LG 55EM9600 im Hands-on: der vielleicht beste Fernseher aller Zeiten – für 10.000 Dollar

von Stefan Möllenhoff am , 19:07 Uhr

Auf der CES in Las Vegas gab es bereits einen Prototypen zu sehen, jetzt hat LG seinen 55-Zoll-OLED-Fernseher offiziell vorgestellt. Das vier Millimeter flache Flaggschiff wird in der zweiten Jahreshälfte 2012 auf den Markt kommen und soll die Fernsehwelt so revolutionieren, wie es einst die LCDs im Röhrenfernseher-Zeitalter schafften. Wir hatten diese Woche die Gelegenheit, uns den neuen OLED-TV näher anzusehen.

OLED-Bildschirme sind nichts Neues: Sie fanden beispielsweise bereits vor zehn Jahren bei Autoradios Verwendung, damals allerdings noch in Monochrom-Ausführung. 2010 ist den Farb-OLED-Anzeigen der Durchbruch im Mobiltelefon-Markt gelungen – bei den Flaggschiffen gehören sie seitdem zum guten Ton. Und auch OLED-Fernseher gibt es schon seit ein paar Jahren: Der Sony XEL-1 [1] kam im Jahr 2009 mit einer unverbindlichen Preisempfehlung von 4300 Euro auf den Markt – bei gerade einmal 11 Zoll Bilddiagonale. 2012 sieht es so aus, als würde endlich das Zeitalter der großformatigen OLED-Bildschirme anbrechen.

Der Weltmeister gibt sich die Ehre: Bei der Präsentation des 55EM9600 stand unter anderem Sebastian Vettel auf der Bühne. [2]
Der Weltmeister gibt sich die Ehre: Bei der Präsentation des 55EM9600 stand unter anderem Sebastian Vettel auf der Bühne.

Technologie: OLED gegen LCD

Bei LCD-Fernsehern (und auch LED-TVs, die nach demselben Prinzip funktionieren) gibt es eine Hintergrundbeleuchtung, die einfach ein weißes Bild darstellt. Vor diesem weißen Bild befindet sich eine Matrix aus roten, blauen und grünen Pixeln, die sich zwischen ihrer eigenen Farbe und Schwarz dimmen lassen. Aus diesen Grundfarben und der Möglichkeit zur Helligkeitsregulierung baut der Fernseher schließlich das Bild auf. Allerdings bringt diese Technologie ein paar Probleme mit sich.

Nachdem die Hintergrundbeleuchtung immer aktiv ist, scheint sie stets leicht durch – aus Schwarz wird Grau. Direct-LED-Fernseher verbessern diese Problematik zwar etwas, indem sie die Hintergrundbeleuchtung lokal herunterdimmen, bieten aber immer noch keine perfekten Kontraste. Um kleine Lichtpunkte auf dem Bildschirm herum gibt es außerdem Lichthöfe, denn die LEDs in der Hintergrundbeleuchtung sind eben einfach nicht so klein wie die einzelnen Pixel. Außerdem bieten LED-Fernseher eingeschränkte Blickwinkel, da das Licht einen gewissen Weg durch die verschiedenen Schichten des Panels zurücklegen muss.

Der große Unterschied bei den OLED-Fernsehern ist jetzt, dass die Pixel selbst leuchten und nicht von hinten angestrahlt werden. Soll das Bild an einer Stelle schwarz sein, dann werden die Pixel komplett abgeschaltet und sind dann auch richtig schwarz. Das sorgt für gigantische Kontrastverhältnisse. Nachdem das Licht direkt aus der Pixelschicht emittiert wird, kippen auch bei beliebig schräger Betrachtung niemals die Farben.

Warum erst jetzt?

OLED-Bildschirme gehören bei Smartphones inzwischen schon zum guten Ton und sind nichts Besonderes mehr. Warum ist es dann so schwierig, einen großen Fernseher zu bauen? Der Grund liegt in der aufwändigen Verdrahtung der einzelnen Pixel – jeder einzelne Bildpunkt muss einzeln angesteuert werden, was bei hohen Auflösungen und großen Panels eine große Herausforderung darstellt – und den Preis entsprechend nach oben treibt.

Ein weiteres Problem ist die Langlebigkeit der OLEDs. Insbesondere die Pixel für das blaue Licht sorgen hier für Probleme. Smartphone [3]-Displays mit OLED-Technologie sind dafür bekannt, anfangs einen leichten Blaustich aufzuweisen, der mit der Zeit verschwindet, da die blauen OLEDs an Leuchtkraft verlieren. Im Vergleich zu Fernsehern sind die Anforderungen an Handy-Bildschirme in puncto Haltbarkeit außerdem deutlich geringer. Nach zwei Jahren haben Mobiltelefone meistens bereits ausgedient, und sie müssen kaum fünf Stunden am Tag leuchten.

LG [4] umgeht das Problem der blauen OLEDs damit, dass einfach ausschließlich weiße Pixel zum Einsatz kommen. Über diesen Bildpunkten sitzt dann schließlich eine Maske mit Farbfiltern in den Farben Rot, Grün und Blau. Strenggenommen handelt es sich beim 55EM9600 also um den perfekten LED-Fernseher mit einer OLED-Hintergrundbeleuchtung. Einen Unterschied gibt es allerdings: Der LG-TV verfügt auch über weiße Pixel, die angeblich die „Farbdarstellung perfektionieren“, so die Pressemitteilung. Wie das genau funktioniert, konnten wir bislang noch nicht herausfinden. Sobald wir eine Antwort des Herstellers erhalten haben, werden wir diesen Artikel aktualisieren.

Drei bunte OLEDs und ein weißer Pixel: LG nennt das Panel WOLED. [5]
Drei bunte OLEDs und ein weißer Pixel: LG nennt das Panel WOLED.

Bezüglich der Lebensdauer des 55EM9600 wollte sich LG noch nicht äußern. Allerdings soll der Fernseher hier nicht schlechter abschneiden als sein kleiner Bruder 15EL9500 mit 15-Zoll-Display, der mit 30.000 Stunden aufwarten kann. Das entspricht zwar etwa nur einem Drittel dessen, was LCD-Fernseher mit LED-Beleuchtung schaffen. Doch unterm Strich kommen 30.000 Stunden auch einem dreieinhalbjährigen 24/7-Fernsehmarathon gleich. Wer sich mit acht Stunden täglich zufrieden gibt, kommt auf gut zehn Jahre.

Samsung [6] setzt bei seinem Konkurrenzprodukt übrigens auf drei verschiedenfarbige OLEDs, die die Grundfarben direkt ausstrahlen. Welche Vor- und Nachteile das mit sich bringt, muss sich noch in der Praxis zeigen. Dem Energieverbrauch dürfte es jedenfalls zuträglich sein. Denn die OLEDs in LGs Fernseher produzieren weißes Licht, das von den jeweiligen Farbfiltern dann zu mindestens zwei Drittel wieder geschluckt wird. Und dieser Überschuss benötigt eben trotzdem Energie.

Design & Ausstattung

Der LG 55EM9600 ist extrem schlank – gerade einmal vier Millimeter misst das Gehäuse in der Tiefe und ist damit nur halb so dick wie die derzeit dünnsten Smartphones. Damit der Fernseher ob der flachen Konstruktion nicht beim nächsten Windstoß zusammengefaltet wird, ist das Chassis aus Carbon gefertigt. Da ist es fast schade, dass man die Rückseite des Geräts in den allermeisten Heimkinos niemals zu Gesicht bekommen wird. Oder es herumtragen wird: Denn mit rund 7,5 Kilogramm ist das Gerät nur halb so schwer wie viele aktuelle LCD-TVs. Darüber freut sich dann aber wohl lediglich das Umzugsunternehmen, wenn es die Glotze von Luxus-Apartement zu Luxus-Apartement schleppt. Der Rahmen rund um das Panel auf der Vorderseite ist übrigens ebenfalls extrem schmal.

Der OLED-Fernseher von LG ist nicht einmal so dick wie ein Standard-Kugelschreiber. [7]
Der OLED-Fernseher von LG ist nicht einmal so dick wie ein Standard-Kugelschreiber.

Prinzipiell bietet LG drei Möglichkeiten, den Fernseher aufzustellen: Wandmontage, kleiner Tisch-Standfuß, großer Boden-Standfuß. Welche Varianten es schließlich auf den europäischen beziehungsweise deutschen Markt schaffen werden, steht derzeit noch nicht fest. Allerdings müssen die drei Varianten einen Nachteil des extrem schlanken Gehäuses ausgleichen. In dem Display gibt es nämlich keinen Platz für die Anschlüsse – darum kümmert sich eine kleine Mediabox, die entweder in den Standfuß integriert ist oder bei der Wandmontage-Version irgendwo in der näheren Umgebung angebracht werden muss. Die Kommunikation zwischen Bildschirm und der Kiste läuft mittels eines unauffälligen, weil transparenten Lichtleiterkabels ab. Für die Energieversorgung des Displays ist natürlich noch eine weitere Strippe notwendig.

Blick auf die Rückseite des Geräts: Bei der Serienversion soll ein einziges Lichtleiter-Kabel ausreichen, um Display und Basis-Einheit miteinander zu verbinden. [8]
Blick auf die Rückseite des Geräts: Bei der Serienversion soll ein einziges Lichtleiter-Kabel ausreichen, um Display und Basis-Einheit miteinander zu verbinden.

Das Vorseriengerät, das LG in Monaco gezeigt hat, verfügt unter anderem über vier HDMI-Anschlüsse, drei USB-Ports und eine Ethernet-Buchse. Außerdem kommuniziert das Gerät via WLAN drahtlos mit der Außenwelt. Mit an Bord ist auch Intels Wireless-Display-Technologie (WiDi), die das drahtlose Streamen von Inhalten von kompatiblen Notebooks an den Fernseher erlaubt.

In der kleinen Kiste mit den vielen Anschlüssen steckt übrigens auch die Intelligenz des Fernsehers. So sorgt unter anderem ein Dual-Core-Prozessor für Rechenleistung – und schließlich dafür, dass der Fernseher unter anderem einen digitalen Videorekorder, einen Mediaplayer, diverse Internet-Features – Samsungs Smart TV – aufbietet. Außerdem ist ein Webbrowser an Bord, der die neueste Flash-Version unterstützt.

Dieses Foto zeigt die Ports auf der rechten Seite des Fernsehers beziehungsweise dessen Standfußes. [9]
Dieses Foto zeigt die Ports auf der rechten Seite des Fernsehers beziehungsweise dessen Standfußes.

Bildqualität

Das Bild des LG 55EM9600 ist absolut bombastisch. Leider waren wir beim Bildmaterial auf das beschränkt, was LG auf dem Fernseher laufen ließ – und das waren in erster Linie extrem farbenfrohe und knallige Bilder. Dennoch: Derart lebendige und intensive Farben haben wir auf einem Fernseher noch nie gesehen.

Perfekte Kontraste: Was schwarz sein soll, ist beim 55EM9600 auch tatsächlich schwarz. [10]
Perfekte Kontraste: Was schwarz sein soll, ist beim 55EM9600 auch tatsächlich schwarz.

LG setzt beim 55EM9600 auf passives 3D. Das bedeutet, dass vor jeweils einer Hälfte der Pixel ein anderer Polfilter angebracht ist, und die Brille für beide Augen einen entsprechend anderen Polfilter in den Gläsern mitbringt. Das hat in der Praxis den Vorteil, dass die Brillen leichter und kleiner sind und im Gegensatz zu Shutterbrillen nicht flimmern. Im Gegenzug halbiert sich jedoch im 3D-Modus die Auflösung.

Das einzige, was es von der 3D-Funktion bislang zu sehen gab, waren neue Brillen. Wie viele sich davon im Lieferumfang mit dem neuen Fernseher befinden, ist noch nicht bekannt. Fest steht lediglich, dass sie zu den schicksten 3D-Brillen gehören, die wir bislang gesehen haben – und glatt als modische Sonnenbrille durchgehen könnten.

So sieht die neue 3D-Brille von LG aus. [11]
So sieht die neue 3D-Brille von LG aus.

Her mit dem Ding – wo muss ich unterschreiben?

Einen genauen Termin für den Marktstart gibt es noch nicht, der Fernseher soll jedoch noch im Laufe des zweiten Jahreshälfte im Handel erhältlich sein. Im nächsten Jahr sollen dann auch andere Größen folgen. Allerdings wird man sich bei der Bilddiagonale zunächst nach oben orientieren und das Highend-Segment bearbeiten. Auf einen „günstigen“ 32-Zöller wird man bei LG also noch etwas warten müssen.

Ein LG-Mitarbeiter versprach, dass der 55EM9600 der erste großformatige OLED-Fernseher auf dem Markt sein werde. Nur zur Erinnerung: Samsung arbeitet ebenfalls an einem OLED-TV im 55-Zoll-Format, der ebenfalls noch dieses Jahr in den Regalen stehen soll. Möglicherweise darf man also bei LG auf das dritte Quartal hoffen.

Ebensowenig wie einen Marktstart gibt es bislang eine offizielle Angabe bezüglich der Anschaffungskosten. Dass der OLED-TV kein Schnäppchen wird, dürfte selbstverständlich sein. Doch bei Preisangaben von etwa 10.000 Dollar, die durchs Internet geistern, müssen auch gut betuchte Heimkino-Freaks erstmal schlucken. Samsungs Super-OLED-TV 55ES9500 soll übrigens für rund 9000 Dollar in den Handel kommen.

Ausblick

In puncto Design und Bildqualität Leistung setzt der LG 55EM9600 Maßstäbe. Leider lässt sich das Gleiche auch über den Preis sagen. Wer sich heute schon ein Stück Zukunft ins Heimkino stellen möchte, der muss eben entsprechend dafür bezahlen. Für alle anderen heißt es: abwarten. Denn Won Kim zufolge, VP of OLED Sales and Marketing bei LG, sollen OLED-Panels bis 2016 weniger kosten als ihre LCD-Konkurrenten.

Artikel von CNET.de: https://www.cnet.de

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[1] Sony XEL-1: https://www.cnet.de/tests/tv/41002687/testbericht/sony_xel_1_teurer_oled_tv_mit_tollem_bild.htm

[2] Image: https://www.cnet.de/i/story_media/41564152/lg_55em9600_praesentation.jpg

[3] Smartphone: http://www.cnet.de/themen/smartphone/

[4] LG: http://www.cnet.de/unternehmen/lg/

[5] Image: https://www.cnet.de/i/story_media/41564152/lg_55em9600_woled.jpg

[6] Samsung: http://www.cnet.de/unternehmen/samsung/

[7] Image: https://www.cnet.de/i/story_media/41564152/lg_55em9600_stift.jpg

[8] Image: https://www.cnet.de/i/story_media/41564152/lg_55em9600_ports_hinten.jpg

[9] Image: https://www.cnet.de/i/story_media/41564152/lg_55em9600_ports_seite.jpg

[10] Image: https://www.cnet.de/i/story_media/41564152/lg_55em9600_schwarz.jpg

[11] Image: https://www.cnet.de/i/story_media/41564152/lg_55em9600_brille.jpg