF (UDMA 6) 1 x CF (UDMA 7), 1 x SDXC 1 x CF (UDMA 7), 1 x XQD Speichermedien
Mikrofoneingang ja ja ja nein ja ja Mikrofoneingang
Kopfhöreranschluss nein ja ja nein ja ja Kopfhöreranschluss
Akkulaufzeit (CIPA) 950 Fotos 950 Fotos 1120 Fotos 1000 Fotos 850 Fotos 2600 Fotos Akkulaufzeit (CIPA)
Abmessungen 15,2 x 11,4 x 7,5 cm 15,2 x 11,6 x 7,6 cm 16,4 x 15,8 x 8,3 cm 14,7 x 12,3 x 7,7 cm 14,6 x 12,3 x 8,2 cm 16,0 x 15,7 x 9,1 cm Abmessungen
Gewicht 810 g 950 g 1340 g 995 g 900 g 1180 g Gewicht
Marktstart November 2008 März 2012 April 2012 Juli 2008 März 2012 März 2012 Marktstart

Leistung

Für eine professionelle Kamera, die nicht für Sportfotografie gedachte ist, legt die Nikon D800 eine hevorragende Performance an den Tag. Zwischen dem Betätigen des Einschalters und der Aufnahme des ersten Fotos gibt es fast keine Verzögerung. Um bei idealen Lichtverhältnissen auf das Motiv scharfzustellen und das Bild einzufangen, benötigt die Digicam 0,2 Sekunden. Im Zwielicht verschlechtert sich die Auslöseverzögerung auf immer noch exzellente 0,4 Sekunden.

Der bei 36 Megapixel gewaltigen Datengrößen zum Trotz beträgt die Verschnaufpause zwischen zwei JPEG- oder RAW-Dateien jeweils nur eine Viertelsekunde. Wir haben das TIFF-Tempo nicht gemessen, es fühlt sich jedoch sehr ähnlich an. Auch die gleichzeitige Aufnahme von RAW- und JPEG-Bildern geht sowohl im Einzel- als auch im Serienbildmodus flott vonstatten. Mit zugeschaltetem Blitz genehmigt sich die Nikon D800 eineAuszeit von 0,7 Sekunden zwischen zwei aufeinanderfolgenden Bildern. Die Serienbildrate gewinnt mit 3,9 Fotos pro Sekunde keine Medallien, reicht für die meisten Nicht-Sport-Anwendungen aber völlig aus. Getestet haben wir mit der Compact-Flash-Karte SanDisk Extreme Pro 100MB/s.

Der Einzelbild-Autofokus geht entschlossen und präzise zu Werke. Wir hatten leider nicht die Zeit, all die verschiedenen Autofokus-Modi und -Konfigurationen ausführlich zu testen, doch unterm Strich wirken sie erfreulich zuverlässig. In der Kombination aus kontinuierlichem Autofokus und Dynamischer Messfeldsteuerung springt der Fokus gelegentlich mal vom Motiv weg, aber das ist eher die Ausnahme. Ein weiterer Vorteil der gewaltigen Auflösung der Nikon D800 ist, dass viele nicht ganz scharfe Aufnahmen in verkleinerter Bildgröße gestochen scharf aussehen.

Im Videomodus kann der kontinuierliche Autofokus allerdings nicht überzeugen. Die besten Ergebnisse liefert er bei statischen Motiven, bei denen man aber auch gleich manuell scharfstellen könnte. Und selbst hier fängt der Fokus manchmal an, etwas zu pumpen.

Nur in einer einzigen Disziplin enttäuscht die Leistung der Nikon D800 ein wenig: Akkulaufzeit. Der Stromspeicher scheint schneller schlappzumachen als bei den allermeisten anderen Highend-DSLRs. Insbesondere, wer viel im Live-View-Modus arbeitet oder filmt, sollte in einer Zusatzakku oder den stärkeren Stromspeicher EN-EL18 investieren. Wie viele extrem hochauflösende Kameras hat auch die Nikon D800 im Wiedergabemodus mit lästigen Verzögerungen zu kämpfen. Während das Display auf 3,2 Zoll gewachsen ist, scheint die Auflösung nicht auszureichen, um die Schärfe der 36-Megapixel-Fotos zuverlässig beurteilen zu können. Außerdem ist der Bildschirm unter direkter Sonneneinstrahlung schwer abzulesen.

Bildqualität

Wir haben von der Nikon D800 nichts Geringeres erwartet als eine spektakuläre Bildqualität – und werden nicht enttäuscht. Es ist unmöglich, der Kamera im normalen ISO-Bereich eine Grenze zuzuordnen, ab der die Aufnahmen nicht mehr brauchbar wären. Denn die Fotos rauschen zwar, doch treten die Störungen nicht in Bildelementen auf, wo sie wirklich stören würden. Aller Wahrscheinlichkeit nach erhöht Nikon die Empfindlichkeit des Sensors überall gleich, aber die Fotos wirken teilweise nicht so. Und das wenige Bildrauschen, das auf den Aufnahmen zu sehen ist, verschwindet häufig schnell, wenn man die Aufnahmen nur etwas verkleinert betrachtet. Die extrem hohe Auflösung des Sensors kompensiert beim Herunterskalieren der Fotos gleichzeitig den Schärfeverlust, der mit der Rauschreduzierung einhergeht.

Ab etwa ISO 1600 stellen wir einen ausreichend großen Unterschied zwischen der Bildqualität von JPEG- und der von RAW-Aufnahmen fest, so dass sich der Umweg über das Rohdatenformat lohnt, um bessere Ergebnisse zu erzielen. Zwischen ISO 400 und ISO 1600 kommt es ein wenig auf den Inhalt der Aufnahmen an, doch im Wesentlichen wirken die JPEG-Fotos hier extrem sauber und intelligent verarbeitet. Selbst in den erweiterten ISO-Bereichen liefert die D800 noch vernünftige Ergebnisse, wenn man mit einer Körnung und weniger Details in Schatten und Lichtern leben kann. Unterm Strich liefert die DSLR selbst unter den widrigsten Bedindungen noch brauchbare und in den allermeisten Fällen schlichtweg fantastische Ergebnisse.

Hier ist ein ISO-800-Ausschnitt der Nikon D800 ohne Rauschreduzierung zu sehen. In dunklen Bildbereichen treten hier Störungen auf, helle Bildbereiche sind dagegen frei von Rauschen. [11]
Hier ist ein ISO-800-Ausschnitt der Nikon D800 ohne Rauschreduzierung zu sehen. In dunklen Bildbereichen treten hier Störungen auf, helle Bildbereiche sind dagegen frei von Rauschen.

Der Dynamikbereich ist beeindruckend. Es überrascht recht wenig, dass JPEG-Bilder bei extrem kontrastreichen Motiven in hellen Bildbereichen ein paar Details vermissen lassen. Doch mit Hilfe des Rohdatenformats lässt sich hier noch einiges an Feinheiten retten. Erfreulicherweise saufen auch in den Schatten die Details nicht ab – was sich aus unterbelichteten Aufnahmen noch herausholen lässt, zeigt die nachfolgende Fotostrecke an einem Beispiel. Auch helle, satte Rot-, Violett- und Pinktöne werden sehr gut und ohne Detailverlust wiedergegeben.

Die Belichtungsautomatik leistet absolut zuverlässige Dienste. Der automatische Weißabgleich liefert mit den Werkseinstellungen für unseren Geschmack einen Hauch zu kalte Ergebnisse. Doch wer wie wir hier etwas zu meckern hat, kann ihn an seine eigenen Vorstellungen anpassen. Außerdem bietet der automatische Weißabgleich auch die Option, bei Innenaufnahmen den warmen Farbton von Glühlampenlicht zu erhalten. Unterm Strich können wir nur sagen: Die Fotos sind wirklich wunderschön anzusehen und weisen eine hervorragende Tonalität auf.

Auch im Videomodus überzeugt die Kamera. Es treten leichte Moiré-Störungen auf, nennenswerte Rolling-Shutter-Effekte können wir jedoch nicht beobachten. Die Aufnahmen sind bemerkenswert scharf, und die Farbwiedergabe ist sowohl in dunklen als auch in hellen Bildbereichen sehr weich und satt. Ein paar kleine Korrekturen können jedoch nicht schaden. Wenn wir die Clips direkt aus der Kamera im Videoplayer begutachten, wirkt der Kontrast übertrieben. In der Videoschnittsoftware unseres Vertrauens sieht dagegen alles korrekt aus. Bei schlechten Lichtverhältnissen aufgenommenes Material – beispielsweise wie beim nachfolgenden ISO-3200-Frame – gelingt zwar bei voller Vergrößerung nicht ganz rauschfrei. Doch die meisten kommerziellen Videografen werden mit der Qualität zufrieden sein, und selbst anspruchsvolle Independent-Filmer dürften hier nicht viel auszusetzen haben.

Dieses Standbild aus einem Full-HD-Video vermittelt einen Eindruck, wie gut der Tonwertumfang bei Nacht-Videos ist. Die Empfindlichkeit beträgt hier ISO 3200. [13]
Dieses Standbild aus einem Full-HD-Video vermittelt einen Eindruck, wie gut der Tonwertumfang bei Nacht-Videos ist. Die Empfindlichkeit beträgt hier ISO 3200.

Fazit

Eigentlich lautete die Frage dieses Testberichts niemals: „Ist die D800 eine großartige Kamera?“ Denn bei Nikon müsste schon einiges schieflaufen, dass die Antwort „Nein“ lautete. Die Frage ist viel eher, ob die D800 eine signifikant bessere Kamera als die D700 ist – und ob sie gut genug ist, den Wechsel von einem anderen System beziehungsweise den deftigen Aufpreis von den APS-C-Kameras zu rechtfertigen. Die Antworten sind: „ja“, „kommt drauf an“ und „vielleicht“.

Die Nikon D800 ist deutlich besser als ihre drei Jahre alte Vorgängerin D700. Die einzige Ausnahme ist hier die Serienbildgeschwindigkeit. Die Bildqualität hat sich deutlich gesteigert, was angesichts der Fortschritte in der Rauschunterdrückungs- und Sensortechnologie aber auch quasi unumgänglich ist. Außerdem bietet das neuere Modell zahlreiche zeitgemäße Verbesserungen und Neuerungen in puncto Design und Ausstattung mit. Dennoch: Wer auf der Suche nach seiner ersten Nikon-Vollformat-Kamera ist, bei einem Preisunterschied von rund 1000 Euro kräftig schlucken muss und keinen gesteigerten Wert auf eine Videofunktion legt, erhält mit der D700 immer noch eine ausgezeichnete Kamera. Insbesondere dann, wenn die Preisdifferenz in ein hochwertiges Objektiv einfließt.

Leider hatten wir bislang nicht die Gelegenheit, die EOS 5D Mark III zu testen. Ob die Zeit gekommen ist, das Canon-Equipment auf eBay zu verschleudern, können wir daher noch nicht sagen. Fest steht allerdings, dass die D800 der drei Jahre alten 5D Mark II bei mittleren und hohen ISO-Empfindlichkeiten den Schneid abkauft – was, wie gesagt, angesichts der Fortschritte der letzten Jahre aber keine große Überraschung ist. Im Videomodus kann die 5D Mark II aber erstaunlich gut mithalten.

Und lohnt es sich schließlich, 2900 Euro für eine Vollformatkamera auszugeben, wenn ein halb so teures APS-C-Modell möglicherweise ebenfalls ausreicht? Die Frage ist schwer zu beantworten, solange Nikon noch keine Nachfolgerin für die D300s präsentiert hat. Schließlich bezahlt man bei der D800 dann nicht nur für das Gehäuse, sondern auch für die dazu passenden Objektive, die den größeren Sensor überhaupt bedienen können. Die Vollformat-Fotografie hat ihren Reiz – insbesondere bei Begleiterscheinungen wie den riesigen, extrem komfortablen Suchern und nicht zuletzt auch der sehr selektiven Tiefenschärfe. Unterm Strich wird es aber wohl vielen Personen sehr schwer fallen, die Fotos zwischen einer Vollformatkamera und einer sehr guten APS-C-Kamera auseinanderzuhalten.

Für alle profesionellen Nikon-Fotografen, die auf die Extra-Power der D4 verzichten können, sich aber unter allen Umständen die bestmögliche Bildqualität wünschen, ist die D800 ein absolutes Must-Have.

Aufnahmegeschwindigkeit (in Sekunden)
(kürzere Balken bedeuten bessere Leistung)

Zeit bis zur ersten Aufnahme   
Zeit zwischen zwei Aufnahmen (RAW)   
Zeit zwischen zwei Aufnahmen (JPEG)   
Auslöse- verzögerung (Zwielicht)   
Auslöse- verzögerung (Tageslicht)   
Nikon D800

0.1 
0.3 
0.3 
0.4 
0.2 
Canon EOS 5D Mark II [14]

0.3 
0.4 
0.4 
0.6 
0.3 
Nikon D700 [15]

0.2 
0.5 
0.4 
0.6 
0.3 

Serienbildgeschwindigkeit (in Fotos pro Sekunde)
(längere Balken bedeuten bessere Leistung)
Nikon D700 [15]

4.9 
Nikon D800

3.9 

Artikel von CNET.de: https://www.cnet.de

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[8] Webseite von Nikon USA: http://support.nikonusa.com/app/answers/detail/a_id/17722/kw/d800

[9] Webseite des Herstellers: https://nikoneurope-de.custhelp.com/app/answers/list

[10] Tabelle anzeigen: Nikon D800 im Vergleich mit aktuellen Vollformat-Kameras: #

[11] Image: https://www.cnet.de/i/story_media/41563402/nikon_d800_ohne_rr.jpg

[12] Bildqualität der Nikon D800: erste Test-Fotos aus der 36-Megapixel-DSLR: https://www.cnet.de/41563269/bildqualitaet-der-nikon-d800-erste-test-fotos-aus-der-36-megapixel-dslr/?pid=1#sid=41563402

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[14] Canon EOS 5D Mark II: https://www.cnet.de/tests/digicam/41000767/testbericht/vollformat_dslr_mit_hd_videofunktion_canon_eos_5d_mark_ii.htm

[15] Nikon D700: https://www.cnet.de/tests/digicam/39201308/testbericht/hervorragende_profi_dslr_fuer_vollformataufnahmen_nikon_d700.htm