Google Nexus Q im Test: futuristischer Media-Streamer mit Potenzial, aber nicht viel mehr

von Matthew Moskovciak und Stefan Möllenhoff am , 16:14 Uhr

Pro
  • einzigartiges Design
  • LED-Beleuchtung reagiert auf Musik
  • direktes Streaming von Google Play
  • Android-Geräte als Fernbedienung
  • integrierter Verstärker
Con
  • sehr teuer
  • keine Streaming-Möglichkeiten von Nicht-Google-Services
  • kein Streaming von PC oder DLNA-Server möglich
  • keine eigene Fernbedienung oder Oberfläche, daher Android-Device zum Steuern erforderlich
Hersteller: Google Listenpreis: 300 US-Dollar
ZDNet TESTURTEIL: AUSREICHEND 5,3 von 10 Punkte
Fazit:

Das außergewöhnliche und eindrucksvolle Design des Nexus Q kann leider nicht die krassen Einschränkungen wettmachen, die der auf Google-Dienste limitierte Media-Streamer mitbringt - jedenfalls nicht bei diesem Preispunkt.

Mit dem Nexus Q wagt Google den nächsten Angriff auf die Wohnzimmer und Heimkinos dieser Welt. Und zwar mit Stil: Auf dem Fernseh-Schrank sieht der Nexus Q vielmehr wie ein aus Diablo 3 entsprungener Gegenstand aus – und weniger nach Heimkino-Hardware. Während das ebenfalls auf der Google I/O vorgestellte Tablet Nexus 7 mit einem extrem niedrigen Preis für Wirbel sorgte, langt der Suchmaschinengigant bei seinem Media-Streamer kräftig hin: 300 US-Dollar soll das Gadget kosten. Ob sich der Kaufpreis lohnt, verrät der Test.

Für die hohen Anschaffungskosten verantwortlich dürfte unter anderem die Tatsache zeichnen, dass Google [1] den Nexus Q nicht etwa in Fernost, sondern im Heimatland USA fertigen lässt. Vermutlich soll sich die in verschiedenen Farben glühende Sphäre auch eher nicht an die breite Masse richten, sondern Entwicklern und Geeks gleichermaßen einen Ausblick darauf geben, wie man sich im kalifornischen Mountain View die künftigen Wohnzimmer vorstellt. Eines steht fest: Stylisch sieht sie auf jeden Fall aus, diese Zukunft.

Blickt man allerdings hinter die Fassade, wird erschreckend schnell klar, wie wenig der Nexus Q eigentlich kann. Die Google-Kugel streamt Inhalte von Play Music, von Play TV & Movies und von YouTube – und das wars. Eine Unterstützung für Netflix, Pandora, Spotify und dergleichen sucht man hier vergeblich. Immerhin: Mit an Bord ist ein integrierter Verstärker, der ein Paar Lautsprecher antreibt. Aber selbst damit dürfte es sehr schwer fallen, die gegenüber Apple [2] TV (100 Euro) & Co. deutlich höheren Anschaffungskosten zu rechtfertigen.

Hardware

Aber Stück für der Stück der Reihe nach: Wie schon gesagt, der Nexus Q sieht absolut fantastisch aus. Die schwarze Kugel ist lediglich an der Unterseite etwas abgeflacht, um nicht aus dem Regal zu rollen. Das Gehäuse macht einen solide verarbeiteten Eindruck, zu dem auch das mit rund einem Kilo recht kräftige Gewicht passt. Das mattschwarze Finish ist außerdem halbwegs unempfindlich gegenüber Fingerabdrücken – aber besonders häufig wird man das Gerät ohnehin nicht in die Hand nehmen. Nach dem Einschalten zeigen ein sich diagonal um die Spähre ziehender LED-Ring sowie eine winzige Leuchtdiode in der Mitte an, dass hier etwas passiert. Mit dem Look gehört das Gadget definitiv zu denjenigen, bei denen Gäste neugierig fragen werden: „Was ist denn das bitte?“

Durch ein Antippen der einzelnen LED wird der Ton stumm geschaltet. Ein Drehen an der oberen Kugelhälfte regelt die Lautstärke nach oben beziehungsweise unten. Das funktioniert unterm Strich erfreulich praktisch und intuitiv. Größtenteils wird man das Gadget aber ohnehin über ein Android [3]-Gerät bedienen.

Die Kommunikation mit der Außenwelt geschieht weitgehend drahtlos. Hier unterstützt der Nexus Q sowohl Dual-Band-WLAN nach IEEE 802.11n, Bluetooth und NFC (Near-Field Communication). Für Rechenleitung im Inneren sorgt ein Dual-Core-Prozessor, dem 1 GByte Arbeitsspeicher zur Seite stehen. Als Betriebssystem kommt Android 4.0 zum Einsatz, außerdem gibt es 16 GByte integrierten Flash-Speicher.

So sehen die Anschlüsse auf der Rückseite des Google Nexus Q aus. [4]
So sehen die Anschlüsse auf der Rückseite des Google Nexus Q aus.

Auf der Rückseite des Nexus Q befinden sich die Anschlüsse. Hier bringt der Hersteller einen Micro-HDMI-Ausgang und einen optischen Audio-Anschluss unter. Außerdem gibt es eine Ethernet-Buchse für WLAN-freie Haushalte und einen Micro-USB-Anschluss für allgemeine „Hackability“ – wenige Stunden nach dem Launch in den USA haben so die ersten Developer schon Android-Games auf dem Media-Streamer zum Laufen gebracht. Zu guter Letzt sitzen auf der Rückseite noch vier Bananen-Buchsen, um zwei Lautsprecher an den integrierten Verstärker anzuschließen.

In Sachen Anschlüsse steht der Nexus Q unterm Strich gut da. Allerdings sind die Buchsen erstaunlich schwer zu erreichen. So sind sie allesamt etwas im Gehäuse versenkt. Es ist beispielsweise selbst etwas frickelig, den mitgelieferten Mini-HDMI-Adapter in den entsprechenden Anschluss zu buchsieren. Das Einstöpseln des Ethernet-Kabels geht leicht von der Hand, das Entfernen ist aufgrund der versenkten Buchse aber auch hier mit Fummelei verbunden. Immerhin: Sobald einmal alles eingerichtet ist, wird man ja kaum täglich mit den Anschlüssen hantieren müssen.

Einrichtung

Beim ersten Auspacken waren wir etwas erstaunt: Im Inneren des Kartons befindet sich keine Fernbedienung. Stattdessen benötigt der Anwender entweder ein Smartphone [5] oder ein Tablet mit Android-Betriebssystem in der Version 2.3 oder höher. Auch wenn Google die potenzielle Zielgruppe damit einschränkt, spricht ja nichts dagegen, dass der Hersteller in der Zukunft eine App für iOS oder Windows Phone veröffentlicht.

Außerdem etwas verwunderlich ist, dass der Nexus Q zwar über einen Micro-HDMI-Ausgang, aber nicht über ein User-Interface in OSD-Form verfügt. Zwar zeigt der Media-Streamer Videos, Song-Titel, Cover und verspulte Musik-Visualisierungen an, eine Menü-Navigation oder ähnliches bekommt man auf dem Fernseher jedoch nie zu sehen. Die Steuerung läuft komplett über das Display des Android-Geräts ab.

Der erste Versuch, den Nexus Q einzurichten, war mit mittleren bis größeren Schmerzen verbunden. Idealerweise reicht es aus, die Kugel einzustöpseln, die App herunterzuladen und den Anweisungen zu folgen. Allerdings hat sich das von Google mit dem Nexus Q mitgelieferte Samsung [6] Galaxy Nexus geweigert, die erforderliche Bluetooth-Verbindung mit dem Streamer herzustellen. Nach elend langem Trial und Error stand zwar die Verbindung, doch das Gerät weigerte sich, Musik oder Videos wiederzugeben. Wir haben schließlich einen Reset durchgeführt und das Gerät auf die Werkseinstellungen zurückgesetzt, und siehe da: Fünf Minuten später funktioniert alles. Ob für die anfänglichen Schwierigkeiten unsere Testumgebung oder die Kollegen, die das Nexus Q am Vortag mit einem anderen Smartphone gepaart hatten, verantwortlich waren, lässt sich im Nachhinein schwer sagen. Fest steht: Unter Umständen läuft hier alles noch nicht ganz reibungslos ab.

Ohne Smartphone oder Tablet geht nichts - im Lieferumfang mit dem Nexus Q ist keine Fernbedienung enthalten. [7]
Ohne Smartphone oder Tablet geht nichts – im Lieferumfang mit dem Nexus Q ist keine Fernbedienung enthalten.

Was der Nexus Q streamt

Für den Nexus Q kommen nur drei verschiedene Medienquellen in Frage: Google Play Music, Google Play TV & Movies und YouTube. Um einen der drei Services zu nutzen, öffnet der Anwender einfach die entsprechende der drei Apps auf seinem Android-Smartphone und drückt auf das Icon, das wie eine Play-Taste mit Schallwellen aussieht. Unterm Strich fühlt sich das ziemlich nach AirPlay an, funktioniert aber eben nur mit drei Apps. Ebenso wie der Google Q derzeit noch nicht in Deutschland erhältlich ist, stehen auch die Dienste Google Play Music und Google Play TV & Movies hierzulande nicht zur Verfügung. Unsere Kollegen von CNET.com hatten aber bereits die Gelegenheit, die Features in Übersee auszuprobieren.

Google Play Music passt am besten zum Nexus Q – schließlich ist in der kleinen Kugel ein Verstärker verbaut. Hier steht sämtliche Musik zur Verfügung, die der Anwender hochgeladen oder gekauft hat – und zwar erfreulich direkt und problemlos. Hier steht Googles Lösung denen von Sonos oder Apple in nichts an. Befinden sich mehrere Android-Geräte im Heimnetzwerk, kann jeder Nutzer zu einer einzigen universellen Playliste beitragen. Analog dazu ist es auch möglich, die Musik an mehrere Nexus Qs in einem Haus gleichzeitig zu streamen oder in unterschiedlichen Räumen verschiedene Inhalte wiederzugeben. Wie gut die zeitliche Synchronisierung bei mehreren Qs funktioniert, konnten wir mit nur einem Gerät leider nicht feststellen.

Google Play TV & Movies gewährt Zugang zu Googles Video-Inhalten. Hier kaufen Nutzer Serien und Filme oder leihen sich Filme aus. Die Auswahl ist in den USA derzeit ganz ordentlich, kommt aber noch nicht an das Angebot von Amazon oder iTunes heran. So fehlt bei Google beispielsweise der Blockbuster Avatar, und auch etliche Episoden von Mad Men sucht man hier vergeblich. Wenn die ganze Familie im Wohnzimmer sitzt und einen Film aussucht, wäre es außerdem schön, das am Fernseher tun zu können. Derzeit ist man aber leider auf das Smartphone- oder Tablet-Display beschränkt, um das sich dann zwangsläufigerweise alle scharen müssen.

Das Ansehen von YouTube-Videos auf dem Fernseher geht mit dem Nexus Q so flott und unkompliziert, wie wir es bislang noch nirgends gesehen haben. Die Android-YouTube-App leistet beim Suchen von Videos hervorragende Dienste, und die Videos starten ohne nennenswerte Zeitverzögerung auf der Glotze. Nachdem die Clips direkt von YouTube an den Nexus Q gestreamt werden und sich den Umweg über das Smartphone sparen, ist die Bildqualität ausgezeichnet. Wer regelmäßig Katzen- und Faceplant-Videos auf dem HD-Fernseher im Wohnzimmer genießen möchte, wird hier seine Freude haben.

Was der Nexus Q nicht streamt

Das war’s dann aber auch schon weitgehend mit dem Funktionsumfang. Wir waren jedenfalls ziemlich enttäuscht, als wir festgestellt haben, dass die 300-Dollar-Wunderkugel eigentlich kaum etwas kann. Neben den drei zuvor erwähnten Google-Services streamt der Nexus Q nämlich: nichts. Nada. Niente. Wer Videos, Fotos oder Musik auf einem DLNA-Server liegen hat, kann diese nicht anspielen. Musik, die auf dem Smartphone liegt, aber nicht in Google Play Music hochgeladen ist? Fehlanzeige. Und auch Third-Party-Streaming-Dienste à la Napster, Spotify und Amazon Instant sucht man hier noch vergeblich. Selbst innerhalb des Google-Universums gibt es Einschränkungen: So zeigt der Nexus Q keine Fotos von Picasa- oder Google+-Accounts an. Damit kann die 300 Dollar teure Medien-Sphäre unterm Strich weniger als Apples Konkurrenzprodukt, das gerade einmal ein Drittel kostet.

Und genau das ist auch der große Krähenfuß am Google Nexus Q. Eigentlich könnten wir den Testbericht an dieser Stelle beenden. Denn bis der Google-Media-Streamer in puncto Funktionsumfang einen kräftigen Sprung nach vorne macht, dürfte er wohl für kaum jemanden eine echte Alternative zu den günstigeren Konkurrenten darstellen.

Integrierter Verstärker

Der Nexus Q verfügt über einen integrierten Verstärker, dem Google „audiophile Qualitäten“ zuschreibt. Damit ist der Media Streamer in der Lage, Lautsprecher mit Musik zu befeuern, ohne, dass ein separater AV-Receiver oder Verstärker erforderlich wäre. Das Prinzip erinnert ein wenig an Sonos‘ Connect:Amp, der mit 450 Euro etwas teurer, dafür aber auch deutlich flexibler aufgestellt ist.

Wir haben den Nexus Q im Test mit einem Paar Regallautsprechern vom Typ Sony [8] SS-B1000 in einem mittelgroßen Zimmer ausprobiert. Der Verstärker klingt gut und liefert auch bei voller Lautstärke verzerrungsfreie Musik. Bei voller Power macht die Google-Kugel zwar ordentlich Krach, bricht aber leider auch keine Rekorde. Heißt: Man kann sich bei Maximal-Lautstärke noch einigermaßen normal unterhalten, ohne sich anzubrüllen. Für eine wilde Hausparty reicht die Kraft nicht aus. Ersetzen wir die Sony-Lautsprecher durch Standlautsprecher vom Typ Aperion Intimus, ist der klang merklich besser und lauter. Es kommt also auch darauf an, wie effektiv die Lautsprecher arbeiten.

Die Lautstärke lässt sich durch Drehen der oberen Kugelhälfte anpassen. [9]
Die Lautstärke lässt sich durch Drehen der oberen Kugelhälfte anpassen.

Einen ausgewachsenen AV-Receiver kann der Nexus Q damit allerdings nicht ersetzen. Das Gerät verfügt nämlich über keinerlei Eingänge. Und wenn man nicht gerade plant, ausschließlich Googles Services im Wohnzimmer zu nutzen, benötigt man eben noch einen separaten Verstärker, um TV-Receiver, Spielekonsole etc. zu versorgen.

Fazit

Für die allermeisten Endverbraucher ist der Google Nexus Q kein besonders attraktives Produkt. Dafür ist er einfach zu teuer und kann viel zu wenig – daran kann auch das geniale Design nicht mehr rütteln. Allein die Tatsache, dass er ein Android-Smartphone als Fernbedienung benötigt, schränkt die Nutzbarkeit des Geräts im Heimkino deutlich ein. Was, wenn das Familienmitglied mit dem Android-Handy gerade nicht zu Hause ist?

Unterm Strich bleibt zu sagen: Der Nexus Q hat definitiv Potenzial. Das gleiche gilt allerdings auch für ein weiteres Produkt – Google TV. Damit hat der Suchmaschinenriese jetzt zwei „Lösungen“ fürs Heimkino im Programm, die beide nicht richtig in die Puschen kommen, und darüber hinaus nicht einmal zusammenarbeiten. Von den beiden Projekten sieht der Nexus Q derzeit vielversprechender aus. Was aber nicht bedeutet, dass der Weg zur tatsächlichen Konkurrenzfähigkeit nicht noch sehr lang und steinig wäre.

Artikel von CNET.de: https://www.cnet.de

URL zum Artikel: https://www.cnet.de/41564693/google-nexus-q-im-test-futuristischer-media-streamer-mit-potenzial-aber-nicht-viel-mehr/

URLs in this post:

[1] Google: http://www.cnet.de/unternehmen/google-inc/

[2] Apple: http://www.cnet.de/unternehmen/apple/

[3] Android: http://www.cnet.de/themen/android/

[4] Image: https://www.cnet.de/i/story_media/41564693/googlenexusq_35339164_05.jpg

[5] Smartphone: http://www.cnet.de/themen/smartphone/

[6] Samsung: http://www.cnet.de/unternehmen/samsung/

[7] Image: https://www.cnet.de/i/story_media/41564693/googlenexusq_35339164_08.jpg

[8] Sony: http://www.cnet.de/unternehmen/sony/

[9] Image: https://www.cnet.de/i/story_media/41564693/googlenexusq_35339164_04.jpg