Plastikbomber mit Turbo-Boost: Samsung Galaxy S3 im Vorab-Test

von Daniel Schraeder am , 19:04 Uhr

Gestern hat Samsung in London das neue Flaggschiff-Smartphone Galaxy S3 vorgestellt. Die meisten technischen Daten entsprechen dem, was die Gerüchteküche bereits im Vorfeld gemunkelt hat. Damit ist das Gerät Up-to-Date und gehört zu den bestausgestattetsten Androiden, setzt aber in kaum einem Punkt wirklich etwas drauf – und anstelle des vermuteten Keramik-Gehäuses kommt wieder Plastik zum Einsatz. Wir sagen, ob sich der Kauf trotzdem lohnt.

Samsung [1] hat gestern bei der Vorstellung des Galaxy S3 für fast so viel Furore gesorgt wie Apple [2] bei den berühmten iPhone-Präsentationen. Das war durchaus gewollt, schließlich haben die Koreaner hunderte von Journalisten aus der ganzen Welt eingeflogen und das London Philharmonic Orchestra verpflichtet, um die Werbe-Jingle des Unternehmens angemessen in die Präsentation einzubauen.

Die Show jedenfalls war schon fast auf Apple-Niveau. Die Geheimniskrämerei im Vorhinein und die dazugehörig brodelnde Gerüchteküche ebenfalls. Aber ist auch das Produkt ein Überflieger? Wir waren vor Ort und haben uns die dritte Generation des Galaxy S angesehen. Das Gerät soll noch im Mai in Deutschland auf den Markt kommen und mit 16 GByte internem Speicher zwischen 600 und 650 Euro kosten.

Design

Der arg quadratische Look der Vorgänger ist dahin. Das neue Galaxy S hat deutlich abgerundete Ecken und wirkt damit eher wie der Nachfolger des Galaxy Nexus als der des S2. Das finden wir aber gut, denn optisch ist das Smartphone [3] auf Anhieb sympathisch. Wir hatten das weiße Modell in der Hand, bei dem ein Rahmen im Metall-Look attraktive Akzente setzt.

Aber genau das ist das Problem: Metall-Look. Der Rahmen wirkt, als wäre er aus geschliffenem Alu, doch beim Kratztest mit dem Fingernagel stellen wir fest: Er ist glatt – und aus Plastik. Das gleiche gilt auch für die Rückseite. Glänzender Kunststoff. Schade, wir hatten uns doch schon so auf das Keramik-Gehäuse gefreut, über das im Vorfeld spekuliert wurde. Denn das Material war für uns auch schon beim Vorgänger einer der großen Kritikpunkte. Natürlich, dieser Punkt ist Geschmacksache. Kunststoff hat auch seine Vorteile, aber wäre er zumindest gummiert wie bei Thinkpad-Notebooks oder vielen HTC [4]-Smartphones, würde er gleich hochwertiger wirken. Außerdem wäre er so geschützt, denn das glatte Material wird sicherlich schnell zerkratzt und unansehnlich sein. Den Preis dürfen wir bei der Bewertung nicht vergessen: Das Gerät kostet bei seiner Markteinführung gut 600 Euro – und liegt damit bei gleicher Speicherausstattung auf dem Niveau des iPhone 4S. Und dass Apple nicht gerade das Paradies für Schnäppchenjäger darstellt, dürfte hinlänglich bekannt sein.

Das Galaxy S3 wird in blauer und weißer Farbgebung zu haben sein. Die weiße Version glänzt und spiegelt (und strahlt Fingerabdrücke und Fettspuren in alle Richtungen), während die blaue Variante einen Metallic-Effekt hat (und ebenso bereitwillig Fingerspuren anzieht). Wer lieber auf dezentes Schwarz statt auf knallige Farben steht, kann beruhigt sein: Das hier eingesetzte Blau ist so dunkel, dass es auf den ersten Blick auch problemlos als Schwarz durchgehen würde.

Mit einer Bauhöhe von knapp 9 Millimetern (8,6 laut Werksangabe) reiht sich das S3 zwischen seinen Vorgänger S2 (8,5 Millimeter) und das HTC One X (9,3 Millimeter) ein. Im Vergleich zum inzwischen schon etwas betagten iPhone-4(S)-Design ist es merklich schlanker – das Apple-Smartphone ist 9,3 Millimeter dick. Rein subjektiv ist das S3 extrem flach, aber das liegt wohl auch an der verhältnismäßig großen Display-Diagonale. Der schmale Rahmen um die eigentliche Anzeige tut sein übriges für einen modernen, zeitgemäßen und schlanken Look.

Die Fans des geringen Gewichts des Galaxy S2 werden übrigens schlucken: Das neue Modell fühlt sich deutlich schwerer an. In Zahlen reden wir von 116 zu 133 Gramm. Na klar, es ist größer, und im Vergleich zum deutlich kleineren iPhone der aktuellen Generation immer noch sieben Gramm leichter. Aber so auffällig leicht wie bisher ist es eben nicht mehr. Wir finden das trotzdem gar nicht schlecht, denn ein zu geringes Gewicht hat auch einen gewissen Einfluss auf die gefühlte Wertigkeit. Und wenn es danach geht, darf man ein 600-Euro-Smartphone auch durchaus in der Hosentasche fühlen.

Ganz wichtig: Das Smartphone ist groß. Richtig groß. Mit seinem 4,8-Zoll-Display überragt es sogar noch das Galaxy Nexus (4,65 Zoll), das iPhone 4S um Längen (3,5 Zoll) und wird derzeit kaum von anderen Geräten übertroffen. Auf Anhieb fällt uns da nur das Galaxy Note mit seinem 5,3-Zoll-Display ein, aber das ist – auch aufgrund seines eckigen Gehäuses – einfach schon ein echter Klumpen. Wer das mag und das Handy häufiger als mobilen TV-Ersatz einsetzt als am Ohr und in der Tasche, wird sich sicherlich darüber freuen. Aber Fans des iPhone-Formfaktors kommen hier nicht mehr auf ihre Kosten. Geschmacksache.

Display

Kommen wir zu den technischen Details der Anzeige. Die Diagonale kennen wir schon, und die Auflösung können wir uns denken: 1280 mal 720 Pixel, also HD-ready – und damit exakt so viel, wie die Konkurrenten in diesem Größen- und Preisumfeld inklusive Galaxy Nexus, Galaxy Note und HTC One X auch zu bieten haben. In Anbetracht der Größe kann sich die Auflösung durchaus sehen lassen. Das iPhone-Display hat zwar im Verhältnis zur Fläche noch mehr Pixel und stellt Texte und Bilder damit noch schärfer dar, aber der Unterschied ist so gering, dass er selbst im direkten Vergleich nicht auffällt.

Außerdem freuen wir uns über das Super-AMOLED-Panel. Die Anzeigetechnik überzeugt wie gehabt mit kräftigen, leuchtenden Farben, perfekten Kontrasten und uneingeschränkten Blickwinkeln – wow! Aber leider setzt Samsung hier nicht die Super-AMOLED-Plus-Technik ein, die beim Vorgänger zum Einsatz kam. Das bedeutet, dass das Display wieder auf der PenTile-Matrix basiert – und damit, dass jedes einzelne Pixel nicht aus drei, sondern nur aus zwei Subpixeln besteht. In der Praxis kann also ein einzelner Bildpunkt nicht jede beliebige Farbe annehmen. Dafür sind zwei benachbarte Bildpunkte nötig. Und das bedeutet in der Praxis, dass die Darstellung von Linien, Buchstaben und so weiter trotz der nominell hohen Auflösung nicht so gestochen scharf ist wie bei LC- oder Super-AMOLED-Plus-Displays.

Das ist zwar schade, aber fairerweise müssen wir dazu sagen: Die Masse der potentiellen Käufer wird diesen Punkt wohl gar nicht erst bemerken. Trotz dieses kleinen Hakens kann sich das Display mehr als nur sehen lassen.

Ausstattung

12 Megapixel! Das munkelte man im Vorfeld, aber genauso wie beim Keramikgehäuse heißt es hier: Fehlanzeige. Wie der Vorgänger, das iPhone und die gesammelte Konkurrenz in diesem Umfeld knipst das Galaxy S3 mit 8 Millionen Pixeln. Das muss nicht schlecht sein, denn wie sich inzwischen herumgesprochen hat, sind Megapixel nicht alles – und wenn die Anzahl der Bildpunkte steigt, ohne, dass die Sensorgröße mitwächst, geht sogar die Bildqualität in den Keller.

Dafür haben die Koreaner aber an anderer Stelle Hand angelegt und der Auslöseverzögerung den Kampf angesagt. Beziehungsweise sie besiegt: Angeblich gibt es jetzt gar keine mehr. Tatsächlich wirkte der Prototyp im Test wahnsinnig schnell, aber wir benötigen zunächst ein finales Testgerät und das passende Equipment, um diese Aussage wirklich bestätigen zu können. Die Bildqualität macht einen ordentlichen Eindruck, überragend ist sie aber zumindest beim Prototypen nicht – das kann das iPhone 4S besser. Für ein endgültiges Urteil benötigen wir aber auch in diesem Fall ein Testgerät mit finaler Software.

Darüber hinaus gibt es einige weitere nette Funktionen, darunter die obligatorische Gesichts- und Lächelerkennung. Den Foto-Modus während der laufenden Videoaufnahme, den HTC bei seinen One-Modellen eingeführt hat, hat Samsung jetzt auch: Wer also Clips aufzeichnet, kann gleichzeitig Fotos abspeichern. Der neue Best-Shot-Modus nimmt beim Druck auf den virtuellen Auslöser nicht nur ein Bild auf, sondern gleich mehrere – und sucht dann automatisch das beste Bild heraus. Dabei werden Variablen wie Schärfe, Helligkeit und Lächel-Erkennung eingesetzt. Sobald die Fotos gespeichert sind, läuft eine Gesichtserkennung, die Fotos Kontakten zuordnet. Beim Blättern im Album kann der Nutzer dann durch einen Fingertipp auf das Gesicht einer Person Kurznachrichten versenden oder einen Anruf starten.

Apropos: Wer gerade mit einem Kontakt chattet und das Smartphone ans Ohr hält, startet ohne weiteres Zutun einen Anruf. Die 2-Megapixel-Frontkamera beobachtet auf Wunsch die Augen des Betrachters und hält die Display-Beleuchtung aktiv, während er ein E-Book liest oder ein Video sieht, ohne, dass eine Berührung des Touchscreens nötig wäre. Wer dabei einschläft, muss sich nicht über einen leeren Akku ärgern, denn dann schaltet sich das Smartphone ab.

All diese tollen Funktionen benötigen natürlich Strom und Rechenleistung. Für beides hat Samsung gesorgt: Ein 2100 mAh starker Energiespeicher hat überdurchschnittliche Reserven. Mit einer signifikant längeren Laufzeit als bisher rechnen wir aufgrund der großen Anzeige und der vielen Features allerdings nicht. Auf der anderen Seite sorgt der Quad-Core-Prozessor mit 1,4 GHz für ordentlich Vortrieb und eine erfreulich flüssige Bedienung. Das neue Galaxy kommt uns so schnell wie kaum ein anderer Android [7] vor. Genaue Leistungsdaten folgen, sobald uns das finale Testgerät vorliegt.

Das Galaxy S3 kommt standardmäßig mit 16 GByte Speicher, der per microSD-Karte erweiterbar ist. Der Hersteller hat auch Varianten mit 32 und 64 GByte angekündigt, aber ob diese den Weg nach Deutschland schaffen werden, steht noch nicht fest. Apropos: Während sich andere Länder über die Unterstützung des UMTS-Nachfolgers LTE freuen dürfen, müssen wir mit dem langsameren HSPA auskommen. Flottes WLAN, Bluetooth 4.0 und NFC gibt es aber auch hierzulande – danke.

Software und Apps

Das Galaxy S3 kommt mit der aktuellen Version 4.0 von Googles Android-Betriebssystem. Wie üblich hat Samsung diesem sein eigenes TouchWIZ-User-Interface übergestülpt. Das ist nicht schlecht und bringt ein paar praktische Funktionen mit, kommt aber weder optisch noch von der Bedienung her an die HTC-Oberfläche Sense heran.

Zu den Funktionen gehört beispielsweise S-Beam. Wer ein Video, eine Musikdatei oder ein Foto an ein anderes Gerät mit S-Beam-Unterstützung übertragen möchte, hält die Geräte einfach aneinander. Über den Kurzstreckenfunk NFC erkennen sie sich ohne weiteres Zutun und vereinbaren die Datenübertragung vollautomatisch – und die erfolgt dann flott per WLAN. So muss das sein.

Ebenfalls neu ist eine Spracherkennung im Siri-Stil namens S-Voice. In der Präsentation hat das Feature einen ordentlichen Eindruck gemacht, allerdings konnten wir es in der Praxis nicht ausprobieren – es war bei den Testgeräten schlicht zu laut. Wie bei Apple versteht die Spracherkennung nicht nur festgelegte Befehle, sondern auch natürliche Sprache, und beantwortet Fragen zu Wetter und Wegen, stellt Wecker und startet Anrufe.

In der Vergangenheit hat Samsung häufig genau bei den Software-Funktionen etwas an der Perfektion geschlampt – wenn die Koreaner Apple ausstechen wollen, darf ihnen das bei der Spracherkennung und den anderen leckeren und innovativen Funktionen des S3 nicht passieren.

In einem Punkt hat Samsung aber zumindest HTC ausgestochen. Die Taiwaner packen zu ihren neuen Smartphones 25 GByte Online-Speicher beim Cloud-Dienst DropBox. Samsung legt jetzt 50 GByte zum S3 drauf.

Vorläufiges Fazit

Keine Frage: Das Galaxy S3 gehört zu den besten Android-Smartphones überhaupt. Noch dazu bringt es viele innovative Features mit, aber die müssen in der Praxis erst noch überzeugen. Die Ausstattung ist auf hohem Niveau, und die Optik gefällt. Uns stört aber weiterhin das Gehäuse aus Plastik, aber das ist Geschmacksache.

Wer sich damit anfreunden kann, sollte einen anstehenden Handy-Kauf auf jeden Fall noch um drei Wochen aufschieben. Bis dahin kommen die Geräte in den Handel – und wir erwarten ein finales Testgerät, dass seine Software, die Kamera und den Akku dann noch einmal ganz ausführlich unter Beweis stellen muss.

Artikel von CNET.de: https://www.cnet.de

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[1] Samsung: http://www.cnet.de/unternehmen/samsung/

[2] Apple: http://www.cnet.de/unternehmen/apple/

[3] Smartphone: http://www.cnet.de/themen/smartphone/

[4] HTC: http://www.cnet.de/unternehmen/htc/

[5] Samsung Galaxy S3 im Hands-on: Apps, Gehäuse und Oberfläche in 112 Bildern: https://www.cnet.de/41564062/samsung-galaxy-s3-im-hands-on-apps-gehaeuse-und-oberflaeche-in-112-bildern/?pid=1#sid=41563907

[6] Samsung Galaxy S3 im Hands-on: erste Eindrücke vom Android-Flaggschiff: https://www.cnet.de/41563901/samsung-galaxy-s3-im-hands-on-erste-eindruecke-vom-android-flaggschiff/?pid=1#sid=41563907

[7] Android: http://www.cnet.de/themen/android/