Canon EOS 650D ausprobiert: DSLR mit Phasenvergleich-Fokus auf dem Sensor und Touchscreen

von Lori Grunin und Stefan Möllenhoff am , 18:09 Uhr

Als Anfang des Jahres eine Reihe von Canon-Patenten bezüglich auf Kontrast-Autofokus optimierter Objektive aufgetaucht sind, gab es in den Weiten des Internets einen großen Aufschrei: Endlich kommt das spiegellose Kamerasystem vom Klassenprimus! Zu früh gefreut – dem Anschein nach sind die Linsen für die DSLRs des Herstellers gedacht und lediglich auf den Videomodus optimiert. Dazu passt auch die heute vorgestellte EOS 650D, die gegenüber der Vorgängerin EOS 600D in erster Linie in der Videodisziplin Fortschritte macht. Wie diese aussehen, zeigt unser Preview.

Für Videofreaks hat die Canon EOS 650D eine ganze Menge zu bieten. So ist sie beispielsweise die erste Canon-DSLR, die einen kontinuierlichen Autofokus bietet. Bislang gibt es diesen nämlich nur bei Sonys SLT-Hybriden mit starrem Spiegel [1] und – wenngleich mit enttäuschender Performance – bei einigen Nikon-Spiegelreflexkameras [2].

Die Canon EOS 650D setzt nun allerdings erstmals einen Bildsensor ein, auf dem sich Phasenvergleichs-Sensoren befinden – so, wie bei Nikons spiegellosen Systemkameras der 1-Serie. Diese Phasenvergleichs-Punkte befinden sich in der Mitte des Bildsensors und dienen primär dazu, die grobe Entfernung zum Motiv zu ermitteln. Um die Feineinstellung kümmert sich dann der Kontrast-Autofokus, der die normalen Pixel des CMOS-Sensors nutzt und damit über die gesamte Bildfläche zur Verfügung steht.

Die rote Markierung zeigt, welchen Bereich der Phasenvergleichs-Sensor auf dem CMOS-Chip im Griff hat. Wie die blaue Fläche rechts verdeutlicht, deckt der Kontrast-Autofokus die gesamte Bildfläche ab. [3]
Die rote Markierung zeigt, welchen Bereich der Phasenvergleichs-Sensor auf dem CMOS-Chip im Griff hat. Wie die blaue Fläche rechts verdeutlicht, deckt der Kontrast-Autofokus die gesamte Bildfläche ab.

Fürs normale Fotografieren bietet die Canon EOS 650D auch noch einen dedizierten Phasenvergleichs-Sensor außerhalb des Bildsensors. Dieser verfügt über neun Autofokus-Punkte, die allesamt Kreuzsensoren sind. Beim mittleren AF-Punkt handelt es sich sogar um einen Doppelkreuz-Sensor. Darüber hinaus dürfen sich Fotografen noch über einen auf 5 fps beschleunigten Serienbildmodus freuen – das war es dann aber auch schon im Wesentlichen für Foto-Freaks.

Unterm Strich profitieren Standbild-Knipser in erster Linie von der EOS 650D dadurch, dass die EOS 600D günstiger wird und die EOS 60D zunehmend ihren Sinn verliert. Die derzeit einzigen Vorteile der EOS 60D gegenüber der 650D sind das hochwertiger verarbeitete Gehäuse, die längere Akkulaufzeit und die etwas höhere Serienbildgeschwindigkeit mitsamt besserem Pufferspeicher.

Zusammen mit der EOS 650D hat Canon zwei Objektive vorgestellt – und damit die STM-Serie bei den Optiken ins Leben gerufen. STM steht für Stepping Motor, also für Schrittmotor. Die Objektive sind für ein besonders leises und weiches Fokussieren ausgelegt und sollen sich damit ideal für den Video-Einsatz eignen. Bislang fand dieser Linsentyp in erster Linie bei spiegellosen Systemkameras Verwendung.

Das erste neue STM-Objektiv ist das 18-bis-135-Millimeter-Superzoom, das eine Lichtstärke von F3.5 bis F5.6 bietet und ab Juli für rund 500 Euro den Besitzer wechseln soll. Canon zufolge soll das Objektiv etwas besser abbilden als die Nicht-STM-Version, das vor knapp drei Jahren mit identischer unverbindlicher Preisempfehlung auf den Markt kam.

Beim zweiten STM-Objektiv handelt es sich um eine Pancake-Linse mit 40 Millimetern Brennweite und Blende F2.8. Mit einem Kleinbildäquivalent von 64 Millimetern ist die Linse eher ein Exot und etwas verwunderlich. Die meisten Anwender dürften sich etwas Weitwinkeligeres zum Filmen wünschen. Außerdem bietet das Objektiv keinen Bildstabilisator, was für Videos doch ein deutlicher Vorteil wäre. Und zu guter Letzt ergibt es einfach nicht viel Sinn, ein extrakompaktes Objektiv zu konstruieren, wenn sämtliche Gehäuse ohnehin recht sperrig sind.

Außer natürlich, es kommt zeitnah eine kompaktere spiegellose Kamera mit 18-Megapixel-Sensor samt Phasenvergleichs-Autofokus auf den Markt, die das gleiche Bajonett nutzt. Allerdings muss hier dazugesagt werden, dass diese auch nicht signifikant kleiner ausfallen kann, da Bildsensor und Objektivrückseite das Auflagemaß einhalten müssen. Immerhin: Mit einer UVP von 240 Euro ist das Objektiv ziemlich preiswert.

Unterm Strich freuen wir uns natürlich über die Verbesserungen, die den bei DSLRs üblicherweise sehr lahmen Kontrast-Autofokus beschleunigen. Allerdings werden die Neuerungen bei den Verbrauchern eher für Verwirrung sorgen. Denn schließlich profitieren nur Besitzer der STM-Objektive wirklich von den Neuerungen im Live-View- und Videobetrieb. Wer mit der 18-bis-55-Millimeter-Linse fotografiert, zahlt unterm Strich 150 Euro Aufpreis für einen Touchscreen.

Der Touchscreen kann aber durchaus überzeugen. Das kapazitive Panel spricht gut an, und das User-Interface hat Canon gut an die Bedienung per Fingertipp angepasst. Mit an Bord sind außerdem praktische Features wie Touch-to-Focus. So wie es aussieht, ist aber leider keine Peaking-Funktion an Bord, die das manuelle Fokussieren durch Hervorheben der scharfgestellten Kanten erleichtert.

Das Upgrade vom Digic-4- auf den Digic-5-Prozessor bringt ebenfalls ein paar Verbesserungen mit sich. Darunter finden sich etliche Mehrfachaufnahmemodi, in denen die Kamera mehrere in schneller Serie geschossene Bilder zu einem Foto mit verbesserter Qualität kombiniert. Da gibt es beispielsweise den von diversen Sony [5]-Modellen bekannten Multishot-Modus für schlechte Lichtverhältnisse, der das Rauschen durch Zusammenrechnen mehrerer Fotos reduziert. Außerdem gibt es eine HDR-Automatik, die bei sehr kontrastreichen Motiven Über- und Unterbelichtungen durch das Kombinieren von insgesamt vier Aufnahmen vermeiden soll. Wie bei der Konkurrenz bietet nun auch die Automatik der Kamera eine Motivanalyse, die das zum Geschehen vor der Linse passendste Motivprogramm auswählt.

Ausblick

Es ist interessant zu sehen, wie sich die diversen Hersteller unterschiedliche Aspekte heraussuchen, um ihre Einsteiger- und Mittelklasse-Modelle von der Konkurrenz abzuheben. Canon fokussiert sich auf Videos, Pentax setzt auf outdoortaugliche Modelle, und Sony gibt bei Displays, Suchern und Serienbildgeschwindigkeit Vollgas. Wir sind gespannt, mit was der überfällige Nachfolger der Nikon D5100 aufwarten wird.

Die größte Hürde für die Canon EOS 650D wird wohl die Sony Alpha SLT-A65 sein. Die Kamera verfügt über eine durchaus konkurrenzfähige Videofunktion, bietet aber einen schnelleren Serienbildmodus. Außerdem überzeugt Sonys Prinzip, die Bildstabilisierung durch einen beweglich aufgehängten Sensor zu realisieren. Bei Canons und Nikons Modellen ist man darauf angewiesen, dass das Objektiv einen Verwacklungsschutz mitbringt – und dieser will bei jeder Linse neu bezahlt werden oder ist im Zweifelsfall gar nicht erst vorhanden. Ein ganz aktuelles Beispiel wäre das frisch vorgestellte 40-Millimeter-STM-Pancake.

Artikel von CNET.de: https://www.cnet.de

URL zum Artikel: https://www.cnet.de/41564306/canon-eos-650d-ausprobiert-dslr-mit-phasenvergleich-fokus-auf-dem-sensor-und-touchscreen/

URLs in this post:

[1] Sonys SLT-Hybriden mit starrem Spiegel: https://www.cnet.de/tests/digicam/41556599/testbericht/sony_alpha_slt_a65v_im_test_ausgezeichnete_mittelklasse_dslr_mit_festem_spiegel.htm

[2] Nikon-Spiegelreflexkameras: https://www.cnet.de/tests/digicam/41541495/testbericht/nikon_d7000_im_test_ausgezeichnete_mittelklasse_dslr_fuer_ambitionierte_fotografen.htm

[3] Image: https://www.cnet.de/i/story_media/41564306/canon_eos_650d_fokus_sensor.jpg

[4] Canon EOS 650D im Hands-on: erste DSLR mit Touchscreen: https://www.cnet.de/41564305/canon-eos-650d-im-hands-on-erste-dslr-mit-touchscreen/?pid=1#sid=41564306

[5] Sony: http://www.cnet.de/unternehmen/sony/